Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 45 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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STEININDUSTRIE; CARL BENEDICT i! Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 senden und darum als Ausgangspunkt iür diesen Bericht typisch. Acht Tage später beschloß ich meine Abreise. Als jüdischer Journalist hatte ich im „Dritten Reich" nichts mehr zu suchen. Die halbe Stunde am" dem Bahnhot war ein Abschluß und ein Anfang. Es waren dreißig erregte und erregende, quälende Minuten, deren jede neue Fragen, aeue Warnungen bedeutete. Ein paar von meinen politisch weniger belasteten Freunden brachten mich bis zum Emigrantenzug. dessen Schienenweg und Abfahrtszeit geblieben waren wie früher, dessen Bedeutung aber trotzdem eine andere geworden war. Meine Freunde umstanden mich und waren stumm. Vor der Traurigkeit hatten sie Angst, zur Lustigkeit fehlte ihnen der Anlaß, und die forcierten Banalitäten, die in solchen Situationen üblich sind, hätten wenig Resonanz gefunden. Der Bahnsteig war dicht gefüllt. Allentialben staute sich irgendeine Verwandtschaft, irgendein Freundeskreis um eines dieser verlorenen, blassen Geschöpfe, die im Begriff waren, einen neuen Weg einzuschlagen. Junge Menschen, die urplötzlich vorsichtig and erfahren sein mußten, traten ihre Reise ins E x i I an. Einer unter ihnen war ich. (Fortsetzung folgt) James Mac Donald nimmt an. James MacDonald. der vom Völkerbund eingeladen wurde, das Amt eines Hochkommissars iür die deutschen Flüchtlinge zu übernehmen, erklärte sich bereit, das ihm angebotene Amt anzunehmen, und begibt sicli demnächst nach Genf zur Organisierung dieses Amtes. Inzwischen ist ein von James (i. MacDonald unterzeichneter Bericht der Foreign Policy Association unter dem Titel „Die Juden im Dritten Reich" erschienen, der eine Zusammenfassung der Ereignisse in Deutschland seit dem Regierungsantritt Hitlers mit besonderer Berücksichtigung der Lage der Juden gibt. Der Bericht gipfelt in der Schlußfolgerung, daß die Lage aller Nichtarier in Deutschland außerordentlich schlecht sei und daß ihre wirtschaftliche Zukunft mehr als düster sei. Insbesondere wird die jüngere Generation der Nichtarier nicht in der Lage sein, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen1, da die erzieherischen Gelegenheiten für sie scharf begrenzt sind. Der Bericht enthält eine umfassende Statistik über die Arbeitsverteilung bei Juden und Nichtjuden in Preußen, wo zwei Drittel aller deutschen Juden leben. In dem Bericht wird festgestellt* daß der Durchschnittsprozentsatz der in den verschiedenen Zweigen beschäftigten Juden nur 1,06 Prozent — vor der Hitler-Revolution — betrug und daß die Zahl der Juden in öffentlichen Aemtern, gegen die die Nationalsozialisten einen so erbarmungslosen Feldzug einleiteten, nicht mehr als 0,32 Prozent der Gesamtzahl der deutschen Beamtenschaft ausmachte. Die von der Hitler-Regierung aufgestellte Behauptung, daß keine andere Revolution mit so wenig Blutvergießen vor sich gegangen sei wie die Hitler-Revolution wird in dem Bericht MacDonalds als e i n e L ii g e g ekennzeichnet. An Hand beglaubigter Tatsachen wird nachgewiesen, daß in großem Maße Gewalttaten gegen Andersgesinnte und Juden begangen wurden. Der Verwaltungsrat des Internationalen Arbeitsamtes hat auf seiner 64. Tagung beschlossen, die Ernennung des Flüchtlingskommissars durch den Vorsitzenden des Völkerbundrates zur Kenntnis zu nehmen und dem Kommissar bei seiner Arbeit jegliche Unterstützung zu leihen. Im Tode vereint. In Szegedin fand die Bskränzung des ersten Jüdischen Heldendenkmals in Ungarn statt. Bei dieser Gelegenheit hielt der Kommandant der dortigen Gemischten Brigade. Feldmarschalleutnant Dr. Koloman Svoy, auf dem jüdischen Friedhof eine Ansprache, in der er u. a. sagte: „Wir haben dieses Denkmal, das den Ruf des jüdischen Helden fortan verkünden wird, unseren jüdischen Soldaten in dem Bewußtsein huldigend errichtet, daß viele Christen und Juden, Schulter an Schulter, das größte Leid des Lebens, die Todesfurcht, durchlebt haben und in das Jenseits eingegangen sind. Wer weiß, wie viele von ihnen auch Jetzt noch in Umarmung in gemeinsamen Gräbern ruhen." Dem „Stürmer" ins Stammbuch. Von Cliaiim Bloch. (Nachdruck gestattet.) Der merkwürdigerweise noch immer nicht verbotene ..Stümer", der Woche iür Woche seine Leser mit unverschämten Verleumdungen des Judentums füttert, brachte in der vorletzten Nummer einen Aufsatz über „Jüdischen MilitärbefreiungsschWindel im Weltkriege", der auch von anderen Hetzblättern übernommen wurde. Es handelt sich um die «aiizischen Rabbinatskandidaten. die die Wehrbegünstigung nach § 29 des Wehrgesetzes erwirkt, bezw. zu erwirken versucht haben. Der Verfasser des Artikels richtet au die Kultusgemcinde die Aufforderung, nachzuweisen, ob auch katholische «der protestantische Stellungspflichtige sich mit gefälschten Zeugnissen als Angehörige von Priesterseminaren ihren patriotischen Pflichten zu entziehen suchten. Nun hat die Kultusgemeiiiüe andere Auigabeii. als Nachforschungen darüber anzustellen, inwieweit die katholischen und nrotestantischen Stellungspilichtigen ihre patriotischen Pflichten erfüllt haben, ob die tausende jungen Leute, die im Kriege in die priesterlichen Seminare eintraten, auch nach dem Kriege das geistliche Gewand anhaben. Die .jüdische" Kultusgemeinde führt selbstverständlich über Dinge, die sie nichts angehen, grundsätzlich keine Untersuchungen. Am' die an die Kultusgemcinde gerichtete Frage möchte aber ich mit einer Gegenfrage dem „Stürmer" antworten: Ist ein einziger Rabbiner oder Rabbinatskandidat im Weltkriege als Verräter oder Spion verurteilt, angeklagt in Untersuchung gezogen worden? Generalmajor Max Ronge (ein reinrassiger Arier) weiß in seinem Werke ..Spionage" (Wien 1930) von vielen Geistlichen der in der ehemaligen Monarchie vertretenen christlichen Bekenntnisse zu berichten, die sich des Verrates an ihrem Vaterland schuldig machten. Freilich fiel es den Juden nie ein, deshalb die christlichen Geistlichen in Bausch und Bogen als Verräter und Spione zu erklären und dem Christentum die Verantwortung iür die Verfehlungen einzelner Menschen anzulasten. Die Frage, ob die Rabbinatskandidaten mit Recht oder durch Schwindel ihre Begünstigung angestrebt haben, hat der verewigte Dr. Josef S. Bloch im Jahre 1915 in einer Gedenkschrift an den Wiener Stadtkommandanten Baron W i 1 k u 11 i gründlich aufgeklärt. Die Militärbehörde sah sich daraufhin veranlaßt, das ganze Verfahren gegen diese Rabbinatskandidaten niederzuschlagen, was aber der ..Stürmer" in seiner verlogenen Weise verschwiegen hat. In einem anderen Artikel in der gieichen Nummer berichtet der „Stürmer" über „Jüdischen Verrat vor dem Weltkriege" und hehauptet. allerdings ohne Quellenangabe, daß der Verräter Redl ein getaufter Jude war. der aus einer polnisch-jüdischen Familie in Gaiizien stammt. Der Verfasser des Artikels ist empört, daß die jüdische Presse niemals berichtet hat. daß dieser Verrat durch einen Angehörigen des auserwählten Volkes verübt wurde, und darum sei heute, wo die Juden gerade wieder in Patriotismus machen, an diese Tat ihres Volksgenossen erinnert. Dieser Verleumdung gegenüber möchte ich folgendes feststellen: Abgesehen davon, daß das Judentum für einen Lumpen, der an seiner eigenen Gemeinschaft durch Uebertritt Verrat übt. nicht verantwortlich gemacht werden darf, ist die Behauptung, Redl stamme von Juden ab. an und für sich eine infame Lüge. Aus den im ..üesterreichischen Kriegsarchiv" (Direktor Herr Edmund von Glaise-Horstenau. gewes. Oberstleutnant des Generalstabskorps) erliegenden Personaldokumenten Redls kann festgestellt werden, daß dieser Verräter von einer reinrassigen christlichen Familie stammt. Das gleiche kann Herr Dr. Vorlicek, Generalauditor der tschechoslowakischen Armee, und. wie ich annehme, auch Herr Oberst Emil Seeliger i:>. Wien bestätigen. Wie mir von einem hohen Offizier vertraulich mitgeteilt wird, war Redls Vater deutscher Abstammung, seine Mutter aber war eine Ruthenin. Tochter eines griechisch-orthodoxen Piarrers. Wahr ist nur. daß er in Gaiizien zur Welt kam. Und das genügt, um ihn zum Juden zu machen! Wäre Redl Jude gewesen, er hätte, trotz seiner Taufe, die Stelle eines Generalstabschefs des Prager Korps nicht bekleiden können. Auch seine verschwenderische Lebensweise und krankhafte widernatürliche Veranlagung, deren Oprer er war, spreche« nicht dafür, daß er von jüdischem Blnte r-ngesteckt war. Der „Stürmer" wird aber dennoch seine verleumderischen Beschuldigungen gegen Juden und Judentum fortsetzen. Sein Leserkreis ist reif dafür . . . Unseren Christlichsozialen ins Stammbuch. Der Hauptrat der Christhchsozialen (antisemitischen) Partei Polens hat eine Resolution zur Judenfrage gefaßt, in der es einerseits als Programm der Christlichsozialen Partei bezeichnet wird, übermäßigen jüdischen Einfluß zu bekämpfen, anderseits aber eine Diffamierung der jüdischen Presse und die Verdrängung der Juden aus dem wirtschaftlichen und kulturellen Leben entschiedeniabgelehnt werden. In der Resolution heißt es u. a.: „Die J u d e n f r a g e ist für uns nicht eine Frage d e s B1 u t e s. Der Standpunkt, daß die Juden zufolge ihrer biologischen Eigenart eine niedrigere Rasse darstellen, daß sie deshalb schädlich seien und keine kulturellen Werte zu schaffen vermögen, steht nicht im Einklang mit Christ- GROSSFLEISCHHAUEREr IIEGM. KORNMEHL!«■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ WIEN IX, BCRGCUUM NR. 19 FILIALE! XVIII., WAMBINaUCTIMSSS «7 TtUp&oaNr. A 17-349 und A 18444 Ltataraat Mr HH»n«l»H»w AbteilungenffirKoscherfieisch Mttep Aufsieht mm» ehrat. Rabbi nata» amr Isr. Kultu«||«ineinif» Wim» Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zo den billigsten Marktpreisen liehen Grundsätzen und c h r i s-tl i c h e r Ethik. Die Juden müssen ebenso wie die C h r i s t e n a 1 s B ii r g e r d e s S tu a t e s behandelt werden. Ihr Anteil an den staatlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Einrichtungen soll ihrem Anteil an den Leistungen für den Staat und ihre Opferwilligkeit für Staat und Gesellschaft entsprechen." tiu jüdischer Bürgermeister von Triest. Ministerpräsident Mussolini hat Herr» Enrico Salem zum Nachfolger des bisherigen Pudes tu von Inest, des Senators Dr. Pitaceq. dessen Amtsperiode abgelaufen war. ernannt. Der neue Podesta wurde vom Prüfekten bereits vereidigt und hat sein neues Amt angetreten. Die Familie Salem stammt aus Portugal. Während der Judenverfolgungen auf der iberischen Haltt insel flüchteten die Salem nach Holland. Im Jahre 1780 kam der Urgroßvater des jetzigen Bürgermeisters von Amsterdam nach T r i e s t. wo er sich als Bankier niederließ. Sein Sohn war bis 1912 Präsident der Triestiner Israelitischen Kuitusgemeinde. Der neue Bürgermeister von Triest ist mit der Wienerin Eleonore Gutmann vermählt. Ein polnischer Jude Bürgermeister in Kapstadt. Zum Bürgermeister von Kapstadt wurde vor kurzem Louis Grander, ein Jude, gewählt. Die Einführung Granders in sein Amt vollzog sich in einer großen Zeremonie. Grander, der in allen Bevölkerungskreisen Kapstadts sehr populär ist. wurde in Bialystok geboren und wanderte als fünfjähriges Kind mit seinen Eltern nach England und von dorr nach Südafrika aus, wo er sett i5 Jahren ununterbrochen wohnt. Auch seine Frau, eine geborene Reinhold, wurde in Bialystok geboren. Harand-Bewegung. Im Zuge der in allen Wiener Bezirken durchgeführten Versammlungsaktion gegen Rassenhaß und Menschennot fand Donnerstag, den 2. November, eine sehr gut besuchte Versammlung im Lembacher-Saal auf der Landstraße statt. Den Vorsitz führte Katharina Riedl. Das Referat erstattete Irene H a r a n d. Unter großem Beifall der Versammelten entwickelte die Rednerin ihr Programm, das dahin geht, daß Vorurteile unter den Rassen und Konfessionen beseitigt werden, denn auf diese Weise kann man auch die Linderung der Menschennot herbeiführen. Frau Harand wendete sich in scharfen Worten dagegen, daß man jetzt versucht, die Jugend durch antisemitische Schlagworte zu vergiften, und führte aus. daß es beschämend wäre, wenn wir darauf angewiesen wären, die Jugend durch Entfachung des Hasses zu gewinnen, anstatt ihr die wahre Religiosität und Pflege des Heimatgedankens zu geben und ihr eine feste wirtschaftliche Existenz zu schaffen. Die Ausführungen der Rednerin wurden von der Versammlung mit stürmischem Beifall aufgenommen. Es sprach noch Zentrumsflüchtling, früheres Mit- Bosenlhal ftanner Schülerin * erteilt erstklassigen Klavierunterricht zu mäßigen Preisen. Briefadresse: Frl. Gisela Klein, II., Brigittenauer Lände 10, 1. Stock, Tür 11, Tel. A 48-7-27 (von 12—2 Uhr)