Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 51 (22.12.1933)
- Date
- 1933-12-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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EHE WAHRHEIT Seile 3 Verblüffend billige Preise Sign*. Oppenhelm II., PRATERSTRASSE 30 eine Kundgebung verlesen, die zur Rede des Studienrates Krause vor dem Berliner Gau der Deutschen Christen in Gegenwart des Reichsbischofs Stellung nimmt. Krause hatte das ganze Alte und Teile des Neuen Testaments für die deutsche Kirche abgelehnt, ohne daß der Reichsbischof dagegen etwas eingewandt hatte. In der Erklärung der 3000 Pfarrer heißt es: „Wir Prediger des Evangeliums wollen nicht den Vorwurf der Propheten auf uns ziehen, stumme Hunde zu sein, sondern sind es unserer Gemeinde und unserem Volke schuldig, der Verfälschung der Wahrheit entgegenzutreten. Wir bekennen uns darum nachdrücklich zur Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments." Die Berliner Pastoren gaben folgende Erklärung heraus: „Die Kirche Jesu Christi ist nicht aut das Blut gegründet, sondern auf den Heiligen Oeist Christen fremden Blutes können daher nicht ausgeschlossen werden." Die Schweizer Protestanten protestieren. In der letzten Sitzung der Kirchensynode des Züricher Kantons fragte Prof. Dr. Ludwig Köhler, ob die Synode ein Wort an das Volk gegen den Judenhaß richten wolle, da nun auch in der Schweiz Aktionen gegen Juden versucht werden. In seiner Antwort sagte Kirchenratspräsident Hauri, man könne eine Diffamierung der Juden nicht gutheißen, insbesondere verstehe man nicht, daß sogar die evangelische Kirche Deutschlands einen Arierparagraphen eingeführt habe, anstatt sich auf den Boden des Evangeliums zu stellen und auf die Gefahr hin, den Weg des Martyriums zu beschreiten. Er werde den Schweizer evangelischen Kirchenrat zu einer Kundgebung gegen den Judenhaß auffordern. Der große schweizerische Theologe Karl Barth protestiert in der „Neuen Zürcher Zeitung" gegen die protestantische Kirchenführung in Deutschland, die Luther fälschlich als Anhänger des Arierparagraphen hinstellt Luthers Kirche in Deutschland verleugnet heute das Evangelium, indem sie Jesus und Arierparagraph verquickt. Martin Luther über die Juden. „Es sind aber die Juden des Geblütes halber die Edelsten auf Erden, und so man eine edle Geburt malen wollte, so müßte man die Juden nehmen." „Wir haben das Volk der Juden lieb, es hat iürtreffliche Männer gehabt" (Tischreden.) In seiner Schrift „Daß Jesus Christus eyn geborener Jude sey" (Wittenberg 1523) schreibt er: „Unsere Narren ... die groben Esels... haben bisher also mit den Juden verfahren, daß, wer ein guter Christ gewesen, hätte wohl mögen ein Jude werden. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre, und hätte solche Tölpel und Knebel den Christenglauben regieren und lehren gesehen, so wäre ich eher eine Sau geworden als ein Christ Denn sie haben mit den Juden gehandelt, als wären es Hunde und nicht Menschen... Darum wäre meine Bitt und mein Rat daß man säuberlich mit ihnen umgehe und aus der Schrift sie unterrichtet Will man ihnen helfen, so muß man christlicher Liebe Gesetz an ihnen üben, sie freundlich annehmen, mit lassen werben und arbeiten, damit sie Ursache und Raum gewinnen, bei uns und um uns zu sein." Alle müssen helfen! In einem Interview, das der Hochkommissar für die deutschen Flüchtlinge, James G. Mac Donald, dem Leiter des Oekumenischen Presse- und Nachrichtendienstes in Genf gegeben hat, appelliert der Hochkommissar an die Angehörigen aller Konfessionen, den jüdischen Flüchtlingen zu Hilfe zu kommen. Auf die Frage, wie er mit der bisher von privaten Organisationen den Flüchtlingen gewährten Hilfe zufrieden sei, antwortete MacDonald: „Ein Hochkommissar darf niemals zufrieden sein! Wie Oliver Twist muß er immer um mehr bitten. Wie Sie wissen, ist bis jetzt die umfassendste private Hilfe von jüdischen Organisationen geleistet worden. Das ist insofern natürlich, als 51.000 von den 60.000 Flüchtlingen, die schätzungsweise Deutschland verlassen haben, Juden sind. Jedoch besteht da anderseits die Gefahr, daß gerade wegen der großen Bemühungen des Judentums in der ganzen Welt andere Kreise versucht sein könnten, ihre eigene Mitverantwortung auf ein Mindestmaß her abzudrücken." „Aus diesem Grunde", fuhr der Hochkommissar fort, „bin ich besonders dankbar, daß ich durch Ihren Pressedienst einen dringenden Aufruf an die Mitglieder der christlichen Kirchen und Organisationen nah und fern richten kann. Ich bitte, daß Sie in großzügiger Weise all den Aufrufen um Geldgaben zur Linderung dringendster Not unmittelbar Folge leisten möchten und ferner, was noch wichtiger ist, bitte ich um die ständige Unterstützung all der Stellen und Organisationen, deren Aufgabe es für lange Zeit sein wird, durchgreifende Lösungen zur Verbesserung des tragischen Schicksals der Flüchtlinge zu finden." Auf die Frage, in welchem Zusammenhang die Arbeit der privaten Organisationen mit der Tätigkeit des Hochkommissars stehen würde, antwortete MacDonald: „Die Einzelheiten müssen noch ausgearbeitet werden, aber grundsätzlich ist bereits entschieden, daß neben der Körperschaft der Regierungsvertreter ein Beratendes Gremium von Vertretern privater, jüdischer und nichtjüdischer, Organisationen gebildet werden soll. Die privaten Organisationen werden für die Aufbringung von Mitteln, sowie für die Verwaltung des Hilfswerkes verantwortlich sein. Der Hochkommissar wird bei der Aktion zur Aufbringung der Mittel mitarbeiten, wird diese jedoch nicht unmittelbar verwalten. Das Beratende Gremium soll die Arbeit der privaten Organisationen zusammenfassen und damit Doppelarbeit und Vergeudung von Mitteln vermeiden. Die Hauptarbeit des Hochkommissars wird neben der vor allem wichtigen Zusammenfassung darin bestehen, mit den Regierungen und anderen offiziellen Körperschaften zu verhandeln über Erleichterungen beim Wechsel des Wohnsitzes (Pässe, Aufenthaltsgenehmigung u. ä.), sowie über Möglichkeiten der Niederlassung und Ansiedlung in kleinerem oder größerem Ausmaß. Sie können daraus ersehen, daß viel zu tun ist und keine Zeit verloren werden darf." Der Oekumenische Presse- und Nachrichtendienst fügt der Wiedergabe des Interviews noch folgende Anmerkung hinzu: Nach unseren Informationen haben sich Kirchen und christliche Körperschaften in verschiedenen Ländern bereits an der bisherigen Hilfsaktion beteiligt. Im Einvernehmen mit dem Hochkommissar werden die Kirchen innerhalb von Großbritannien sowie der Oekumenische Rat für Praktisches Christentum an seine Mitglieder in Europa einen Aufruf zur Veranstaltung von Kirchenkollekten erlassen, um mittellosen Flüchtlingen zu helfen und dabei besonders der drängenden Not von Christen jüdischer Abstammung zu begegnen. Die Kirchen werden sowohl in dem Beratenden Gremium wie auch in dem ständigen Büro des Hochkommissars vertreten sein. Ein unruhiges Land. „Zionistische Braunhemden." Bei dem Zusammenstoß in Tel Aviv zwischen hauptsächlich revisionistischen Demonstranten und Polizei erlitt der jüdische Polizeinspektor Goffer Kopf- und Unterleibsverletzungen und einen Bruch des Schulterblattes. Erheblich verletzt wurden der jüdische Polizeisergeant Wortmann und die jüdischen Polizisten Lutker, Grieber und Sharmeister. Auch vier britische Polizisten und sieben Zivilisten wurden verletzt Der Magistrat von Tel Aviv erließ eine Proklamation, in der die von unbekannten Personen ausgehenden Unruhen beklagt werden und ferner erklärt wird, die Polizei habe ihre Pflicht getan, als sie eine unerlaubte Kundgebung zerstreute. Bürgermeister Mayer Dizengoff übergab der JTA eine Erklärung, in der er die Zwischenfälle mit der unter der Bevölkerung wegen der ungewöhnlichen und einer zivilisierten Gesellschaft unwürdigen „Touristenjagd" herrschenden Erregung begründete und dann fortfuhr: „Ich will keineswegs illegale Einwanderung rechtfertigen, ebensowenig rechtfertige ich öffentliche Demonstrationen gegen die Polizei, für die in einer zivilisierten Gesellschaft ebenfalls kein Platz ist. Die Schuldigen werden gebührend bestraft werden. Ich hoffe dabei, daß die Polizei einsehen wird, daß die Beschäftigung von Denunzianten Demoralisierung in eine ruhige Stadt hineinbringen muß. Anlaß zu einer Panik geben auch die unerwünschten und anormalen Zwischenfälle nicht" Der Stadtrat von Tel Aviv hielt am Tag nach den Unruhen eine außerordentliche Sitzung ab, die ganz den Vorgängen gewidmet war und sehr stürmisch verlief. Die Vertreter der linken Richtung des Zionismus richteten sehr scharfe Angriffe gegen die Rechte, die nicht jene radikalen Elemente im Zaum halte, die die blutigen Zusammenstöße mit der Polizei provoziert haben. Bürgermeister Dr. Mayer D i z e n g o f f verurteilte die Schuldigen an den Zwischenfällen und deutete an, daß eine Abschwächung des Systems der Touristenverfolgungen und der Spitzelei vielleicht eintreten könnte; dies hätten maß- A ■a^ft» werden unseren bekannt guten Mllfkil RalMpravfant versuchen. Skrch's -ran ridschkonscrvoi 1 Dose s l.— INT. Wien II., Große Schiffgasse 10 Telephon A 48-1-91 gebende Persönlichkeiten in Jerusalem in Aussicht gestellt Dizengoff bezeichnete es als eine Schande, daS seitens gewisser Polizeiorgane sogar Kinder zu Spitzelarbeit gegen Lohn erzogen werden. Stadträtiii Rosa Cohen (Arbeiterpartei) griff heftig die Revisionisten und den Brith Trumpeldor an und nannte sie „zionistische Braunhemden". Dizengoff rief sie wegen dieses Ausdrucks zur Ordnung. Die revisionistischen Stadträte griffen die Linke heftig an und sagten, diese hätte die Verleumdung der Revisionisten zu ihrem System erhoben. Die Linke tadelte den Magistrat der in seiner Proklamation von unbekannten Unruhestiftern spricht obwohl doch die Schuldigen jedem bekannt seien. Es sei eine falsche Taktik, durch Deckung der wirklich Schuldigen die gesamte Einwohnerschaft zu stigmatisieren. Schließlich wurde von der Majorität der Rechten eine Resolution angenommen, in der der Polizei Anerkennung für ihr Verhalten in schwieriger Situation ausgedrückt und Gewalttaktik von Zivilpersonen verurteilt werden. Ein Antrag der Linken, der sich dagegen richtete, daß erneute „Touristen-Jagden" als Ursache der Erregung der Bevölkerung dargestellt werden, wurde abgelehnt Zu den Vorfällen in Tel Aviv hat der Leiter des politischen Amtes der Palästina-Exekutive Mosche Shertok der Jüdischen Telegraphen-Agentur folgende Erklärung übergeben: „Die Exekutive der Jewish Agency beklagt aufs tiefste die Vorfälle, die sich letzthin in Tel Aviv ereignet haben. Die durch die Maßnahmen gegen jüdische Touristen verursachte Mißstimmung rechtfertigt nicht Gewaltanwendung gegen Polizei, die in Ausübung ihres Dienstes handelt Doch hätte diese Mißstimmung nicht zu einem offenen Ausbruch geführt wenn nicht nach der revisionistischen Versammlung eine Demonstration verunstaltet worden wäre, die unvermeidlich zu einem Zusammenstoß mit der Polizei führen mußte. Dieser beschämende Vorfall war nur in der durch die Touristeniagd geschaffenen besonderen Atmosphäre möglich geworden und er steht im Gegensatz zu der Wertschätzung, die die jüdische Gemeinschaft der hohen Bedeutung der der Polizei übertragenen Punktionen entgegenbringt. Die Palästina-Polizei ist das Bollwerk der Sicherheit des Landes. Sie muß oft zur Erfüllung unpopulärer Pflichten herangezogen werden, wenn es gilt, die Respektierung von Gesetz und Ordnung zu erzwingen; jeder Versuch, an einzelnen Polizisten Rache zu üben, ist einer zivilisierten Gemeinschaft unwürdig und muß, wie die letzten Vorfälle, von allen verantwortlichen jüdischen Stellen aufs schärfste verurteilt werden." Der Inhalt dieser Erklärung wurde von Shertok und dem Vorsitzenden des Waad Leumi Ben Zwi dem Leiter der Palästina-Polizei Generalinspektor Spicer übermittelt Dem Untersuchungsrichter von Jaffa, Bodilty, wurden 17 junge Leute, zum größten Teil Mitglieder des revisionistischen Jugendbundes Brith Trumpeldor, vorgeführt, die sich wegen ihrer Teilnahme an den Demonstrationen in Tel Aviv zu verantworten haben. Die Beschuldigung lautete auf Teilnahme an einem gesetzwidrigen Umzug. Alle Beschuldigten wurden vorläufig gegen Kaution auf freiem Fuß belassen. Die Verhandlung wurde auf den 27. Dezember vertagt. Bis dahin wurde den Beschuldigten verboten, an politischen Versammlungen teilzunehmen. Es waren auch fünf von der Anklagebehörde geführte Zeugen vernommen worden, von denen einer, der Polizeiinspektor Schiff, aussagte, die Demonstranten hätten feindliche Ruf e gegen die Regierun? und gegen die Einschränkung der Einwanderung ausgestoßen. Sie hätten auch gerufen: „Wir wollen nicht auseinandergehen, wir wollen einen Monat Gefängnis wie Jamal Husseini!" * Die „Touristen-Jagd" gebt welter. Bei der letzten Razzia auf illegal nach Palästina eingewanderte Juden wurden vier Personen, die aus Wien als Touristen nach Palästina gekommen waren, und der Leipziger Max Vogel verhaftet und sollen wegen Ueberschreitung der ihnen gewährten Auienthaltsfrist deportiert werden. Bis dahin verbleiben sie im Gefängnis. Vogel, der 18 Monate i» Palästina weilte, istderersteJudeausDcutschland, der von Ausweisung betroffen wird. Von den übrigen Verhafteten sind Alfred Duckler und seine Gattin vor acht Monaten, Jakob Winter und Rudolf Fringer vor fünf Monaten nach Palästina gekommen. Alle Verhafteten hatten in Palästina Arbeit gefunden. In einer Mitteilung der Tourist Development Association of Palestine (Gesellschaft zur Förderung des Fremdenverkehrs in Palästina) an die Jüdische Telegraphen-Agentur wird die Befürchtung ausgesprochen, daß die neuen Beschränkungen gegen Reisende in Palästina den Touristenverkehr abschrecken könnten: die Association, die sich aus Vertretern führender Touristen- und Schiffsagenturen wie Cook. American Express. Cox & Kings und mehrerer amerikanischer Konzerne zusammensetzt, macht die Interessenten darauf aufmerksam, daß jene Touristen, die durch Vermittlung der erwähnten Gesellschaften nach Palästina kommen, nichts zu befürchten haben, da diese Gesellschaften die Verantwortung gegenüber den Behörden tragen; hingegen werden isoliert reisende Touristen mannigfachen Schwierigkeiten begegnen; insbesondere wird es ihnen schwer fallen, bei den auswärtigen englischen . Konsulaten Visa für Palästina zu erhalten. Die Associa-