Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 47 (24.11.1933)
- Date
- 1933-11-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Wtß^^^^^^^^W^ Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten Jüdische U)ock Die tBcmrheif mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitische]! Ktdtusgemeinde Wien Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 24. November 1933 Nummer 47 Einmal reiner Wein. Zum Nachfolger Vaugoins als Parteiobmann der Christlichsozialen wurde in der Vorwoche Minister a. D. Dr. Emmerich C z e r m a k gewählt, der unseren Lesern in letzter Zeit als der Mitarbeiter des Jüdischnationalen Dr. Karbach bei der „Ordnung der .Judenfrage" bereits vorgestellt worden ist. Zu seinem Stellvertreter wurde der Sozialminister Dr. Schmitz bestellt, der seine Befähigung, alle kosmischen Ereignisse antisemitisch zu deuten, schon vor längerer Zeit bewiesen hat. Diese Neugestaltung der christlichsozialen Führung wurde durch kritische Bemerkungen zu dem Czermak-Karbach-Buche präludiert, die gerade an dem Tag, an dem Czermak an die Spitze der Regierungspartei berufen wurde, an leitender Stelle der „Reichspost" erschienen sind. Die Jüdischnationalen haben mit größter Ungeduld (siehe die letzte Nummer der „Neuen Welt"!) eine Stellungnahme des katholisch-klerikalen Hauptorgans zu dem zionistisch-christlichsozialen Werke erwartet, und nun, da diese Kritik endlich erschienen ist. bedeutet sie für sie einen harten Schlag. Denn die „Reichspost" schreibt da: „Nur ein der christlichen Tradition entfremdetes, von seiner ruhmvollen Geschichte abtrünniges Europa, nur ein Abendland, das seinen eigenen Geist aufgab, um sich einem fremden zu unterwerfen, konnte sich ein derartiges Projekt zu eigen machen." Das Projekt, das eine so entrüstete Kritik des Arrikelschreibers hervorrief, ist das der Neugründung eines Judenstaates in Palästina . . . . Seine Empörung über diesen Plan äußert er in folgender Weise: „Nur Staatsmänner, die vom „Gott will es"-Geist der Kreuzzüge sich nicht weniger weit entfernt haben als der Weltumstürzer Bolschewismus von Gott, konnten sich auf den abenteuerlichen Versuch einlassen, den zerstörten Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen, ohne zu bedenken, daß eines Tages wieder, wie schon wiederholt in der Vergangenheit, die Flammen des Zornes Gottes hervorbrechen würden, den Frevel zu vernichten. Sind die blutigen Ausbrüche der Erbitterung der bodenständigen arabischen Bevölkerung gegen die jüdische Landnahme nicht Warnung genug?" Man mag über den Zionismus denken, wie man will: Das jüdische Aufbauwerk in Palästina, die Verwandlung von Morast und Wüste in blühendes Kulturland, hat in sittlicher Beziehung einen Vergleich mit den Kreuzzügen sicherlich nicht zu scheuen. Ganz absurd aber ist es, die von Hitlergeld geschürte „Erbitterung" der arabischen Palästinenser über die ihnen bloß Vorteile bringende jüdische Einwanderung als Warnung Gottes zu deuten. Aber auch die von Dr. Walter Riehl propagierte Gründung des Judenstaates in Madagaskar wird verächtlich abgetan: „Madagaskar? Ein klägliches Auskunftsmittel und Eingeständnis der Ratlosigkeit. Um das eigene Land von „Fremdstämmigen" zu säubern, soll diesen ein Territorium unter völliger Mißachtung der Eingebornenrechte als Eigentum zugewiesen werden. Nur in einem jeden Rechtsempfindens baren Hirn konnte ein solcher Gedanke Unterkunft finden." Man freut sich über das hier betonte Rechtsempfinden und harrt um so gespannter auf die einem so gerecht denkenden Hirn gemäße Stellung zur Judenfrage. Man höre: „Nach christlicher Auffassung ist das Judenvolk durch eine Art nationaler Erbschuld ähnlich jener großen Urschuld, die das erste Menschenpaar und mit ihm die ganze Menschheit aus dem Paradiese verstieß, zur Zerstreuung verurteilt bis zum Tage seiner Erkenntnis und Erlösung." Wir sind also „zur Zerstreuung verurteilt". Das ist an und für sich noch nicht so schlimm. Denn schließlich sind unter den Juden diejenigen, die sich »ach einem Judenstaat in Palästina oder gar in Madagaskar sehnen, doch in der Minderheit. Die übrigen werden sich gern damit abfinden, daß alles beim Alten bleibt oder sogar, damit auch die anderen sich mit dem Schicksal der Diaspora aussöhnen, das Verbesserungsbedürftige wirklich verbessert wird. Aber der „Reichsposf'-Leitartikler denkt an nichts weniger als daran, uns die Gallith schmackhafter zu machen. Im Gegenteil: Alle Versuche, die bisher in dieser Richtung unternommen worden CNonnc aoswam. BILLIGSTE PREISE E pPlP #8 V %. TEPPICHE VORHÄNGE FlOBELSTOrrE, DECHEN NUR l.,DAIJ£KNMARhT12-14 sind, sollen rückgängig gemacht werden. Die Juden dürfen das Leben in der Zerstreuung nicht als Segen genießen, sondern müssen es als F1 u c h empfinden. Denn ein solcher ruht auf ihnen seit den Tagen der Christus-Verwerfung . . . „Man braucht das GhettodesMittelalters, dem noch das Wesen der Judenfrage geläufig war, durchaus nicht für eine ideale Lösung zu halten, etwas für die Gegenwart Symbolhaftes und Wegweisendes haftet ihm an, indem es die Tatsache der Zerstreuung als gegeben und gottgewollt hinnimmt und gleichzeitig für ein geordnetes Auseinander und Nebeneinander des so Wesensverschiedenen sorgt." Das „Reichsposf'-Ideal in der Judenfrage ist also das Ghetto. Es braucht nicht das reale des Mittelalters zu sein, es genügt ein symbolisches. Was ist aber nun ein symbolisches Ghetto? Offenbar jene Diffamierung, jene Nadelstichpolitik gegen die empfindliche jüdische Ehre, gegen die die gesamte jüdische Abwehrbewegung eigentlich gerichtet ist. Eine völlige Gleichberechtigung haben wir Juden auch in der liberalsten Aera nicht genossen. Es gab immer eine Reihe von Berufen, die nur dem Täufling zugänglich waren. Trotzdem waren wir Juden in Oesterreich zufrieden, denn unsere Gleichberechtigung stand auf dem Papier und wurde von niemandem angefochten. Unser Widerspruch wurde erst geweckt, als die Rasiere DUfiöotondölllifi Ocstcnrciclilsc&eft Haantats ra brtkai Ueberau erhältlich antisemitische Terminologie in uns M i n d e rwertigkeitsgefühle lebendig zu machen suchte, ohne daß sich an unserem äußeren Rechtsbesitz eigentlich viel geändert hätte. Nicht so sehr gegen Entrechtung als gegen Beleidigung bäumte sich das jüdische Gefühl in der Lueger- Aera auf. Nun hören wir, daß das, was wir für gelegentliche Ausflüsse antisemitischer Ranküne hielten, die wohlberechnete Taktik eines politischen Systems war und ist, das in uns das Bewußtsein, Träger eines Fluches zu sein, lebendig erhalten sollte. Für diese Klarstellung kann man der „Reichspost" nur dankbar sein. Sie hat uns einmal reinen Wein eingeschenkt, statt uns wie sonst an der Nase herumzuführen, indem sie den Antisemitismus bald mit der jüdischen „Vaterlandslosigkeit", bald mit dem Andrang der Juden zur „Vaterländischen Front", einmal mit dem jüdischen Kulturbolschewismus und dann wieder mit den kapitalistischen Instinkten der Juden begründete. Heute wissen wir, daß der Antisemitismus, der schon so oft im Erlöschen war und künstlich immer wieder entfacht worden ist. nicht in uns selbst seine Lebensquelle hat, sondern in der oben geschilderten Funktion, die uns von den christlichen Kirchen zugewiesen worden ist. Was ist nun von jüdischer Seite zu tun, gegenüber der von der ..Reichspost" erfreulicherweise so offenherzig kundgegebenen kirchlichen Einstellung? Nichts anderes, als sich mit Geduld wappnen. Gegen Dogmen hilft keine Argumenta, sondern nur der Fortschritt der Zeit. Wie viele mußten auf den Scheiterhaufen der heiligen Inquisition schmoren, weil sie sich zu der Auffassung bekannten, daß die Erde sich um die Sonne dreht? Heute muß auch die Kirche längst zugeben: „Und sie bewegt sich doch!" Auch die „Reichspost" wird sich einmal zu der Ansicht durchringen, daß wir Juden nicht zum Spielball eines alten Dogmas erniedrigt werden dürfen, sondern volles Recht auf Ehre und Anerkennung unserer menschlichen und staatsbürgerlichen Rechte haben. Zu diesem Zwecke ist es aber erforderlich, daß wir unser Selbstbewußtsein aufrecht durch die Zeiten der Finsternis tragen. ACHYU1VO? Samstag, den 16- Dezember, 8 Uhr abends, im Festsaal des Handelsmuseums, IX., Berggasse 16 Channha f der der Union4 Erstklassiges Programm Sichern Sie sich rechtzeitig Karten t