Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 50 (15.12.1933)
- Date
- 1933-12-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Herr Dr. Czermak lädt uns ein. LEOPOLD Eine Erwiderung von Dr. Kar! St ein er. Minister a. D. Dr. Czermak strebt nach Lorbeeren. Er hat es sich anscheinend in den Kopf gesetzt, die „Judenfrage" in Oesterreich zu lösen. Zunächst legte er seine Gedanken hierüber in einem Buche nieder und jetzt spinnt er dieses Thema von Versammlung zu Versammlung weiter. Hierbei bleibt immer wieder das Um und Auf der von ihm gedachten Lösung der vielgeliebte Numerus clausus, der, wie er jüngst in einer Versammlung erklärte, genau so ein Schreckwort sei wie vor kurzem das Konkordat Dieser Vergleich ist Herrn Dr. Czermak arg daneben gelungen. Das Konkordat konnte nur für diejenigen ein Schreckwort sein, die befürchteten, der Staat könnte der Kirche mehr geben, als ihr zukommt, könnte Rechte des Staates zugunsten der Kirche preisgeben. Wo solche Befürchtungen begründet sind, verdient auch das Wort Konkordat die Bezeichnung Schreckwort Beim Konkordat handelt es sich aber, was Herr Dr. Czermak zu vergessen scheint, um einen zweiseitigen Vertrag, der nur mit gegenseitiger Zustimmung beider Vertragsteile, Staat und Kirche, Zustandekommen kann. Er kann, muß aber nicht geschlossen werden. Wie ist das aber beim Numerus clausus? Wül man darüber mit uns Juden unterhandeln und wird seine Einführung unterbleiben, wenn wir nein sagen? Bloß für den Fall, als der Numerus clausus nur auf Grund eines Vertrages, der zwischen der Regierung und den Juden geschlossen wird — ein Fall, der in der gewünschten Form selbstverständlich nie eintreten wird — Zustandekommen sollte, seine Einführung dann aber unterbleibt, wenn der eine Vertragsteil-sie ablehnt, würde der Numerus clausus für uns kein Schreckwort sein. Solange wir aber befürchten müssen, daß der Numerus clausus nicht in Ausführung eines Vertrages, sondern nur in Ausführung einer einseitigen Anordnung, demnach ohne, ja selbst gegen unseren Willen eingeführt werden könnte, bedeutet er für uns mehr als ein bloßes Schreckwort Wenn aber Herr Dr. Czermak und die Herren um ihn nur mit dem Numerus clausus schrecken wollen, ohne an seine faktische Einführung zu denken, woran wir wieder nicht glauben können, bleibt er allerdings ein leeres Schreck wort Nur in diesem Falle hätte Herr Dr. Czermak Recht und wir hätten keinen Anlaß, beunruhigt zu sein. Der Obmann der christlichsozialen Bundesparteileitung will Ordnung in der Judenfrage machen und zu diesem Zwecke sich „mit den Juden über alle Dinge, die sie angehen, auseinandersetzen in ernster Ueberlegung und ruhiger Haltung". Einer Auseinandersetzung wollen und werden wir nie aus dem Wege gehen. Sie ist uns sogar erwünscht, aber eine solche Auseinandersetzung muß zur unbedingten Voraussetzung haben, daß der Rahmen der Gleichberechtigung, in dem sich unser politisches und soziales Leben bewegt, nicht gesprengt wird. Nur als Gleichberechtigte wollen wir uns mit den andersgläubigen Bürgern dieses Staates als Gleichberechtigten an den Verhandlungstisch setzen und in „ernster Ueberlegung und ruhiger Haltung" über alle Dinge sprechen, die uns angehen. Und nur als Gleichberechtigte wollen wir wieder den Verhandlungstisch verlassen. Die Verhandlungsteilnehmer von der anderen Seite werden aber, sollen wir nicht annehmen, daß es Verhandlungsteilnehmer gegnerischer Seite sind, ohne Hintergedanken an diese Beratungen schreiten und von vornherein jede Absicht, die verfassungsmäßig gewährleisteten Rechte der Juden in irgendeiner Weise schmälern, die Juden zu Staatsbürgern zweiter Kategorie degradieren zu wollen, ausschließen müssen. Sollte aber die Absicht des Herrn Dr. Czermak dahin gehen, nur unsere Zustimmung zur Minderung unserer Gleichberechtigung zu erlangen, um dann in die Oeffentlichkeit hinausposaunen zu können, nichts sei gegen die Juden, alles nur mit ihrem Willen geschehen, dann wird alle Mühe umsonst sein, dann sollen wir uns gar nicht erst zusammen-, sondern gleich auseinandersetzen. Niemals wird sich ein Jude finden, der auch nur ein Quentchen der den Juden in gleicher Weise wie den anderen Staatsbürgern zuerkannten Rechte freiwillig aufgeben wird, niemals wird ein Jude seine Zustimmung zur Minderung seiner Staatsbürgerrechte erteilen. Was sich Herr Dr. Czermak als Ordnung der Judenfrage vorstellt, wird, soweit eine Aenderung der Gleichberechtigung der Juden in Frage kommen sollte, niemals mit unserer Zustimmung geschehen, nur gegen uns, aber nie mit uns und unserem Willen kann und wird eine solche Ordnung der „Judenfrage" erfolgen. Wenn man die Enunziationen des Herrn Dr. Czermak liest, kann man nur schwer daran glauben, daß er die „Ordnung der Judenfrage" in etwas anderem als in der Beeinträchtigung ihrer Staatsbürgerrechte erblickt Er sieht ja in uns Juden nicht einen Teil des Staatsvclkes, sondern zieht einen scharfen Trennungsstrich zwischen Staatsvolk und Juden, die „schlechter als einen Chinesen oder Neger zu behandeln, der unter uns wohnt, eine Roheit wäre". Dieser Vergleich beleuchtet so recht die Gesinnung des Herrn Dr. Czermak und läßt gar keinen Zweifel an seiner Absicht aufkommen, uns Juden nicht roher als einen Chinesen oder Neger zu behandeln, der in Oesterreich lebt. Darauf kann es nur eine Antwort geben: Es wäre eine Roheit Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern WASSCHUHE nur VII. BURSSASSE Ö 8 einen österreichischen Juden schlechter zu behandeln als jeden anderen Staatsbürger, der in Oesterreich lebt Die Juden wohnen seit Jahrhunderten auf dem Boden unseres Vaterlandes und haben längst in diesem Staate das Heämatsrecht erworben. Oesterreich ist und bleibt ihr Vaterland, wie es das Vaterland aller anderen Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens ist Die Verfassung unterscheidet nicht zwischen Juden und Nichtjuden, nach dem ehernen Gesetze der Verfassung sind alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich: Der Obmann der christlichsozialen Bundesparteileitung wie der ärmste Jude. Im Verhältnis zum Staate gehören wir Juden zum österreichischen Volke, sind ein Teil dieses Staatsvolkes und da gibt es kein „anderseits". Im Verhältnisse zum Staate sind wir nicht „anderseits das jüdische Volk". Niemand will Ihnen, Herr Dr. Czermak, vorgaukeln, daß die Konfession das Entscheidende sei. Zugeben aber müssen Sie: Politisch sind wir jüdische Oesterreicher, dem Glauben nach österreichische Juden. - Sie wollen, Herr Dr. Czermak, die Juden nicht als Teil des Staatsvolkes anerkennen, weil man, wie Sie sagten, „sehr gut deutsch sprechen und schreiben, aber dennoch jüdisch denken und handeln kann". Die Antwort darauf werden Sie aber schuldig bleiben müssen, warum die Engländer und Franzosen, die Italiener und Amerikaner die Juden als vollwertige Glieder des Staates anerkennen, ihnen hohe Aemter und Würden des Staates übertragen, wenn sie vielleicht auch und gewiß nicht zum Schaden der anderen jüdisch denken und handeln, und warum gerade nur in deutschen Staaten die Synthese zwischen Deutschtum und Judentum nach Ihrer Meinung nicht möglich sein soll. „Jüdisches Denken und Handeln" würde, nebenbei bemerkt, für manchen Arier nur einen Vorzug bedeuten. Bundeskanzler Dr. Dollfuß ist mit heißem Bemühen bestrebt, Oesterreich neu aufzubauen und ein friedliches und befriedetes Oesterreich zu schaffen. Sein reines und lauteres Wollen findet ungeteilte Sympathie in der ganzen Kulturwelt, nicht zuletzt deshalb, weil er sich bisher fern? zuhalten wußte von jeder Beeinträchtigung der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung aller Staatsbürger, weil er es bisher im wohlverstandenen Interesse unseres Vaterland e s vermied, an dieser Gleichberechtigung irgendwie zu rütteln. Sein Konzept darf aber nicht gestört werden durch antijüdische Extratouren. Zu viel steht für Oesterreich auf dem Spiele. Der Zweck heiligt die Mittel. Besonders wählerisch waren die Antisemiten niemals in ihren Mitteln wenn es galt, ihren Zweck zu erreichen. Sie waren auch niemals wählerisch, so oft sie versuchten, ihren Antisemitismus zu begründen und zu rechtfertigen. Unsere echt österreichischen, gutchristlichen bodenständigen Antisemiten haben es aber diesmal nicht gar so leicht Denn im nationalsozialistischen Rassenantisemitismus ist ihnen ein Konkurrent erstanden, den sie in der Schlagkraft nicht erreichen, geschweige denn überbieten können. An Klarheit der Kampfmittel und des Kampfzieles ließ es das antisemitische Programm der Nationalsozialisten nicht fehlen. Dem mußte, sollte das Wettrennen trotz der Vorgabe noch gewonnen werden, ein gleich gut gesatteltes Streitroß entgegengestellt werden. Dem aufmerksamen Beobachter war es durchaus nicht entgangen, wie qualvoll diesmal den Antisemiten im christlichsozialen Lager die Wahl der Mittel und der Titel wurde. Das Problem, vor das sich die Christlichsozialen — nicht ohne ihr eigenes Verschulden — gestellt sehen, ist sicherlich schwierig. Sie wollen imEndeffekt vor allem der akademischen christlichen Jugend, aber auch den älteren Jahrgängen das Gleiche bieten oder zumindestens versprechen wie die Nationalsozialisten, der Weg hiezu sollte aber ein österreichischgemütlicher, ein österreichisch-kultureller sein. So schamlos unverhüllt und brutal wie in Deutschland durfte und konnte hierzulande nicht gesprochen und nicht gehandelt werden. Daher die mitunter tiefen Bücklinge der Herren Czermak und Genossen vor den jüdischen Leistungen für Kultur und Vaterland, daher auch die von sanften Drohungen begleitete Einladung an die Juden, sich mit den „wohlmeinenden" Antisemiten an den Verhandlungstisch zu setzen. Ein Zweifel über die Propagandami tte 1 und propagandistischen Ziele der Antisemiten im österreichisch-katholischen Lager besteht heute nicht mehr. Den Auftakt zur neuen antisemitischen Kampagne bildete das politische Referat des neugewählten Obmannes der Wiener christlichsozialen Partei, des Prof. Krasser, am. Parteitag im Mai v. J. Er machte aus seinem Herzen keine Mördergrube, denn er sagte frank und frei: „Welche zugkräftige Idee haben wir (Christlichsozialen) in den letzten Jahren noch gehabt? Bei der Eroberung Wiens durch Lueger war eine der zündenden Ideen der Antisemitismus. Aus staatspolitischen Erwägungen ist es damit in unserer Partei bedenklich still geworden. Damit hat sich unsere Partei eines ihrer volkstümlichsten und agitar torisch wirksamsten Schlagwörter entledigt." Wenige Tage vorher hatte gelegentlich der ersten Lesung der vom Unterrichtsminister Dr. Czermak im Nationalrat eingebrachten Studentenschaftsordnung seligen Angedenkens der derzeitige Vizekanzler Abgeordneter Schmitz sich grundsätzlich mit der Frage des Antisemitismus in einer großangelegten Rede auseinandergesetzt. Als für alle Länder geltende Gründe des Ansteigens der antisemitischen Stimmungen führte er u. a. die „Gründung" des jüdischen Nationalstaates in Palästina, die Vergrößerung der zionistischen Bewegung in der ganzen Welt und die ostjüdischen Wanderungen während und nach dem Kriege an. Drei Schichten, sägte er, sind es vor allem, die von diesen Stimmungen besonders erfaßt sind, nämlich die jungen Akademiker, die jungen Privatangestellten und die jungen Geschäftsleute und Gewerbetreibenden. „Die wirtschaftliche Not", führte er weiters aus, „ist immer, zu allen Zeiten die Haupttriebkraft für die Radikalisierung des Antisemitismus gewesen. Wir müssen, praktisch gesprochen, vor allem unserer jungen Generation helfen, in Berufe zu kommen. Es ist ja, wenn auch der Vergleich nicht allzu