Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 46 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Es ist selbstverständlich, daß unter den heutigen Verhältnissen der größte Teil der deutschen Geisteswelt sich dem Juden verschließt; nicht selbstverständlich ist, daß die „Neue Welt" dies mit Befriedigung feststellt Die „Neue Welt" erinnert auch an den „Haßgesang gegen England". Natürlich, das mußte, kommen. Jeder, dem eine so ausgeprägte Persönlichkeit wie Lissauer irgendwie nicht paßt, zieht den „Haßgesang" hervor. Er ist im September 1914, aus jahrelanger Sorge um das Schicksal des Vaterlandes, gedichtet worden und nicht Lissauer hat ihn über das Erdenrund verbreitet, sondern Millionen von Landsleuten und — damaligen — Gegnern. Immerhin, den „Haßgesang" möchte die „Neue Welt" Lissauer noch verzeihen, dann aber habe er sich „in das Reich der Bibel, des Pathos, der Ethik gestürzt", er habe, es ist empörend, nach dem Haßgesang .JAoses"- und „Bach"-Gedichte verfaßt und das kann die „Neue Welt" ihm nicht vergeben. Hier ist die Welt "nun allerdings mit Brettern vernagelt und zwar mit denselben, die der Verfasser dieser Dummheiten vor der Stirn trägt Solche Leute ahnen nichts von dem Weg, den Lissauer — er schrieb übrigens längst vor dem „Haßgesang" die pathetischen Hymnen seines ..Strom", darunter auch schon einen „Lobgesang an Bach" — seit dem Erlebnis des Krieges zurückgelegt hat und den seine Werke bezeugen. Jedes Wort schief, jeder Laut gehässig, alles gänzlich von außen gesehen, barbarisch rohstofflich, ahnungslos vorbeigehend an Wesen und Aufgaben eines Dichters und zumal an den Problemen des in deutscher Sprache dichtenden Juden: „Neue Welt"? Immer und ewig die alte Welt _ R. W. Wissen Sic schon. daß die lettischen Faschisten eine Volksabstimmung eingeleitet haben, die darauf abzielt, den Juden das Wahlrecht, das Recht zum Erwerb von Immobilien und Handelslizenzen, den jüdischen Aerzten das Recht zur Behandlung von Nichtariern zu entziehen, daß aber die Rigaer Stadtverwaltung es abgelehnt hat, ein Büro für diese Abstimmung einzurichten; ebenso hat der lettische Innenminister eine von den lettischen Faschisten geplante Kundgebung für Entrechtung der Juden verboten. daß Delegierte sämtlicher jüdischen Frauenvereine Lettlands in einer gemeinsamen Konferenz den Boykott deutscher Waren und deutscher Arbeit proklamierten, sowie die gesellschaftliche Aechtung aller derjenigen Juden oder Jüdinnen, die den Boykott brechen? daß der Bürgermeister von Heidenberg in Ostpreußen sämtliche in der Stadt lebenden Juden, 125 Seelen, aufgefordert hat, bis zum 31. Dezember die Stadt zu verlassen? daß der englische PEN-Klub die Schriftsteller Lion Feuchtwanger und Ernst Toller zu Ehrenmitgliedern ernannt hat als Demonstration gegen die deutschen Machthaber der Politik und Kunst, die die genannten Schriftsteller verfemt haben? daß das tschechoslowakische Justizministerium die Beschlagnahme der ganzen Auflage des antisemitischen Pamphlets „Zrcadlo Zydu" (Judenspiegel) verfügt hat, das in der letzten Zeit von tschechischen antisemitischen Kreisen stark kolportiert wurde? daß der Präsident des Danziger Senats, der Nationalsozialist Rausching, in einer Pressekonferenz erklärte, die jüdische Bevölkerung in Danzig habe keinerlei Ursache, sich beunruhigt zu fühlen? daß auf einem in Johannesburg abgehaltenen jüdischen Massenmeeting der südafrikanische Minister Grobler erklärte, er könne die bestimmte Zusicherung geben, daß die Regierung es nicht zulassen werde, daß der Rassenkampf aus Europa nach Südafrika übertragen und das Gift des Rassenhasses in diesem Lande verbreitet werde? daß auf einer Sitzung des PEN-KIubs in London, zu der Vertreter der angegliederten ausländischen Gruppen und auch der deutschen Gruppe erschienen waren, nach längerer, teilweise heftiger Wechselrede eine Entschließung angenommen wurde, im Hinblick auf die Tatsache, daß das literarische Leben in Deutschland gegenwärtig Grundsätzen unterliegt, die mit den Ideen und Grundsätzen des PEN-Klubs unvereinbar sind, der deutschen Gruppe anheimzustellen, aus dem PEN-KIub-Verband auszutreten, welchen wohlgemeinten Ratschlag die Nazis inzwischen befolgt haben? daß der Billard-Städtekainpf Hamburg—Groningen in diesem Jahre in Frage gestellt war, weil Hamburg nicht in der Lage war, vier spielstarke arische Spieler zum Kampf zu stellen, und daß man sich deshalb entschlossen hat. die beiden jüdischen Spieler Dr. Meyer und Fleischmann zu stellen? VeröffentlicQungen der „Union" Vorlesung Ernst Lissauers. In dem von der „Union Österreichischerjuden" im Festsaal des Handelsmuseums, IX., Berggasse 16, veranstalteten Vortragsabend, liest Lissauer, Donnerstag, den 23. November, 8 Uhr, drei Mosesgedichte aus „Flammen und Winde", und die Legende „Das Gericht N o a h s'\ die einem Kreise von Sintflutlegenden zugehört und bisher nur von der hochverdienten „Gesellschaft der Bücherfreunde" in Chemnitz als Privatdruck veröffentlicht wurde. Dann folgen die wichtigsten Szenen des 2. und 3. Aktes aus dem Drama „Das Weib des Jephta". Wie die Legenden ist auch das Drama voll Beziehungen zu den Problemen der Gegenwart. Es wurde seit 1929 in Chemnitz, Schwerin, Halle und anderen deutschen Städten aufgeführt, ferner von der Jungjüdischen Bühne in Brünn und 1932 bei den Oberammergauern. Unter dem Eindruck der Uraufführung schrieben die „H a 11 i s c h e n Nachrichten": „Der Dramatiker, der dies Werk schuf, stellt sich damit in die vorderste Reihe. Hier ist Dichtung und Theater, wie selten, in eines verflochten. Hier ist der heiße Atem, den nur wahrhaft Lebendiges ausströmt. Die Kraft und Größe des Empfindens, die auch den Schauenden überwältigt. Die Konsequenz des Denkens, die jeden Widerspruch bannt." — Die „Chemnitzer Allgemeine Zeitung": „Lissauer bewährt die gleiche Gestaltungskraft, die seinen Balladen ihren Rang gibt. Die tiefe Sättigung der Bilder und die visionäre Wucht, mit der er dort Gestalten wie Bruckner oder Luther heraufbeschwört, eignet auch den Szenen eines Stückes. In mächtigen Akkorden rauscht das Geschehen vor uns auf und zieht uns in den starken Bann seltener Schaukraft." — „Der Volksfreund", Karlsruhe: „Leas Klage erweitert sich zur Klage aller Mütter Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasie 3 , Tel. A 45-5-37 gegen den menschenverschlingenden Krieg und hier liegen die stärksten und aktuellsten Stellen des Dramas." — „Badische Presse": „In Lissauer steckt einer jener verborgenen Führer, die das Ziel sehen und es innerlich erarbeiten; die sich auf höherem Niveau mit der Gegenwart auseinandersetzen. Sein .Weib des Jephta' ist ein heroisches Drama, ein männliches Drama, kein verzärtelter lyrischer Dreiakter. Und docii ein Stück tiefster Menschlichkeit und erschütternder Tragik." — Der Vortragsabend findet eine besondere Bereicherung durch die Mitwirkung des bekannten Violinkünstlers Kurt F u c h s g e 1 b, den Fräulein Betty L e w i n am Flügel begleitet. Versammlungen der „UNION" Dienstag, den 21. November, 8 Uhr abends, in Kirschenbaums Restaurant, IV., Favoritenstraße 68, Reg.-Rat Dr. Max Lenk: „Ordnung in der Judenfrage." Mittwoch, den 22. November, 8 Uhr abends, im Restaurant National (Herlinger), IL, Taborstraße Nr. 18, Nathan Pollak:: „Berufsumschichtung zur Steuerung der jüdischen Arbeitslosigkeit." Stefan Zweig rechtfertigt sich. Stefan Zwei g, der sich anläßlich des Erscheinens der englischen Ausgabe seines neuesten Buches, „Marie Antoinette", in London aufhält, hat der JTA eine Erklärung übergeben, um jenes Mißverständnis zu beseitigen, das aus der ohne seine persönliche Zustimmung im Deutschen Buchhändler-Börsenblatt erfolgten Veröffentlichung eines Briefes entstanden ist und einigen Zeitungen Anlaß gab, seine Haltung zu kritisieren. Stefan Zweig erklärt: Nichts steht mir ferner, als mich vom Schicksal meiner Katneraden und Blutsgenossen in Deutschland absondern zu wollen, und ich würde mich selbst verachten, versuchte ich. meine moralische Unabhängigkeit um irgend eines Vorteils willen preiszugeben. Ich habe, dies ist richtig, mich ausdrücklich davon zurückgehalten, irgendwelche polemische Haltung gegen das heutige Deutschland einzunehmen, weil das Polemische niemals die Form war. meine Gesinnung auszudrücken. Aber CJLBSIUSBAJD EUE- UND BADEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der Friedensbrflcke gelegen - a Original Russlscöes Dampfbad mit «HÜ? Buschenbehandlung gegen Rueuma etc. "^F Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 deshalb denke ich nicht im entferntesten daran, meine Gesinnung zu verleugnen, und erkläre klar und deutlich, daß mir das Schicksal meiner Kameraden und B1 u t s g e n o s s e h selbst v erständlichtausendmalwic htigeristalsalleLiteratur. Leo Motzkin gestorben. In der Nacht vom 6. zum 7. November ist Leo Motzkin an den Folgen e.iner Herzattacke in seiner Pariser Wchnuwg, plötzlich verstorben. Er stand im 66. Lebensjahre. Mit Leo Motzkin ist eine jüdische Fühnergestalt dahingegangen, deren Leben ganz dem Judentum gewidmet war. Seit seiner frühen Jugend stand er jede Stunde seines arbeitsreichen Lebens im Kampf für das jüdische Interesse. Repräsentativ war Motzkin als der Präsident der letzten zionistischen Kongresse, seitdem Nahum Sokolcrw zum Präsidenten der Organisation gewählt worden war: ferner als der Führer der jüdischen Minderheitenfaewegung seit den ¥iiedenskonte:enzen in Versailles, St. Germain usw. und als der Präsident des Comite des DeJegations Juives. Leo Motzkin wurde im Jahre 1867 in Browary bei Kiew (Rußland) gaboren, übersiedelte nach Berlin, wo er sein philosophisches Abschlußexamen an der Universität machte. Nach dem Auftreten Theodor Herzls schloß sich Motzkin dem politischen Zionismus an, nahm an dem ersten Baseler Kongreß teil, war Mitsehöpfer des ..Basier Programms" und stand seit dieser Zeit in der zionistischen Bewegung an führender Steile. Vom ersten zionistischen Aktions-Komitee zur Inspizierung der jüdischen Kolonien nach Palästina entsandt veröffentlichte er einen damals viel beachteten Bericht: „Die jüdischen Kolonien in Palästina". 1901 gründete er iti.it anderen zionistischen Führern die „demokratisch-zionistische Fraktion". Während des Weltkrieges leitete er eine Zeitlang das Kopenhagener Büro der Zionistischen Organisation und schuf in ganz Skandinavien eine großzügige Hilfsaktion für die notleidenden Juden in den Kriegsgebieten. 1919 wurde t-r Generalsekretär, später Präsident des van ihm mitgeschaffenen Comit6 des Pelfigations Juives und hat sich als solcher um den Schutz der jüdischen Minderheiten sehr bemüht. Auf die Statuierung der allgemeinen Minderheitenrechte während der 'nterstnatücben Friedenskonferenzen hat er bedeutenden Einfluß genommen, man sieht in ihm den Initiator der internationalen Minderheiten, echte überhaupt. 1920 wurde auf Motzkins Initiative die erste jüdische Welthilfskonferenz einberufen, auf der die Koordinierung sämtlicher jüdischer Hilfsorganisationen eingeleitet wurde. Er war ferner häufig als jüdischer Vertreter auf internationalen Konferenzen hervorgetreten, sc z. B. war er Vizepräsident der Alindcrrjaiten-Kongresse und gehörte auch dein Präsidium der Kongresse der Völkerbundligen;:n. hi der rn;crn?tion?!en MinderheHenbewejrune war er eine viel beachtete und geschätzte Persönlichkeit. Dem letzten Minderhiaitenkangreß aber wohnten weder er noch sonst eine jüdische Persönlichkeit bei. nachdem die deutschen Minderheitenvertreter es abgelehnt hatten, eine die Entrechtung der Juden in Deutschland mißbilligende Resolution anzunehmen. Das auf dem Minderheitenkongreß verlesene Schreiben Motzkins und der anderen jüdischen Minderheitenvertreter, in dem das Fernbleiben der jüdischen Delegation begründet wurde, machte in der internationalen Welt einen starken Eindruck. Von Motzkins publizistischer Tätigkeit ist zu erwähnen, daß er 1908—1914 die „Russische Korrespondenz" redigierte, die der russischen Freiheitsbewegung und dem Kampf der russischen Juden um ihre Emanzipation gewidmet war, sowie sein zweibändiges Werk über die „Judenpogrome in Rußland", in dem er di« Geschichte der Pogrome in Rußland von den achtziger. Jahren bis zu den Pogromen 1905—1906 und die ganze Situation der Juden Rußlands dargestellt hat. Motzkin hat seit einigen Jahren an einem Herzleiden laboriert und oft Anfälle erlitten; er versuchte, dieses Leiden mit Energie zu überwinden, und ließ in seiner Arbeit keine Pause eintreten. Während der Londoner jüdischen Welthilfskonferenz, der er beiwohnte, erkrankte er ernstlich und fuhr nach Paris zurück. Hier arbeitete er weiter, erledigte die umfangreiche tägliche Korrespondenz und hielt Beratungen mit jüdischen Führern ab. Seine letzte Arbeit war die Abfassung eines Dankschreibens an Frankreichs Repräsentanten in Genf, Sena.ton Bedang er, der sich so mutig für die Sache der verfolgten Juden einsetzte. Am Abend vor seinem Ableben erhielt Motzkin ein sehr warmes Antwortschreiben von Beranger. Am 9. November wurde Leo Motzkin in Paris unter ungeheurer Teilnahme der Judenheit der französischen Metropole zu Grabe getragen. Die Bestattung war eine vorläufige, denn das Motzkin-Trauerkomitee trifft bereits Vorbereitungen zur U e b e rführung der sterblichen Reste Motzkins nach Palästina. Die Ueberführung soll im Januar 1934 geschehen. Vor dem Trauerhause in Paris waren viele hunderte Trauernde versammelt auf dem Friedhofe war die Trauermenge auf einige tausend Menschen angewachsen. Stiemen Palästina Olivenöl und Toiletteseiien sind in jedem Hause unentbehrlich! 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