Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 46 (17.11.1933)
- Date
- 1933-11-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■; -'iU'A' Seifei 4 DIE WAHRHEIT Gleichschaltung der Abwehr. F •■\:} \ liM lln M , p l' U Kit 2 £ I-' t 'f 11' : il : t I <ij . ''Hl «S1 ,! Ii« i > * 1l 4 v-'J fe l\ Ein Wiener Spätabendblatt brachte dieser Tage die Nachricht, daß die Berliner Ufa jetzt gleichgeschaltet wurde. Sämtliche jüdische Angestellte wurden gekündigt, aucb jene Angestellte, die mit Angehörigen der jüdischen Konfession verheiratet sind. Die Entlassungen erfolgten auf höhere Weisung. Diese Nachricht kommt ziemlich überraschend. Nicht ihres Inhaltes wegen, sondern des Zeitpunktes wegen, zu dem angeblich diese judenfeindlichen Maßnahmen erfolgten. Da ist Wien Berlin schon lange voraus. Hier haben sich im internen Betrieb der Ufa schon vor längerer Zeit Personalveränderungen vollzogen, die nur darauf hinauslaufen, den Wiener Angestelltenstab derart auszutauschen, daß er nicht nur vom Rassenstandpunkt aus, sondern auch in bezug auf die Gesinnungsverwandtschaft den Vorschriften des Dritten Reiches entspreche. Schon im Mai begann die Ufa-Leitung mit den Kündigungen nichtarischer Angestellter. Ihr erstes Opfer war bekanntlich der ausgezeichnete Leiter des Ufa-Tonkinos in der Taborstraße, Direktor Lipska. der schließlich wegen der Kündigung einen Prozeß gegen die Ufa anstrengte, den er auch gewann, wobei die G e r i c h t s b e h ö r d e in der Urteilsbegründung ausdrücklich erwähnte, daß bei der Kündigung politische Motive maßgebend gewesen sein dürften. Außer Lipska wurden damals noch vier jüdische Angestellte der Wiener Ufa gekündigt, wobei es zweifellos war, daß es sich im Grunde genommen um eine E n t j u d u n g s a k t i o n handelte, da andere geschäftliche oder persönliche Motive bei keinem der Gekündigten ins Treffen geführt werden konnten. Außerdem wurde dem bewährten Wiener Direktor der Ufa. Singer, den man vermutlich um den Betrieb nicht ganz lahmzulegen, bisher noch nicht gekündigt hat, aus Berlin ein Mitdirektor, ein Herr Staus, beigegeben, der zumindest äußerlich einen gleichgeschalteten Eindruck macht. Und von da ab folgte die planmäßige Kündigung aller Angestellten, die :enf weder Juden,. Judenstämmlinge oder aber mit Jüdinnen verheiratet sind. Formell suchte-man peinlichst den Schein unpolitischer Kündigungsgründe zu wahren. So wurde ein Lagerist, der mit einer Jüdin verheiratet ist, aus Ersparungsgründen gekündigt, aber zwei Tage nach seinem Ausscheiden wurde an seiner Stelle ein neuer Mann engagiert Nach ihm wurden noch ein jüdischer Angestellter sowie zwei weibliche jüdische Bureaukräfte gekündigt. Fast für alle kamen schon nach wenigen Tagen Ersatzleute, von denen man sowohl dem Aeußeren nach wie auch nach ihren Bemerkungen schließen konnte, daß sie gründlich aufgenordet sind. Schließlich wurde auch der glänzende Pressechef der Wiener Ufa, Redakteur P o 11 a k, durch einen anderen Herrn ersetzt, und zwar bezeichnenderweise durch einen ehemaligen Redakteur der „Wiener Neuesten Nachrichten". Wir sind neugierig, wie das Wiener jüdische Publikum diese Nachrichten, die einer seriösen Quelle entstammen, aufnehmen wird. Wird es trotz aller Aufforderungen und Warnungen noch immer nicht darauf in jener Weise reagieren, die die einzig mögliche in diesem Falle ist, mit einer Gleichschaltung der Abwehr? Gibt es in Wien nicht andere, bessere Kinotheater genug, werden MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmar- Wohnzlmmer- F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" in Wien nicht andere, bessere Filme genug aufgeführt? Muß man ausgerechnet Ufa-Kinotheater besuchen, muß man sich gerade Ufa-Filme ansehen? Und ist es nicht haarsträubend, daß für diese Produktion sogar jüdische Zeitungen Propaganda machen? In Warschau mußte ungefähr am gleichen Tage, da der Berliner Ufa- Palast pleite ging, der in der polnischen Hauptstadt seit mehreren Jahren bestehende Uta-Kiuopala st seine Tore schließen, weil infolge des Boykotts seitens der Juden .der: Besuch .; der Kinovorführungen in diesem Theater ein '' garfz' minimaler' geworden war. Man wird wenig Mitleid dafür aufbringen, wenn man bedenkt, wie mitleidlos die Ufa jüdische Existenzen vernichtete. Juden im CM. Ein Bericht von Simon Bergh. Ii. Zwischen den Grenzpfählen. Im zwanzigsten Jahrhundert haben die Fahrten ins Exil ihre Romantik verloren. Geblieben sind nur die Paßischwierigkefnen, aber auch jene Unsicherheit und Unordnung in den seelischen Bezirken, die einen permanenten Bedrückungszustand verursachen. Man nimmt Abschied vom Vergangenen und hat noch keine Ahnung vom Kommenden. Frankreich nimmt die Flüchtlinge auf. hieß es. Ich wollte es mit diesem Land versuchen. Wenn schon neu anfangen, dann wenigstens in einem Lande, in dem man seiner unbegrenzten persönlichen Freiheit gewiß ist. Es ging westwärts. Grenzstation Kehl. Die letzten Minuten auf deutschem Boden. So glaubte ich. Die deutsche Paßkontrolle vertief ohne jeden Zwischenfall. Ein kleines Dreieck wurde in meinen Sichtvermerk gedrückt, ich war aus dem dritten Reich entlassen. Dagegen machte der französische Beamte Schwieigkeiten. Er hatte offenbar noch keine Ahnung davon, daß die französische Regierung die Flüchtlinge ohne die sonst vorgeschriebenen Formalitäten über die Grenze ließ. Ich wurde aufgefordert, den Zug zu verlassen. Mein Gepäck wurde auf der französischen Seite des Bahnsteigs untersucht.. Briefe und Manuskripte sorgfältig geprüft Mein Hinweis auf die völlige Harmlosigkeit meiner Existenz wurde nicht beachtet. Der Zug fuhr nach einigen Minuten über die Grenze — und er tat es ohne mich. Ich war etwas ratlos. Auf einen solchen Zwischenfall war ich am allerwenigsten vorbereitet gewesen, aber mir blieb immerhin noch ep-« Hoffnung, denn am näclisten Morgsii sollte ich den endgültigen Bescheid erhalten, ob mein Eintritt i»" französische Staatsgebiet genehmigt worden sei. Es war nicht zu ändern. Das Hagel's Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Elsen & Hönlgsber streng orth. "«o (Unter Aufsicht der Adu -Jiaroel - ScHffschul) Wl«n II., PrateratraBe 39« Telephon R-47-4-49 von 8 2.— aufarBrts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Gerücht bestätigte sich, wonach die französische Grenzpolizei von Kehl-Straßburg alle Flüchtlinge aus Deutschland aufhielt und zurückschickte. Ich trieb mich den Rest des Tages in Kehl herum, einem gottverlassenen Grenznest, das offenbar nur als fadenscheiniger Hintergrund für den daran vorbeifließenden Rhein erbaut wurde und nunmehr den letzten hitlertreuen Flächeninhalt vor dem französischen Land verkörperte. Ich sah bereiits die Trikolore und lebte noch unter dem Hakenkreuz, von dem man auf dieser Grenzscholle natürlich besonders lebhaften Gebrauch machte. Erzwungene oder freiwillige Hitlerverehrung leuchtete aus jedem Fenster und fast aus jedem Knopfloch. Ich war ganz entschiedener Außenseiter und fühlte mich auch so. Es war das echte Original-Emigrantengefühl, made in Germans', das ich bei dieser Gelegenheit kennenlernte. Mir blieb nichts anderes übrig; als auf den nächsten Tag zu hoffen, der diesem Zustand ein Ende bereiten sollte. Ich übernachtete in einem kleinen Gasthaus, auf dessen Dach zwei Hakenkreuzfahnen um die Wette flatterten. Es gab leider kein anderes, und für einen Heuschober war es noch zu kalt. Im Erdgeschoß befand sich eine Wirtschaft, deren Besucher den ganzen Tag auf Hitlers Wohl tranken, es war nämlich Sonntag. Spät abends veranstalteten sie dann noch in dem angrenzenden Gartenlokal eine ausgedehnte Privatsauferei zu Ehren der „nationalen Erhebung". Die Erhebung wurde so entschieden gefeiert bis sich die Teilnehmer selbst kaum noch erheben konnten. Von Zeit zu Zeit brachte einer mit tierischem Ernst und stolpernden Worten ein Hoch auf seinen jeweiligen Lieblingsnazi aus, worauf regelmäßig irgendein sehr nationales Lied angestimmt wurde. Es war die richtige dumme deutsche StammtischsDiießerei. wie sie sich in keinem Witzblatt grotesker hätte ausnehmen können. Schließlich gröhlten sie total besoffen die Nationalhymne und dann das Horst Wessel-Lied. Es war eine Situation von so verzerrter besessener Traeikomik. daß sie beinahe unheimlich wirkte. Das dritte Reich in Kehl. Im Spiegel der Kleinbürgerseele löste es sich in Alkoholdunst auf. Ich lag oben in meinem dunklen Zimmer und hatte das unbestimmte Gefühl, daß ich vor diesen Geschönfen schon aus rein menschlichen Gründen das Feld räumen müßte. Es war auch ein wenig Schamgefühl dabei für Ä UNION ÖSTERREICHISCHER JUDEN IX., Berggasse 4 Tel. A 19-2-77 ERNST LISSÄUER liest aus seinen biblischen Dichtungen. Festsaal des Handelsmuseums, IX., Berggasse 16, Donnerstag, 23. November 1933, pünktlich 8 Uhr abends! Programm: Moses im Gebirge. Drei Gedichte (aus „Flammen und Winde"). Das Gericht Noahs. Legende. Pause. Aus dem Drama „Das Weib des Jephta". Mitwirkend: Kurt Fuchsgelb (Violine). Am Flügel: Betty Lewin. »■ Karten (Regiebeitrag S 1.—) im Sekretariat der „Union" und an der Abendkassa erhältlich. _ das Land, das trotz allem ein liebenswertes Land .ist, und in dem ich lauge genug gelebt hatte, um zu wissen, daß es auch ein anderes Deutschland gibt als dieses. Noch waren sie berauscht, von Bier und Wein und einem verhängnisvollen irrationalen Dunst, wie aber würden die Armen ihre Ernüchterung erleben — —? Der nächste Morgen war vollgefüllt mit Zweifeln, Sorgen und wenig Hoffnung. Gegen neun Uhr war ich an der Rheinbrücke. Eine brücke iührt ven Deutschland nach Frankreich, doch ohne die beiden Länder zu verbinden. Diesseits steht efn Gendarmerichäuschen in den schwarz-weiß-roten Farben, jenseits ein ebensolches in den blau-weiß-roten, und die Farben mißtrauen einander, ich ging über die Brücke, der französischen Zone entgegen. Neue Paßkontrolle, wiederholte Durchsuchung meines Gepäcks, kein Zweifel, ich schien wieder auf Schwierigkeiten zu stoßen. Der Beamte vertrat den Standpunkt, daß die Grenze vorläufig für deutsche Flüchtlinge gesperrt sei. Meine Proteste nützten nichts, ich mußte umkehren. Es war eine scheußliche Situation. Ich erinnerte mich an meinen Ahnen aus der biblischen Geschichte, an Moses, der wohl etwas,» Aehnliches empfunden haben mag. als er einen Blick in das gelobte Land tun durfte, ohne es betreten zu können. Ich blickte auch tatsächlich hinüber. Ein paar Schritte nur. und es gab sciion Weißbrot und Wein im Ucberfluß, einen Steinwurf entfernt fuhr die Straßenbahn in freies Stadtgebiet ab. und ich mußte abermals zurück ins Reich der Hitlerianer mit den Hakenkreuzen auf den Nachthemden. Ich hatte gehört, daß viele Flüchtlinge den Weg über Saarbrücken nahmen. Zwei Stunden später saß ich ihr Zug dorthin. Ich harte mich nun an das Babnfahren gewöhnt und allmählich in eine gewisse exterritoriale Rolle hineingespielt, die auf ihren dramatischen Abschluß wartete. Kurz vor der neuen Grenze gab es etwas Herzklopfen, das sich verstärkte, als der Kontrollbeamte in saarländischer Uniform den Zug bestieg. Er sah sehr preußisch und intensiv aus. hatte sehr viele blankgeputzte Knöpfe auf dem Uniformrock und war sich seiner souveränen Gewalt überaus bewußt. Ich schien ihm nicht sonderlich sympathisch zu sein, denn ausgerechnet von mir verlangte er die Oeffnung des Gepäcks; das Spiel wiederholte sich, ich kannte es bereits auswendig. Doch diesmal überraschte mich eine unvorhergesehene Pointe. Der Beamte blätterte flüchtig das deutschgeschriebene Material durch und legte es wieder beiseite, denn entweder hatte er kein Verständnis für Lyrik, oder er wollte sich nicht festlesen. Plötzlich aber fiel ihm ein kleines französisches Buch in die Hände. Der Mann wurde mit einem Male von Kopf bis Fuß zu Mißtrauen, obwohl er das gar nicht nötig hatte, denn es handelte sich um einen mehr als harmlosen Gedichtband. den mir eine flämische Dichterin als Ahdenken geschenkt hatte. Der Beamte legte nunmehr sein Gesicht in sehr strenge Falten und verlangte Aufklärung über das Buch, Offenbar hielt er sich in diesem Moment für besonders intelligent, da er einem Greuelpropagandisten auf der Spur zu sein glaubte. Allen Rciseschwierigkeiten zum Trotz reizte mich die ungewöhnliche Komik dieser Situation, und so schlug ich ihm denn vor. eines der Werke ins Deutsche zu übersetzen, damit er den Geist des Buches erfassen könne. Der Beamte willigte zu meinem Vergügen ein. und ich begann mit ernster Miene und leichtem Pathos, das albernste Liebesgedicht des ganzen Buches zu deklamieren. Die Passagiere, durch den Auftritt auf Sensationen gefaßt, begriffen rasch die groteske Wendung der Szene und amüsierten sich herrlich. Dadurch ange- „F AMI LI EN SCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II.. Aspernbr'ckenaasse 2 Tel. R 43-500 Durch Monatsbeiträge von S 1 bis 10 kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Töchter und Söhne Ausstattungsbeiträge für Töchter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen.?. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherungsgeseliscbaft .Phönix"; 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Aufnahmegebühr. Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Kultuigemeliide befürwortet