Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 50 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Die Goebbels-Mark rollt. . . Die Parole. Im Sitzungssaal des Preußischen Landtags hielten Delegierte der nationalsozialistischen Partei, der Auslandsdeutschengruppen, des Reichspropagandaministeriums und der verschiedenen Reichs- und Länderregierungen eine Beratung ab, in der ein Programm nationalsozialistischer Propaganda unter den Ausländsdeutschen erörtert wurde. Man kam zu folgender Uebereinstimmung: Jeder außerhalb der deutschen Grenzen wohnende Deutsche arischen Blutes hat die Pflicht, für das nationalsozialistische Ideal zu wirken, und die nationalsozialistische deutsche Regierung propagandistisch zu stützen. Amerika. : In New York, wo anläßlich der 250. Wiederkehr Ües Tages der ersten Landung von Deutschen in Amerika ein „D e u t s c h e r T a g" abgehalten wurde, kam es während der Ansprache des deutschen Botschafters Dr. Hans Luther zu Störungen, indem mehrere Redner in Rufe „Nieder mit Hitle r!" ausbrachen, während gleichzeitig von den Emporen aus Flugzettel „Gegen die nationalsozialistische Barbarei" in Massen in den Saal geworfen wurden. Obwohl die Polizei mehrere der Rufer aus dem Saal entfernte, setzten sich die Störungen während der ganzen Rede Luthers fort Die fortschrittlich gesinnten deutschen Gruppen haben ebensowenig wie die jüdischdeutschen Gruppen an der Feier teilgenommen, nachdem Botschafter Dr. Luther erklärt hat, er werde nur unter der Hakenkreuzfahne sprechen. * Jugoslawien. Großrabbiner Senator Dr. A1 c a 1 a y, der nach der bekannten Rede des Innenministers L a z i c über die Gewährung des Asylrechts an deutsch-jüdische Emigranten im Senat das Wort ergriff, um der Regierung und dem Jugoslawischen Volke zu danken, führte dann noch aus: Seitdem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht an sich gerissen haben, haben sie, um ihre Stellung im Lande zu festigen, eine Propaganda im größten Ausmaße gegen die Juden der ganzen Welt entfaltet. Sie senden ihre Emissäre in alle Länder der Alten und der Neuen Welt, um den Hitlerismus und den Haß gegen die Juden zu predigen. Dieser Sturmflut konnte an den Grenzen Jugoslawiens nicht Einhalt geboten werden. Tagtäglich sendet der Rundfunk aus Deutschland stam-« mende tendenziöse Reden gegen die Juden. Die Agenten von Dr. Göbbels in Jugoslawien halten Vorträge über das Dritte Reich und verteilen überall Hetzschriften, in denen in Wort und Karikatur die Juden in Jugoslawien beschimpft und als Schuldige an allem Unheil hingestellt werden. Durch die gegen die Emigranten gerichtete Interpellation des Abgeordneten Majstrowic'. die soiort im ganzen Staate verbreitet wurde, habe unter den breiten Massen der Eindruck entstehen müssen, daß diese Bewegung bei dem höchsten Forum im Staate Unterstützung findet. Dr. Alcalay erklärte, daß sich in Jugoslawien gegenwärtig etwa 200 Flüchtlinge aufhalten, davon HO in Zagreb und 91 in Belgrad. * Ostasien wird geschont Um Befürchtungen zu zerstreuen, die in der Presse Osiasiens im Zusammenhang mit der deutschen Rassengesetzgebung aufgetaucht sind, hat Innenminister Doktor Fr ick einem Vertreter von WTB eine Erklärung abgegeben, in der er die Rassengesetzgebung als einen Akt der Notwehr gegenüber der Ueberiremdung durch das Judentum bezeichnet Mit diesen Bestrebungen wolle die Reichsregierung in keiner Weise ein Werturteil über andere Rassen fällen; sie sei sich durchaus bewußt, daß viele vom deutschen Volk rassisch verschiedene Völker eine alte und hohe Kultur vertreten. Angehörige fremder Staaten könnten in Deutschland nach wie vor ihrem Erwerb nachsehen und ihrer Jugend stünden deutsche Bildungsanstalteti nach wie vor offen. Das Weltgewissen, England. Die Erzbischöfe von Canterbury. York und Wales sowie die Oberhäupter der Freien Kirchen von England und Wales haben eine Weihnachtsbotschaft an alle christlichen Frauen und Männer erlassen, in der es heißt: Wir appellieren zur Weihnachtszeit an alle Christen, jenen zu helfen, die aus Verfolgung in Deutschland hieher und in andere Länder fliehen mußten. Die Zahl der Flüchtlinge, der jüdischen, der politischen und der christlichen jüdischer Abstammung, beläuft sich auf nahezu 60.000. Weihnachten ist die Zeit des Friedens und des guten Willens. Die Not der Unterdrückten und Verlassenen muß gelindert werden. Wenn es möglich ist, soll in den Kirchen am Sonntag nach dem Weihnachtstag für die deutschen Flüchtlinge zur Zeit des regulären Gottesdienstes gesammelt werden. * Scfiweden. Ein Aufruf des schwedischen Hilfskomitees für die geflüchteten und vertriebenen deutschen Intellektuellen, die ja überwiegend Juden sind, trägt an erster Stelle die Unterschriften des Prinzen Eugen von Schweden, Bruders des schwedischen Königs, und des Prinzen Wilhelm von Schweden, zweiten Sohnes des Königs Gustav; ferner Namen wie Bischof Aulen, Bischof Aurolius, Generalfeldarzt Fritz Bauer, Bischof Bergquist, Bischof Billing, Domprobst Yngve Birilioth, Bischof Danell, Rektor der Universität Upsala Thore EngstTÖmer, Rektor der Hochschule Stockholm Svea Tunberg, Bischof Lönegreen, Bischof Rodhe, Landeshauptmann Oskau v. Sydow, Erzbischof Erling Eiden, Selma L a g e r 1 ö f, Rektor der Universität Lund Axel Moberg, schließlich Namen der bekanntesten schwedischen Schriftsteller, Gelehrten und Wirtschaftsführer. Schwedische Wissenschaftler haben sich bereit erklärt, freiwillig auf einen bestimmten Prozentsatz ihres jährlichen Einkommens zu verzichten, um mehreren ihrer Lehrstühle in Deutschland beraubten nichtarischen Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, in Schweden zu leben und ihre Studien fortzusetzen. Jedem dieser Wissenschaftler soll ein Einkommen von 3000 schwedischen Kronen jährlich gesichert werden. Das Serafim-Lazarett in Stockholm hat außerdem zwölf deutsche Medizinstudierende und Aerzte aufgenommen. * Polen. Christliche und jüdische Gelehrte, unter ihnen der Präsident des Senats Szimanski. die Professoren Hirschfeld, Veralep, Zweibaum und andere mehr, haben sich zu einem Komitee vereinigt, welches die Aufgabe hat, vertriebenen jüdischen Gelehrten aus Deutschland Feierlicher Chanuka-Gottesdienst mit grandiosem Programm. In der großen Synagoge, II., Leopoldsgasse 29, findet am Sonntag, den 17. Dezember 1933, um 148 Uhr abends, ein Chanuka-Festgottesdienst unter Mitwirkung des weltberühmten Chores der 30 jüdischen Sänger aus Deutschland „H a n i g u n" unter persönlicher Leitung des Dirigenten Herrn Winawer statt. Die kantorale Funktion versieht der Öberkantor der Synagoge Herr Emanuel Frankel mit verstärktem Chor, Dirigent Josef Millet. Karten: Täglich in der Vereinskanzlei, II., Leopoldsgasse 29, von 4—8 Uhr abends und in der Bücherstube Rath, IL, Taborstraße 20 a. die materielle Möglichkeit zur Fortsetzung ihrer Forschungsarbeit zu verschaffen. * 7 51 chechos lo wakei. Während der Budgetdebatte im Prager Senatsausschuß erging sich der deutsche christlichsoziale Senator Dr. H i 1 g e n r e i n e r in wüsten Beschimpfungen gegen die jüdischen Emigranten in der Tschechoslowakei. Der größte Teil der aus Deutschland geflüchteten Juden, sagte er, ist mit Verbrechen belastet und kann nicht zurück nach Deutschland, ohne bestraft zu werden. Die geflüchteten Juden machen hier schari gegen Deutschland. Mit Recht haben die Juden in Deutschland gesagt, daß sie mit diesen Elementen keine Gemeinschaft haben wollen, denn wer nicht Butter auf dem Kopf hat, findet seinen Erwerb dort. Die Ausführungen Hilgenreiners riefen scharfe Proteste auf der Seite, der deutschen Sozialdemokraten hervor, die dem Redner „Kriecherei vor dem Hakenkreuzfaschismus" vorwarfen. Am Schluß der Debatte verwies der Vertreter des Außenministeriums Minister Dr. K r o f t a. bezüglich der deutschen Emigranten auf die Erklärung Dr. B e n e 5, daß die Tschechoslowakei es als ihre Pflicht betrachte und stolz darauf sei, politischen Emigranten Asyl zu gewähren. Freilich könne die Regierung eine politische Betätigung der Emigranten nicht dulden, weil das Prinzip die Nichteinmischung in die Verhältnisse fremder Staaten sein müsse. Zu Hilgenheimers Ausführungen ist zu bemerken, daß bisher keine verantwortliche Gruppe der deutschen Judenheit eine Gemeinschaft mit den Emigranten abgelehnt hat; im Gegenteil, es haben alle deutsch-jüdischen Kreise bei wiederholten Gelegenheiten erklärt, sie hätten volles Verständnis und warme Sympathie für diejenigen Juden, die in die Fremde ziehen müssen, weil sie infolge der Maßnahmen der deutschen Regierung jede Existenzgrundlage in der Heimat verloren haben. Freilich sind sowohl Liberale wie auch Zionisten in Deutschland von gewissen Journalisten abgerückt, die schon im früheren Deutschland eine in kultureller Beziehung extrem-radikale Richtung eingenommen haben und diese jetzt noch als Emigranten pflegen. Interessant ist die Stellungnahme der „Prager Presse" zu den Ausfällen Hilgenreiners. Sie schreibt: „Der Professor der Theologie Dr. Hilgenreiner scheint wohl ganz vergessen zu haben, daß nach der Lehre seiner Kirche auch der Jude Jesus vor den Häschern des Herodes nach Aegypten fliehen und dort mit seinen Eltern das Asylrecht in Anspruch nehmen mußte. Von Jesus bis Theodor Lessing ist allerdings ein weiter Weg, auf dem, wie man sieht, auch Theologieprofessoren strauchel n." * Das Unrecht bleibt bestehen. Die Holländische Telegraphen-Agentur teilt mit, daß das Haager internationale Gericht es abgelehnt hat, Einsteins Klage gegen die deutsche Regierung, die ohne gesetzliche Grundlage sein Vermögen beschlagnahmt hat, in Behandlung zu ziehen, weil Einstein staatenlos ist und keine Regierung als seine Sachwalterin auftreten könne. _^__ Whmachen unsere gesch. Leser au! das Inserat der Elektro-Radlo-Material-Firma J. Hahn, DU Wasagasse 12. aufmerksam. Die Firma Hahn bat sieb bereit erklärt, S Prozent vom leweillgen Kauftetrae an das Hilfskomitee für deutsche Juden abzuführen. hervorragendster Wintersportplatz und Höhenluftkurort, das Sonnenparadies für Kinder, jede Art Wintersport, absolut schneesicher PENSION GESCHWISTER SCHEE», streng "irs Bekannt erstklassige Verpflegung, Wiener Küche. Mäßige Preise. - Telephon 18 — Mitglied des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser, Hamburg Chanukkalichter. Viel tausend Jahre seid ihr alt, Was habt ihr nicht schon alles gesehen! Ein Meer von Blut vorüberwallt, ües Schmerzes düst're Fahnen wehen. Doch euerm Anblick Kraft entquillt. Des Lebens Bürde still zu tragen. Als ob uns wundersam erfüllt Ein Hauch aus Makkabäertagen. Wie sie einst kämpfen wir ums Licht. Da uns Verleumdung, Haß umtoben, Bis daß das Joch der Schmach zerbricht. Von Lügengift durchsetzt, durchwoben. Zu Schanden sei ihr Ziel gemacht. Laß Gott der Frevler Hoffnung schwinden! Daß wir nach schwerer Leidensnacht Des Friedens heiliges Licht entzünden. B. Die deutsche Kinder-Hölle. Bei einem Tee im Londoner Hause von Fratt Anthony de Rothschild, bei dem über die Schaffung eines Fonds zur Rettung jüdischer Kinder in Deutschland beraten wurde, hielt der bekannte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig eine Ansprache, in der er das Martyrium des jüdischen Kindes in Deutschland schilderte und dafür eintrat daß man deutsch-jüdische Kinder nach Palästina oder in Heime bei gastfreien Völkern bringe. Als Beispiele aus der deutschen Kinder-Hölle gab er u. a. folgende Schilderungen: Ein kleines Mädchen will mit anderen Kindern spielen. Die gewohnten Gespielinnen aber meiden es und schleudern ihm das Wort „Jüdin" entgegen, dessen Bedeutung das Kind zwar noch nicht ganz begreifen kann; aber es bekommt das Gefühl, ein Paria zu sein. Ein kleiner Junge sieht seine Klassenkameraden in schönen braunen Uniformen. Er bittet seine Eltern, auch für ihn so eine Uniform anzuschaffen. Die Eltern versuchen, ihm begreiflich zu machen, daß er, gerade er, eine solche Uniform nicht tragen darf. Das Kind fühlt sich gedemütigt. Und dieses Gefühl der Demütigung tragen die jüdischen Kinder in Deutschland durch ihre ganze Jugend. In der Schule müssen die jüdischen Kinder auf gesonderten Bänken sitzen und Verhöhnungen seitens der arischen Mitschüler schweigend erdulden. Junge Mädchen wachsen heran und finden die Türen zu den Tanzstuben für sie verschlossen; an gemeinsamen Ausflügen dürfen sie nicht teilnehmen, sie dürfen auch nicht die öffentlichen Badegelegenheiten benutzen, sie müssen fühlen, daß sie einer inferioren Rasse angehören. Diese Kinder leiden nicht nur unsäglich, ihnen droht die Gefahr, daß ihre Seelen vergiftet und verkrüppelt werden, daß der Haß an ihren Wurzeln nagt. Vor diesem Schicksal müssen die jüdischen Kinder in Deutschland behütet werden, man muß sie in freundlichere Bezirke der Welt bringen. » Am 20. Dezember findet im Savoy-Hotel zu London ein Frühstück zugunsten der jüdischen Kinder in Deutschland statt, bei dem Lion Feuchtwanger eine Ansprache halten wird. Im Hause Frau Anthony de Rothschild wurden für den Kinderrettungsfonds 1200 Pfund aufgebracht Am vergangenen Sonntag haben die Kinder der Sabbath-Schulen und der Religionsschulen in QroB-New York eine Sammelaktion für die Rettung jüdischer Kinder in Deutschland eingeleitet. 5000 Kinder beteiligten sich an einer Vorführung, die das Wesen des jüdischen Wohltuns veranschaulichte. Das gesammelte. Geld wurde dem Fonds des American Joint Distribution Committee iür Hilfe an die deutschen* Juden einverleibt. Der Leiter der Sammelaktion des American Joint Distribution Committee zugunsten deutscher Juden, Rabbi Jonah B. Wise, kündigt eine spezielle Aktion für jüdische Kinder aus Deutschland an. In dem Aufruf wird darauf hingewiesen, daS eine sofortige Ausgabe von 1.200.000 Dollar für das Kinderhilfswerk notwendig sei, da sich die wirtschaftliche Notlage der Juden in Deutschland außerordentlich verschärft hat.