Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-11-17 · Heft 46 (17.11.1933) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 46 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064394--19530-3084677
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

BIE WAHRHEIT Saite & Wien I., Seltenstettengasse 2, Tel. ü 28-1-28 XL, Zentralfriedhof, Uta ÜB I. C«, Tel. U 18-0-85 feuert, sab ich meiner Rezitationskunst die Sporen und betätigte mich als Gelegenlieitsakteur. Die Heiterkeit der Leuten wuchs zusehends- Der Polizist stand ein wenig ratlos herum, bis er schließlich begriff, daß die Autorität der deutschen Polizei durch seine weitere Anwesenheit sichtlich litt, und darum verschwand er mit ein paar völlig humorlosen Worten aus dem Abteil. Vielleicht hatte ich es nur dieser Szene zu verdanken, daß ich nicht, wie viele andere Flüchtlinge, eine peinliche Leibesvisitation ausstehen mußte. Auf jeden Fall sorgte diese paredistische Improvisation im Eisenbahnabteil für eine erfreuliche Unterbrechung der Reisemüdrgkeit. und mein Publikum war noch eine gute Weile vergnügt. Diesmal war das Spiel umgekehrt. Schwierigkeiten bei den Deutschen und reibungsloser Ablauf der Formalitäten bei den Franzosen. Die Freundlichkeit des Beamten auf französischer Seite gab mir endlich die Gewißheit, daß die Mißhclligkeiten nunmehr ihr Ende erreicht hatten. Ich kam in Saarbrücken an. Hier merkte ich eigentlich zum erstenmal etwas von der deutsch-jüdischen Emigration. Hier gab es bereits eine Organisation der Flüchtlinge, deren Abreise größtenteils unter ungünstigen wirtschaftlichen Umständen vor sich ging. In Saarbrücken hatte das Hakenkreuz keine Schrecken mehr für uns. Hier vegetierte es noch ganz wie einst als private Knopflochzierde für halbwüchsige Kaufmannsgehilfen und hatte nichts mit der Regieruncsgcwalt zu tun. Was im Reiche bereits zum Symbol und Begriff des öifentlich proklamierten Despotentums geworden war. konnte hier lediglich ein schattenhaftes unwesentliches Dastm führen. Der Ueberagng war symptomatisch. Man machte auf dieser Fahrt genau die Entwicklung des dritten Reiches in umgekehrter Richtung durch. Im Reiche herrschen die Nazis offiziell, im Saargebiet sind sie privat, und hinter der Grenze gibt es nur ein paar Dutzend Provokateure wie bei der Gründung der Partei. In Forbach wurden die Flüchtlinge mit Fahrkarten versehen und weiterbefördert. Die meisten zur Zentrale der Emigration, zur Hauptmeldestelle gewissermaßen. Kurz nach Abfahrt des Zuges trafen sich, wie von einer geheimen Kraft geleitet, die Flüchtlinge, ohne einander zu kennen, in den einzelnen Coupes: meist junge Menschen, in denen die Lebhaftigkeit und die neuen Eindrücke bald die Depressionen beseitigten. Niemand dachte an Schlaf. Man saß zusammen, diskutierte, machte Pläne, kramte Erlebnisse aus. nicht ohne eine gewisse Vorsicht, man war noch unter Druck. Noch ballten sich die Spannungen, doch sie verblaßten vor der Gemeinsamkeit dieser Schicksale, deren nächste EtaDDe einen besonderen Namen führte. Sie hieß: Paris--! (Fortsetzung folgt-) Tragödien, Die Berliner „Jüdische Rundschau" bringt folgendes Inserat: „Ich bitte Verwandte und Bekannte des Herrn Dr. med. Artur Elkeles, ehemaliger Oberarzt der Infektionsabteilung des Virchow-Krankenhauses, mir freundlichst Mitteilung von seinem Verbleib zu machen, da von ihm ein fünfjähriges Töchterchen ohne Obhut hinterlassen wurde. Mitteilungen unter ,Q. 173' an die .Jüdische Rundschau'. Berlin W 15. Meinekestraße 10." Ueber das mysteriöse Ableben des Nürnberger Arztes Dr. Katz in Dachau wissen Prager Zeitungen folgendes zu berichten: Dr. Katz befand sich seit dem Frühjahr im Konzentrationslager Dachau, zuerst als Häftling, dann als Arzt des Lazaretts. Da er aber als Lagerarzt eine ganz eigenartige Praxis auszuüben hatte (Behandlung von Gefolterten), äußerte er anläßlich eines Verwandtenbesuches Befürchtungen über seine Zukunft. „Es wird mir schlecht gehen", sagte er. Vor einigen Wochen wurde Dr. Katz von seinen ärztlichen Pflichten entbunden und ins Lager zurückversetzt. Schließlich wurde auch sein Gesuch um Entlassung aus dem Konzentrationslager bewilligt, nachdem er sich zuvor schriftlich verpflichtet hatte, aus Deutschland auszuwandern. Einen Tag vor seiner Entlassung wurde Dr. Katz erhängt aufgefunden. SK Akademiker erteilt Nachhilfeunterricht an Mittelschüler, unterrichtet in Englisch, Französisch, Latein, Griechisch und Hebräisch, geht eventuell als Hofmeister. Unter »Billig" an die Administration d. Blattes. Der Judenboykott, der überall im „Dritten Reich" geübt wird, wird besonders rücksichtslos in Mainz durchgeführt; Kunden, die jüdische Geschäfte betreten, werden angerempelt und von der SA photographiert. Ein alter Arbeiter protestierte dieser Tage gegen eine solche Behandlung. Als Antwort schlug ihn ein blutjunger SA-Mann mit dem Gummiknüttel zweimal über die Schulter, worauf der alte Mann stöhnend zusammenbrach. Der zufällig des Weges kommende Arbeiter Otto Kiefer rief den SA-Leuten zu: „Laßt doch den alten Mann in Ruhe, der tut euch doch nichts." Daraufhin sprang der SA-Mann Weiß aus Mainz-Kastell auf ihn zu und stieß ihm dreimal mit voller Wucht das Seitengewehr in den Bauch. Kiefer starb wenige Stunden später. Der Mörder wurde angeklagt, zu fünfzehn Monaten Gefängnis verurteilt ... und begnadixt. Oesterreichiselie Gleichschaltungsruethoden an österreichischen Hochschulen. Es mehren sich seit einiger Zeit die Nachrichten und Blättermeldungen darüber, daß auf unseren Hochschulen seit Beginn der diesjährigen Inskriptionen eine Praxis besteht, die bedenklich den bekannten Numerus clatisus-Tendenzen unserer Antisemiten nahekommt. Vornehmlich richtet sich diese Methode gegen ausländische jüdische Studenten, von denen ungefähr 300 bei den Inskriptionen abgewiesen wurden. Dabei war diesen Reflektanten zum Teil bereits die Aufnahme, bzw. die Fortsetzung des Studiums an der Universität zugesichert worden und erst im letzten Moment erhielten sie die Verständigung, daß Raummangels halber ihre Aufnahme nicht erfolgen könne. So haben diese Studenten nicht nur nicht die Möglichkeit in Wien zu studieren, das bisher für die Lernbeflissenen fremder Staaten eine besondere Anziehungskraft besaß, sondern sie verlieren auch ein Semester, denn in dem späten Zeitpunkt der Verständigung sind sie nicht mehr in der Lage, anderswo zu inskribieren. Aber auch österreichische Studenten haben bei den Inskriptionen arge Erfahrungen machen müssen. Uns wird verschiedentlich gemeldet, daß österreichische Studenten, die bisher auf Grund ihrer mit Auszeichnimg abgelegten Prüfungen und ihrer Bedürftigkeit Befreiung von den Kollegiengeldern genossen, für das laufende Wintersemester diese Befreiung verloren haben, obwohl sich hinsichtlich der bisher bei der Befreiung maßgebenden Gründe nicht das Geringste geändert hat. Soll diese Praxis ein Entgegenkommen gegenüber den antisemitischen Schreiern bedeuten, die neuestens wieder ihre Forderung nach dem Numerus clausus erheben, oder ist dies vielleicht gar ein Vorläufer des neuen christlich-deutschen Ständestaates? Es handelt sich nicht nur um Einzelinteressen, sondern es liegt im Gesamtinteresse des österreichischen Judentums, daß sich die durch die oben geschilderten Maßnahmen betroffenen Studenten im Sekretariate der „Union" melden, damit die zureichenden Grundlagen für die gebotenen Schritte geschaffen werden. Könlgslicht niiiuiiiM^^ Seit vielen Jahren das anerkannt beste Iflli! w^-nötw Man achte auf die gas. gesch. Marke „Myglen. Königslicht" und Name Schulz Fabrik und Büro: Wien XIV., Braunhlrschengassae » Telepban R 43-1-87 GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHI wien ix., aanaoASSB nr. %• FILIALE t XVIII., U/AHRINOIRSTRASSS »T r«t«pht>a Nr. A 17 3-» an4 A 15-9-31 Lieferant für HallaiistaHaa Abte.iungenfürKoscherfleisch uater AafaloM «Im aar«». Rabbi nataa dmm lar. R«KueaeaMiaee> Wlea. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prlaia-Qualität zu den billigsten Marktpreises Gömbös beschämt Hitler. In Ungarn wurde am Sonntag eine Propagandawoche der nationalen Arbeit mit einem Propagandamarsch der ungarischen Industrie durch die beflaggten Straßen der Hauptstadt eröffnet. In einem abschließenden Massenmeeting führte Ministerpräsident Gömbös vor einer Zuhörerschaft von etwa 25.000 Menschen u. a. aus: Es gibt in Budapest Leute, die mit konfessionellen Schlagworten spielen (Nieder mit ihnen! schrie die Menge). Niemand kann etwas diafür. daß er als Katholik oder als Protestant geboren ist. Es ist gleichgültig, in welchem Gotteshaus die Menschen beten, sie dürfen nur nach dem Wert eingeschätzt werden, den sie für die Nation haben. Bei uns in Ungarn ist — und dies möge niemand außer acht lassen — jeder Ungar Mitglied der Nation, sei er nun Katholik, Protestant oder Jude (Lebhafte Eljenrufe). Ich habe die Ueberzeugung, daß das Leben selbst die konfessionellen Differenzen ausgleichen und dos richtige Verhältnis zwischen den einzelnen Konfessionen herstellen wird. Der Gedanke der Einheit fordert, daß wir alles tun, um die Scheidewände, die die Religion zwischen uns errichten, niederzureißen. n A ssimitantenschicksal." „Die Neue Welt" nimmt die Vorlesung unseres Freundes Ernst Lissauer wahr, um mit hämischer Schadenfreude sein angebliches „Assimilantenschicksal" zu bekritteln. Sie unterstellt, daß er bald hier, bald dort, an den Stötten, Zeiten, Kulturen sozusagen nasche, und erweist sich als so reichlich beschränkt wie armselig unterrichtet. Schon das übliche Schlagwort „Assimilant", das einer dem andern nachredet, ist widersinnig, denn wer wie Lissauer — unbeschadet seiner Liebe zur deutschen Sprache, Dichtung, Musik, Kunst, Geschichte, Landschaft — sein Judentum von je und bei jeder Gelegenheit betont und öifentlich bekannt hat ist folgerichtig kein „Assimilant". Lissauer hat seine Dramen, Legenden^ Gedichte nicht bald aus diesem, bald aus jenem opportunistischen Anlaß geschrieben: über die tieferen Zusammenhänge dieses Werkes, das der Schreiber der „Neuen Welt" offenbar nur vom Hörensagen kennt, sollte er sich durch eine der vielen Abhandlungen, die über Lissauer geschrieben wurden, oder durch die Monographie von Guido K. Brand belehren lassen, da er selbst mit seinen plumpen Fingern nur am Aeußerlichsten. am grob Stofflichen herumzutasten vermag. Jedoch, selbst in dieser Hinsicht stimmen die Unterstellungen nicht. Lissauer hat seine Stoffe nicht nach „Kurswert" gewählt. Er hat sein seit der Jugend geplantes Drama „Yorck" ausgeführt als Stoffe der preußischen Geschichte — um in der Geschäftssprache der „Neuen Welt" zu reden — den geringsten ..Kurswert" hatten, nämlich 1919 bis 1921. An seinem Drama „Moses" hat er von 1919 bis 1931 gearbeitet und ihn zu einer Zeit vollendet, als jüdische Dinge — nach dem Geschäftswelsch der „Neuen Welt" — wiederum einen sehr geringen „Kurswert" zeigten. Ebenso ist das Drama „Das Weib des Jephta" 1928 erschienen, ebenso das Legendenbändchen „Die dritte Tafel", das aus den vorhergehenden Jahren stammt. Aehnlich steht es um „Glück in Oesterreich". Lissauer ist von 1930 an fast jedes Jahr in Wien gewesen, hat hier vor dem Kriege ein Jahr gelebt und sein längst geplantes Buch über Oesterreich ausgeführt, als österreichische Dinge — um bei der Terminologie der „Neuen Welt" zu bleiben — sehr wenig gefragt wurden. 1923 bis 1925. Daß sich niemand um Lissauer kümmert, haben wir nicht beobachten können. Vielmehr ist sein 50. Geburtstag vor einem Jahr in Berlin, Wien und anderen Orten, vielfältig und unter Teilnahme von Menschen der verschiedensten Kreise, überaus herzlich gefeiert worden. Seine Stücke sind, bisweilen unmittelbar nach Beendigung, an vielen deutschen Bühnen gespielt worden. Hunderte von Beiträgen von ihm und über ihn sind in deutschen, österreichischen, Schweizer, ungarischen, tschechischen, amerikanischen Blättern erschienen: in jedem Konversationslexikon, in jeder Literaturgeschichte ist sein Lebenswerk gewürdigt, aber der Skribent der „Neuen Welt" lallt beglückt: ..er ist vergessen". Wir konstatieren: er lebt noch: und zwar lebt er seit zehn Jahren in Wien, aus freier Wahl, wie er es vor dem Kriege geplant und zeitweise schon .durchgeführt hatte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.