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Die Wahrheit · 1933-12-15 · Heft 50 (15.12.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 50 (15.12.1933)
Date
1933-12-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland werteten _<4 Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien lemMflrniunuiroioiniiiiuuiiiiiiiiiiiuiiiiinin____________________________________ __________ Redaktinn und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 - Telephon R 46-2-16 — Postsparkassekonto Wien: A t00.9>8 49. Jahrgang Wien, 15. Dezember 1933 Nummer 50 Schabbath Chanukko. Mikkez — Wajjigasch — Wajechi. Paslere Didi aal and billig Dies sind die Namen der drei letzten Sidrauth in dem ersten der fünf Bücher Moses. In diesen drei Namen stellt sich unsere ganze Geschichte dar, die Geschichte des jüdischen Stammes seit Jahrtausenden bis auf den heutigen Tag. In allen diesen Jahrtausenden ist sie sich immer gleich geblieben. Schlagen wir sie auf, wo immer wir wollen. Immer wiederholen sich in ihr diese drei Worte: Mikkez („und es war zu Ende") — Wajjigasch („und Juda trat vor") — Wajechi („und Jakob lebte"). Da bricht eine Zeit herein, so traurig und düster, daß man glauben möchte: Mikkez, nun ist alles zu Ende. Man verzweifelt schier an dem Fortbestehen des Judentums, sein Untergang scheint besiegelt. So zahlreich sind die Feinde, so mächtig und so erbittert und erbarmungslos. Das droht von außen. Aber nicht besser sieht es im Innern aus. In einer Zeit, da enger Zusammenschluß als Lebensnotwendigkeit erscheint, bietet man den frohlockenden Feinden das öffentliche Trauerspiel der Selbstzerflcischung im Parteienhader. Wo Persönlichkeiten führen sollten, spreizt sich schäbig-kleinliches Ränkespiel persönlicher Gehässigkeit und Ambition. Es fehlt die sieghafte Zuversicht, den großen Gefahren zu begegnen, es fehlt der starke Glaube an die Lebenskraft und die Fortdauer des jüdischen Volkes, so daß wohl so mancher sich sagt: Mikkez, das Ende ist unvermeidlich. Allein: Wajjigasch — man braucht nur einen Schritt weiter zu gehen, nur ein einziges Biatt in der Geschichte umzuwenden, da hat sich plötzlich die Sachlage geändert. Auf einmal sind Ereignisse eingetreten, ganz unerwartete Zwischenfälle, dal! die Lage der Juden gar nicht mehr so hoffnungslos erscheint und die wenigen Recht behalten, die wie Juda unverzagt für das Judentum in die Bresche traten. Ja, man schlägt ein drittes Blatt auf: Wajechi, das Blatt hat sich, gewendet, das Judentum steht wieder neu belebt, neu verjüngt und neu gekräftigt da! Nur — darf man nicht gar so sehr darüber jubeln und sich in Sicherheit wiegen und etwa glauben: Jetzt ist alles geborgen, die düsteren Zeiten sind für immer vorüber, die Menschheit ist zu weit fortgeschritten, als daß sie sich nicht schämen müßte, an dem wehrlosen Judentum ihre Kraft zu erproben! Blättert nur in unserer Geschichte weiter und schon auf der nächsten Seite wieder eine traurige Sidro: Weeleh schemauth. Sie erzählt uns: Wajmoreru eth chajjehem „und sie — die Aegypter — verbitterten ihnen das Leben". Ja, auch in unserer jüdischen Geschichte die ständige Wiederkehr des Gleichen. Mikkez-Wajiigasch-Wajechi. Wenn man schon glaubte: Nun sind wir im sicheren Hafen, geborgen aus dem Orkan des Hasses, Zeit ist zu vergessen die Leiden der Vorzeit, da: weeleh schemauth — wajjokuzu — ein neuer Ausbruch des uralten Vulkans, des immer neu genährten Judenhasses. Das jüdische Glück — es führt, an weltgeschichtlichem Maßstab gemessen, ein Eintagsdasein. Ja auch das nicht einmal. Von einem, den das Glück begünstigt, sagt der Deutsche: „Das Glück lächelt ihm", der Hebräer hingegen — wie bezeichnend! —: „Ihm lächelt die Stunde." — Das jüdische Glück zählt nach Minuten. Kaum hat für uns eine Aera des Friedens begonnen, so steigt plötzlich am Horizont wieder eine Wolke auf. Von Mikkez zu Weeleh schemauth, welch ein kurzer Weg! * * * Eine lehrreiche Illustration dieser dramatischen Entwicklung ist unser Chanukko. Wir feiern an ihm eine ruhmreiche Episode unserer Geschichte. Mikkez-Wajjigasch-Wajechi hatten sich du in eine kurze Spanne Zeit zusammengedrängt. Der mächtigste König jener Tage hatte dem Judentum (lehaschkichom . . .) den Untergang geschworen, haltlose Zustände herrschten im Innern, jede Widerstandskraft schien gebrochen. Da wendet sich plötzlich das Geschick. An die Fahnen der Makkabäer heftet sich der Sieg und das Judentum erklimmt einen Gipfel des Glückes. — Doch was geschieht nun an Chanukko, was am Sabbat unseres Festes? Da begrüßen wir den neuen Monat, den Monat Teweth! Als sollte in allen Synagogen mahnend verkündet werden: „Söhne Israels! Vertrauet nicht dem lächelnden Glück! Denket daran, daß in die Festesfreude des Chanukko der zehnte Teweth seinen Schatten vorauswirft, ein Tag trauriger nationaler Erinne- ENODME AUSWAHL BILLIGSTE PBE15E E #S l* 1# TEPPICHE VORHÄNGE MOSELSTOrrE, DECKEN NUR 1.,BAUEuNnAUlfT 12-14 rung (jaum gowar hoaujew . . .) an den Beginn des Verfalls und Unterganges!" Aber soll es denn immer so bleiben? Ist dieser Kreislauf für alle Ewigkeit bestimmt ein unabänderliches Verhängnis? Einer unserer alten Weisen sagt: (Jisroel nauscha b'Adaunoj teschuath aulomim...) „In der Vergangenheit wurdet ihr, wie z. B. durch Mose und Ahron, immer durch einzelne Menschen — und darum nur für eine bestimmte Frist — befreit; ewige Freiheit wird euer Teil erst sein, wenn Israel (b'Adaunoj) durch Gott befreit wird." Doch wie? Geschah es nicht auch durch Gott, als Mose und Ahron uns aus Aegypten führten? Allein, es waren doch, wie in diesem Falle, nur einzelne, jedenfalls nichtdasVoIkinseiner Gesamtheit, von dem die Befreiung ausging. Heißt es doch von unseren Vätern in Aegypten: (welau schomeu .. .) „Sie hörten nicht auf Mose . . ." Und machten sie sich nicht gar bald wieder ein goldenes Kalb, wie die Königstochter im Märchen wackere Freier verschmäht, um schließlich an einem Stallburschen hängen zu bleiben? Eine solche Befreiung konnte keine ewig gültige sein und nach kürzerer oder längerer Zeit kam stets eine Reaktion. So schwand auch dahin die Herrlichkeit der Makkabäerzeit. Oesferrelchisclies Qualiiats faör mal Ueberau erhältlich Ganz anders (Jisroel nauscha . . .), wenn einmal Israel, das Volk in seiner Gesamtheit so dastehen wird, daß es der Hilfe Gottes wert erscheinen kann. Dann wird seine Freiheit (teschuath auioinim) endgültig, ewig sein. (Weröu kol amme hoorez . . .). Wenn einmal alle Welt in uns ein Gottesvolk erkennen wird, wenn vor allem wir Juden selbst uns und unsere jüdischen Schicksalsgefährten als dieser Auszeichnung würdig befinden werden, wenn nicht mehr auch von Gerechten unter den Völkern auf Mißstände in unserem Lager wird hingewiesen werden können, die abzustellen und vor allem selbst offen zu brandmarken die Pflicht der jüdischen Gesamtheit wäre. — dann werden wir die Angriffe unserer Feinde als durchaus ungerecht empfinden und bezeichnen dürfen, und dann, so lautet unsere Verheißung, wird keine Zunge mehr uns schmähen und keiner gegen uns die Hand erheben. Das wird auch dem Hohenpriester in unserer Chanukko-Haftoro verkündet: (Schema no . . .) „Du und deine Gesinnungsgenossen, ihr seid wirklich (ansehe maufeth) ausgezeichnete Männer und der Hilfe Gottes wert. Aber einzelne können nicht durchgreifende Hilfe bringen. Das Volk, das Ganze muß es sein. Darum wird auch das Beth Hamikdosch, das ihr bauen werdet, keinen Bestand von Dauer haben. (Ki liinneiii mewi eth awdi zemacli). Das ist vielmehr einer fernen Zukunft vorbehalten. Bis dahin soll das Gute zunehmen im Volke, so daß nicht mehr nur einzelne der Freiheit würdig sein werden, sondern die ganze Volksgemeinschaft." Darum: Mikkez — machen wir ein Ende mit allem, was den Frieden und Zusammenhalt unter uns stört und dem Judentum zur Unehre gereicht in den Augen der anderen! Wajjigasch — lasset uns fortschreiten auf dem Wege zum dauernden Glücke unseres Volkes! Wajechi — dann werden wir erleben teschuath aulomim, Befreiung und Erhöhung für uns Juden — für ewige Zeiten! —d. Eine sensationelle Überraschung! Das Hamgun-Kabareft wird am 16. rt. M., abends an der in den Festräumen des Handelsmuseuins, IX« Berg- Kasse 16, zugunsten des Versorgungshauses der Isr. Kultusgemeinde veranstalteten Großen Chantika-Feier der »Union" mitwirken. Dieses Kabarett setzt sich aus prominenten Solisten des Hanigun-Chores der 30 Jüdischen Sänger aus Deutschland zusammen, deren jüngste grandiose Veranstaltungen im großen Konzerthaussaale den begeisterten Beifall der Zuhörer gefunden baben.

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