Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 49 (8.12.1933)
- Date
- 1933-12-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Einwanderungs-„Politik Generalmajor Sir Alfred Knox (konservativ) richtete im englischen Unterhaus an den Koloaienminister die Frage, wie es komme, daß in den ersten acht Monaten 1933 fünfmal so viel Einwanderer mit Erlaubnis der Palästina-Administration nach Palästina kommen durften, als in jedem der Jahre 1932 und 1931. Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister erwiderte: Der Hauptgrund für die Zulassung einer erdöhten Zahl von Einwanderern nach Palästina ist die außerordentliche Besserung in der Wirtschaftslage des Landes, die zuletzt Platz gegriffen hat Diese Besserung der Wirtschaftslage hat Einwanderer der Kaoitalisteniilasse in das Land gelockt wodurch es dem High Cbm-;nissioner ermöglicht wurde, die Halbjahresauoten für Einwanderer aus der Kategorie der Arbeitnehmer zu arhöhen. Auf die Frage von Sir Alfred Knox. ob nicht diese erhöhte Einwanderung die direkte Ursache der letzten arabischen Revolte war, srwiderte Sir Philip Cunliffe-Lister: Nein, das glaube ich bestimmt nicht! Der High Comuissioner befolgt auch in der Einwanderung eine absolut unparteiische (?) Politik: nämlich die Politik der Regierung, daß die Zahl der Einwanderer in Palästina einzig und allein von der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes abhängig gemacht werde. Colonel Josiah Wedgwood (Labour) fragte, ob der Kolonienminister wegen der arabischen Unruhen in Palästina eine Aenderung in der Politik der Z u 1 a s s u n g jüdischer Einwanderer eintreten lassen werde Sir Philip C u nl if f e - L is te r erwiderte kurz: Nein. Colonel Wedgwood: „Soll ich diese Antwort so verstehen, daß die Araber-Tumulte keinen Einfluß auf die jetzt in Palästina vor sich gehende Erfassung und Ausweisung von Juden haben?" Sir Philip Cunliffe-Lister: „Was hat diese Frage mit der vorhergegangenen zu tun? Sie fragten, ob irgend ein Wechsel in der Politik der Regierung hinsichtlich der Einwanderung eingetreten sei: die Antwort war ein klares Nein." Colonel Wedgwood: ..Ist diese Erfassung und Ausweisung von Juden in Palästina Ausfluß einer alten oder einer neuen Politik?" Sir Philip Cunliffe-Lister: ..Nur die vom High Oommissioner testgesetzte Zahl von Einwanderern in Palästina ist maßgebend. Es ist das Beste für alle, die es angeht, wenn darauf gesehen wird, daß die Einwanderer durch die geeigneten Wege ins Land kommen, um nicht als unberechtigte Einwanderer zu gelten." Colonel Wendgwood: „Da nun etwa 20.000 Personen so nach Palästina gekommen sind, erwägt der Kolonienminister, diese große Menge auszuweisen, sie etwa nach Deutschland zurückzuschicken?" Auf diese Frage erfolgte bezeichnenderweise keine Antwort. Colonel Wedgwood fragte zum Schluß noch, ob der vom Kolonienminister vor kurzem im Unterhaus angekündigte Legislative Council ior Palestine d>e Kontrolle über die Polizei ausüben werde. Kolonienminister Sir Philito Cunlii'ffe-Lister erwiderte: „Nein. Ich habe schon in meiner Antwort in der vergangenen Woche klargestellt, daß niemals daran gedacht war. daß der zu errichtende Lesislative Council die Exekutivgewalt und die Autorität des High Commissioner irgendwie beeinträchtigen solle." Die „Touristenjagd". Die Verfolgung der illegalen Eingewanderten in Palästina nimmt immer mehr organisierte Formen an. In Tel Aviv wurde unter der Leitung des Polizeiinspekiors Robinson, eines englischen Christen, dem jüdische Polizisten unterstellt sind, eine spezielle Abteilung zurAusrindigmachung und Festnahme von Touristen eingerichtet. Die oberste Kontrolle über die Touristenverfolgungen hat weiterhin Herr S p i e s. der Assistent des Jerusalemer Polizeiinspektors Alfred Riggs. Spies hat sich wegen seiner Praktiken bei der Touristenverfolgung so verhaßt gemacht, daß er bei einem kürzlich erfolgten Besuch in Tel Aviv von der Menge tätlich angegriffen wurde. In der Jaffastraße zu Jerusalem wurde ein Mann beim Plündern des Auslagefensters eines Juwelierladens erwischt. Der Dieb wurde als Spitzel erkannt und von der Menge der Polizei übergeben. Auf Intervention des Oberinspektors Riggs wurde er aber bald gegen Kaution freigelassen. Den Einwohnern Jerusalems und Tel Avivs sind Spitzel bekannt, die im Dienste der Polizei arbeiten. Wegelagerer fordern Vorbeigehende zur Ausweisleistung auf und versuchen. „Illegale" zur Polizei zu schleppen, um sich die ausgesetzte Belohnung von weniigen Schilli i n g e n zu verdienen. Aber Beduinen, das ist was anderes! In den letzten Monaten sind massenhaft Beduinen aus Transjordanien und dem Hauran nach Haifa gekommen und haben dort Arbeit gefunden. Man schätzt ihre Zahl allein in CJLUSIUSIBAB KUB- UM© BABEANSTAM? WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Frieden>brficlce gelegen - Original Russlsdies Dampfbad mit " 1 Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. ~ Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Haifa auf über 2000. Sie nächtigen in halbfertigen Gebäuden oder in den Straßen, lieber 500 von ihnen werden bei den Zollwachen oder im Hafen beschäftigt, einige bei der rrak-Petroleumgesellschaft andere arbeiten als Träger und ungelernte Bauarbeiter. Während Acco als Festung wegen der Spionagegefahr gegen diese illegale Einwanderung geschützt wird, kommen Araber, von der in den Nachbarländern herrschenden Hungersnot getrieben, in ganzen Bataillonen so gut wie ungehindert über die Ostgrenze nach anderen Teilen Palästinas. Bei einer Schlägerei in den Straßen von Haifa wurden über 200 Araber verhaftet: keiner der Angehaltenen konnte sich durch Papiere ausweisen. Es wurde festgestellt daß von den Exzedenten über 100 aus Syrien und fast 100 aus Transjordanien gekommen waren. Der Prozeß gegen die Unruhestifter. Dieser Tage fand in Jerusalem der Prozeß gegen drei Haupträdelsführer der Araberunruhen in Jaffa statt. Die von der arabischen Exekutive anläßlich des Prozeßbeginnes ausgegebene Generalstreikparole ist nur in der Altstadt von Jerusalem zum Teil befolgt worden. In den neueren Stadtteilen und außerhalb Jerusalems nahm das Sie müssen Freuöe haben. wenn die Wäsche sauber und rein, und noch dazu für billiges Geld geliefert wird von der relnwoschanstalt ALBERT KLADER XII., Scnönbr. SchloOslr. 21, Tel- D 31-001 tägliche Leben seinen gewohnten Fortgang. Die Angeklagten verteidigten sich damit, daß ihnen nicht bekannt war. daß die Regierung Demonstrationen in der ganzen Stadt Jerusalem verboten hat: ihnen sei nur bekannt gewesen, daß Der Senat Jugoslawiens hatte am 30. November seine zweite Judendebatte in kurzer Zeit. Senator Ivan M a i s t r o v i c interpellierte den Innenminister wegen der den 350 jüdischen Familien aus Deutschland gegebenen Erlaubnis, sich in Jugoslawien ansiedeln zu dürfen. In Beantwortung dieser Interpellation erklärte Innenminister L a z i c: „Die Regierung Jugoslawiens hat jüdischen Familien aus Deutschland die Erlaubnis zu dauerndem Aufenthalt erteilt aber nur solchen Familien, die sich selbst erhalten können, also Staat und Gesellchaft nicht zur Last fallen, überdies Kapital ins Land bringen. Es handle sich vorläufig um Gewährung von Asylrecht, über die Seßhaftmachung dieser Familien ist noch keine Entscheidung getroffen worden. Gegenwärtig befinden sich in Jugoslawien etwa 200 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland, von denen sich 109 aus eigenen Mitteln erhalten, 91 von den jüdischen Gemeinden betreut werden. Von den früher eingewanderten deutsch-jüdischen Emigranten sind über 600 bereits nach Palästina weitergereist, und auch ein Großteil der übrigen in Jugoslawien befindlichen Emigranten wird ihnen folgen." Der Minister fuhr fort: „Es ist eine bekannte Tradition Jugoslawiens, politischen Emigranten Asyl zu gewähren und gegenüber den Angehörigen jüdischer Konfession Toleranz zu üben. Wir haben keinen ürund, von diesem Prinzip in unserer Konfessionspolitik abzugehen; handelt es sich doch um Angehörige der jüdischen Konfession, die stets in Eintracht mit unserem Volke gelebt, an der Schaffung Jugoslawiens mitgearbeitet und auch auf den Schlachtfeldern ihr Teil zur Schaffung des neuen Staates beigetragen hat" Der Großrabbiner Jugoslawiens, Senator Doktor Im „Journal des Nation s". Genf, schreibt Graf Carlo Sforza: „Eine meiner Cousinen verbrachte diesen Sommer auf einer Schloßbesitzung in Württemberg. Man verdächtigte sie nicht wegen ihres Titels und weil sie auf dem Schlosse zu Gaste war. Sie konnte die Schulen besuchen, für die sie sich interessierte. Und sie sah folgendes: In der Vormittagspause zogen die Kinder an der Türe der Schulkantine vorbei, wo man ihnen eine Tasse Milch und ein Stück Brot verabreichte. Die kleinen Mädchen warteten, bis sie an die Reihe kamen. Aber immer, wenn ein jüdisches Mädchen an die Reihe kam, schrie es die Direktorin, welche in der Hand die Tasse mit Milch hielt; an: „Ma r sch w eg, J üdin! Die nächste, bitte..." Diese Szene wiederholte sich täglich. Man ersparte es den kleinen jüdischen GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHl WIIM IX., BRRQOASSe NR. 19 PlUAUi XVIII., WAMRINOIRSTRASS« W9 Telephon Nr. A 17-3-99 nad A 1*9-34 Uttamt flr H«llanstatte» AbteilungemarKoscherfleisch untflp MiloM de« ahrw. RabblwrtM dar Isr. KultiMB*"*«ind» Wiw. Samtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen die Demonstration vor dem Jaüa-Tor verboten sei. sie aber demonstrierten vor dem Neuen Tor und dem Damaskus-Tor. Die Warnungsplakate der Regierung hätten sie nicht gelesen. Sie seien es auch nicht gewesen, die die Menge zum Widerstand gegen die Polizei aufgereizt haben. Der Verteidiger der Angeklagten führte ebenfalls aus. niemand in Jerusalem habe gewußt, daß auch in der Altstadt Kundgebungen verboten seien, die von den Angeklagten geführte Demonstration war also legal gewesen. Das Gericht sprach die Angeklagten schuldig, setzte aber die Urteilsverkündung aus, weil die Zulassung mildernder Umstände (!) noch zu erwägen sei. Nach dieser Verkündung zerstreuten sich die Zuhörer, unter ihnen zahlreiche in schwarze Schleier gehüllte Moslemfrauen. Zu Zwischenfällen war es nirgends gekommen. Für Montag, den 4. Dezember, hat die arabische Exekutive aus Anlaß der Fortsetzung der Gerichtsverhandlung gegen Anführer und Teilnehmer an der so blutig verlaufenen Demonstration in Jaffa am 27. Oktober wiederum den Streik proklamiert. A1 c a 1 a y, dankte dem Minister tür seine Ausführungen und dem jugoslawischen Volk für seine freundschaftliche Haltung gegenüber den Juden. Die Juden haben in Jugoslawien, wie in wenig anderen Ländern, ein Vaterland gefunden. Auch die jetzt aus Deutschland geflüchteten Juden wollen niemandem zur Last fallen und sind bestrebt, ein Aufbauelement in Jugoslawien zu sein. Der Senat nahm die Antwort des Ministers zur Kenntnis. Nicht weit von Zagreb haben jüdische Flücht-!in:.{e aus Deutschland ein bisher dem Baron v. Gutmann gehörendes Grotigut angekauft, das in eine I a n d w i r t s c h a f 11 i c h e K o 1 o n i e umgewandelt werden wird. Vom Verband jüdischer Gemeinden Jugoslawiens wird erklärt, daß geplant sei, auf diesem Territorium eine Musterwirtschaft und eine landwirtschaftliche Schule zu errichten. Im dicht gefüllten Großen Saal des Jüdischen Hauses hielt der hervorragende jugoslawische Schriftsteller Duschan Nikolajevitsch, vom Publikum herzlichst akklamiert, einen Vortrag über „Christentum und Judentum". Er gab eine tiefschürfende philosophische Betrachtung über das religiöse Problem, .ring dann zur Erörterung des aktuellen Problems des Judenhasses über und nahm dies zum Anlaß, ein Verdammungsurteil gegen den Antisemitism u s und seine Auswüchse zu sprechen, und seinen Sympathien für das Judentum Ausdruck zu geben. Zahlreiche Universitätsprotessoren und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in Jugoslawien wohnten dem Vortrag bei. Kindern nicht, in der Reihe zu stehen. Man ersparte es ihnen nicht, die Hand nach der Tasse auszustrecken... Die christlichen Kinder mußten täglich Zeugen dieser Szene sein, damit sie lernen wie man ein jüdisches Kind behandelt, welches Hunger hat und essen wil 1." Man schreibt der „Prager Presse": „Die Episode, die Graf Sforza aus einer württembergischen Schule erzählt, um zu zeigen, was jüdische Kinder gegenwärtig in deutschen Schulen erleben können, ließe sich durch viele ähnliche ergänzen. Hier sei eine Szene berichtet, die sich in einer Berliner Mädchenklasse abgespielt hat. Unterricht in Rassenkunde. Die Lehrerin will die „typischen Merkmale der jüdischen Rasse" am lebenden Objekt demon- Bravo, Jugoslawien! Die Kinder-Hölle in Deutschland.