Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 49 (8.12.1933)
- Date
- 1933-12-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen Jüdische Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 In Deutschland verboten mit den Veröffentlichungen der »»Union österreichischer Juden** und den Amtlichen Verlautharungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien fflWWIWIIHim Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 49. Jahrgang Wien, 8. Dezember 1933 Nummer 49 Wie sollen wir heuer Chanuka feiern? Rasiere Dich gilt ond billig Eine Zeitbetrachtung. Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Fast jeder Synagogenbesucher, auch wenn er dem Talmudstudium fern geblieben war, dürfte sicherlich von der Kanzel vernommen haben, daß über die Art der Abhaltung des Chanukafestes in der talmudischen Zeit zwei auseinandergehende Anschauungen obwaltet haben. Das Lehrhaus Schamai meinte nämlich, daß man am 1. Chanukatag acht Lichtlein zünde, die nun Tag für Tag um eines abzunehmen hätten. Hillel und seine Jünger dagegen entschieden: „Das Chanukalicht müsse immer zunehmen." Man habe demgemäß am 1. Tag ein Lichtlein zu zünden, das von Tag zu Tag wachse, bis es die volle Zahl erreiche. Der Ritus schloß sich der Anschauung Killeis an. Soll es nicht auch so geistig und seelisch heuer im Judentum sein? Schwere Gefahren von ungeahnter Tragweite bedrohen den Bestand des Judentums in bestimmten Ländern. Und nur dann, wenn die einzelnen Teile desselben gleich den Menorahlichtiein sich aneinander schließen; wenn das diesjährige Chanukaf est im Zeichen derwachsendenEinigkeit und Einheit stehen wird, ist zu hoffen, daß wir diese drohenden Katastrophen siegreich überwinden werden. Keine Zwietracht und kein Zwiespalt darf am Chanukafest und darüber hinaus zum Ausdruck kommen und gleichwie alle fünf Söhne des Hasmonäers Mattathias zusammen den Kampf aufnahmen, und so die „Schwachen über die Starken, die Wenigen über die Vielen" den Sieg davon trugen, wird auch das moderne Judentum nur durch Zurückstellung aller Parteigegensätze und Zusammenfassung aller Kräfte die Brandung des neuzeitlichen Antisemitismus brechen.-- Ein Sprichwort sagt: „Gott schütze mich vor meinen Freunden!" Das wehrlose Judentum kann hinzufügen: „auch vor meinen Feinden." Zu welchen ist der nichtjüdische Verfasser des kürzlich erschienenen verfänglichen Buches „O r d n u n g i n der Judenfrage" zuzuzählen? Freunde soll man nicht verletzen, Feinde nicht reizen. Wir wollen daher ganz sachte und milde der Wahrheit die Ehre geben und hier in aller Höflichkeit feststellen, daß der einflußreiche Hauptverfasser des Buches ein gewandter Politiker, Taktiker und Dialektiker sein mag, sicherlich auch beruflich ein gut beschlagener Historiker in verschiedenen Belangen ist, nur nicht auf jüdischem Gebiete. Und das ist das Entscheidende, das Maßgebende. Gleichwie der Chemiker nur dann, ohne eine Katastrophe zu wagen, operieren darf, wenn ihm das Wesen der einzelnen Elemente genau bekannt ist, also läßt sich nur dann über die Judenfrage sprechen, wenn die historische Entwicklung derselben klar übersehen wird. Und das scheint hier nicht der Fall zu sein. Der christliche Hauptverfasser versucht in Anlehnung an seinen jüdischen Mitarbeiter das Ghettozeitalter als erstrebenswertes Ideal für die Juden zu zeichnen. Wir wissen, was das Ghetto war. Ein mittelalterliches Konzentrationslager, verschärft durch Inquisition und Scheiterhaufen, aber nicht etwa für die Bücher, sondern für die Ketzer, die sie verfaßt haben. Ein Blick in die hebräische Chronik „Emek Habacha", „Tränental" genügt, um das Wesen der damaligen Zeit real kennen zu lernen. Der Verfasser, wie sein jüdischer Gewährsmann (Seite 123) stellen nebstdem die Behauptung auf, daß die Juden im Mittelalter ein besseres Los hatten, als die leibeigene bäuerliche Bevölkerung. Auch diese Meinung ist historisch falsch. Der leibeigene Bauer bezog seine Nahrung vom Boden, seinen Schutz von seinem Herrn. Die Existenzmöglichkeit des Juden, dem die Bearbeitung des Bodens und die Ausübung des Handwerkes verwehrt waren, der außerhalb des Gesetzes stand und jeder Willkür preisgegeben war, gehörte zu jenen Wundern der Geschichte, die Friedrich der Große in seinen Gesprächen mit Voltaire angeführt hatte. Welche würgende Armut unter den deutschen Juden noch vor dem 30jährigen Kriege herrschte, ist daraus zu ersehen, daß dieselben die ihnen auferlegten Kontributionen häufig nicht zahlen konnten und ihre Notabein deshalb in den Kerker geworfen wurden, wo sie verdarben und starben. Weiters, daß die deutschen Juden von den Juden anderer Länder als „Knoblauch-Esser" bezeichnet wurden, ENODME AUSHAU. DILLIGSTE PDEI5E E pPF YAHL Blf^1 ' TEPPICHE vonnANGE noBELSTorrE, decken MVR!.,DAV[RNMARHT12-14 #S weil sie sich nur von Brot und Knoblauch nährten und des Fleischgenusses entbehrten. Schließlich sei eine bezeichnende Anekdote angeführt, welche lautet, daß Raschi, der große Kommentator der Bibel und des Talmuds, der in Mainz an der Spitze eines Lehrhauses stand, seine Bemerkungen deshalb so kurz abgefaßt hatte, weil er in seiner Armut mit jedem Tropfen Tinte sparen mußte. Sind die Angaben über die Ghetto-Epoche historisch unhaltbar, so nicht weniger die Ausflüge, die in die jüngste Neuzeit unternommen werden, und dies schon deshalb, weil Aeußerungen von Renegaten oder einzelner nicht maßgebender jüdischer Schriftsteller als autoritäre Erklärungen des Gesamtjudentums hingestellt werden. Es ist wohl schwer anzunehmen, daß der Verfasser, der in führender Stellung einer katholischen Partei steht, damit einverstanden wäre, wenn für die Beurteilung katholischer Anschauungen Aeußerungen solcher Männer angeführt würden, die aus der katholischen Kirche ausgetreten sind, die seinerzeit die Los-von- Rom-Bewegung inszeniert hatten und' über die Liguorimoral manches zu sagen wußen. Vielleicht darf dem Hauptverfasser, der sehr häufig von Gastvolk und von Fremden spricht ein Vorschlag zur Güte unterbreitet werden, daß er nämlich das auch ihm heilige Buch, die Bibel aufschlage und dort sich Aufschluß hole. So heißt es in den Psalmen, Kap. 25, Vers 1: „Des Ewigen ist die Erde, und was sie füllt, die Welt und ihre Oestenxicblsclics QnäUfäfe-fahrtifat Ueberau erhältlich Bewohner."" Die lirde gehört, religiös gedacht, keinem bestimmten Volke, das dem andern die Tür weisen dürfte. Und ebenso heißt es im Buche Hiob von allen Menschen ausnahmslos, Kap. 8, Vers 10: „Wir sind von gestern und wissen nichts, ein Schatten sind unsere Tage auf Erden." Aber angenommen, wenn auch nicht zugegeben, daß die Juden, die schon zur Zeit der Römer auf deutschem Boden weilten. Fremde wären, möge der Herr Verfasser in das 2. Buch Mosis, Kap. 23, Vers (>. Einsicht nehmen, dort lautet die Vorschrift: „Den Fremden sollst du nicht unterdrücken", und ebenso 8. Buch, Kap. 19, Vers 33: „Und wenn bei dir weilt ein Fremder, in eurem Lande, du sollst ihn nicht kränken; wie der Einheimische von euch sei euch der Fremde, der unter euch weilt und liebe ihn wie dich selbst." Hier ist die Urquelle des Gebotes der Menschenliebe auch über den Nächsten hinaus. Hier fließt das kristallklare Wasser der Bibel, aus dem einzig und allein das Wesen des Judentums zu erfassen, zu befolgen, aber nicht zu verfolgen wäre. Und schließlich sei auch das 4. Buch Mosis angeführt. Kap. 15. Vers 16: „Eine Lehre, ein Recht sei euch und dem Fremden, der bei euch weüt."" Und daran halten wir fest, davon wollen wir nicht lassen. Der Herr Verfasser spricht häufig von „zersetzenden Elementen" und deutet an, als ob der Jude ein Patent auf Inszenierung von Revolutionen besäße. Ein Gang durch die neuzeitliche Weltgeschichte belehrt uns anders. Bei der französischen Revolution, die den König geköpft hatte und die Gottheit entthronen wollte, war kein einziger Jude mittelbar oder unmittelbar tätig, wohl aber Vertreter des Adels (Graf Mirabeau) und nicht wenige Geistliche (Sieyes), ohne daß man hiebei diese beiden Kategorien dafür verantwortlich machen müßte. Die Julirevolution 1830 war gleichfalls ohne den geringsten jüdischen Einfluß vor sich gegangen. Die verschiedenen Revolutionen des Jahres 1848 waren durchwegs solche der (christlichen) Stände; die Juden waren bloße Mitläufer, was auch aus den damaligen Flugschriften zu ersehen ist. Bezeichnend ist, daß der Reichstag zu Kremsier, trotz Mannheimer. Goldmark und Meiseis gezögert hat, die vollständige Emanzipation der Juden auszusprechen, die sodann von Kaiser Franz Josef gesegneten Angedenkens durchgeführt wurde. Aber auch der vom Verfasser sehr häufig angeführte Bolschewismus hat als seine geistigen Väter rein arische Männer, so Bakunin, Steiner und Kuropatkin. Gewiß sind neben Lenin manche Juden Mitarbeiter gewesen. Aber das Judentum für einzelne Personen verantwortlich zu machen ist eine Ungeheuerlichkeit. Die neuen Revolutionen in Spanien, Portugal, Kuba und Mexiko, wo selbst die katholische Kirche drangsaliert wor-