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Die Wahrheit · 1933-11-17 · Heft 46 (17.11.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 46 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT FERROCART 5 U PER 1934 LEOPOLD ^HASSCHUHE nur VU. &UR.SGASSE S M nicht ganz zu unterbinden war, war die Regierung rechtzeitig auf Mittel bedacht, die Lieferanten solcher Stimmen zu diffamieren und so selbst die bescheidensten Ansätze zu einer Opposition ad absurdum zu führen. Deshalb ließ man die Juden mitstimmen. Sie wird man mit den „Nein"-Stimmern identifizieren, woraus dann von selbst der Schluß folgt, daß alle „Deutschblütigen" geschlossen hinter der nationalen Regierung stehen. Deshalb war es von der Reichsvertretung der deutschen Juden taktisch klug, den Willen der Juden, die Haltung der deutschen Regierung zu billigen, d. h. also, mit „Ja!" zu stimmen, öffentlich zu proklamieren. Moralisch erleichtert wurde diese Haltung durch den Trick der Staatsleitung, die den Anschein zu erwecken verstand, daß sich die gewünschte Approbation der Regierungstaktik auf den Austritt aus dem Völkerbund in Verfechtung der deutschen Oleichberechtigung mit allen Nationen beziehe. Einer Politik, die auf die W a h r u n g d e r In der am 7. November abgehaltenen Sitzung des englischen Unterhauses, mit der die Herbsttagung des Parlaments geschlossen wurde, gab der Staatssekretär für die Kolonien Sir Philip Cunliffe-Lister auf eine Anfrage des Abgeordneten der Labour Party David Qrenfei l eine Erklärung über die letzten Unruhen in Palästina ab. Sir Philip führte nach einer eingehenden Schilderung der Ursachen und Verlaufes der Exzesse unter anderem aus: Die Polizei hat ihre beim Ausbruch der Unruhen bewiesene bewunderungswürdige Haltung die ganze Zeit hindurch unter schwierigsten Bedingungen aufrechterhalten. Ich bin überzeugt, daß das Haus mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen wird, daß ein aktives Eingreifen der Militärbehörden nirgendwo für nötig befunden wurde. Lassen Sie mich, erklärte Sir Philip Cunliffe- Lister zum Schluß, nochmals im Namen der Regierung Seiner Majestät die feste Ver- Feuilleton Albert Ballin. Zu seinem 15. Todestage (9. November). Beim Durchstöbern alter Notizen fällt mein Blick auf dieses Todesdatum, das ich vor fünfzehn Jahren einigen Aufzeichnungen über Albert Ballin nachgetragen habe. Persönlich habe ich ihn nicht gekannt. Doch bewahre ich ihm ein dankbares Andenken schon dafür, daß er, so oft ich damals als Rabbiner in Hamburg ihn für einen Armen, besonders für Auswanderer, um Ermäßigung einer Schiffskarte in Anspruch nahm, stets entgegenkommend meiner Bitte entsprach. Er stand dem jüdischen Gemeindeleben im allgemeinen fern, war aber dafür bekannt, daß er sich für jüdische Zwecke in ausgiebigster Weise selbst besteuerte. Zum ersten Male erfuhr ich Näheres über seine Persönlichkeit durch einen gemeinsamen Badewärter, von dem ich mich eine Zeitlang in meiner Wohnung früh morgens einer Kaltwasserkur unterziehen Heß. So hörte ich, was damals in Hamburg über Ballins Verhältnis zum Kaiser kolportiert wurde. Danach hätten der spätere Kaiser und Ballin schon als Kinder auf Sylt miteinander gespielt, wo Kaiser Friedrich mit Familie manchen Sommer verlebt haben sollte. Eine Erfindung natürlich, ebenso wie die nach Ballins Tode kursierende Version, er sei als „Freund der Engländer" von der Kaiserin — sogar tätlich — brüskiert worden und habe aus Schmerz hierüber den Freitod gewählt. Einen gemeinsamen Freund besaßen Ballin und ich in dem unvergeßlichen Justus Brinckm a n n, dem Direktor des Hamburger Kunstgewerbemuseums.!n seinem fanatischen Sammeleifer "bemühte sich Brinckmann, der damals unter Hindeutschen Ehre abzielt, kann kein deutscher Patriot, mag er sie auch taktisch für verfehlt halten, die Anerkennung versagen. Und deshalb stimmten Juden und Arier geschlossen für eine Regierung, deren Hauptbestreben sonst die Trennung von Juden und Ariern ist. Schon Wenaus folgt das Widersinnige, das in einem Versuch läge, das Vertrauensvotum, das die Regierung erhalten hat, nachträglich für ihre gesamte Politik in Anspruch zu nehmen. Eine solche Deutung würde der Welt zumuten, zu glauben, daß die in Konzentrationslagern Schmachtenden für die nationalsozialistische „Freiheit" schwärmen und die Juden ihre eigene Ausrottung sanktionieren.' Hoff entlich erkennen die Veranstalter der Abstimmungskomödie rechtzeitig, daß dies doch zu weit gehen hieße. Sie werden den „Erfolg" des Plebiszits ohnehin, wie zu befürchten ist, als moralische Rückendeckung für weitere politische Brutalitäten mißbrauchen. Sollten sie aber wider Erwarten aus der erlangten Vertrauenskundgebung des Volkes die Konsequenz ziehen, sich des allgemeinen Vertrauens nachträglich würdig zu erweisen, dann könnte diese Abstimmung, die sonst ein reiner Bluff ist, noch wirklich zu einem geschichtlichen Ereignis größter Tragweite werden. Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Sicherung abgeben, daß die ihr durch das Mandat auferlegte Pflicht, die eine Pflicht sowohl den Arabern wie den Juden gegenüber ist, von ihr mit peinlichster Genauigkeit erfüllt werden wird. Ich möchte hinzufügen — und ich weiß, daß das Haus dies bekräftigen wird — daß man keinen Beamten finden könnte, der, was Kenntnisse, sympathische Einstellung zur Sache und Erfahrung betrifft, besser geeignet wäre, dieser Pflicht an Ort und Stelle nachzukommen, als der gegenwärtige High Commissioner. * Strenge Maßnahmen gegen illegale Touristeneinwanderung. Kolonienminister Sir Philip Cunliffe-Lister kündigte aber auch im Unterhaus in Beantwortung einer Anfrage von Captain Peter MacDonald strenge Maßnahmen gegen illegale Einwanderung in Palästina an. Es gibt, sagte der Minister, zwei Kategorien Zuziehung eines japanischen Assistenten die japanischen Dolchgriffverzierungen zum Gegenstande besonderer Studien gemacht hatte, jahrelang um das bekannte Prachtstück dieser Art, das Ballin vom Marquis 11 o zum Geschenk erhalten hatte. Ballin konte sich aber von diesem Kunstwerk nicht trennen. Er sollte sich seiner nicht lange erfreuen. Bei einem Einbruch wurde es ihm nebst anderen Kostbarkeiten geraubt. Eine andere interessante Figur aus seinem Bekanntenkreise, die meinen Lebensweg streifte, war „Exzellenz Schulz", wie man den Vizepräsidenten des k. k. Obersten Rechnungshofes Geheimen Rat Dr. Paul Schulz kurz zu nennen pflegte. Er war der Sohn eines an jüdischen Angelegenheiten lebhaften Anteil nehmenden Wiener Theaterarztes, der u. a. sich und seiner Frau in Form einer Widmung für die Israelitische Kinderbewahranstalt, das Protektionskind zweier österreichischer Kaiserinnen, ein Andenken gestiftet hat. Auch Paul Schulz war Mitglied dieses Wohlfahrtsvereines, wie er auch bis zu seinem Tode „Dr. Blochs Wochenschrift" gehalten und eifrig gelesen hat, mit deren Herausgeber ihn, wie früher seine Eltern, eine lange Freundschaft verbunden hielt. Als seine Ernennung zum Geheimen Rat bevorstand, nahm er die Taufe, da der für dieses Amt erforderliche Diensteid auf das christliche Dogma abgelegt werden mußte. Als täglicher Tarockpartner des Kaisers Franz Josef, dessen engstem Kreise übrigens auch in gleicher Eigenschaft der — ungetaufte — Bankier' des Kaisers und spätere Gouverneur der Bodencreditanstalt Ritter von Taussig angehörte, galt Schulz als Orakel in politischen Fragen. Seine Junggesellenwohnung war ein beliebtes Absteigquartier auswärtiger Diplomaten. Schulz war es denn auch, mit dem sein Freund Ballin sich zuerst ins Einvernehmen setzte, als er 1915 in offic- HOPNYPHON von Einwanderern, die ohne Erlaubnis nach Palästina kommen: 1. Personen, die die Grenze ohne Erlaubnis überschreiten, und 2. Personen, denen als Reisenden ein Aufenthalt bis zu zwölf Monaten gestattet wurde und die nach Erlöschen des Aufenthaltsrechtes im Lande verbleiben. Die Zahl der zur ersten Kategorie gehörenden Personen ist verhältnismäßig ger i n g und wird durch Maßnahmen, die die Palästina-Regierung an der Grenze in Zusammenarbeit mit den französischen Behörden in Syrien trifft, noch weiter herabgedrückt. Bezüglich der zweiten Kategorie, die, wie festgestellt wurde, eine beträchtliche Zahl von Personen betrifft, hat der High Commissioner mit meiner Zustimmung vor kurzem folgende vorbeugende Maßnahmen beschlossen:!. Ein besonderer Beamtenstab wird mit der Durchführung genauer Erhebungen betreffend' die Zahl der als Touristen ins Land kommenden und dort illegal verbleibenden Personen beauftragt. 2. Einem geschulten Beamten wird die Organisierung eines Ueberwachungsdienstes zur Kontrolle der Fremden, von denen angenommen werden kann, daß sie dauernd im Lande zu bleiben beabsichtigen, und zur Ausnndigmachung von Personen, die ohne Visum eingereist sind, übertragen. 3. Besondere Maßnahmen werden ergriffen werden, um Personen, die Touristen- oder Transitvisa für Palästina erhalten, darauf aufmerksam zu machen, daß sie sich im Lande nicht niederlassen, keine Arbeit annehmen und keine Arbeitsgelegenheit suchen dürfen. 4. Die britischen Konsular- und Paßkontroilbeamten bestimmter Länder werden die Instruktion erhalten, von allen Reisenden mit Ausnahme derjenigen, die L Klasse reisen, die Hinterlegung von 60 Pfund in bar als Kaution oder eine entsprechende Garantie einer angesehenen Bank oder einer anderen Institution zu verlangen. .5. Künftighin werden Personen, die bloß Nansen-Pässe oder gleichartige Personaldokumente haben, nur in Ausnahmefällen Visa erhalten. Ich möchte hinzufügen, daß die Berechnung der Halbjahresquote für Arbeitereinwanderung auf der Basis der Aufnahmefähigkeit des Landes erfolgt. Der High Commissioner hat betont, daß er bei seiner Entscheidung den Faktor ziellem Auftrage die Kriegsmüdigkeit der Monarchie beheben helfen sollte. Auch muß ich, wenn ich meine Korrespondenzen durchblättere und auf den Namen Jacob H. Schiff stoße, mich der Dienste erinnern, die dieser aufrechte Jude Ballin 1902 bei dem Abschlüsse des deutsch-amerikanischen Schiffahrtsabkommens geleistet hat, das diesen unter die Größten seiner Zeit erhob. Auf dem Gipfel seiner diplomatischen Kunst sehen wir ihn aber in seinen Verhandlungen mit Sir Ernest Cassel, als diese beiden Patrioten tagelang und immer wieder von neuem miteinander berieten, wie man dem drohenden Konflikt zwischen England und Deutschland vorbeugen könne. Cassel, bei dem sein Freund Eduard VII. Jahre hindurch täglich seine Bridgepartie machte und der doch an seiner deutschen Heimat so offenkundig hing, daß er während des Krieges als „Deutscher" verdächtigt und vom „Geheimen Rat" ausgeschlossen wurde, und Ballin, dem Wilhelm II. Briefe mit der Unterfertigung als „Ihr treuer Freund" sandte und der doch auf den Monarchen bei weitem nicht den Einfluß besaß, den etwa Ludwig Bamberger auf Kaiser Friedrich ausgeübt hatte. Eine dieser Unterredungen, in denen sich zwei Juden um die Erhaltung des Weltfriedens bemühten, könnte einem Dramatiker den Vorwurf zu einer wirksamen Szene bieten. Ballin, der für die Größe Deutschlands wie wenige Großes geleistet, bekannte stets offen und frei sein Judentum. Bezeichnend ist sein Ausspruch: „Was Hamburg fehlt, sind 10.000 Juden mehr", sowie seine Verachtung jedes Täuflings: „Er beschimpft seinen Vater" sagte er von einem. Wenige Tage vor seinem Tode trat man an ihn mit dem Antrag heran, die Friedensverhandlungen zu führen. Rechtzeitig hat ihn der Tod daran gehindert. So ist sein Andenken rein geblieben. Dr. Grunwald. Die Palästina-Unruhen.

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