Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 49 (8.12.1933)
- Date
- 1933-12-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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den ist, sind Werke 'und Produkte solcher. Kreise, die mit dem Judentum nicht in geringstem Zusammenhang stehen. Aber auch bezüglich Lassalles und Marx sei hier ein offenes Wort gesprochen. Ohne je mit den Theorien dieser genialen Persönlichkeiten eine Identifizierung anzustreben, sei darauf hingewiesen, daß diese Männer es gewesen sind, die die Not der arbeitenden Massen erkannt hatten und das Wort „sozial" in den- Y©rderr grund gestellt hatten, das selbst die größten Gegner notgedrungen in ihre Bezeichnung aufgenommen haben. (Nationalsozialistisch, Christlichsozial.) Der Hauptverfasser glaubt schließlich . die Frage beantworten zu sollen, warum der Haß ge-, gen das Judentum sich in-letzter Zeit wieder so stark geltend gemacht habe. Die Antwort Hegt möglicherweise in einem Ausspruch der Weisen," die meinen, das Judentum sei vermöge seiner Schwäche wie ein irdener Topf. Fällt das Eisen auf den Topf, zerbricht der Topf, fällt der Topf, auf das Eisen, zerbricht wieder der Topf. Als in Deutschland 1815 die Befreiungskämpfe gegen Napoleon erfolgreich durchgeführt wurden, an welchen auch viele Juden freiwillig teilgenommen hatten, entstand an den Universitäten die Hepp- Hepp-Bewegung, desgleichen als Deutschland im Jahre 1870 über Frankreich den Sieg errungen hatte, folgte bald der von Stöcker entfesselte Antisemitismus und jetzt, da Deutschland seinen Krieg verloren hat, sind es wieder die Juden, an denen Sieg und Niederlage, Uebermut und Kleinmut sich hemmungslos betätigen. Das Los des Judentumshat ein Analogon im Schicksale des armenischen Volkes, das rein arisch und christlich ist und trotzdem, weil es schwach und über die Welt zerstreut ist, die Beute aller Gewalttäter gewesen ist und auch am Schlüsse des. Weltkrieges ein Bluttribut an die Verfolgungssucht der Starken zu leisten hatte. Schließlich sei darauf hingewiesen, daß die Makkabäer, an die die Erinnerung im Judentume dieser Tage wieder auflebt und die auch von der katholischen Kirche verehrt werden, reinrassige Semiten waren. Reinrassige Semiten waren auch die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, deren Namen, in den Kirchen angeführt werden. Reinrassig auch die Verkünder des Christentums. Wollen, die treuen Bekenner dieser Lehre d?e Blutsverwandten ihrer Lehrer diffamieren; wollen sie das Unrecht, das dem Judentum jahrhundertelang zugefügt worden ist, erneuern? An das bevorstehende Anzünden der Menorah sei heuer die stärkende Hoffnung geknüpft, daß die Irrungen und Wirrungen schwinden werden und das Gefühl der mensch-, liehen Zusammengehörigkeit und vor allem der Verantwortlichkeit der Führer für die Einhaltung derselben, das heißt das Licht der Menschenliebe gleich dem des Chanukafestes zunehmen und nicht abnehmen wird. Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifntiihlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Antisemitische Schulweisheit. Der unseren Lesern als Mitautor des famosen Buches „Ordnung in der Judenfrage" schon bekannte Unterrichtsminister a. D. und jetzige Obmann der christlichsozialen Partei Dr. Emmerich Czermak kam nicht aus dem Wirtschaftsleben in die Politik, sondern aus dem Oberhoüabrunner Gymnasium, wo er als Geschichtslehrer tätig war. Daher kann er als Versammlungsredner nicht so flott über die dringenden Wirtscliaftsprobleme des Tages diskutieren, sonder« nur schulmeisterliche Zensuren über sittliches Betragen, Fleiß und allgemeinen Fortgang ausstellen. Dies tat er denn auch jüngst im Neubauer christlichsozialen Verein im Rahmen eines Referats über die J u d e nfrage. Dabei kamen wir Juden wider Erwarten nicht einmal ungünstig weg. Es kann doch sicherlich nicht als schlechte Sittennote gewertet werden, wenn Dr. Czermak erklärte, auf die Gefahr hin, bei manchen, die sich Antisemiten nennen, Anstoß zu erregen, spreche er es offen aus: „Ichzieheden Hut vor dem jüdischen Volke." Noch weniger vermag er unseren Fleiß in Abrede zu stellen oder uns das Zeugnis guten, ja ausgezeichneten Fortgangs in allen Gegenständen zu versagen. Trotzdem erteilt er uns das consilium abeundi! Oder richtiger gesagt: gerade deshalb. Wir sind ihm z u fleißig und strebsam, unser Interesse, alle Kulturgebiete geistig zu erobern, erscheint ihm sträflich. Hier fällt der Herr Professor eigentlich aus seiner Rolle, denn-.es widerspricht jeder pädagogischen Tradition,, ^laR ein Schüler wegen allzu* großen Interesses für-die verschiedensten Lehrfächer und wegen allzu intensiven Eifers, in die Geheimnisse aller geistigen Gebiete einzudringen, getadelt und mit dem Ausschluß bedroht wird. Dies ist eben ein Spezifikum der Judenfrage: Sie macht nicht nur aus der allgemeinen Not eine antisemitische Tugend, sondern brandmarkt auch die jüdische Tugend als verdiente Ursache jüdischer Not. . . Diese Not — seelisch und materiell — ist das Ziel des Antisemitismus. Nicht das soziale Heil der Christenheit ist dabei für die christlichsozialen Führer maßgebend, sondern das Unheil für die Juden ist frommer Selbstzweck. Wir haben ja erst jüngst den religiösen Standpunkt in der Judenfrage aus der „Reichspost" gehört: Wegweisend ist das mittelalterliche Ghetto. FERROCART SUPER rt«T^«airai Das muß man sich immer vor Augen halten, um den: Scheingründen der um diese Wegweisung Bemüht ten, zu denen auch Dr. Czermak gehört, nicht aufzusitzen. Leider fehlt es nicht an Opfern jüdischer Leichtgläubigkeit gegenüber antisemitischen Argu-.. menten, und so konnte Dr. Czermak seinen Nejlbauer Zuhörern mit Bekräftigungen "seiner "eigedeif Thesen aus jüdischnationalen Zeitungen und Büh ehern imponieren ... . '\. Dafür bezeichnet er den Liberalismus als den' Träger der — Intoleranz. Als solchen hat er, der, Anhänger des, ach, so toleranten katholischen Klerfckalismus, ihn schon als Student kennen gelernt, aiser von angeblich liberalen, in Wirklichkeit wahrscheinlich deutschnationalen Couleurstudenten verprügelt worden ist. „In jener Zeit galten Geist und, Kultur nichts, wenn sie mit k a t h o 1 i s c h e m Be-. kenntnis zusammenfielen", klagt Dr. Czermak und; plädiert in einem Atem für eine Zeit, in der Geist und Kultur nichts gelten sollen, wenn sie mit j ü di-: schem Bekenntnis zusammenfallen ....;v;: Ein solches religiöses Bekenntnis erscheint ihijj unvereinbar mit der Zugehörigkeit zu der deufc sehen oder sonst einer europäischen Nation. Als Be-r weis führt er den Ausspruch des italienische!? Staatsmannes jüdischen Glaubens Luzatti an, fühle sich wohl ganz als Italiener, sei aber soföff> betroffen, wenn man das Judentum angreife. Hieffti1 erblickt Dr. Czermak ein Versagen der AssimHäp tion. In Wirklichkeit beweist der Ausspruch das* Gegenteil, denn für den Assimilanten ist das Juden-; tum eine rein religiöse Einstellung, die sich mit derj nationalen Bindung an das Vaterland sehr wohl' verträgt. Wäre dies nicht der Fall, wie könnte sich Dr. Czermak gleichzeitig als guten Katholiken und treuen Oesterreich er bekennen? Auch.der Katholizismus ist eine international verbreitete Religion, und wenn die römische Kirche beispielsweise in Mexiko oder Spanien angegriffen wird, fühlt sich der klerikale Burschenschafter Dr. Czermak sicherlich auch betroffen. Erlaubt er aber deswegen irgend jemandem, seinen österreichischen Patriotismus anzuzweifeln? Ebenso unerlaubt ist es, das italienische National-4 gefühl eines Luzatti in Frage zu stellen, weil sicli dieser des religiösen Solidaritätsgefühls mit den Juden aller Länder rühmte. Dr. Czermak mag Recht haben mit der Behauptung, daß niemand zwei Nationen zugleich angehören könne, aber er bedient-: sich einer unzulässigen Unterstellung, wenn er das - Bekenntnis zu Deutschtum und Judentum als das: zu zwei „Nationen" wertet, während es in Wahr-" heit das eine Mal ein nationales, das andere Mal. Feuilleton Ernst Lissauer liest aus seinen Werken. Emst Llssauer-Abend, veranstaltet von der »Union ösferr. Juden" im Festsaale des Handelsmuseums am 23. November 1933. In der Regel ist es so, daß, wenn Dichter als Vortragende ihrer eigenen Werke auftreten, sie ihr Publikum enttäuschen. Sie entbehren meistens rezitatorischer Fähigkeiten und entwerten das Wort, das sie schön, farbig, groß erfühlen mochten, durch den schlechten Klang, mit dem sie es aussprechen. Man empfängt es also besser von einem zünftigen Sprecher oder aus den Lettern des Buches. Dagegen zählt der Dichter Ernst Lissauer auch hier zu den Ausnahmefällen. Wie in seinem Schaffen ist er. auch als Lektor seines Werkes ein Ureigener, der den nur ihm allein gemäßen -inwendigen Weg seiner Persönlichkeit schreitet oft stampft und wuchtet, da und dort wohl auch voll behutsamer Zartheit wandelt — und nirgends und niemals schleicht. Sein Vortrag, der nichts mit gebräuchlicher Kunstfertigkeit gemeint hat und sich zu ganz immenser Wirkung zu steigern vermag, ist bezeichnend für das ganze Wesen dieses: Dichters, das da überschrieben werden könnte: Tief innerste Wahrhaftigkeit. * Es Ist eine vollkommene Kongruenz festzustellen zwischen dem Sinngebalt seines Wortes und dem Laut, der ihm im Munde seines. Schöpfers wird. Dies offenbart Lissauer als den Künstler, nicht aus eitelkeitsbeflissenem Wunsch, sondern aus schicksalhafter Bestimmung. Was er schreibt, ist so urwahr und ureigen sein, daß die Wiedergabe des vor Jahr und Tag Geschriebenen durchaus unmittelbar und so wirkt, als breche es zum ersten Male aus seiner ringenden Brust hervor. Nicht, daß ihn besondere handwerkliche Fertigkeiten, wie sie dem geschulten Rezitator eignen, zur Verfügung wären. Er tritt ans Podium, beginnt mit beinahe ungelenker Zunge zu sprechen, anfänglich leicht irritierbar, schüchtern fast, jedenfalls mit sich kämpfend. Die schönen Moses-Gedichte liest er schlicht und breit ausschwingend, um Klarheit bemüht, gedeckt von einer ihm fremden leidenschaftslosen Ruhe. Die folgende Legende vom Gericht Noalis, eine frühweltliche Vision von massig gebändigter Sprachgewalt, Bildhauerarbeit des Wortkünstlers, ist schon stärker unterzündet von einer immer mehr anschwellenden Leidenschaftlichkeit, die sich mächtig aufbäumt im Zornesausbruch Noahs, der seinen Stab zerbricht, Gott den Dienst aufkündigt, neu die Wasser der Vernichtung herbeifluchen will. Aber, und das hebt Lissauer über den Expressionismus, den ihm manche zuzählen, hinaus und hat ihn immer hinausgehoben, die Leidenschaft, wohl manchmal erschrekkend gewaltig bei ihm, wird stets wieder gebändigt durch seine Innerlichkeit. Noah stirbt still in seiner verfugten Kammer, seine Seele weitet sich ein ins fließende Grenzenlose. Ganz sanft und lyrisch das Bild, mit dem die meisterhaft durchgeführte Legende endet: Ein Kind in der Wiege spielt mit einem kleinen Abbild des Regenbogens, dem Symbol der Versöhnung Gottes mit der Menschheit. Dann aber las der Dichter aus seinem Drama: Das wesen, mit allen ihren Mitteln dieses Drama anschaulicher vorzuführen, als es dem Dichter gegeben war, es zu verlebendigen, ja Wort für Wort, Bild für Bild, in Weib des Jephta.- Hier wurde der Abend zum grandiosen Erlebnis für alle, die ihm beiwohnten.' Zürn Erlebnis ■ eines Dichters, der eine vollkommene Einheit mit seinem Werke ist Keine Bünnendarstellung wäre imstande geseine Zuhörer gleichsam hineinzusäen, daß es zu lebendigstem Leben aufging in der Brust jedes Einzelnen. Es vollzog sich vor unseren Augen die restlose szenische Auflösung des Dichters, ein völliges Einssein mit jeder einzelnen seiner Gestalten. Dem Richter in Israel, Jephta,.. der zwischen seinem Recht als .einzelner Mensch und seiner Pflichthörigkeit der Gemeinschaft gegenüber zugrunde geht, dem Mutterweibe Lea, dem man sein Kind: raubt und das schreiend anklagt die Welt der Männer und den Krieg und Gott, der. ihn zuläßt, der kleinen Mirjam, die nur wenige kindliche Worte spricht, den Nebenfiguren, ja selbst der angedeuteten Umwelt. Eine suggestive Gewalt ging von dem ekstatischen Spreeher aus und hielt den gefesselt atmenden Saal in seinem Bann. Was er sprach, war, so wie er es sprach, plastisch, war Gesicht und Gestalt aus ihmhervorbrechend, leibhaft, beinahe vor uns hingestellt. Unerhört in seiner Wirkung das berstend heftig gestikulierte Wort: v,Du hast es getan, du hast es vollzogen, d e r ist ein Mörder!" Und Rede und Schrei und Kampf, Leid, Tod, alles geschah gleichsam wirklich in dem Augenblick, da :es^ genannt wurde. Geschah in unserem Erleben, hineinprojiziert durch die Magie eines Schöpferwortes. . Erst als uns seine Gewalt entließ, unsere Ersqhüt,-r terung verebbte, fand man sich bei dem Werturteil; ein,' überragender Dramatiker, ein ganz starkes Drama! ^n^ sere Theater werden uns nicht lange mehr Mannend; Werk vorenthalten dürfen! .';! . Brausender Beifall des Saales, eine sehr innige Rede; des Präsidenten Dr. J. Ornstein und spontane Kund^ gebungen einzelner Hörer dankten dem Dichter unC.be- ' schlössen den Abend, an dessen schönen Gelingen auch die meisterhaften Violihvorträge Kurt F u c h s g e I'bTs, feinfühlig begleitet von Betty" L e w i n, ihr redlich .Teil, hatten, - " •" Eduard von Klingenstein-Kliemsteüuii'