Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 50 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Juden im €kif. Ein Bericht von Simon Bergh. IV. Das Leben im Pariser ExiL Alle die täglchen. alle behördlichen, alle sonstigen Sorgen der Emigration bilden das Gesprächsthema •berall dort, wo Flüchtlinge sich treffen. In den Hotels, im Restaurant, in den Caf£s. Man weiß fast genau im Voraus, wie sich alle Gespräche entwickeln. Es gibt eine Reihe von stereotypen, ewig gleichlautenden Fragen, über die die Flüchtlinge, wo immer sie auch einander begegnen, und sobald sie einander als solche erkannt haben, zunächst ins Reine kommen müssen. Sie scheinen einem inneren Zwäng oder einer Mhwp Gewalt zu gehorchen. Der mechanischen Heraagung rel'giöser Gebetsformeln ähnelt beinahe die Art, in der sich folgende Fragen mit Sicherheit von dem betreffenden Frager loslösen: „Nun, wie lange sind Sie schon hier?" .Aus welcher Stadt kommen Sie?" „Ist es dort schlimm zugegangen?" Wenn einer verhaftet gewesen war: „Wie erging es Ihnen im Gefängnis?" (Bzw. Konzentrationslager.) „Haben Sie schon was in Aussicht?" (Bzw. Arbeit) Ist auf diese Fragen eine mehr oder minder erschöpfende Auskunft gegeben worden — und sie wird Immer segeben, weil man ja vom anderen genau dasselbe wissen möchte —. dann hat das merkwürdige Frage- und Antwortspiel sein Ende gefunden, die Partetr haben eine unaufschiebbare Arbeit erledigt, sind von irgend etwas befreit und können sich nun neuen Themen zuwenden: der Krise, der Presse oder der Politik. Und jeder der beiden Partner empfindet vermutlich — so ist der Mensch' nun mal — eine leise Genugtuung darüber, daß es dem anderen nicht besser gehe als ihm selber. Soziologisches kann man beobachten wie nie und nirgends zuvor. So scheidet sich der Intellektuelle vom Kaufmann, inteHektuellenvereinigungen spielen überhaupt eine beträchtliche Rolle. Es gibt ein eigens für freie Berufe eingerichtetes Komitee, das eine Annäherung zwischen den einheimischen und deutschen Intellektuellen herbeizuführen sucht Der Begriff des Intellektualismus, den der Gebildete in Deutschland letztens nur noch mit einer unzweideutigen Scheu gebrauchte, weil er dort nicht mehr ganz von hornbebrillter Bösartigkeit und verkrampfter sowie krampfhafter Geistigkeit zu unterscheiden war, ist hier allerdings anders zu werten und dient in dem genannten Zusammenbang lediglich als begriffliche Basis für die Zusammenfassung der freien Berufe. Ihnen widmet sich beispielsweise der Cercle Heinrich Heine — sprich Anrl Aehn —, ihnen gewährt man gepflegtere leibliche und sublimere geistige Kost als den übrigen. Die Emigrat'on spielt sich hier sehr diskret ab. sehr leise, es ist eine Emigration auf Perserteppichen und hinter gepolsterten Türen, Wer dringt kaum etwas von dem lauten Wirrwarr der Zwischendeckemigranten herein. Zum Ausgleich gibt es — damit erlebt man das andere Extrem — weitaus meistens Massenausspeisungen in wenig reinlichen Lokalen, wo man sich seinen Efinapf nach halbstündigem Schlangestehen selbst holen muß, um Suppe, Fleisch und Gemüse möglichst schnell hinunterzuschlingen, da bereits eine neue Schlange sich längst geformt hat und darauf wartet gefüttert zu werden. Lokal und Nachbarschaft kurz, das ganze Milieu, ist wenig appetitanregend, und darum fällt es auch nicht auf, daß die Portionen zu klein sind, um normalerweise sättigen zu können. In der Hauptsache aber findet man sich in guten bürgerlichen Restaurants, deren Wirte meist Ostjuden sind und eine verhältnismäß'g anständige Küche führen. Hier finden sich Familien mit ihren Kindern ein, oft sind auch Säuglinge darunter, hierher kommen Studenten m't roten Polohemden, kleine Kaufleute. Vertreter, die sich ihre neuesten Erlebnisse erzählen. Landwirte, Handwerker, Arbeiter. Referendare. Journalisten und manchmal auch Komiteeangestellte, seitwärts angeschielt etwas beneidet und betont kameradschaftlich begrüßt. Lehrer und Friseure. Bonbonfabrikanten und Rechtsanwälte tauschen hier ihre E'ndrücke gegenseitig aus. machen Rast und Bekanntschaft Diese Stunde des Mittagessens ist vielleicht die persönlichste und die versöhnlichste. Abends finden sich d:e Hotelgemeinschaften zusammen. Die Zimmer sind stupid und unoersönlxh bis zum letzten Garderobehaken. Ein Bett ein sogenannter Schrank, ein Tischfragment das sind etwa die wesentlichen Einrichtungsgegenstände eines solchen drittrangigen Schlafraumes. Da kann man denn n:cht lange allein darinbleiben. So bilden sich die Hotelgemeinschaften, de in des einen oder anderen Zimmer zusammenkommen. Man macht Konversation, man diskutiert ernsthaft gelegentlich tun sich ein paar Stimmen zusammen und verüben einen mehr oder nrnder angenehmen Gesang oder man treibt es schließlich mit Expander und Hanteln, solcherart auf Soortersatz spekulierend. Ihre Witze sind von Galgenhumor durchtränkt ihr Lachen ist nicht befreiend, ihre Lustigkeit ist nicht ansteckend. Sie können sich — verständlichermaßen — nicht von sich selbst genügend distanzieren, um auch aar für Momente ihre Situation zu vergessen und sich von' ihr frei zu machen. Alles ist schwer, iedes Wort, selbst das scheinbar lustige, trägt Bleigewichte. Viele werden krank, ..Emigrantenkrankheiten" meint der Komiteearzt der viel weniger amtlich aussieht lind tut als sein Titel kl'ngt Er ist ein liebenswürdiger Junger Mediziner, der hinter einem Holzverschlag seine Pattenten empfängt und, da er ja selbst n:cht in Franklöcn praktizieren darf, an seine französischen Kollegen weiterempfiehlt Er ist also in diesem Falle kein praktischer Arzt sondern gewissermaßen ein theoretischer. Die einzige Medizin,.die er verschreibt, sind humorvolle Aufmunterungen. Emigrantenkrankheiten, das sind in - vielen Fällen Erkältungen, hervorgerufen durch die klimatischen Veränderungen. Oft sind es auch Zahnschmerzen, woran das Wasser schuld sein mag. Klimaausschläge kommen gelegentlich auch vor. und vielfach rebelliert der deutsche Magen gegen die französische Speisekarte. Mir persönlich fiel besonders die verhältnismäßig große Zahl von Leistenbrüchen auf. die sich die hiesigen Emigranten zuzogen, jedoch blieben mir die geographischen oder gastronomischen Gründe hierfür einigermaßen rätselhaft. In chirurgischen Fällen kommt der Flüchtling in eine der vielen Polikliniken von Paris, die nicht mehr und nicht weniger darstellen als grandiose menschliche Reparaturwerkstätten. Bezeichnend vielleicht nur darum, weil es eine dar unvorhergesehensten Situationen ist, in die der Flüchtling geraten kann. Hier existiert der Mensch nur noch als Materie mitunter auch nur als Material. Man wird empfangen, angesehen, entlassen, oder ins Bett geschickt Serienweise werden ausgekugelte Gelenke wieder eingekugelt gebrochene Glieder geschient, Furunkel aufgeschnitten. Rümpfe massiert, Köpfe bandagiert Körper operiert und ohotographiert Selbst so ein individueller Gott wie Aeskulap hat sich dem laufenden Band des 20. Jahrhunderts nicht entziehen können. Hier begegnet man ramponierten Flucht- und Leidgenossen, die ziemlich fassungslos auf dieses anatomische Durcheinander starren und bcklumnic» darauf warten, was denn1 nun mit ihnen passieren soiL Sie kleben als fremdartige Kreaturen auf ihren Bänken und können nicht einmal angeben, was ihnen fehlt, denn selbst wenn sie schon ein wenig französisch radebrechen, so sind sie doch noch keineswegs auf medizinische SpeziaJerkläruiigen dngericlitet. Es dauert oft lange genug, bis sie den Heilgehilfen oder Krankenschwestern durch Zeichen und Umschreibungen klar gemacht haben, ob ihnen der Blinddarm weh tut. oder 6b sie sich den Magen auspumpen lassen möchten. Die meisten Emigranten richten sich darauf ein, dauernd in Paris zu bleiben und treffen, soweit das möglich ist ihre Dispositionen danach. Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Vorläufig kommt es darauf an, die gröbsten äußerlichen Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Nicht viele sind es z. B„ die bis jetzt eine carte d'identite erreicht haben, ganz abgesehen davon, daß es kaum möglich ist, die Arbeitskarte zu erhalten. Diese Formalitäten sind noch längst nicht gelöst Die Flüchlmge, zum großen Teil ohne Einreisevisum, ja, sogar ohne irgend ein Papier herübergekommen, bemühen sich um die Aufenthaltserlaubnis in Frankreich, die ja im allgemeinen ohne weiteres erteilt wird, aber sozusagen nur in Raten. Anstatt der carte d'identite. die das Aufentbaltsrecht gibt, erhält man ein Receoisse. das zum Zwecke des 'Auienüiäites von Monat zu Monat verlängert wird. Neuerdings ist viel die Rede vom Reisebüro, einer neuißeschaffenen Komiteeabteilung, die den Flüchtlingen d:e Möglichkeit zur Weiterreise gibt Das Reisebüro besteht aus einem Tisch und einem dahintersitzenden bebrillten Mann, der sich bemüht die gegebenen Reisemöglichkeiten in andere Länder den Flüchtlingen auseinanderzusetzen. Irgend ein witziger Bold hat auf die Rückfront des Tisches gekritzelt: Cooks Travelling Service. Auf Befragen teilt der Herr mit der Brille mit: „Momentan sind wir in der Lage, die Flüchtlinge M-Ch.-?ia^ihenr-weiterzuschicken- Es ergeben sich gute Möglichkeiten für Handwerker. Arbeiter und Techniker, und vor allem in der Landwirtschaft Im übrigen schicken wir jeden dahin, wo er eine Arbeitsmöglichkeit nat sofern er die Unterlagen dafür beibringen kann'' Sind schon viele Flüchtlinge auf diese Weise abgefaoren t „Noch ist diese Abteilung im Werden, aber schon jetzt fahren taglich mehrere fort. Nach Südfrankreich, flgglenlsffles Köniöslicni Seit vielen Jahren das anerkannt beste Man achte auf die gas. gesell. Marke »Hyglcn. Kölligslicht" und Name Schub Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhlrschengaisse S Telephon R 33-1-87 GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHL uramancMBaKSiaMUMMaaBBaaMa WIEN IX., BEROGASSE NR. 19 FSUALEi XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 07 Telephon Nr. A 17-349 and A 18-3-34 Lieferant fUr Hallanstalten AbteiiungetiffirKoscherfieisch Hüter Aufsicht des ehrw. Rabbinatea der Isr. Kultusgemeinda Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlieh Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen nach Spanien, nach Polen, nach Holland, nach Palästina." Doch im Grunde reißt man sich nicht gerade darum, aus Paris fortzukommen. Soweit sich übersehen läßt ist der Prozentsatz der weiteibeförderten Emigranten gering. (Fortsetzung folgt.) I Emile Meyerson J In Paris verstarb am 3. Dezember der hervorragende jüdische Gelehrte und Philanthrop Emile Meyerson im 75. Lebensjahre. Sein Name ist mit dem großen philanthropischen und Aufbauwerk der JCA in Rußland und mit der JCA in Palästina eng verbunden. Als Philosoph wie als Organisator genoß er einen über seine polnische Heimat und seine französische Wahlheimat hinausgehenden Ruf. Emile (Asriel) Meyerson wurde 1859 in Lublin, Polen, geboren und kam 1882 nach Paris, wo er zuerst als Industrie-Chemiker, von 1888 ab als Redakteur an der Agence Havas tätig war. Seit 1898 war er in der Zentrale der Jewish Colonisation Association (JCA) tätig, deren Direktor er von 1900 bis 1923 war, bis er infolge schwerer Erkrankung in den Ruhestand trat, "Er schuf das große philanthropische Werk der JCA im russischen Reiche, das ein weites Feld landwirtschaftlicher Arbeit, gewerblichen Unterrichts und industrieller Arbeit überhaupt, Genossenschaftskassen usw. umspannte. Zugleich übernahm er die Leitung der vom Baron Edmund von Rothschild in Palästina gegründeten Kolonien, für die er sich (schon seit 1892 in nicht offizieller Eigenschaft tätig) interessiert hatte und die 1900 der Verwaltung der JCA unterstellt wurden. Das Werk Rothschilds wurde unter Meyerson mehr und mehr der ökonomischen Wirklichkeit angepaßt, ausgedehnte Terrains wurden erworben, die vorhandenen Kulturen verbessert neue Technik eingeführt usw. In seiner Eigenschaft als Leiter der JCA-Werke in Rußland organisierte Meyerson unter Mithilfe des späteren Reichsdumaabgeordneten L. Bramson, einer bedeutenden Anzahl kompetenter Mitarbeiter und mehr als 1000 Korrespondenten die große Enquete dieser Gesellschaft, die von 1898 bis 1903 dauerte und deren Ergebnisse in dem „Sbornik-Materialof" (1904 in St Petersburg in zwei Bänden, französ. 1906 bis 1908 unter dem Titel „Recuei: de materiaux sur la Situation economique des Israelites de Russie") niedergelegt wurden; es ist das Standardwerk über die Lage der jüdischen Bevölkerung in Rußland. — Neben dieser seiner beruflichen Tätigkeit lief bei Meyerson stetig eine theoretische, zuerst auf dem Gebiete der Geschichte der Chemie, dann seit 1888 von seinem Forschungsgebiete aus in der „Philosophie des Sciences". Rosa Mayreder. Zum 75. Geburtstag. Das 19. Jahrhundert ist das Zeitalter der „Emanzipation". Rosa Mayreder ist eine Vorkämpferin und Führerin der großen freiheitlichen Bewegung, mit der sich die Frauen Raum in Staat und Gemeinschaft erkämpften. Ihr Buch „Zur Kritik der Weiblichkeit" wirkte weithin. Jedoch, wie in ihrer Person, so ist in ihren Schriften Freiheit und Bindung ausgeglichen; über den bewegenden hat sie die bewahrenden Mächte niemals vergessen. Sie weiß, daß die aufgewühlten Kräfte der Geschichte letztlich immer wieder in die Lage des Gleichgewichts zurück wollen. Eine ihrer wichtigsten Schriften schildert den „Typischen Verlauf sozialer Bewegungen". Auf Gleichgewicht zielt letztlich ihre Lebenslehre, die sie in Schriften wie „Ideen der Liebe", „Askese und Erotik" niedergelegt hat Sie verneint die große äußere Entwicklung nicht, aber sie stellt ihr die Forderung nach innerer Entwicklung zur Seite und entgegen. Aber jenes Gleichgewicht soll nicht auf bequeme Weise gewonnen werden. Immer wieder bejaht sie das Leid: die Seele „bleibt auf Gleichgewichtsstörung . . . angewiesen, um ihre Schwungkraft zu entfalten." „Vom Leben als Leiden" handelt das letzte Kapitel ihres vorerst letzten bedeutenden philosophischen Buches „Der letzte Gott". Es mündet in die hohe Lehre von der ..Urpflicht": „Sieb nicht begnügen mit dem was ist. Sich nicht in die Welt finden, wie sie nun einmal beschaffen ist! Wer sich zufrieden gibt, verliert seinen Anteil am Werden" Auch hier wieder ist deutlich, wie der bindende Begriff der Urpflicht und der bewegende, der — sozusagen' — Ur- Ungenügsamkeit zusammenklingen. Als eine reiche Persönlichkeit voll strömender Kräfte verehren wir Rosa Mayreder. Sie gab — unter anderem — vor Jahrzehnten einen Band Sonette voll gedanklicher Tiefe .Zwischen Himmel und Erde", eigenwii-