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Die Wahrheit · 1933-11-10 · Heft 45 (10.11.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 45 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT BFERROCART S U P ER!■ 1934 LEOPOt-Q. WASSCHUHE nur VII. BUR.QGASSE Ö 0 scher Inserate in den cltristlichsozialen Blättern ist, und meint: „Das starrköpfige, einsichtslose Beharren auf seinein Schein hat Shylock übel angeschlagen. Eine allzu wörtliche, allzu irdische Auftassung der großartigen Vision des apokalyptischen Sehers von den je zwölftausend Bezeichneten aus Jedem der zwölf Stämme Israels empfiehlt sich nicht." Die Numerus-clausus-Quote der Apokalypse scheint dem katholischen Kampforgan wohl etwas zu hoch gegriffen und in einem solchen für die Juden günstigen Falle scheut es auch vor einer Revision des Neuen Testaments nicht zurück. Mehr Entgegenkommen bezeigt es Herrn Hitler, dem versichert wird, daß der Antisemitismus kein Streitobjekt zwischen Christlichsozialen und Nationalsozialisten bildet: bloß die Priorität des christlichen Antisemitismus vor dem nationalsozialistischen wird geltend gemacht. Es ist ein lächerlicher Irrtum, zu glauben, daß dieser Antisemitismus sich bloß auf bestimmte Richtungen innerhalb der Judenheit beschränkt, andere aber, wie zum Beispiel den Zionismus, verschont Die großen Lettern, mit denen die „Reichspost" dieser Tage die arabische Erklärung wiedergab, daß sich die Ausschreitungen in Palästina nur gegen die Zionisten richteten, beweisen das Gegenteil. Die Zionisten, die uns Assimilanten vorwerfen, daß wir nichts gelernt und alles vergessen haben (Dr. Qränbaum in der „Stimme" vom 3. November), zeigen selbst eine erstaunliche Gedächtnisschwäche, wenn sie glauben, daß eine katholisch-klerikale Partei den Zionismus ernstlich fördern wolle. Sie vergessen den Mißerfolg Theodor Herzls im Vatikan, sie vergessen die Haltung des Patriarchen von Jerusalem, Barlassina, in den Tagen, als England die neu dekretierte Balfour- Deklaration noch ernst tektor des Zionismus gelten kann. Wohl schreibt er in dem Bestreben, den Juden die Heimatberechtigung in Oesterreich abzusprechen, daß ihre richtige Heimat Palästina sei, aber er versteift sich durcliaus nicht auf dieses Land, sondern verweist auf den von anderer Seite (Dr. Walter Riehl) vorgeschlagenen Plan, „dem jüdischen Volke eine andere, für die Aufnahme des ganzen Judenvolkes ausreichende, also besser als Palästina geeignete Heimstätte zur Verfügung zu stellen, wofür die Inse! Madagaskar in Betracht gezogen wird." In diesem fundamentalen Punkte klafft ein merkbarer Widerspruch zwischen den beiden Verfassern des merkwürdigen Buches. Während Dr. Karbach als Zionist die Juden dorthin verpflanzt sehen will, „wo die stolze Zeder blüht", gibt sich Dr. Czermak auch zufrieden, wenn sie dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst . . . Kann man unter solchen Umständen von ihm eine wirklich seriöse Ordnung der Judenfrage erwarten? Die Zionisten geben sich den Anschein, als ob sie es täten. Und sie stürzen sich mit mehr Grimm als logischer Argumentik auf uns böse Assimilanten, die zu dem angeblichen Heilsweg „der Resultierenden der divergierenden Kräfte" von Dr. Czermak und Dr. Karbach das größte Mißwirklich, wie Dr. Karbach Befürchtung verharren, daß wichtigste Hilfsmittel einer Katastrophe führt." Auch trauen bekunden und uns vorwirft, „in der die Dissimilation das Entrechtung ist, die übersehen, daß auch Dr. zu nehmen schien. Sie Czermak kaum als Prozur Dr. G r ü n b a u m, unser Widersacher in der „Stimme", gibt die Schwierigkeit der Aufgabe zu, die Dissimilation der Juden ohne Preisgabe der Gleichberechtigung durchzuführen. „Sie erfordert einen Staatsmann, nicht einen Gesetzgeber.'4 Wo ist dieser Staatsmann? Wir haben bisher immer geglaubt und glauheu noch immer daran, daß jede Ordnung.;ilso mich die Ordnung in der Judenfrage, auf Gesetzen beruht, da die Gesetzlosigkeit Willkür ist und eine willkürliche Ordnung der Judenfrage ein gefährliches Präjudiz für alle möglichen „Staatsmänner" schaffen würde und uns daher weniger anstrebenswert erscheint als die zähe Verteidigung der Staatsgrundgesetze, die unsere Gleichberechtigung aussprechen. Ruhe in Palästina, Abgesehen von einigen geringfügigen Zwischenfällen ist die Ruhe in Palästina seit dem letzten Sonntag nicht wesentlich mehr gestört worden. Der High Commissioner hat die Notstandsverordnung vom Jahre 1931 in Kraft gesetzt, die die Einsetzung von Kriegsgerichten, strengste Kontrolle aller Transportmittel, die Enteignung von Privateigentum und Verbannung durch administrative Verfügung vorsieht. Alle in Palästina erscheinenden Zeitungen unterliegen einer Zensur. Im Gegensatz zu der in den Städten noch herrschenden Spannung geht das Leben in den jüdischen Kolonien seinen normalen Gang. Die Arbeit wurde nirgends unterbrochen. Die Araber in der Nachbarschaft der jüdischen Kolonien lassen sich mit den aus den Städten eintreffenden Agitatoren nicht ein. Die in den jüdischen Kolonien arbeitenden Araber hatten die Streikparole vollkommen unbeachtet gelassen; diese Parole wurde übrigens auch in den rein arabischen Dörfern ignoriert. Die arabische Executive hat inzwischen den von ihr proklamierten Generalstreik offiziell f.ür beendet erklärt, nachdem die Streikparole schon in den letzten Tagen ziemlich wenig beachtet wurde. Der normale Zustand ist im ganzen Lande wieder hergestellt. Auch in Amman und im übrigen Transjordanien herrscht vollkommene Ruhe. Nach der offiziellen Eröffnung des Haifaer Hafens liefen in demselben der Dampfer „Martha Washington" mit 700 jüdischen Einwanderern an Bord ein. Die 900 jüdischen Einwanderer, die sich an Bord des Dampfers „Polonia" befanden, der infolge der Unruhen nach Port Said zurückgesandt worden war, haben sich mit der Eisenbahn nach Palästina begeben. Entgegen den auf Grund der arabischen Drohungen gehegten Befürchtungen ist auch der 2. November, der Jahrestag der Verkündung der Balfour-Deklaration, in Palästina rullig verlaufen. Nirgendwo im ganzen Lande ist es zu Zwischenfällen gekommen. Die Zahl der Opfer während der ganzen Unruhewoche hat sich nach genauer Prüfung als bedeutend geringer erwiesen, als anfänglich sogar Im ganzen 5 Araber, von den Behörden angenommen wurde, wurden während der Unruhewoche unter ihnen 1 Polizist, getötet, 25 Araber wurden schwer verletzt ins Hospital gebracht, 127 Araber erlitten leichtere Verletzungen. Die Polizei zählt 27 verletzte englische und anabische Polizisten. Jüdische Opfer sind sonach glücklicherweise nicht zu beklagen. * Wer sind die Urheber? In einer Versammlung in Cöpenick bei Berlin erklärte der nationalsozialistische Führer Schopman n, die 1 ä s t i n a seien ein Propaganda in Werk Hitlers umfasse dem Hitler habe auch PHOM ->T- -*■ *** Ereignisse in Pa- Ergebnis der Nazidiesem Lande. Das nicht nur Deutschland, sondas nationale Selbstbewußtsen in anderen Ländern geweckt, was eben die Ereignisse in Palästina am besten bezeugen. Auch eine Havas-Meldung aus Jerusalem bestätigt die Annahme, daß die Unruhen auf nationalsozialistische Elemente zurückzuführen seien, die in letzter Zeit in Palästina eingetroffen sind. Die Behörden hätten untrügliche Beweise dafür, daß zwischen den arabischenFührern und denNationalsozialisten, deren Anwesenheit auf einigen Großgrundbesitzen in der Nähe der syrischen Grenze festgestellt wurde, Beziehungen bestehen. Eine offizielle Mitteilung der Palästina-Regierung, daß eine Reihe Kommunisten wegen aufrührerischer Propaganda in Zusammenhang mit den Unruhen verhaftet wurden, wirft ein eigentümliches Licht auf die Tätigkeit der arabischen Exekutive, die sich sowohl deutschen nationalsozialistischen als auch russischen bolschewistischen Einflüssen zugänglich zeigt. * Merkwürdige Haltung der Mandats-Kommission. Die Mandats-Kommission des Völkerbundes, die gegenwärtig in Genf tagt, wird sich mit den eingereichten Palästinaberichten und Petitionen befassen, aber z u d e n allerletzten Ereignissen diesmal noch keine Stellung nehmen, weil sie den Bericht der Mandatarmacht über dieselben abwarten muß. Die nächste ordentliche Tagung findet im Juli 1934 (!) statt. Privatim haben sich prominente Mitglieder der Mandatskommission dahin geäußert, es sei zu bedauern, daß die Palästinabehörden, denen die Rädelsführer der Unruhen schon von früher bekannt waren, nicht kurz entschlossen diese verhafteten; sie hätten so die Kundgebungen und das Blutvergießen verhindern können. Scharte Strafen für illegale Einwanderung. Das Einwanderungsdepartement der Regierung gibt bekannt, daß Personen, die mit einem Touristen- oder Transitvisum ins Land gekommen sind, ihre Visumszeit nicht überschreiten und keiner Beschäftigung nachgehen dürfen. Wer diese Verordnung überschreitet, wird bis sechs Monate Gefängnis oder 100 Pfund Geldbuße oder beide Strafen zu gewärtigen haben. Der Verbüßung der Strafe folgt Ausweisung auf Kosten des Bestraften. Ein Reisender oder Tourist darf ohne vorausgegangene Erlaubnis nicht länger als drei Monate, unter keinen Umständen aber länger als 12 Monate in Palästina bleiben. Inhaber von Transitvisen dürfen sich nicht länger als 60 Stunden im Lande aufhalten. * Die Jerusaleuier Stadtverwaltung judenrein? Der arabische Bürgermeister von Jerusalem, Ragheb Bey Nashashibi, hat in Uebereinstimmung mit dem Stadtrat, der sich aus moslemitischen und christlich-arabischen Personen zusammensetzt —- die jüdischen Stadträte haben seit ihrem Exodus im März 1930 als Protest gegen Nashashibis einseitige Stellungnahme für die Unruhestifter vom Herbst 1929 an den Sitzungen des Stadtrats nicht mehr teilgenommen — die E n 11 a s s u n g des Geschäftsführers des Departements für Wasserbelieferung, Andrew Koch, verfügt. Koch bekleidete dieses Amt seit 15 Jahren und zeichnete sich stets durch große Pflichttreue aus. Die plötzliche Entlassung Kochs, für die kein offizieller Grund angegeben wird, hat die Jerusalemer jüdische Bevölkerung in große Erregung versetzt; man glaubt, daß Nashashibi und der ihm ergebene Stadtrat darauf ausgehen, den Jemsalemer Verwaltungsdienst judenrein zu machen, obwohl die Juden nicht allein die große Mehrheit der Einwohnerschaft bilden, sondern auch die weitaus größere Hälfte der Steuern aufbringen. Der Stadringenieiir A. K. Park, ein Engländer, wurde interimistisch mit der Leitung des Wasserbelteferungsdepartements betraut. Die Jüdische Welthilfskonferenz in London. Die vom Joint Foreign Committee, der Alliance lsraelite Universelle, dem American Jewish Congress, dem American Jewish Committee und dem Comite des Delegations Juives einberufene jüdische Welthilfskonferenz hat sicli vom 29. Oktober bis 1- November in eingehenden Beratungen mit der Frage der konstruktiven Hilfeleistung für die deutschen Juden beschäftigt Die Konferenz wurde am 29. Oktober im Jewish Center, Woburn House, in London, dem Sitze des Jewish Board of Deputies, unter dem Vorsitz von Neville Laski feierlich eröffnet. (Lord Reading, der ursprünglich die Eröffnungssitzung leiten sollte, war verhindert, an" der Tagung teilzunehmen.) An der Eröffnungssitzung nahmen Vertreter aller großen jüdischen Organisationen und der Gemeindeverbände zahlreicher Länder, sowie eine Reihe von Experten für Fragen der sozialen Hilfe, Wanderung und Siedlung teil. Man darf diese Konferenz als die repräsentativste jüdische Tagung bezeichnen, die jemals abgehalten wurde. Der Vorsitzende Neville Laski erklärte in seiner Fröffnungsrede mit besonderem Nachdruck, daß die Konferenz ausschließlich Aufgaben konstruktiver Hilfe gewidmet sei, nicht aber irgend welchen politischen oder sonstigen Aktionen. Es sei eine weitere wichtige Aufgabe der nächsten Zukunft, zu dem vom Völkerbünde eingesetzten Oberkommissar für Emigrantenhilfe die erforderlichen Beziehungen herzustellen. Neville Laski teilte ferner mit. daß bisher insgesamt 525.000 englische Pfund als Hilfsfonds für deutsche Juden ge-

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