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Die Wahrheit · 1933-11-10 · Heft 45 (10.11.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 45 (10.11.1933)
Date
1933-11-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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preis dieser Nummer ,40 Groschen Jüdische i« uuM In Deutschland verbotenI Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgememde Wien st. i vSiiffi^fy' ^Y¥NBRiKAr/0^:- (SIEGELMARKEN]! f^AVE.^' ol. i KS^/ffaEiTt* jrM W&l/, — ^ztfA ■fisi4 u r £HXj^ann1 Redaktion und Administration t Wien II., HeinestraBe 13 — Telephon ff 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.91« 49. Jahrgang Wien, 10. November 1933 Nummer 45 99 Ordnung in der Juden frage. sm Das von uns bereits wiederholt behandelte Buch, in dem der christlichsoziale Dr. Emmerich Czermak und der jüdischnatäonaie Dr. Oskar Karbach gemeinsam eine politische und soziale Neuinstradierung der österreichischen Juden propagieren, führt den bezeichnenden Titel „O r dnung in der Judenfrage". Die Autoren, die beide solchen Parteien angehören, die trotz ihrer scheinbaren Polarität an einer momentanen Aufrollung der Judenfrage interessiert sind, finden', daß die für ihre Agitation so unentbehrliche Judenfrage in U nordnung zu geraten droht, weil sich immer wieder Elemente hineinmischen, die die Existenz einer Judenfrage zwar anerkennen, aber sie anders gelöst wissen wollen als die Herren Dr. Czermak und Dr. Karbach. Solche Störer werbebeflissener Politiker im Dienste für und gegen das Judentum, deren groteske Interessengemeinschaft im Titel des angeführten Buches ein symbolisches Wahrzeichen gefunden hat, sind vor allem wir jüdischen Assimilanten, die nach wie vor unbeirrt den Standpunkt des gesunden Menschenverstandes vertreten, daß der Jude die Pflicht hat, die Kultur des Landes, in dem er lebt, so weit in sich aufzunehmen, daß er imstande ist, für sich und die Gemeinschaft, in der er wirkt, Nutzen zu stiften, und dadurch das Recht erwirbt, diese Fähigkeit ungehemmt zur Anwendung zu bringen. Wenn im Gegensatz zu dieser Auffassung, die von so erleuchteten Staatsmännern wie dem großen Kaiser Josef II. geteilt und zur Grundlage wichtiger Reformen gemacht wurde, von heutigen Auchpolitikern zwar zugegeben wird, daß die Juden die Fähigkeit bewiesen haben, „sich für alle für die Menschheit wichtigen Belange zu erwärmen, sich diesen hinzugeben und dafür Opfer zu bringen . . - und ihren Teil beigetragen haben zu dem Reichtum und zur Fülle auf allen Gebieten kultureller Leistungen und wirtschaftlichen Aufstiegs" (Czermak in dem erwähnten Buche), wenn ferner „die im Krieg bewährte Tapferkeit" der Juden sowie „ihr Fleiß und ihre Betriebsamkeit" im Frieden anerkannt wird (von Hofrat Dr. Gustav Ratzenhofer in der „Reichspost" vom 31. Oktober), aus all dem aber nur die Konsequenz gezogen wird, daß die Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens und beruflichen Wirkens zurückgedrängt werden müßten, so erscheint uns diese Schlußfolgerung weder vom streng logischen noch vom kulturpolitischen Standpunkt haltbar. Wir müssen bedauern, daß diese Ansicht nicht Allgemeingut sämtlicher Juden ist, aber wir dürfen mit um so größerer Genugtuung feststellen, daß sie auch von Ariern verfochten wird. Die Jüdischnationalen, die sich und anderen einreden wollen, daß die Christen samt und sonders kein dringenderes Bedürfnis haben als die Lösung der „Judenfrage", mögen doch beherzigen, wie Frau Irene H a r a n d, die mutige katholische Vorkämpferin gegen Rassenhaß und Menschennot, in Nr. 9 ihrer Zeitschpft „Die Gerechtigkeit" gegen die Czerinaksche „Ordnungsmacherei*' in der Judenfrage Stellung nimmt: „Man kann Herrn Czermak nicht mißverstehen. Trotz der ausgesuchten Höflichkeit, mit der er die Juden behandelt, ist es zweifellos, daß er in seinem Buche bestrebt ist, Ausnahnisbestimmungen gegen die Juden durchzusetzen. Warum das alles geschehen soll, sagt uns Dr. Czermak nicht . . . Wenn Herr Dr. Czermak und mit ihm alle Oesterreicher, deren deutsche Ahnenreihe zweifelhaft ist, sich als Deutsche fühlen, seien sie uns willkommen Es wird uns deutschen Oesterreichern nicht einfallen, diese Volksgenossen abzulehnen. Wogegen ich mich aber als deutsche Oesterreicherin aufbäumen muß, ist die Tatsache, daß Herr Dr. Czermak dasselbe Recht, sich in die deutsche Gemeinschaft einzufügen, den jüdischen Mitbürgern absprechen will." Das ist eine einleuchtende Sprache und, obwohl von einer Frau herrührend, jedenfalls mannhafter als die würdelose Sanktionierung der Czermakschen Thesen durch die jüdischnationale Presse. Daß gerade von arischer Seite antisemitischen Experimenten so energisch entgegengetreten wird, ist nicht zuletzt eine Folge der Vorgänge in Hitler-Deutschland, die sogar in christlichen Kreisen, die früher selbst national und antisemitisch eingestellt waren, mit Schrecken und Abscheu be- ENODMC AUSWAHL BILLIGSTE PBE15E »# 5#0fl0" UtHIU1" TEPPICHE -nDlt"" vohbance Pf I 1 MODELSTOrrE. DECHEN NUR I., BAUERNMARKT 12 14 obachtet werden. Private Zuschriften aus solchen reichsdeutschen Kreisen nach Oesterreich, wo sie oft den Weg in die Presse finden, zeigen immer wieder, mit welcher Besorgnis „deutschblütige" Patrioten, die außerhalb der JBerufspolitikerklique stehen, die kulturelle Entwicklung Deutschlands verfolgen, die mit der Verjagung jüdischer Nobelpreisträger von Amt und Lehrkanzel und ihrem Ersatz durch Dozenten, die bestenfalls im — Geländesport ihren Mann stellen, eingeleitet wurde. Diese Angst um die kulturelle Zukunft Deutschlands ist sicherlich weitsichtiger als die gleichfalls immer wieder in der österreichischen Oeffentlichkeit laut werdende Propaganda für Nachahmung des reichsdeutschen Beispiels in der Judenfrage. Wir verschließen uns keineswegs der bedauerlichen Tatsache, daß diese Forderung auch außerhalb des von geistiger Impotenz und in deren Folge auftretender sadistischer Bosheit gekennzeichneten Berufspolitikertums oft genug ertönt. Erst die letzten Tage haben uns wieder ein solches Beispiel geliefert, das in besonders lehrreicher Weise dartut, wie so etwas gemacht wird. Im Niederösterreichischen Gewerbeverein, vor einem überwiegend liberalen und zu 30 Prozent jüdischen Auditorium hielt vor kurzem, wie bekannt, der Rat des Obersten Gerichtshofes Dr. Gustav Ratzenhofer einen rechtswissenschaftlichen Vortrag, in dessen Rahmen er überraschend für einen Numerus clausus der jüdischen Rechtsanwälte eintrat Dies hat ihm Mißfallens- Rasiere Dich gut und billig m Oesferrelchlsches QaaUtäte f abrtkat Ueberau erhältlich Äußerungen in der Versammlung und in der Presse eingetragen, ein Risiko, das jeder Redner auf sich nimmt, der öffentlich spricht, auch dann, wenn er auf die Zusammensetzung seines Auditoriums taktvoller Rücksicht nimmt, als es Dr. Ratzenhofer getan hat. Der Herr Hofrat veröffentlichte aber tiergekränkt einen Artikel in der .,Reichspost'\ in dem er zunächst seine Ansicht wiederholt, „daß die überbetonte Stellung des jüdischen Elements im öffentlichen Leben, besonders im Anwaltstand, bei einem großen Teil des Volkes als etwas Unerträgliches empfunden wird." Dann findet er es „beklagenswert, daß es einem Oesterreicher, selbst wenn er sich auf einem hohen Posten des Staatsdienstes befindet, kaum möglich ist. zu Wort zu kommen, wenn ihm Oesterreichs Zukunft das Wichtigste ist, die Stellung des Judentums aber Nebensache. Es kommt einer Beschränkung des freien Wortes gleich, wenn maßvoll vorgetragene Ansichten totgeschwiegen werden, der Gegenmeinung aber die Spalten der gelesensten Zeitungen zu entstellenden Besprechungen zur Verfügung stehen.' Dazu ist zu sagen: Wer eine Aversion gegen die jüdischen Rechtsanwälte hat, kann sich im Bedarfsfalle einen arischen nehmen. In bezug auf den Richter hat das Publikum nicht dieselbe Auswahlmöglichkeit. Es hat aber ohne Zweifel das Recht, an der Tätigkeit eines Richters, besonders wenn es sich um Aeußerungen außerhalb seines Amtes handelt, Kritik zu üben. Zu diesem Zwecke gibt es eine Preßfreiheit. Anderseits kann natürlich keine Zeitung gezwungen werden, über Dinge, die ihr nicht in den Kram passen zu berichten. Das berechtigt noch nicht zur Klage über „Beschränkung des freien Wortes" und „Totgeschwiegenwerden *. Herr Hofrat Dr. Ratzenhofer hat hiezu um so weniger Anlaß, als ja die „Reichsposf, das Organ der Regierung, seinen Ausführungen bereitwilligst ihre vielbeachteten Spalten geöffnet, sie mit einem gehässigen Vorwort versehen und che darin geäußerten Ansichten gleich am nächsten Tage in einem Leitartikel eigener Prägung wieder aufgenommen und wirkungsvoll ergänzt hat. Dieser Leitartikel des Organs der Czermak- Rartei vom 1. November sei den jüdischen Czermak-Verehrern zur besonderen Aufmerksamkeit empfohlen, weil er ohne die höflichen Umschweife des gewesenen Ministers die christlichsoziale Judenpolitik drastisch beleuchtet. Die „Reichspost" versteigt sich sogar zu der Behauptung, die Mitarbeit von Juden an dem Werke vaterländischer Erneuerung kompromittiere dieses Werk! Sie empfiehlt scheinheilig den Juden, in allen Dingen Maß zu halten, was immerhin ein beherzigenswerter Wink gegen das maßlose Ueberhandnehmen jüdi-

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