Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 45 (10.11.1933)
- Date
- 1933-11-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Akademiker erteilt Nachhilfeunterricht an Mittelschüler, unterrichtet in Englisch, Französisch, Latein, Griechisch und Hebräisch, geht eventuell als Hofmeister. Unter „Billig" an die Administration d. Blattes. kann nur ein Ja' sein." Wie die JTA von gut informierter Seite criähri. beabsichtigt die Rcichsvertretung der deutschen .luden, der Reichsregierung demnächst eine Denkschrift zu unterbreiten, in der die Auswirkung der gesetzlichen Maßnahmen der letzten Zeit auf die Lage der jüdischen Bevölkerung dargelegt und Wünsche betreffend die Eingliederung der Judenschaft in das Staatsgeiüge vorgebracht werden sollen. Der Reiclisiinnister für Propaganda. Ur. Uoeubels, eröffnete die Reichstagswahlpropagauda mit einer großen Rede in Dresden, in der er auch auf die Jude nirage zu sprechen kam. Dem Bericht des „Angriff zufolge erklärte er. die Regierung Jiälie den Juden in den letzten acht Monaten weniger angetan, als diese dem deutschen Volk in vierzehn Jahren. (!) Im Bericht des ..Berliner Tageblattes" wird mitgeteilt, Dr. Goebbels habe in seiner Besprechung der Judenfrage gesagt: „Wir haben an dieser Frage das gelöst, w a s z ü i i'i son war. und sie ad acta g e 1 e g i." In einer Wahlversammlung in Weimar machte dagegen Reichskanzler Hitler eine Anspielung auf die Londoner jüdische Konferenz und auf die Mitteilung Laskis. da« bis jetzt 65.000 Juden Deutschland verlassen haben. „Es war für uns", sagte der Reichskanzler, „eine große Erleichterung, zu hören, daß so viele Juden fongezogen sind, die Za h 1 wird sich wohl noch beträchtlich erhöhen." Dann sprach der Reichskanzler von den Flüchtlingen im allgemeinen nochmals als von Verbrechern, ohne einen Unterschied zwischen den politischen Gegnern des Nazi-Regimes und den Juden zu machen und ohne dabei in Betracht zu ziehen, daß die Juden deshalb fortziehen, weil für sie in Deutschland eine wirtschaftliche Existenzmöglichkeit nicht besteht. Der Leiter des außenpolitischen Amtes der N.S.D.A.P.. Alfred Rosenberg, hinwiederum nahm in einer im Berliner Sportpalast gehaltenen Rede auch zur Judenfrage Stellung und erklärte, diese Frage könne nicht als Niinderheitcnproblem behandelt werden. Die Aufrollung der Judenfrage als eine Minderheitena n g e 1 e ge n h e i t in Genf sei ein mit dürftigen Mitteln eingefädelter Versuch gewesen, die deutsche Regierung .in internationale Verwicklungen zu stürzen. Deutschland .habe von jeher die These vertreten. daß erst eine ^eigene Sprache und gemeinsame Kulturgeschichte das Recht auf Minderheitenbeliandlung gewähren könne. Wenn das Judentum •sich entschließen würde, sich zu einer gemeinsamen Sprache zu bekennen und auf einem gesonderten Territorium in Deutschland zu leben, dann erst wären die Vorbedingungen für die Anerkennung einer jüdischen Minderheit geschaffen. Die deutsche antisemitische Weltpropaganda. Das Reichspiopagandaministerium gibt jetzt ein eigenes Organ zwecks Informierung der Welt über den nationalsozialistischen Staat heraus. Die Zeitung, die in Hamburg gedruckt und von dort versandt wird, trägt den Titel „Nationalsozialistische Weltpost". Die erste Nummer enthält Aufsätze von Reichspropagandaminister Dr. Goebbels, von Reichswirtschaftsminister Dr. Schmitt und dem Direktor der außenpolitischen Sektion der N.S.D.A.P., W. E. Bohle. Die Zeitung wird in Millionen Exemplaren nach dem Ausland verbreitet werden, eine starke Verbreitung ist für die Vereinigten Staaten vorgesehen. Nach der ersten Nummer und nach verschiedenen anderen Zeichen zu urteilen, wird es das Ziel dieser Zeitung sein, hauptsächlich antisemitische Propaganda zu treiben, um durch Auflockerung des politischen Bodens im Auslande dem deutschen Staate aus seiner Isolierung herauszuhelfen. * Samuel Untermyer erklärte auf einer Kundgebung in Cleeveland, die New Yorker und die Bundesbehörden, die die Untersuchung über die deutsche Propaganda und gegen ihre Agenten eröffnet haben, hätten ■ermittelt, daß diedeutsche"Regierung für Propaganda im Ausland zehn Millionen Mark bereitgestellt habe, wovon der größte Teil für die Propaganda in den Vereinigten Staaten bestimmt ist Der Hitler-Agent Spanknöbel, gegen den ein Haftbefehl erlassen wurde, ist verschwunden. Die nach ihm fahndende Polizei bewacht alle Flugplätze und Häfen. Das New Yorker Zollamt hat eine Menge Nazi-Schriften beschlagnahmt. Samuel D i c k s t e i n, Vorsitzender der Einwanderungskommission des Senates, erklärt, er habe dem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Kongresses, der am 14. November seine Arbeiten beginnt. Hägers Selchwaren-Restaurant Selth»it(t ans der Fabrik A Elsen & Hönlgsber streng onb. Tfc (üater Aufsicht der Adas - Jtoroel - Schtfbcoul) Wim II., »raterstrafta 33, Telephon R-47-4-49 «ob 8 «.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Unterlagen geliefert, die bezeugen, dato" die Hitler-Propaganda «eit zwei Jahren mit Unterstützung der deutschen Schiffahrtgesellschaften betrieben wird. Der deutsche Botschafter in Washington und ehemaliger Reichskanzler, Dr. Hans Luther erschien am 3. November im State Department-und beschwerte sich über die von Samuel Untermyer gegen ihn erhobene Beschuldigung, er sei nur zum Schein Botschafter, in Wirklichkeit bestehe seine Aufgabe darin, die deutsche Propaganda in Amerika zu leiten und die Nazi-Agitatoren mit Geld zu versehen. Der Staatssekretär Cordeil H u 11 nahm die Erklärung Luthers zur Kenntnis. * Der Korrespondent der „Times" in Kapstadt weiß zu melden, daß unter den Juden Südafrikas Erregung und Beunruhigung über die im Bundesstaat auf deutschen Einfluß hin betriebene antisemitische Propaganda herrschen. Die Propaganda geht von der Organisation der „Grauhemden" aus, die ganz unter deutschem Einfluß stehen. Der vorbereitete Gesetzentwurf, der den Nationalsozialismus für illegal erklärt, ist vom Generalgouverneur Südwestafrikas noch nicht unterzeichnet worden, so daß der Nazinropaganda kein gesetzliches Hindernis entgegensteht. Jüdische Kaufleute erhalten durch die Post mit Hakenkreuzen bemalte pöbelhafte Briefe. Auf üruiid der aus ganz Rumänien cintieilenden Nachrichten über die bedrohliche antisemitische Propaganda und des reichen Materials, das der Präsident des Verbandes der rumänischen Juden, De. F i I d e r m a n n, dem Innenminister zugestellt hat. hat die rumänische Regierung beschlossen, energische Maßnahm e n gegen das Umsichgreifen der antisemitischen Bewegung zu treffen. Beamte, die sich in letzter Zeit antiseinitisdi betätigt haben, seilen entlassen werden. Die Regierungsblätter „Dreptatca" und „Patria" nehmen scharf gegen die antisemitischen Führer, die sie als Feinde Rumäniens bezeichnen. Stellung. Die konservative Tageszeitung „Vcinta" behauptet, die antisemitische Strömung sei auf deutsche nationalsozialistische Einflüsse zurückzuführen. Die griechische Regierung hat die antisemitische Organisation „E.E.E.", die im Jahre 1931 die antisemitischen Unruhen in Saloniki hervorrief, die zur Niederbrennung des jüdischen Campbell-Viertels führten,, aus Gründen der öffentlichen Sicherheit aufgelöst. Die Führer der „E.E.E." beabsichtigen nunmehr, die bisherigen Mitglieder der Organisation in einer neuen antisemitischen Partei zusammenzufassen. Sie werden hier von deutschen Kreisen, mit denen sie seil längerer Zeit in Kontakt stehen und von denen sie in organisatorischen und propagandistischen Fragen beraten werden, unterstützt. Juden im €ki(. Eine Unterhaltung im Flüsterton. Zwei Tage vor dem Judenboykott in Deutschland hatte ich eine interessante Unterhaltung mit einem sehr klugen und bekannten deutschen Politiker, dessen Namen ich aus verschiedenen Gründen geheimhalten muß. Damals riefen die fettesten Balkenüberschriften in den Hitlergazetten zum schonungslosen Kampf gegen .,A 11 j u d a", den „gefährlichen Weltfeind", auf. In jener Zeit war es bereits sehr riskant, lauter als im Flüsterton über gewisse Dinge zu sprechen, denn die von ihren Urhebern so genannte „nationale Revolution" fand in Permanenz statt. In und außer dem Hause, auf Straßen und in Gassen, in Kaffeehäusern und in Kellerwinkein. bei Tag und bei Nacht lauerte das „Dritte Reich" auf seine Opfer, au jeder Straßenecke wurde unter Polizeiaufsicht „Revolution" gespielt. Es funktionierte glänzend. Der organisierte und durch Polizei von jeglicher Gefahr gereinigte Ueberfall auf die wehrlose Bevölkerung spielte sich geradezu filmreif ab. Damals war ich mit jenem Politiker in einem kleinen nazisicheren Lokal verabredet. Wir unterhielten uns über Deutschland und die Deutschen. Und wir kamen im Laufe unseres; Gespräches auch auf dasjenige Thema, von dem - alle: Welt..sprach — nein, flüsterte: Ein Bericht von Simon Bergh. Staatsliberalismus tand. Eine politische Zwittergestalt, die sich zwischen beiden Anschauungen aufhielt und beide gegen sich aufbrachte. Die Anhänger der einen hielten ihn für einen Schwächling, die Anhänger der anderen für einen Reaktionär, und sicher war er beides zugleich. Ein Mann, der seine Zeit nicht begriff und in ihr lächerlich wirkte. Modarn« KQchen- Vorzlmmar- Wohnzimraer- MÖBEL F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schorn«* auf Hitler und sein „Drittes Reich". Wir flüsterten ebenfalls — man war vorsichtig geworden — und flüsternd fragte ich ihn, wie er sich denn etwa die Entwicklung im ..Dritten Reich" vorstelle. Er flüsterte zurück: „Wenn man schon überhaupt von Entwicklung reden will, dann höchstens im rückläufigen Sinne. Deutschland wird nach meiner Schätzung politisch und wirtschaftlich um viele Jahr e, kulturell sogar um viele Jahrzehnte zurückgeworfen. Sie werden sehen, daß die Geschichte unerbittlich und konsequent ist, denn letzten Endes verkörpert das Dritte Reich nur die logische Fortsetzung des ersten und zweiten." „Woraus schließen Sie das?" fragte ich. „Sehen Sie, die Gründe dafür liegen tiefer, als man aus einer Augenblickssiruation entnehmen kann. Der Hauptgrund aber dürfte wahrscheinlich in dem absoluten Führermangel der Deutschen liegen. Die Führer des Volkes haben es seit jeher fertiggebracht, aus jeder deutschen Staatsform ein Zerrbild zu machen und daraus resultierte die gewaltige staatspolitische Unbeständigkeit und innere Zerrissenheit der Staatsformen des deutschen Volkes. Wenn man dazu noch die Spannungen rechnet, die sich aus der Kleinstaaterei, dem Kastengeist und der mangelnden politischen Schulung bei der Masse des Volkes ergeben, so hat man anderseits die Gründe für die Unsicherheit und Zerrissenheit, für das Gegeneinander und Durcheinander im Volkskörper selbst. Beides aber zusammengenommen: Unbeständigkeit der Staatsformen und Zerrissenheit des Volkes, machte es einem Manne wie Hitler leicht, mit unverantwortlichen Phrasen eine urteilslose Masse zu gewinnen, die überdies durch die katastrophale Wirtschaftslage desparat und zu jedem Experiment geneigt ist" „Erklären Sie mir bitte, die Gründe für das, was Sie .Zerrbilder der Staatsformen' nannten!" „Damit kann ich dienen. Fangen wir beim ersten Reich an! In seinem obersten Exponenten sahen wir einen Mann, der noch völlig in der Gefühlswelt des Absolutismus lebte, der ehrgeizig und herrschsüchtig war." „Sie halten Wilhelm 11. für einen Absolutisten?" „Ja, er war sozusagen ein Tyrann in Filzpantoffeln, der zwar zwangsläufig auf den Absolutismus verzichten mußte, aber dennoch keine Beziehung -zum Dem zweiten Reich erging es nicht viel besser. Die Führer der Republik wußten mit ihrer plötzlichen Freiheit nicht das Geringste anzufangen, und sie verstanden es vor allem nicht, sie dem Volke nahezubringen. Gewiß, sie hatten den guten Willen, und sie haben mauches in sozialpolitischer Hinsicht erreicht, aber als Führer des Volkes waren sie nicht überzeugend. Zu viel Gutgläubigkeit und Gutmütigkeit, zu wenig Aufklärungsarbeit und Propaganda machten die demokratische Republik zu einem Fangspiel der Parteien, ohne daß der republikanische Staatsgedanke eigentlich je populär geworden wäre. Dazu wäre lange und wohldurchdachte Erziehungsarbeit notwendig gewesen. Denn was Jahrhunderte preußischen Drills an freiheitlichen und sozialen Instinkten in den Deutschen abgetötet hatten, ließ sich nicht in den paar Jahren einer flauen und schwächlich geführten Republik wieder, zum Leben erwecken. Hier liegt auch der Schlüssel zum Geheimnis von Hitlers Erfolg. Er setzte da fort, wo es die Republik vergessen hatte. Er benutzte den psychologischen Fehler, den die Republik begangen hatte, er drängte sich in die Lücke, die im politischen Kalkül der Republik klaffte, um zur Geltung zu kommen. Er spielte virtuos auf allen Instrumenten der Propaganda und erlangte dasjenige, was seinen Vorgängern fehlte: Popularität Er streichelte die Psyche der Deutschen, gab ihnen Rangstufen, Symbole und Schlagworte, kurz alles, was des kleinbürgerlichen Mannes Herz erfreut. Bei ihm durfte man verehren und anbeten, er gab ihnen eine echte kochende Volksseele, einen von Gott gewollten heiligen Zorn, und gleichzeitig das Objekt dafür: die Juden, Marxisten und Pazifisten. Doch hier liegt der Fehler in seiner RecHnung. Für diesen blutigen Radauantisemitismus findet er höchstens den Boden innerhalb seiner Grenzen, doch die Welt wird wenig Verständnis für ein Volk haben, dessen Führern der Begriff der Humanität nur in Anführungsstrichen verständlich ist. Sie sehen, der Kreis schließt sich. In diesem Falle wird die Staatsiorm unter ihren Führern zum Zerrbild, weil sie sich auf einen künstlich erzeugten Massenwahn stützt, genährt vom Rassenhaß." Diese Unterhaltung wurde mir lebhaft ins Gedächtnis zurückgerufen, als ich nach zwei Tagen auf sehr unmittelbare Art die Bekanntschaft des „Dritten Reiches" mitsamt seiner Verhetzung und seinem Rassenhaß machte. Abbruch und Aufbruch. Am Tage des Judenboykottes in Deutschland wurde ich von zwei Nationalsozialisten tätlich angegriffen. Die Feststellung dieser Tatsache birgt bereits etwas Prinzipielles in sich: Es ist nicht der sentimentale Vorwurf eines gekränkten und sogar mißhandelten Juden gegen ein brutales antisemitisches Regime, es ist auch nicht nur die Entrüstung eines Exemplars der Gattung „Mensch" über seine wildgewordenen Artgenossen, nein, das Prinzipielle liegt auf einer geistigmoralischen Ebene, es liegt in der unabweisbaren Anklage des Individuums gegen jede rassenmäßige und anderweitig orientierte Intoleranz. Der Vorfall bedeutete an sich keine Sensation — oamals schon gar nicht — und wäre als Einzelerscheinung zwar bedauerlich, aber keineswegs sonderlich beunruhigend gewesen. Er war aber einer unter Tau- CliUSirSBAD EUE- UID BADEANSTALT WIEN IX., CLUSIUSOASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen , Original Dossisdies Dampfbad mit •_=■• Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. V_Gegen Vorweisung dieses Inserates S 130