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Die Wahrheit · 1933-11-24 · Heft 47 (24.11.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 47 (24.11.1933)
Date
1933-11-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Die deutsche Judenfrage ad acta. Von Rabbiner Dr. David Schönberger. Aachen. Mit zwiespältigen Empfindungen nur vermag der deutsche Jude einen Ausspruch zu lesen, den der Reichsminister Dr. Goebbels anläßlich der Eröffnung der Reichstagswahlpropaganda in einer Rede in Dresden getan haben soll: „Wir haben an der Judenfrage das gelöst, was zu lösen war, und sie..dann ad acta gelegt" — Es mag gewiß manchen unter uns geben, der aufatmend sich damit zufrieden gibt, daß ein weiterer Einbruch in unsere staatsbürgerlichen Rechte von Regierung wegen nicht mehr erfolgen soll, daß die Gesetzesmaschine, deren eiserne Macht mit unerbittlicher Strenge die Deklassierung des deutschen Juden zum deutschen Staatsgesetz erhob, nunmehr in dieser Richtung eingehalten werden soll; aber alle diejenigen unter uns, die nicht die Not der Existenzumwälzung, sondern das Leid der im tiefsten verwundeten Seele als das furchtbarste Geschick ihrer Gegenwart empfinden, — alle die, denen Recht, Heimatliebe und Stolz auf Deutschtum und Judentum kein Problem, sondern eine Realität ist, sie werden erneuten Schmerz ihrer Seelenwunde spüren bei diesem „zu den Akten Gelegtwerden". Zu den Akten lassen sich Akten legen, aber Seelen, lebendige, blutende Seelen lassen sich nicht bloßen Maßnahmen einreihen. Das ist es, was wir Juden erst einmal selbst begreifen müssen. Wir müssen wissen, daß nicht unser Dasein das Höchste ist, sondern unser seelisches Dasein! — Gewiß: was immer von uns geschieht, um durch Helfen und Aufbauen Existenzen deutscher Juden vor dem Zerfall zu bewahren, ist wichtig und notwendig. Aber unsere eigentliche Not — das gilt es festzuhalten — wird durch keine äußere Regulierung aufgehoben. Unsere eigentliche Not ist Seelennot Unsere Seelen sind verwundet, weil man ihr Menschentum deklassiert hat, weil man glaubt uns in minderwertiges Rassentum einkatalogisieren zu können, weil man unsere Jugend ausschließt von allem, was ihr das stolze Zugehörigkeitsgefühl zur heimatlichen Erde geben kann. Das alles frißt an unserem Herzen, ist der nagende Gram an unserer Seele. Wehe uns, wenn wir uns zufrieden gäben mit einer Ruhe, die allen Anspruch auf höchstes Menschentum, auf Ehre, Recht und Würde begräbt unter dem Aktenstaub einer einigermaßen auskömmlichen Existenz. Nein, nicht das Judenproblem in Deutschland würde damit ad acta gelegt, sondern unsere Seelennot würde als nicht vorhanden betrachtet werden. Gerade die Männer, die jetzt die Geschicke des deutschen Volkes leiten, betonen ja selbst immer und immer wieder, daß Achtung vor der Seele des deutschen Volkes, vor seiner Würde und seiner Ehre ihnen über alles geht. Sie müßten deshalb eigentlich verstehen, daß der deutsche Jude seine Seelennot nicht ad acta legen läßt daß er immer und immer wieder seine Stimme erheben muß für das, was er als sein Recht und seine Würde erachtet Täte er es nicht, er verdiente, daß man seine Seelennot ad acta legte! Solche Haltung aber ist auch das, was allein unserer Seele von uns aus die Lebenskraft und Heilung geben kann. Seelischem Sein genügt es nicht zu wissen, daß ihm seine Treue, sein Stolz, sein Wert und sein ehrlicher Wille nicht von außen her abgesprochen werden kann. Erst der Kampf FERROCART S U P ER 1934t OPNVPHO für die göttlichen Güter wahren Menschentums gibt der verwundeten Seele ihre Gesundung! — Wenn wir nicht in ein Ghetto des Geistes uns einzwängen wollen, dann darf sich unser ehrlicher Wille und Anspruch auf Gleichverpflichtung und Gleichberechtigung in dem Land unserer Geburt nie und nimmer zum Schweigen bringen lassen. Unser Judentum lehrt uns die Ebenbildlichkeit des Menschen mit Gott. Diese Lehre ist eine Forderung an unsere Seele, dem göttlichen Recht der Gleichwertung alles edlen Menschentums Vorkämpfer zu sein. Das Judenproblem läßt sich zu den Akten legen, die Seelennot der deutschen Juden niemals! Palästinas Pforten gesperrt Unter der jüdischen Bevölkerung Palästinas wächst die Erbitterung über di«e einseitig gegen jüdische Einwanderer sich kehrende Art in der die vom Kolonienminister Sir Philip Cunliffe- Lister angekündigten Maßnahmen gegen illegale Einwanderung nach Palästina gehandhabt werden. Das Vorgehen der Einwanderungsbehörden ist dazu angetan, nicht allein illegal Eingewanderte empfindlich zu treffen, sondern auch den für die Palästina-Wirtschaft so außerordentlich wichtigen legalen Touristenverkehr schwjer zu beeinträchtigen. Durch arabische Bauern verstärkte Abteilungen englischer und arabischer Polizisten veranstalten längst der Küste Razzien nach illegal eingewanderten Juden. Die verhafteten Männer werden in das Gefängnis der Festung Akko, die Frauen in das Frauengefängnis zu Bethlehem, die Kinder in ein Waisen Ii ausin Haifa gebracht An der Nordgrenze Palästinas wurde die Kette der Grenzwachabteilungen verdichtet. An der Grenzstation Ras-el-Nakura halten englische und arabische Polizisten alle aus Syrien kommenden Autobusse und Privatautos an und fragen die Chauffeure, ob sich nicht Juden unier den Passa- Icuilicton Leiden adeln. Eine Tempelrede, gehalten vom Univ.-Prof. Dr. D. Herzog, Landesrabbiner in Graz. Von jenem Augenblick an, da Kain den Abel verfolgt und getötet hat, ist der Neid, der Haß, die Zwietracht und der Mord in die Welt geraten und leider auch Begleiter der Menschheit geblieben. Und von einem solchen Neid und Haß erzählt uns die Heilige Schrift auch heute, indem sie uns die Gegensätzlichkeit zwischen Esau und Jakob vor Augen führt. Allerdings, diese Gegensätzlichkeit hat ihre Quelle in den so verschiedenen Anlagen und Charaktereigenschaften der Brüder. Während der eine ein Naturschwärmer, ein Kraftmensch, ein Jäger ist, der in Wald und Flur seine Heimat und sein Glück sieht ist der ändere ein Geistesmensch, ein Grübler, ein weitabgewandter Idealist Daß solche zwei Menschen, obschon sie Kinder derselben Eltern, sogar Zwillinge sind, sich auf die Dauer nicht gut vertragen konnten, pflegt man gewöhnlich anzunehmen, weil diese polaren Eigenschaften Spannungen auslösen müssen. Aber da muß man sich auch fragen, wie soll es bei einer solchen Anschauung zu einem friedlichen Zusammenleben der Menschen kommen, wenn Verschiedenartigkeit der Weltanschauungen eine Kluft schafft die nicht überbrückt werden kann? Darum war es eine der wesentlichsten Aufgaben der jüdischen Religion, daß sie die nun einmal unter den Menschen vorhandenen Unterschiedlichkeiten in Frieden auslöst Denn nur dann, wenn die Menschen bei aller Betonung ihrer Eigenart auch die Eigenart ihres Nebenmenschen ehren und schätzen, kann ein erträgliches Dasein auf Erden ermöglicht werden. Doch diese Lebensauffassung des Judentums scheint heute wertlos geworden zu sein. Denn wohin wir auch' blicken mögen, gewahren wir, daß die Menschen sich gegeneinander abschließen, daß ein Volk das andere am liebsten vernichten möchte, daß man alle möglichen Mittel herbeischafft um ja nur Unterschiedlichkeiten aufzurichten. Volkstum, Rasse, Glauben, sie alle müssen herhalten, um die Menschheit zu spalten, zu entzweien, die wenigen Jahre, die dem Menschen auf Erden zu leben gegönnt sind, in Weh und Kummer verbringen zu müssen. So aber wird die Menschheit nicht genesen. Hier müssen wieder die Ideale des Glaubens beachtet werden, die in jedem Menschen das Ebenbild Gottes erblicken und jedem Menschen einen Platz unter der Sonne gewähren. Nur so wird es tatsächlich möglich sein, ein erträgliches Beisammensein der Menschen zu schaffen. Aus diesem Grunde muß man es tief bedauern, daß fast in der ganzen^ Welt durch eine übersteigerte nationale Welle das" friedliche Beisammensein der Menschheit gestört wird, worunter wir Juden als Minderheit ja besonders schwer zu leiden haben. Uns trifft dieses Leid um so härter, als wir ja stets ein so tief mitempfindendes Verständnis für die Leiden der Menschen hatten. Und unser Erbarmen und Mitleid ist nicht erst von heute und gestern, sondern so lange es ein Judentum gibt, haben wir uns bemüht, an dem Wohle der Menschheit mitzuarbeiten. Wir begreifen auch, daß jedes Volk seine nationale Eigenart sich zu wahren sucht. Wir haben volles Verständnis dafür. Muß aber die Pflege dieser Art verknüpft sein mit dem Haß, der Verachtung und Verfolgung anderer? Das wird der sittlich fühlende Mensch niemals begreifen können. Und darum halte ich es als einen Akt sittlicher Pflicht daß wir unentwegt an den Idealen unseres Glaubens, der Versöhnung der Menschheit arbeiten. Daß diese Arbeit nicht ohne Leiden möglich ist, das wissen wir. Aber wir wissen auch, daß solche Leiden adeln und dem Menschen ein so beseeligendes Gefühl verleihen, daß er dadurch die Segnungen der ewigen Seligkeit voremphndiet So wird uns auch von unserem Stammvater Isaak erzählt daß er sich Leiden wünschte, indem er zu Gott sagte: Herr der Welt ich habe das Empfinden, daß wenn der Mensch ohne Leiden stirbt, ihm ein strenges Gericht droht weil er sich nicht geläutert hat Ueber wen du aber Leiden bringst, dessen Gericht wird gemildert Und Gott sagte: Bei deinem Leben, du hast dir etwas Großes und Gutes gewünscht, so will ich denn mit dir den Anfang der Leiden machen. Seitdem kamen die Leiden über uns, die wir stets ruhig getragen haben, weil sie uns sittlich geläutert, moralisch gekräftigt und seelisch erhoben haben. Darum jammern wir nicht! Die Zeiten sind hart und schwer und vielleicht seit Jahrhunderten sind nicht solche seelischen Leiden über uns hereingebrochen. Namentlich unsere Jugend, unsere Zukunft leidet Unsagbares. Aber verzweifeln wir nicht an der Allgüte Gottes, der uns ja immer, wie gefahrdrohend auch die Zeiten zuweilen waren, gerettet hat. Denn noch gibt es in der Welt ein Gewissen, das wach ist und sich seiner sittlichen Pflichten bewußt ist Die aber hassen und verfolgen, mögen sich gesagt sein lassen, daß es eine Vergeltung gibt Nicht ohne Erfahrung hat darum ein Lehrer gieren befinden. Bei der Paßkontrolle werden die Reisenden nach dem Religionsbekenntnis befragt Aus Akko wurden Polizeiabteilungen an die Nordgrenze abkommandiert, um ein Durchschmuggeln jüdischer Reisender abseits der Straßen zu verhindern. Aus Deraa (Syrien) wird berichtet, daß dort eine Besprechung zwischen dem französischen Gendarmeriekommandanten und palästinensischen Beamten zwecks gemeinsamen Vorgehens gegen illegale jüdische Einwanderung aus Syrien nach Palästina abgehalten wurde und daß die Behörden des Libanon bereits daran gehen, die Wachen an der Grenze gegen Palästina zu verstärken. Die Jerusalemer Tageszeitung „Hnarez" erfährt, daß arabische Kreise in Syrien und im Libanon von anabischen Politikern Palästinas aufgefordert wurden, die Palästinaregierung in ihren Bemühungen, illegales Ueberschreiten der syrisch-palästinensischen Grenze durch Juden zu unterbinden, tatkräftig zu unterstützen. Nur 250 Einwanderer je Schiff zugelassen. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, werden weitereMaßnahmen zur Einschränin Israel, Berahja, gesagt: Je nach der GröSe des Ochsen muß die Beschaffenheit des Schlächters sein. Er wollte damit auf das damalige Rom hinweisend sagen, selbst dieses gewaltige Reich wird seinen Bezwinger finden. So dürfen wir denn mutig und zuversichtlich in die Zukunft schauen. Um uns aber die Kräfte für diese Zuversicht zu holen, müssen wir wieder die Lehren unseres Glaubens einwirken lassen. Namentlich unsere Jugend soll inne werden, daß das Judentum nicht ohne Sinn in die Welt gesetzt worden ist. Und darum, wenn wir noch so viele Opfer bringen müssen, wir sollen es freudig tun, weil uns daraus Heil ersprießen wird. Unsere Lehrer haben die Frage aufgeworfen, was war es denn, das unseren Stammvater Jakob veranlaßt hat, sein Leben für das Erstgeburtsrecht hinzugeben? Und sie sagen: Ehe die Stiftshütte errichtet war, waren die Höhen gestattet und der Opferdienst wurde von den Erstgeborenen versehen, als aber die Stiftshütte aufgebaut worden war, wurden die Höhen abgeschafft und nur Priester durften das Opfer darbringen. Da dachte Jakob: Wie, der Opferdienst soll durch einen Esau verrichtet werden? Nein! Und darum gab er sein Leben hin für das Erstgeburtsrecht So soll es auch bei unserer Jugend sein! Sie muß für unsere Ideale kämpfen, sie soll wissen, daß es um das Höchste geht, worum der Mensch kämpfen muß, um seine Ehre, seine Freiheit, sein Bekennen zu Idealen, welche der Menschheit unsagbare Werte gegeben haben. Sie muß diesen Opferdienst an der Menschheit zu vollziehen bereit sein, auch wenn es um das Leben geht. Darum, so hart und bitter auch die Zeiten sein mögen, wir brauchen nicht zu verzweifeln. Denn noch immer hat das Gute den Sieg über das Böse davongetragen. Sehen wir es denn nicht auch bei Esau und Jakob? Wer trug den Sieg im Bruderzwist davon? Nicht Esau, sondern Jakob, dem der Bruder um den Hals fällt während er in Tränen seinen Hau erstickt. So sind wir denn überzeugt, daß die Zeit kommen wird, ja kommen muß, in der der Haß abgebaut werden wird, in der jede Gleichschaltung als etwas Unsittliches gebrandmarkt werden wird und in der wieder der Mensch In seinem Nebenmenschen den Bruder, das Ebenbild Gottes ehren und schätzen wird, in der man auch unseren Wert anerkennen und einsehen wird, daß wir eine gewichtige Funktion in der Welt zu erfüllen, eine Lücke auszufüllen haben, die weniphkadta, ki jipaked moschabheka unausgefüllt bliebe, wenn unser Platz leer bliebe. Das ist unsere Zuversicht unsere Hoffnung, die sich bald erfüllen möge! Amen!

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