Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 50 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 wörtlich genommen werden darf, eine Analogie in unserem Inlandarbeiterschutzgesetz vorhanden. In Notzeit, bei Arbeits- und Erwerbslosigkeit müssen auch die anderen (die Juden) verstehen, wenn das christliche Volk für seine leiblichen Kinder gesorgt wissen will." Diese Zitate aus dem vorigen Jahre bieten wohl den besten Kommentar für die Czermaksche Schrift über „die Ordnung in der Judenfrage", wie für die jüngsten Auslassungen des Prof. P. Schmidt auf der katholischen Führertagung. Es handelt sich hier wie dort um einen nackten Stellenantisemitismus. Per Lebensraum ist zu klein geworden und da ist es doch so naheliegend, eine scheinbar wehrlose Minorität an die Wand zu drücken. Und damit auch jene Juden, die da meinen, daß die in der Bundesverfassung und im Friedens vertrage verbürgte Gleichberechtigung einen gesetzlichen Schutz gegen die Verkürzung ihrer Lebensrechte bilde, sich nicht einem Optimismus hingeben, lüftet das publizistische Organ der christlichsozialen Partei am 13. d. M. noch weiter die Maske, indem es sagt, daß „das Bestreben, einer sichtbaren Zurücksetzung des christlichen Elementes in einer ganzen Anzahl wichtigster Berufe ein Ende zu bereiten, in den Verfassungs- und Vertragsartikeln eine Rechtfertigung, ja, einen imperativen Auftrag zu erkennen vermöge". Jetzt kennen wir auch das Mittel, das nach Anschauung unserer Christlichsozialen die geeignete Handhabe zur Einführung des Numerus clausus auf den verschiedenen Betätigungsgebieten dienen soll. Das ist die von katholischer Seite propagierte Methode: an den Worten des Gesetzes wird nicht ein Buchstabe geändert, der Geist aber wird in sein Gegenteil verkehrt. Der Zweck heiligt die Mittel... Verblüffen«! billige Preise MÖBELFABRIK Sigmund Oppenhelm II., PRATERSTftASSE 3© Der Sehein trügt Die Regierungen zweier Länder, von denen man in letzter Zeit annehmen zu können glaubte, daß sie eine einsichtigere Judenpolitik beobachten, haben in den letzten Tagen Beweise dafür gegeben, daß diese Annahme doch nicht ganz berechtigt ist. In Ungarn wurde eine Liquidierung der nun schon seit Wochen andauernden Studentenunruhen vorgenommen, die keine Liquidierung ist, und in Rumänien hat die kürzlich eingesetzte neue liberale Regierung Duca den Juden, die angesichts der bevorstehenden Parlamentswahlen eine Einigung vollzogen hatten, einen schweren Affront bereitet. Die lange Dauer der antisemitischen Studentenunruhen in Ungarn hatte den ungarischen Ministerpräsidenten Gömbös veranlaßt, selbst einzugreifen, nachdem die Bemühungen der Hochschulbehörden und des Kultusministeriums erfolglos geblieben waren. Er empfing also am vergangenen Donnerstag die Führer der antisemitischen Studentenverbände in einer mehr als zweistündigen Audienz, hörte sich die ultraradikalen Wünsche der Burschen an und erklärte, daß ein Teil ihrer „Beschwerden" berechtigt sei. Gömbös stellte die Einrichtung einer besonderen Abteilung für die Unterbringung der arbeitslosen Akademiker in Aussicht, welches Versprechen er inzwischen bereits eingelöst hat. Damit ist einer der vielen Wünsche der Radaubrüder erfüllt, denn es ist anzunehmen, daß das neue Amt nach den Prinzipien dieser Herrschaften vorgehen, d. h. die arbeitslosen jüdischen Akademiker kaum berücksichtigen wird. Damit aber die Juden nicht Gelegenheit haben, als Akademiker arbeitslos zu werden, besteht trotz der „beruhigenden Erklärungen" des Herrn Ministerpräsidenten bei den antisemitischen Studenten nach wie vor der Drang, ihre jüdischen Kollegen vom Studium überhaupt auszuschließen oder ihnen zumindest dasselbe durch Schikanen — wie Verweisung auf die sogenannten „Ghettobänke" — zu verekeln und zu erschweren. Diesem Drange haben sie in neuerlichen schweren Tumulten auf den ungarischen Provinzhochschulen und an der Budapester Technik Ausdruck verliehen. Wohl kann mit Genugtuung konstatiert werden, daß einzelne Professoren gelegentlich dieser wüsten Ausschreitungen ihr Gerechtigkeitsgefühl deutlich manifestierten, im allgemeinen aber muß mit Bedauern festgestellt werden, daß das Eingreifen des Herrn Ministerpräsidenten nicht nur keine Beruhigung herbeigeführt, sondern sogar die Radaustudenten zu neuen „Taten" ermuntert hat, die so arg waren, daß die Budapester Technik neuerlich geschlossen werden mußte. Auch die neue rumänische Regierung glaubt das Kunststück treffen zu können, beiden Seiten, den Antisemiten wie den Juden gerecht zu werden. Auf der einen Seite ist sie gegen die „Eiserne Garde" und ihre Führer mit aller Schärfe eingeschritten, was zu schweren antisemitischen Ausschreitungen im ganzen Lande führte, auf der anderen Seite hat sie das ihr von den zu diesem Zwecke vereinigten jüdischen Parteien angetragene Alle Radioapparate modernste Typen, stets lagernd X HAHN, Wien IX. Wasagasse *£»TeI. A 13-5-20 Serie Entsprechende Teilzahlungskonditionen / Kostenlose Vorführung in Ihrem Heim / Günstige Gelegenheitskäufe / 5 Prozent des Kaufwertes gebe ich zugunsten des Hilfskomitees für deutsche Juden Provinz- und Auslandversand Wahlbündnis abgelehnt, weil sie bereits ein Bündnis mit den deutschen Gruppen abgeschlossen hatte und sich mit einer jüdischen Bundesgenossenschaft nicht belasten wollte. Man erklärte den jüdischen Unterhändlern, die liberale Partei habe beschlossen, Juden überhaupt nicht auf die Regierungsliste zu setzen. Mit den Deutschen aber können die Herren Liberalen zusammengehen, obwohl es allgemein bekannt ist, daß selbst die gemäßigtesten unter diesen Gruppen der Infizierung durch die Goebbels-Mark nicht standhalten können. Unter der rumänischen Judenschaft hat diese Haltung der Regierung schwere Bestürzung hervorgerufen, die mühsam zustande gekommene Einigung ist dadurch zunichte geworden, weil die Jüdischnationalen eigene Kandidaten aufstellen werden, während die „Union rumänischer Juden" sich jeder Wahlbetätigung enthält. Ein Anfang? Die Lausanner Konferenz des Verwaltungsrates des Internationalen E m ig r antenhilf swerkes ist nach mehrtägigen Beratungen geschlossen worden. Einschneidende Beschlüsse liegen nicht vor, es wurde lediglich die technische Struktur des Apparates festgesetzt. Neben dem Verwaltungsrat, dem die Vertreter der 15 an der Emigrantenfürsorge interessierten Staaten angehören, wurde ein beratender Ausschuß gebildet, der aus 9 jüdischen und 9 niqhtjüdischen Vertretern von Hilfsorganisationen bestehen sohV wobei bei der Besetzung der jüdischen Mandate die Vorschläge der Londoner Hilfskonferenz berücksichtigt werden sollen. Es wurde ein engerer Ausschuß des Verwaltungsrates gebildet, dem angehören: Viscount Cecil of Chelwood als Vertreter Englands, Senator Henri Berenger, der Vorsitzende des französischen Senatsausschusses für auswärtige Politik und Präsident des französischen Komitees für Emigrantenfragen, ferner der Vertreter Hollands M. DoudevanTroostwijk, der Vertreter der Schweiz Henri Rothmund und der Vertreter Uruguays Alberto Guani. Das Präsidium des Verwaltungsrates wird Lord Cecil auch in Zukunft innehaben, der Vertreter Uruguays Guani wurde zum Vizevorsitzenden gewählt. Dem engeren Stabe des vom Völkerbund eingesetzten Hochkommissärs James MacDonald gehören folgende Juden an: Norman B e n t w i c h, einer der Delegierten des Londoner Joint Foreign Committee, der amerikanische Jude Edward May, ein Bruder des belgischen Gesandten in Washington, der Holländer Wurtbajm und James Parkes. Wenn man recht bedenkt, sind eigentlich nur diese personellen Beschlüsse in Lausanne gefaßt worden. Mehr ist dort nicht geschehen und konnte eigentlich auch nicht geschehen. Von schönen Reden abgesehen, aus denen das Verständnis der Vertreter aller Staaten tür die Notlage der zu ihnen geflüchteten deutschen Emigranten hervorging, hat man aus Lausanne nichts über eine rasche Hilfe für diese von Haus und Hof vertriebenen 60.000 Menschen gehört. Das ist sicherlich sehr zu bedauern, aber angesichts der furchtbaren Schwierigkeit des Problems einigermaßen verständlich. Denn eine solche Hilfe kann beim besten Willen nicht über Nacht kommen, da müssen in den Ländern, die durch diese Auswirkung der deutschen Brutalität betroffen wurden, die nötigen Vorbereitungen getroffen werden, um entweder, wo dies nur halbwegs möglich, eine Eingliederung der Zugewanderten in das Wirtschaftsleben des betreffenden Staates vorzunehmen, oder aber festzustellen, ob und wohin eine Ueberführung in andere Länder, vornehmlich zum Zwecke der Kolonisation leerer Flächen, tunlich ist. Daraus ergibt sich auch die schwierige Frage der Pässe für diese Unglücklichen, die in Lausanne sehr ausführlich behandelt worden ist All das sind Probleme, die in einer Woche nicht gelöst werden können. Dazu sind allerorts Sondierungen nötig, denen sich in der nächsten Zeit die Mitglieder des engeren Ausschusses des Verwaltungsrates und insbesondere der Hochkommissär MacDonald, mit dem eine sehr gute Wahl getroffen zu sein scheint, unterziehen werden. Erst in den ersten Monaten des nächsten Jahres werden diese schwierigen Untersuchungen beendet sein. Bis dahin wird es wohl weiter so sein, daß die privaten Hilfsorganisationen, vornehmlich die jüdischen, den Emigranten helfen werden müssen. Hoffen wir, daß das kein Dauerzustand bleibt. Die 100.000 Dollar betragenden Kosten des Büros des Emigrantenhochkommlssärs müssen, einem Laasanner Beschluß zufolge, von den privaten Organisationen aufgebracht werden. Die Kraft der jüdischen Organisationen, die Uebermenschliches geleistet haben, ist aber heute fast schon erschöpft, sie alle können nicht mehr weiter. Lord Cecil hat in Lausanne gesagt, das jüdische Problem sei ein Weltproblem, eine alte Nationen interessierende Frage, die nur mit Hilfe eben dieser Nationen gelöst werden könne. Wenn diese Einsicht Gemeingut aller Nationen werden wird, dann wird Lausanne ein schöner Anfang gewesen sein. * Im Sinne der Beschlüsse der Londoner jüdischen Hilfskonferenz hat der American Jewish Congress ein großzügiges Hilfsprogramm aufgestellt, dessen Durchführung 10 Millionen Dollar erfordert. Nach diesem Plane sollen deutsche Juden in Ländern, in denen Niederlassungsmöglichkeiten bestehen, in großem Maßstab angesiedelt werden. Eine Kommission soll mit der Erforschung von Kolonisationsmöglichkeiten in Südafrika, insbesondere in Brasilien, betraut werden. Den Christlicfcsozialen ins Stammbuch. Kardinal Faulhaber begann in der Vorwoche in der Münchener Michaeler-Hofkirche bei großem Andrang der Gläubigen einen Adventpredigtzyklus über das aktuelle Thema „Christentum und Judentum". Der Kardinal verwies auf die Bestrebungen, die aus dem Rassegedanken heraus das Alte Testament und sogar Christus ablehnen. Da könne ein Bischof nicht schweigen. Nicht das Blut, sondern der Glaube bilde die Grundlage der Religion. Man solle daher die heiligen Schriften des Alten Testaments in Ehren halten. Man lasse sie nicht aus der Schule und den Schulbüchern verdrängen. Die deutschen Klassiker aller Jahrhunderte hätten aus der Bibel geschöpft und man müßte aus dem Wortschatz der deutschen Sprache viele Ausdrücke entfernen, wenn die Heiligen des Alten Testaments aus dem Geistesleben des deutschen Volkes verbannt werden sollten. Zum Schluß lud der Kardinal die evangelischen Glaubensbrüder zur gemeinsamen Abwehr der Angriffe auf das Alte Testament ein, das für sie ja noch mehr als für die Katholiken die Grundidee ihres Bekenntnisses bilde.