Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 47 (24.11.1933)
- Date
- 1933-11-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Secidd in Tirol » hervorragendster Wintersportplatz und Höhenluflkurort, das Sonnenparadies für Kinder, jede Art Wintersport, absolut sdineesidier PENSION GESCHWISTER SCHEEK. streng -RM Bekannt erstklassige Verpflegung, Wiener Küche. Mäßige Preise. — Telephon 18 — Mitglied des Vereins zur Förderung ritueller Speisehäuser, Hamburg keit, daß sich die in der Gemeinde wohnenden Gelehrten mit der Verbreitung der Thora und des Talmuds unter ihren Glaubensbrüdern befaßten. Nebst dem „Bet Hachneses", dem Gotteshause, wurde ein „Bet ha Midrasch , ein Lehrhaus, errichtet und von der Gemeinde erhalten, denn gerade dieses bot vielen eine herzerquickende Zerstreuung in dem oft sorgenvollen Leben. Vor 70 Jahren, Ende Oktober 1863, wurde in Wien von den geistigen Führern der Kultusgemeinde, Isak Noa Mannheimer, Dr. Adolf Jellinek und Lazar Horowitz m der Tempelgasse ein „Bet ha Midrasch" gegründet, an welchem ununterbrochen bedeutende, dem Judentum der ganzen Weit rühmlichst bekannte Gelehrte wissenschaftliche Vorträge gehalten haben und noch halten. Unter den ersten Lehrern dieses „Bet ha Midrasch" war es der unvergeßliche Kanzelredner Dr. Adolf Jellinek, der mündlich und schriftlich bei jeder sich darbietenden Gelegenheit darauf hinwies, wie außerordentlich wichtig der Besuch dieser Lehrstätten sei, in welcher mit so viel Liebe und Begeisterung die Lehren aus den Fundgruben der Tauro und des Talmuds geschöpft werden. Mehrere Jahre hielt er selbst allwöchentlich im Bet ha Midrasch sehr interessante Vorträge, unter anderem über die Entstehung volkstümlicher Sprichwörter und über die Ethymologie von gebräuchlichen Eigennamen, und war ein fruchtbarer Verfasser wissenschaftlicher Arbeiten, welche er in Zeitschriften und Büchern veröffentlichte. (Schluß folgt) Die Position der deutseben Juden hoffnungslos. Auf der Jahrestagung der Loge Bne Briss in Los Angeles, an der mehr als 700 Logenbrüder teilnahmen, hielt Emil Ludwig eine Ansprache, in der er u. a. ausführte: Es ist dies das zweite Mal, daß ich vor einer jüdischen Zuhörerschaft spreche; ich frage mich selbst, ob ich, der ich nicht als religiöser Jude erzogen wurde, ein Recht habe, vor jüdische Menschen hinzutreten. Ich bin ein verlorener Sohn, der zur Familie zurückgekehrt ist; immer mehr verlorene Kinder Israels kehren zur Gemeinschaft zurück. Ich aber bin glücklich, daß ich schon vor mehr als 12 Jahren die Intuition und den Mut fand, zu Israel zurückzukehren. Verlanget nicht von mir, daß ich über Hitler und die Nationalsozialisten so spreche, wie ich denke; ich habe Verwandte in Deutschland, die ich nicht der Rache der Nazis preisgeben will. Aber eines muß ich sagen: Die Position der deutschen Juden ist hoffnungslos. Die Nazis waren nicht in der Lage, von den 21 Punkten ihres Programms 20 zu erfüllen; und so stürzten sie sich mit wahrhaft teutonischem Mut auf den 21. Punkt, den J ud'enpunkt; dorthin, wo die Linie des geringsten Widerstandes war. Sie griffen die Juden an, die sie am schnellsten und gefahrlosesten ruinieren konnten. Dr. Chaim Weizmann 60 Jahre. Am 27. November vollendet Prof. Dr. Chaim Weizmann, der frühere Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency, jetzt Präsident der Zionistischen Föderation Englands und Leiter des Amtes der Jewish Agency- Executive für Ansiedlung deutscher Flüchtlinge in Palästina, sein 60. Lebensjahr. Nicht nur die Zionisten der ganzen Welt, sondern auch alle an positiven jüdischen Werken interessierten Juden werden an diesem Tage dem Manne ihre Achtung bekunden, der vom einst nur zionistischen Führer allmählich zu einer bedeutenden Persönlichkeit des Weltjudentums emporgewachsen ist. Unseren Christlichsozialen ins Stammbuch. In einer unter dem Vorsitz von Graf Johann Zichy abgehaltenen Parteikonferenz der christlichsozialen Wirtschaftspartei legte Abgeordneter T u r i gegen die vom Ministerpräsidenten Gömbös in seiner Rede dem politisch organisierten Katholizismus gemachten Vorwürfe Verwahrung ein. Wir haben, erklärte Turi. niemals gegen die Juden gehetzt und wenn wir auch wegen der ungleichen Verteilung der Kräfte gegenüber dem Judentum unsere Stimme erheben, so haben wir doch niemals den konfessionellen Frieden gestört. Wie konfessionelle Aufreizung in Budapest bestraft wird. De/ Hörer der Medizin Ladislaus Kenyeres- Lengyel und der Fleischhauer Anton Petö wurden vom Budapester Strafgericht konfessioneller Aufreizung schuldig befunden. Kenyeres-Lengyel wurde zu drei Monaten, Petö zu zwei Wochen Gefängnis — beide mit Bewährungsfrist — verurteilt. Kenyeres-Lengyel hatte in einem Wochenblatt behauptet, der Mädchenhandel sei zum größten Teil in den Händen der Juden, und Petö hatte geschrieben, daß die Juden bei der Wahl der Mittel zur Befriedigung ihrer Wünsche nicht wählerisch seien. Staatsanwalt Dr. Vudy appellierte in beiden Fällen gegen die Zubilligung der Bewährungsfrist. Deutsches Recht mißt Juden mit anderem Maße. Die dem Reichsjustizminister Dr. Frank sehr nahestehende „Juristische Wochenschrift" fordert unter der Ueberschrift „Juden im Strafrecht", daß im deutschen Strafrecht die Juden mit anderem Maße gemessen werden sollen als die Arier, da die Juden zweimal so viel Verbrechen begehen wie die Arier. Die Strafe für jüdische Verbrecher müsse härter sein als die für nichtjüdische. Die Zahl jüdischer Betrüger sei doppelt so groß als die nichtjüdischer und die Zahl jüdischer Bankrotteure mache sogar das Zwanzigfache der nichtjüdischen Bankrotteure aus. Die Behauptungen der „Juristischen Wochenschrift" basieren auf dem soeben erschienenen Buch von Walter Poetsch „Die jüdische Rasse und ihre Verbrecher", das mit ganz willkürlichen Ziffern operiert. Wissen Sie schon, daß der kanadisch-jüdische Kongreß, der 64 große jüdische Organisationen repräsentiert, beschloß, den Boykott deutscher Waren und Dienste in Kanada zu intensivieren, und eine permanente Kommission zur Führung und Ueberwachung der Boykottbewegung einsetzte? daß das Warschauer Gericht dien Studenten Wojczych Grabicki, der Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte zertrümmert hatte, zu acht Monaten Gefängnis verurteilt hat? daß über 600 protestantische Pfarrer, die von Juden abstammen, ihre Aemter niederlegen mußten, während viele andere Pfarrer ein gleiches Schicksal erwartet: die Gesamtzahl der mit Jüdinnen oder von Juden abstammenden Frauen verheirateter protestantischen Geistlichen steht noch nicht fest. daß allwöchentlich etwa 20 jüdische Aerzte Deutschland verlassen; 40 Prozent derselben begeben sich nach Palästina. Es werden Anstrengungen gemacht, für einen Teil der auswandernden Aerztei Visa nach Amerika zu bekommen, wo sie. sofern sie über genügend Mittel verfügen, nach einem Jahre die Möglichkeit haben, eine ergänzende Prüfung zu machen und sich als Aerzte zu betätigen. daß in einer von der „Glaubensbewiegung Deutscher Christen" im Berliner Sportpalast veranstalteten Kundgebung eine Entschließung angenommen wurde. In der u. a. gefordert wird, daß entsprechend dem von der Generalsynode beschlossenen Kirchengesetz der Arierparagraph ohne Abschwächung durchgeführt und alle fremdblütigen evangelischen Christen iu besonderen Gemeinden ihrer Art zusammengefaßt würden; der Berliner Gauleiter Dr. Krause forderte die Ausschaltung des Altem Testaments als Religionsbuch. daß ungieachtet der Kundgebung des Reichswirtschaitsminisleriums, den wirtschaftlichen Judenboykott nicht zu propagieren, der Bund nationalsozialistischer Juristen beschloß, seine Mitglieder zu verpflichten, nicht nur selbst jüdische Geschäfte1 zu boykottieren, sondern auch ihre Verwandten und Bekannten hierzu anzuhalten. daß die maßgebende südafrikanische Presse, voran „Cape Times" in Leitartikeln die südafrikanische Bundesregierung auffordert, dem Beispiel Amerikas zu folgen und eine strenge Untersuchung wegen der Nazi- Umtriebe in Südafrika einzuleiten; diese Untersuchung müßte sich auch auf die ehemalige deutsche Kolonie Südwestafrika erstrecken, wo die deutschen Umtriebe einen geradezu antisemitischen Charakter tragen. daß durch Vermittlung Albert Einsteins sich 15 ehemals an deutschen Universitäten tätige jüdische Professoren der Medizin und 40 aus Deutschland ausge- ✓ wanderte jüdische Aerzte an die türkische Regierung mit dem Ersuchen gewandt haben, ihnen die Niederlassung in der Tükei zu ermöglichen: die Aerzte erklären sich bereit zunächst unentgeltlich Dienst zu tun. falls man ihnen die Zusicherung gibt daß sie nach einigen Jahren in den türkischen Staatsbür^erverband aufgenommen werden. daß der soeben in sein Amt eingeführte Erzbischof der lettländischen Luther-Kirche. Professor Dr. Grünberg. Pressevertretern erklärte, er sei ein entschiedener Gegner von Rassenhaß und werde für Zusammenarbeit aller Schichten der Bevölkerung wirken; er zähle Juden zu seinen besten Freunden. daß in Mlawna. Weißrußland, die Schüler der dortigen Schule die Ortssynagoge stürmten, die Inneneinrichtung demolierten und die Wände mit antisemitischen "Schimpfworten beschmierten? Spexialhaus für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, Z. Bez., TaJborsiraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden _Telephon A 45-8-69 _ daß die deutschen Postbehörden eine Weisung erhielten, kein Exemplar des von Julius Streicher in Nürnberg herausgegebenen „Stürmer" in das Ausland zu lassen, weil das Niveau der anf semitischen Hetze dieser Zeitung in der ausländischen Presse Sensation erregt; in Deutschland hingegen da« der „Stürmer" frei versendet und kolportiert werden und auf die breiten Volkskreise ^wirken". daß die nationalsozialistische Presse die Meldung, daß die berühmte schwedische Schriftstellerin und Nobelpreisträgerin Selma Lagerlöf ihr letztes Werk dem „Internationalen Komitee zur Unterstützung der deutschen Flüchtlinge" geschenkt hat mit der Aufforderung zum Boykott der Werke der Dichte-In versieht; in den Aufrufen heißt es: „Wer ein Werk der Lagerlöf kauft, schädigt Deutschland". daß der Leipziger Magistrat beschlossen hat die Rathenau-Straße in Theodor Fritsch-Straße, zur Ehrung des verstorbenen Lehrers der Radauantisemiten, umzubenennen? daß auf Grund des Gesetzes über die Einziehung kommunistischer Vermögen (?) die Vermögensgegenstände der Eheleute Professor Albert und Else Einstein zugunsten des preußischen Staates eingezogen worden sind? Aus affer Weit Sofia. Haim Farchy, Präsident des Zentralkonsistciriums der Juden Bulgariens, ist als Nachfolger d<es verstorbenen früheren Ministerpräsidenten Liaptscheff in das bulgarische Parlament als Vertreter der Partei der demokratischen Ententei eingetreten. Er leistete den Eid in die Hände des Oberrabbiners von Sofia, Dr. Ascher Hananel, der zur Abnahme des Eides in das Parlament kam. Prag. Dar langjährigen Forderung religiös fortschrittlich gesinnter Juden nach Errichtung eines Urnenhains auf dem jüdischen Friedhof in Straschnitz Rechnung tragend, hat die Prager israelitische Kultusgemeinde nach Verhandlungen mit der Chewra Kadischa einen Urnenfriedhof errichtet. Die Urnen werden in der Erde beigesetzt. Ueber zwanzig Urnen hairren der Bestattung. Sie sind seit Monaten in einem eigens hiefür adaptierten Räume des jüdischen Rathauses provisorisch untergebracht Saloniki. Der Staatsanzeiger veröffentlicht einen offiziellen Erlaß des Gouverneurs von Saloniki, demgemäß der Tag des jüdischen Versöhnungsfestes, Jörn Kippur, der siebente jährliche Staatsfeier t a.g ist; ebenso wie an den sechs übrigen Staatsfeier.tagen müssen auch am Jom Kippur in Saloniki alle Läden, jüdische und nichtjüdische, geschlossen bleiben. Die Anregung zu diesem Erlaß gab ein Beschluß der Handelskammer von Saloniik'i. Es ist dies der erste Fall, daß in einem christlichen Staat ein jüdischer Feiertag als allgemeiner Feiieirtag proklamiert wird. Kairo. Als erster Jude wurde Oberrabbiner Chaim Nahum Effendi von der ägyptischen Regierung in die nach dem Muster der französischen Akademie, gebildete und unter der Patronanz König Fuads stehende ägyptische Akademie entsandt Oberrabbiner Chaim Nahum genießt in Aegypten höchstes Ansehen und gehört zum engsten Freundeskreis König Fuads. Er war einst Oberrabbiner der Türkei und übte als solcher großen Einfluß auf die Gestaltung der Lage der Juden im türkischen Staate au&. Paris. Anläßlich der Eröffnung des neuen akademischen Jahres hat die Sorbonne zwei italienischjüdischen Gelehrten, den Professoren Cesare Vivante und Levita-Civita. das Ehrendoktorat verliehen. Professor Vivante, eine weltbekannte Autorität auf dem Gebiete des Handelsrechts, ist der Schöpfer des neuen, italienischen Handelsgesetzbuches. Professor Civita. ein berühmter Mathematiker, ist Mitglied des Kuratoriums der Hebräischen Universität Jerusalem und das einzige nichtkathoh'scha Mitglied der päpstlichen Wissenschaftlichen Akademie. Frankfurt a. Main. Im' 62. Lebensjahre ist Professor Frei mann, der seit 1889 an der Frankfurter Stadtbibliothek tätig war und sich große Verdienste um ihren Ausbau erworben hat in den Ruhestand getreten. Mit seiner Wirksamkeit ist der ganze Aufbau der Hebraica- und Judaicasammlung verbunden, die sich neben derjenigen von Oxford als die bedeutendste und umfangreichste auf dem europäischen Kontinent präsentiert. Sie umfaßt mehr als 50.000 jüdische Bücher und Manuskripte, darunter Werke von einzigartigem Seltenheitswert. Frefmann, der diese Sammlung zum größten Teil zusammengebracht hat gilt als einer der bedeutendsten lebenden Fachkenner auf diesem Gebiet. Belgrad. Der wegen seines Judentums entlassene berühmte Leiter des Krebsforschungsinstitutes an der Berliner Charite, Professor Dr. Ferdinand Blumenthal, der als außerordentlicher Professor an die Belgrader Universität berufen wurde, hielt im Physiologisch-Histologischen Institut der Belgrader medizinischen Fakultät seine Antrittsvorlesung über seine Untersuchung der Krebserkrankungen. In einer kurzen Einleitungsansprache dankte er der jugoslawischen Regierung und der Belgrader Universität, daß sie ihm ermöglicht haben, seine wissenschaftlichen Forschungen über die Knebskrankheit fortzusetzen. Es fiel auf. daß der Vorlesung ein Vertreter der deutschen Gesandtschaft beiwohnte.