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Die Wahrheit · 1933-11-10 · Heft 45 (10.11.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 45 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Sekt? 6 DIE WAHRHEIT KÜed der christlichen Gewerkschaften in Deutschland Hans Eckart der in scharfen Worten den Nationalsozialismus und den Antisemitismus jreißelte. Wettere Versammlungen finden statt: Montag, den 13. November üti Restaurant Sima, Wien XV1L, Kalvarienberggasse 12, Montag, den 20. November 1933 im Restaurant „Drei-Engel-Säle", Wien IV., Große Neugasse 36, und am Mittwoch, den 22. November 1933, im Restaurant Ladner, Wien XVIII., Michaeierstraße 15. Beginn aller Versammlungen um ^8 Uhr abends. Einladungen sind in der Redaktion der „G e r e c h t i g k e i t", Wien L Spiegelgasse 4, erhältlich. Die Winterhilfsaktion der Kultusgemeinde. An der Schwelle des Winters, der die Leiden der Armen vervielfacht, haben der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde und das österreichische Hilfskomitee für deutsche Juden kürzlich einen Aufruf an alle jene erlassen, die das Schicksal vor Kälte, Hunger und Obdachlosigkeit bewahrt hat. Um diesem Aufruf eine größere Resonanz zu verschaffen, hat das Präsidium der Kultusgemeinde am 6. d. M. Vertreter der Wiener Tages- und jüdischen Presse zu einer Pressekonferenz eingeladen, zu der eine erfreulich große Anzahl von Journalisten erschien. Dieselben wurden von dem gesamten Präsidium, dem Obmann der Fürsorgezentrale, Dr. I. Klaber, dem Amtsdirektor Reg.-Rat G. Fuchsgelb, dem Vorstand des Fürsorgeamtes Emil Engel und dessen Stellvertreter Dr. Blauer empfangen und nahmen mit großem Interesse den inhaltsreichen Bericht des Präsidenten der Gemeinde Dr. D. Friedmann über die hervorragende Tätigkeit der Gemeinde auf sozialem Gebiete entgegen. Dieses Interesse spiegelt sich in den ausführlichen Berichten wieder, die auf Grund des erwähnten Berichtes in den Tageszeitungen erschienen. Für unsere Leser ist es nicht notwendig, all das wiederzugeben, was Dr. Friedmann den Pressevertretern zu berichten wußte; sie wissen, daß die Wiener Kultusgemeinde unendlich viel zur Linderung der Not der Armen und Leidenden leistet, sowohl in ihren eigenen und den von ihr subventionierten ausgezeichneten Fürsorgeinstitutionen, wie auch auf dem Gebiete der Einzelunterstützung. Nur eine Zahl sei deshalb aus dem interessanten Berichte des Präsidenten der Wiener Gemende herausgegriffen, eine Zahl aber, die so kraß das ganze jetzt unter der Wiener Judenschaft herrschende Elend beleuchtet: 50.000 Menschen stehen derzeit in der Kartei der Fürsorgezentrale der Gemeinde, also ein Viertel der Wiener Juden. Wir sind überzeugt, daß die Anführung dieser furchtbaren Tatsache die Opferbereitschaft unserer Leser erhöhen wird, denen eine rasche Hilfeleistung nicht zuletzt deshalb ans Herz gelegt sei, weil die Gemeinde, bzw. ihr Hilfskomitee heute auch noch die gewaltige Sorge um die aus ihrem Heimatlande vertriebenen und hierher verschlagenen deutschen Juden zu tragen hat Deshalb erfülle jeder so rasch wie möglich seine Pflicht als Jude und Mensch! Kuliuswahlen In St Pölten. Am 29. v. M. fanden in der Kultusgemeinde St Pölten die Neuwahlen für den Vorstand und Kultusrat statt. Diese jedes vierte Jahr stattfindende Wahl war heuer von besonderer Heftigkeit, ja es wurde geradezu ein Wahlkampf geführt wie er in der Geschichte der hiesigen Kultusgemeinde beispiellos dasteht. Veranlassung zu diesem Wahlkampfe bot das Vorgehen der zionistischen Ortsgruppe St. Pölten, welcher die ruhige, friedliche und sachgemäße Führung der Kultusgemeindeagenden seitens der bisherigen Gemeindevertretung nicht paßte. Obwohl die alte Gemeindevertretung den Zionisten eine Einigung im Kompromißwege in Vorschlag brachte, die zunächst Zustimmung fand, wurde durch eine Spaltung im zionistischen Lager dieser Vorschlag zur Güte zunichte gemacht und den Kultusgemeindemitgliedern eine Kandidatenliste vorgelegt in welcher auch nicht einer der bisherigen Kandidaten, Männer, welche sich um das Wohl der Gemeinde seit 15, 25, ja sogar seit 30 Jahren verdient gemacht haben, enthalten war. Selbstverständlich sah sich die ' konservative Partei durch dieses Vorgehen veranlaßt eine eigene Kandidatenliste herauszugeben, welche jedoch trotz allem auch zionistische Kandidaten enthielt. Diese Liste errang in dem nun einsetzenden heißen Wahlkampf einen durchschlagen den Erfolg, zu dem den Sankt Pöltner Konversation herzlichst zu gratulieren ist. Die am 5. November stattgehabte konstituierende Versammlung zeitigte folgendes Resultat: Der seit 23 Jahren an der Spitze der Gemeinde stehende verdienstvolle Vorsteher, Herr Kommcrzialrat Albert Leicht wurde wieder gewählt, ihm zur Seite stehen der langjährige Vorsteherstellvertreter Herr Karl Frank und als Beiräte die Herren. Dr. Hugo Deutsch, Moritz F r i s c h m a n n, Daniel Kerpen und Richard Lustig. I Rabbi Meier Schapira. I Von N. H. Frostig. Ein Fürst im Reiche der Thauro, im Reiche der talmudischen und rabbinischen Literatur ist abberufen worden. Ein Großer seines Volkes, ein Qaon Hador ist heimgegangen! Noch ist der Schmerz über den Tod des greisen Chofez Chajim nicht gestillt, die Wunde nicht vernarbt und schon wieder hat das thoratreue Judentum einen furchtbaren Verlust erlitten. Rabbi Meier Schapira ist nicht mehr! Dieser Verlust ist um so schmerzlicher, als der Heimgegangene in der Blüte seines segensreichen Schaffens stand, voll orgineller schöpferischer Ideen, voll Tatkraft und Tatendrang, ein Lehrer und Erzieher seines Volkes. Rabbi Schapira war eine einzigartige, fast phänomenale Erscheinung im jüdischen Leben. Das Geheimnis seiner ans Zauberhafte grenzenden Wirkung auf Freund und Gegner lag in seiner ausgeglichenen harmonischen Persönlichkeit, die den Brennpunkt zahlreicher großer Fähigkeiten bildete. Und dieser Brennpunkt hieß: Begeisterung für das Thaurostudium, felsenfester Glaube an die Zukunft des gesetzestreuen Judentums und restlose Aufopferung für den geistigen und politischen Kampf um dessen Zukunft. Rabbi Schapira war eine große Hoffnung und eine noch größere Erfüllung. In der Beschränkung, heißt es allgemein, zeigt sich der Meister: aber das Einmalige am großen Heimgegangen bestand eben darin, daß er Meister war, wiewohl er keinerlei Beschränkung übte. Er war ein Gelehrter von tiefgründigem Wissen, ein meisterhafter Schwimmer im Talmudmeere und ein moderner Staatsmann; der mit Diplomaten Verkehr pflegte und glänzende Reden im polnischen Sejm hielt; er schrieb religiöse Abhandlungen und talmudische Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgaste 3 Tel. A 43-5-37 Spezialhaua für Wolle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Taborsöraße Nr. 17 Fabriksnicderlage. Wirku. Strickmodea Telephon A 45-8-69 und Ofüziere waren bei der Trauerfeier. Nachrufe hielten Rabbi Lew in (Agudali), TRabbi Kanal (Rabbinerverband) und der Präsident der Warschauer jüdischen Gemeinde M a s u r. Werke, die solch profundes Wissen auf allen Gebieten des jüdischen Geistes bekundeten, daß man vermeinen könnte, der Autor dieser Bücher müßte ein lebensfremder Talmudforscher sein, der sein Studierzimmer nie verlassen habe. Rabbi Schanira unternahm gleichzeitig Reisen, die ihn in alle Großstädte Europas und Amerikas führten, wo er in riesigen Versammlungen sprach und für sein großes historisches Werk der „Jeschuwas Chachmej Lublin" warb. Wer diesen großen wahrhaften Führer seines Volkes öffentlich reden hörte, wußte, welch eine bezwingende, niederringende und aufrichtende, erhebende und zu heller Begeisterung mitreißende Kraft seinem Wort und seiner Stimme innewohnten; wem aber das Glück beschieden war, Rabbi Schapira im engeren Kreise sprechen oder zumindest seine Privatgespräche, die Sichaus Chulin eines Talmud Chocbem aus zweitem Munde nacherzählt zu hören, wußtewie viel Lebensweisheit, wie viel Güte und Menschenliebe dieser Zaddik auf seine Umgebung ausstrahlte. Gleich dem Leben, das vom Glanz der Thauro umstrahlt war. war auch das Scheiden. Nur ein Zaddik, der Auserwählte seines Gottes und seines Volkes scheidet so dahin. Eine scheinbar ungefährliche Halsentzündung zwang den nie Rastenden aufs Lager. Um ihm seine Nächsten und Vertrauten. Zwölf Uhr nachts bat der 46jährige Lehrer und Führer, man möce ihn in das Emnfangszimmer der Jeschiwa tragen. Dort, auf seinem neuen Lager ließ er die älteren Schüler und seine Getreuen rufen, die Gläser füllen und Lechajim trinken. Dann reichte er allen um ihn Stehenden die Hand und nahm Abschied von ihnen. Und als ihn die Schüler fragten, ob sie das Licht abdrehen dürfen, damit er einschlafen könne, erwiderte der Rabbi: „Ja, Kinder, ich werde einschlafen und dann wird die große Freude kommen." Er sprach es. und plötzlich verfärbte sich das Gesicht und in zwei Minuten war er nicht mehr. Alle Lichter der riesigen Jeschiwa wurden angezündet alle zweihundert Zöglinge wachten auf... Alle Lichter brannten in dieser Donnerstagnacht, aber das größte Licht war erloschen... So stirbt ein Zaddik. Unsere Vorfahren würden sagen: „Mejs beneschiko — er verschied mit dem Kuß Gottes auf den Lippen..." * Ungefähr 50.000 Personen schritten hinter dem Sarge des verstorbenen Lubliner Raws und Jeschiwah-Leiters Rabbi Meir Schapira. Rabbiner und Vorsteher aus 200 Gemeinden, ferner Vertreter der Wojwodschaft, hohe Beamte Dr. Ludwig Tietz gestorben. Am Samstag, den 4. November, ist Dr. Ludwig T i e t z, der Führer der jüdischen Jugend und einer der Führer der nichtzionistischen Palästinafreunde in Deutschland, der in letzter Zeit mit an der Spitze der Hilfs- und Wiederaufbauarbeit für das deutsche Judentum gestanden hat, einem Blutsturz erlegen. Er stand im 37. Lebensjahre. In weitesten" Kreisen der deutschen Judenheit hat die Nachricht vom Tode Dr. Ludwig Tietz' Bestürzung und Trauer ausgelöst. Der Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau widmet dem Verstorbenen folgenden Nachruf: Der „Zentralausschuß der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" hat seinen Mitbegründer und Generalsekretär Dr. Ludwig Tietz verloren. Er trauert um ihn,, der seit Begründung des Zentralausschusses im Frühjahr dieses Jahres bis zum letzten Tag seines Lebens alle Kräfte seines reichen, edlen und starken Menschentums, sein Wissen, seinen Geist, seinen Mut und seine Güte in den zusammenfassenden Dienst der sozialen und wirtschaftlichen Hilfsarbeit gestellt hat. Uns allen in unserem Arbeitskreise war er ein Stück unseres Wesens, die Gewißheit und Zuversicht unserer Arbeit. Aus Kreisen des Centrai-Vereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der nächsten Mitarbeiter des Verstorbenen wird der JTA u. a. geschrieben: Der Tod von Ludwig Tietz fügt dem deutschen Judentum einen unersetzlichen Verlust zu. Seine außergewöhnlichen menschlichen, wie sachlichen Qualitäten machten ihn. wo immer er sich einsetzte, zu einem führenden Mitarbeiter von unvergeßlichem Wert. In vorderster Linie beklagt der Centrai-Verein das Hinscheiden seines stellvertretenden Vorsitzenden. . . . Zahllose Menschen, vor allem der jüngeren Generation, gedenken mit innerer Verbundenheit des Augenblicks, in dem sie erstmalig mit Ludwig Tietz in Berührung kamen. Die jüdische Jugend sah in Ludwig Tietz den Vorkämpfer für eine neue Gestaltung ihres Lebens. Als Generalsekretär des Zentralausschusses der deutschen Jucfen für Hilfe und Aufbau fand Ludwig Tietz Kontakt nicht nur mit den jüdischen Kreisen Deutschlands, sondern auch mit allen Stellen außerhalb Deutschlands, die sich mit dem Hilfswerk für das deutsche Judentum befassen, und das Echo, das die Nachricht von seinem Tode weckt, zeigt, daß das deutsche Judentum auch für seine Repräsentation außerhalb seiner Grenzen in Ludwig Tietz einen unersetzlichen Menschen, besaß. Der Vorstand der Jüdischen Gemeinde zu Berlin führt in seiner Kundgebung u. a. aus: Seit früher Jugend hat Herr Dr. Tietz erst für die jüdische Jugendbewegung, dann für die verschiedenen Organisationen des deutschen und preußischen Judentums seine ganze Kraft eingesetzt. Mit unermüdlichem Arbeitseifer hat erv zumal in diesen letzten schweren Monaten, an verantwortlicher Stelle für Hilfe und Aufbau gewirkt . . . Sein Andenken wird in allen Kreisen der Gemeindemitglieder in Ehren gehalten werden. Der stellvertretende europäische Direktor des American Joint Distribution Committee Morris C. Troper schreibt u. a.: Der plötzliche Tod von Dr. Ludwig Tietz ist besonders tragisch in einem Augenblick, in dem die deutsche Judenheit so sehr auf das aufbauende Hilfswerk angewiesen ist. dem er sich so hingebungsvoll und unermüdlich gewidmet hatte. Durch seine Bemühungen im Dienste des Zentralausschusses hat sich Dr. Tietz die Bewunderung der amerikanischen Juden gesichert die mit ihm in Berührung kamen; sein Tod wird von ihnen allen tief bedauert werden. Sein letzter Erfolg. Am Tage vor seinem Ableben gab Dr. Ludwig Tietz im Namen des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände bekannt: Der Jugendführer des Deutschen Reiches Baidur von Schirach hat unter dem 2. November an den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände ein Schreiben gerichtet nach dem er ..von nun ab lediglich den Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände als alleinige verantwortliche Zentralorganisation der jüdischen Jugend betrachtet Für alle in Frage kommenden Verhandlungen ist künftighin nur der Reichsausschuß der jüdischen Jugendverbände zuständig." Mit der hierdurch ausgesprochenen Anerkennung des Reichsausschusses der jüdischen Jugendverbände ..als alleiniger verantwortlicher Zentralorganisation der jüdischen Jueend" ist die Arbeit der jüdischen Jugendbünde im Rahmen der geltenden Bestimmungen gewährleistet. Die jüdischen Jugendbünde können sich daher jetzt mit ganzer Kraft der ihnen gestellten großen Aufgabe der Erziehung der jüdischen Jugend zuwenden und sich ganz der Arbeit widmen, die der jungen jüdischen Generation in Deutschland durch die Forderungen der Gegenwart aufgegeben ist. Der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs". Bezirksgruppe Brigittenau wird in nächster Zeit im dortigen Bezirkstempel eine Ehrentafel zum Andenken an die gefallenen Soldaten des Weltkrieges anbringen lassen. Die Hinterbliebenen nach gefallenen Brigittenauer Juden werden deshalb ersucht, sich mit entsore- "chenden Ausweisen in der Tempelkanzlei. XX.. Kluckygasse 11, an Wochentagen von 3 bis 5 Uhr nachmittags einzufinden.

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