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Die Wahrheit · 1933-11-17 · Heft 46 (17.11.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 46 (17.11.1933)
Date
1933-11-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen UtU In Deutschland verboten ens Dl. Wahrheit mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Knltusgemeinde Wien Erscheint jeden «Freitag Redaktion und Administration: Wien II.. Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 17. November 1933 Nummer 46 Die Frösche stimmen für den Storch. Rasiere Didi gut und billig Wie die geistigen und politischen Repräsentanten der Kulturstaaten über „die braune Gefahr" denken, mit wieviel Abscheu sie die im Dritten Reiche zur Geltung gelangten Prinzipien und die Art, wie diese Prinzipien in die Praxis umgesetzt werden, einschätzen, das haben die Vertreter Deutschlands in der letzten Völkerbundversammlung so deutlich und gründlich zu hören bekommen, daß man den plötzlichen und überraschenden Austritt ihres Staates aus dem Völkerbund vielfach auf die Kränkung über die wenig schmeichelhafte Kritik, die der" neudeutschen Staatsweisheit in dem Parlament der internationalen Staatsmänner-Elite gezollt wurde, zurückführt. Es hat sich mit erfreulicher Klarheit herausgestellt und erhellt aus namhaften Pressestimmen aller Länder täglich aufs neue, daß man die Ausschaltung der 600.000 tüchtigen, um das deutsche Vaterland hochverdienten Juden aus dem Erwerbsleben als alles eher wertet, denn als eine moralische oder auch nur nützliche Leistung. Die Weltgeschichte ist nicht gerade arm an Greueln, die von religiöser, nationaler und politischer Unduldsamkeit verschuldet wurden. Aber was bedeuten die im Blutrausche jäh überschäumender Leidenschaften angerichteten Metzeleien einer sizilianischen Vesper, einer Bartholomäusnacht gegen die mit kaltblütiger Berechnung organisierte langsame Hinmordung der Juden in Deutschland, denen man mit sadistischem Raffinement jede Möglichkeit zum Broterwerb vorenthält! Mit diesem beispiellosen Vernichtungssystem, das im Zeichen des Hakenkreuzes gegen dessen wehrlose Opfer geführt wird, verglichen, erscheint sogar die Grausamkeit der heiligen Inquisition in milderem Lichte, schon deshalb, weil sie im Grunde einer werbenden Tendenz diente: Wer das Kreuz annahm, war gerettet. Die Judenpolitik des Nationalsozialismus ist aber rein destruktiv: Auch Familien, die schon seit zwei Generationen dem Judentum entfremdet sind und diesem ebenso ablehnend gegenüberstanden wie die vom Antisemitismus zur Macht emporgetragenen Herren des Dritten Reiches, sehen sich jetzt in .den Blutbann, der gegen alles Jüdische ausgesprochen worden ist, miteinbezogen und sogar einer der ersten Vorkämpfer des Hakenkreuzes, der Rathenau-Mörder Salomon, ist wegen seiner Abstammung „zum Juden ernannt" und um die Früchte seiner „nationalen" Tat gebracht worden, während jeder kleine Prügelterrorist im Braunhemd, sofern er nur arische Großeltern hat, im Glorienscheine eines unverletzlichen Nationalheiligen einherstolzieren darf. Und wehe, wenn solch ein Heros unsanft angetastet wird! Zur „Buße" dieses Frevels werden Dutzende ganz unschuldiger Juden und Marxisten zu nachtschlafender Stunde aus den Betten geholt und ins Konzentrationslager geführt, wo sie die schrecklichsten körperlichen und seelischen Torturen erleiden . . . Doch wozu sich in die grausigen Einzelheiten des Regierungssystems verlieren, mit dem Deutschland heute beglückt wird? Die ganze Welt kennt dieses System schon zur Genüge und hält mit ihrem Abscheu über den unerhörten Sadismus, der sich im Dritten Reiche ungestraft austoben darf und jeden früheren Rekord antisemitischer Gemeinheit, Roheit und Mordgier himmelhoch überragt, nicht hinterm Berge. Und das allgemeine Urteil sämtlicher Kulturmenschen über diese ins gigantischste Ausmaß gesteigerte Entartung aller Menschlichkeit und jener Ethik, die seit 1900 Jahren als die Grundlage der gesellschaftlichen Ordnung gilt, läßt sich auch durch noch so aufdringliche Beschönigungsversuche einer teils bezahlten, teils auf künftige Prämien spekulierenden Propaganda nicht beirren. Jeder Versuch, die in der ganzen Weltgeschichte noch nie dagewesene, sich unter der gaukelhaften Etikette von „Politik" und „Staatskunst" austobende Perversität neronischer Cäsaren zu verteidigen, hat naturgemäß nur die eine Wirkung, daß der allgemeine Abscheu vor den Verübern der HakenkreuzrGreuel sich auch auf deren Beschöniger ausdehnt. Das gilt unter anderem auch von der Wiener „Reichspost"', die jüngst den Judenvernichtungsrekord Hitlers mit der harmlosen Phrase „ein paar antisemitische CNODMC AUSWAHL BILLIGSTE PDTJSE EP p\t*' #S 5.st#* %. TCPPICOE VOnOANOE PIOBELSTOrrE, DECHEN MVR I., BAUERNMARKT 12-14 Exzesse" der Nachsicht des Weltgewissens empfahl, aber damit nur den Effekt erzielte, den allseits bewunderten Abwehrkampf der österreichischen Regierung gegen die braune Gefahr aufs schwerste zu diskreditieren. Die deutsche Regierung, der der gute Ruf des „Dritten Reiches" mehr am Herzen liegt als die seriöse Fundierung dieses Rufes, sah sich der Gefahr des völligen Fiaskos ihrer kostspieligen Propaganda im Ausland gegenüber. Aber Herr Goebbels hat sich als Zeuge im Reichstagsbrand- Prozeß nicht mit Unrecht gerühmt, daß er wisse, was Propaganda ist. Wo die Phantasie des bestbezahlten amerikanischen Reklamekünstlers zu Ende ist, dort fühlt sich der deutsche Propagandaminister erst so recht in seinem Element. An der Schwierigkeit des Problems entzündet sich sein schöpferisches Genie: Wenn das Ausland für die Regierten gegen die deutsche Regierung Stellung nimmt, dann müssen eben die Regierten für die deutsche Regierung gegen das Ausland mobilisiert werden. Sobald die vom Hakenkreuz-Regime Beglückten der Welt verkünden, daß sie sich wirklich glücklich fühlen, wer auf der weiten Erde hat dann noch das Recht, gegen dieses Regierungssystem zu murren? Und so erlebte die Welt eine 'groteske Fortsetzung der bekannten Äsopschen Fabel von den Fröschen, die mit aller Gewalt einen König haben wollten und von den in ihren demokratischen Gefühlen beleidigten Göttern den Storch als Herren erhielten, der seine Untertanen rück- Oesterreichlsdies Qualität* fabrikal Ueberau erhältlich sichtslos auffrißt. Äsop hielt damit seine lehrreiche Fabel für beendet, er zweifelte nicht daran, daß die abschreckende Pointe für jeden klar auf der Hand liege. Eine Volksabstimmung unter den Fröschen zu veranstalten, um zu eruieren, wie sie sich unter dem Schreckensregime des gefräßigen Vogels fühlten, erschien dem griechischen Dichter wohl absurd und überflüssig. Äsop hätte niemals Propaganda-Minister im Dritten Reiche werden können .. Die Störche, die unter dem Hakenkreuzbanner nisten, lassen sich ihren Appetit auf die armen, von ihnen regierten Frösche von niemandem und durch nichts vergällen. Aber sie halten es für politisch weise, sich von den Untertanen schwarz auf weiß bescheinigen zu lassen, wie sehr diese mit ihrem Los, gefressen zu werden, einverstanden sind und daß sie rückhaltlos mit der Taktik der Regierung einverstanden sind. Und damit nicht etwa einer oder der andere unter den Fröschen die Gelegenheit für günstig halte, seine wahre Meinung über die Schreckensherrschaft ihrer Vertilger zu äußern, sperrten die Störche den gewaltigen Schnabel während der ganzen Abstimmungsprozedur besonders drohend auf. so daß den armen Opfern angst und bange wurde und sie aus lauter Furcht vor dem Gefressen werden in aller Form ihr Einverständnis mit dem Gefressenwerden proklamierten. Das klingt paradox, ist aber Jer tatsächliche Sinn der am Sonntag in Deutschland durchgeführten Volksabstimmung über die Frage: „Bist du, deutscher Mann, und du, deutsche Frau, mit der Haltung der deutschen Reichsregierung einverstanden?" Sie wurde mit 40,618.147 „Ja" gegen bloß 2.055.363 „Nein" beantwortet. Am höchsten war der Prozentsatz der „Ja"-Stimmen in den — Konzentrationslagern. Womit einwandfrei bewiesen ist, was sich der gewiß nicht phantasierende Äsop nicht einmal hätte träumen lassen, daß es für Frösche wirklich keine größere Glückseligkeit geben kann als das Gefressenwerden Zu denen, die am 12. November mit „Du. deutscher Mann!", bzw. „Du, deutsche Frau!" apostrophiert wurden, gehörten auch die Juden, denen am 1. April das Recht, sich Deutsche zu nennen, so gründlich abgesprochen worden war. Die Juden dürfen heute in Deutschland keinem Erwerb nachgehen und ihre Kinder nicht in die öffentlichen Schulen schicken — das materielle wie das geistige Brot bleibt ihnen versagt. Um so verwunderlicher ist es, daß sie in Staatsangelegenheiten noch dreinreden und mitstimmen dürfen, wenn die Regierung efn Plebiszit für opportun hält. Die Gründe für diese scheinbar paradoxe Taktik der Hakenkreuzköpfe liegen aber auf der Hand. Da die Abgabe von „NehV'-Stimmen

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