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Die Wahrheit · 1933-11-03 · Heft 44 (3.11.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 44 (3.11.1933)
Date
1933-11-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT Seite 3 Die Vorfälle haben auf die gesamte Einwohnerschaft von Palästina konstemierend gewirkt. Seitens der Regierungskreise werden die Arrangeure der Demonstrationen scharf getadelt, weil sie, ungeachtet der entschiedenen Warnungen der Behörden, dennoch die von ihnen fanatisierten Massen in eine solche Gefahr brachten und verbrecherischen Elementen Gelegenheit gaben, durch schwere Provokationen Blutvergießen herbeizuführen. In jüdischen Kreisen führt man das Vorgehen der Araber darauf zurück, daß diese an die Zeit des Herbstes 1929 dachten, da man die Anführer der damaligen Revolte unter der Regierung des High Commissioner Chancellor bei allen papiernen Warnungen dennoch eine Zeitlang gewähren ließ. Anscheinend glaubte die arabische Exekutive, daß die Polizei auch diesmal mit ihrer Warnung mcht Emst machen werde. Die blutigen Ereignisse sind somit ein später Reflex der unaufrichtigen und schwächlich lavierenden Politik des Chancellor-Regimes. * Jüdischer Appell an die Araber. Der Waad Leumi, der als die Repräsentanz der palästinensischen Judenheit Öffentlich-rechtlich anerkannte Jüdische Nationalrat, hat knapp vor Beginn des arabischen Aufstandes einen leider ungehört gebliebenen Aufruf an die arabibische Bevölkerung erlassen, in dem die günstige Auswirkung der jüdischen Einwanderung alseines aufbauenden Faktors auf die Wirtschaft Palästinas hervorgehoben wird. Es wird auf den Gegensatz der Wirtschaftslage Palästinas zu der der Nachbarländer hingewiesen, aus denen ein ständiger Zuzug von Arabern hierher festzustellen ist. Zahlreiche Araber seien in jüdischen landwirtschaftlichen' Betrieben beschäftigt. Der allgemeine Fortschritt des Landes sei der arabischen Bevölkerung zugute gekommen, die sich von 1922 bis 1931 um 225.000 Seelen vermehrt habe. Jüdischer Unternehmertätigkeit sei es zu danken, daß die Regierung einen so hohen Verwaltungsüberschuß erzielen konnte, was ebenfalls der Gesamtbevölkerung zum Vorteil gereiche.» Daher richte der Waad Leumi an die arabische Bevölkerung den Appell zu Frieden und Verständigung; das einträchtig durchgeführte Aufbauwerk werde zur Wohlfahrt -aller führen. * Die Einwanderungsfrage. ■ Durch die beklagenswerten Vorfälle im Heiligen Lande ist natürlich die Frage der Einwanderungsschedule für das Halbjahr Oktober 1933 bis März 1934 ganz in den Hintergrund geraten; die kurz vor dem Eintritt dieser blutigen Ereignisse zwischen den Repräsentanten der Exekutive der Jewish Agency Ben-Gurion und Shertok und dem High Commissioner Sir Arthur Wauchope gepflogenen sehr eingehenden Besprechungen haben zu keinem Ergebnis geführt. Der High Commissioner schätzt die Aufnahmefähigkeit des palästinensischen Arbeitsmarktes heute auf 6500 Personen. Er ist aber noch nicht einmal bereit, diese Zahl Zertifikate zu bewilligen, sondern er will 1000 Zertifikate abziehen für Touristen, die nach Ablauf der Visumdauer illegal im Lande verbleiben und freie Arbeitsstellen auf dem Arbeitsmarkt besetzen werden, ferner will er 500 Zertifikate reserviert halten für später einwandernde Touristen, die dann dauernd im Lande bleiben werden, schließlich will er die 2000 Zertifikate in Abzug bringen, die der Jewish Agency bereits im Vorschußwege zur Verfügung gestellt worden waren. Ben-Gurion und Shertok versuchten, den High Commissioner davon zu überzeugen, daß erstens die offiziellen Schätzungen der Regierungsbeamten hinsichtlich der Bedürfnisse des Arbeitsmarktes in gar keinem Verhältnis stehen zu den wirklichen Arbeitsbedürinissen des Landes, und daß eine weitere Einengung des Einwandererstroms die lebensnotwendigen wirtschaftlichen Unternehmungen ernstlich gefährden müsse; daß zweitens die Alijah heute das Hauptthema der jüdischen Welt ist, dies insbesondere im Hinblick auf die katastrophale Lage der Juden in Deutschland; daß es drittens ein rein logisch nicht zu rechtfertigender Akt ist, Zertifikate für Touristen zurückzubehalten, die nie und nimmer die Erlaubnis zur Seßhaftmachung bekommen werden, wenn sie nicht vorher nachgewiesen haben, daß sie einer bestimmten Beschäftigung nachgehen oder ein Geschäft betreiben. Abgesehen davon, ist die Zurückhaltung von Zertifikaten für Touristen eine noch nicht dagewesene Neuerung. Die Vertreter der Jewish Agency wiesen darauf hin, daß die Einwanderungspolitik der Regierung die fundamentale Frage des jüdischen Aufbauwerkes und die Zukunft des Jüdischen Nationalheims berühre. Obwohl von beiden Seiten versucht wurde, die Unterhaltung im Geiste gegenseitigen Verstehens zu führen, führte sie, wie gesagt, zu keiner Uebereinstünmung. Nun aber ist die ganze Angelegenheit besonders kompliziert geworden, man kann wohl sagen, daß für die allernächste Zeit eine jüdische Einwanderung ins Heilige Land sehr in Frage gestellt ist. Hakenkreuz-Bazillen. Als einmal in einer Wiener Wählerversammlung der koalierten Antisemiten die Christlichsozialen, Schönerianer, Wolfianer usw. hart aneinander gerieten, so daß ein großer Wirbel entstand, schmetterte der Vorsitzende, nachdem er vergebens mit der Glocke Ruhe zu schaffen versucht hatte, die strafenden Worte in den heillosen Trubel: „Aber, meine Herren, da geht's ja zu wie in einer Judenschule!" Und siehe da: diese Kritik beschwichtigte die erhitzten Gemüter sofort, alle Gegensätze zwischen' religiösen, rassischen, wirtschaftlichen und sonstigem Antisemitismus waren im Nu überbrückt von der gemeinsamen Bestürzung über den vom Vorsitzenden gebrauchten Vergleich. Wir wissen nicht, was für entsetzliche Vorstellungen in der geängstigten Phantasie so grausam erschreckter Antisemiten das Wort „J tt d e n s c h u 1 e" auslöst, aber wir können uns sehr gut denken, daß jetzt nach dem soeben durchgeführten Prozeß gegen Lehrer und Schüler der: Bundeslehranstalt von Traiskirchen in weiten Bevölkerungsschichten eine noch viel heftigere Abneigung dagegen besieht, irgendwie, wenn mich nur bildlich, mit einer Hakenkreu zierschule in Beziehung gebracht zu werden. Denn es dürfte, speziell im gemütlichen Oesterreich, der Ehrgeiz nur ganz weniger sein, sich Fähigkeiten der Art nachrühmen zu lassen, wie sie die Zöglinge der genannten Anstalt unter der zielbewußten Anleitung ihrer Lehrer entwickelt haben. Wohl erhalten auch die Absolventen von Militärschulen, zu denen die Traiskirchner Anstalt nicht gehört, Ausbildung im Gebrauch von Sprengmitteln und Mordwaffen, aber doch nur zum Zwecke der Verteidigung des Vaterlandes, während in Traiskirchen der Krieg gegen das eigene Vaterland, der auf der Wiener Technik mit Tränengas geführt wird, der beliebteste Unterrichtsgegenstand war. Auch pflanzt die militärische Erziehung das Prinzip der Ritterlichkeit in die jugendlichen Seelen, während die seltsame Pädagogik der Traiskirchner Jugendbildner jene feige Heimtücke gegen andere und die charakterliche Ausschaltung des eigenen Verantwortungsbewußtseins in den Seelen der Eleven großzog, die für das SA.- Mannentum der Hitler-Scharen bezeichnend ist. Der ganze Geist dieser Musterschule, soweit er vor Gericht deklariert wurde, stand sichtbar unter dem Einfluß der Hitler-These, daß die studierende Jugend vor totem Wissen zu bewahren sei, wobei der Ton auf dem Worte „W i s s e n" liegt, während es auf ein paar Tote nicht ankommt... Es war r.icht das Verdienst, sondern das Glück der Angeklagten, daß ihrer Unternehmungslust keine Menschenleben zum Opfer gefallen sind und auch der angerichtete Sachschaden verhältnismäßig gering war, besonders, wenn man in Betracht zieht, was für Geniestreiche noch geplant waren, aber nicht mehr zur Ausführung gelangt sind. Die meiste Beachtung verdient unter ihnen wohl ein beabsichtigter Anschlag auf die HochqueHenwasserleitung. Nicht etwa bloß deshalb, weil der Angeklagte, der sich zu diesem Plan bekannte, auf ihn am meisten stolz war, sondern vielmehr im Hinblick auf die geradezu symbolische Bedeutung, die dieser Einfall angesichts der Tatsache gewinnt, daß die Wiener Wasserleitung eben das Jubiläum ihres sechzigjährigen Bestandes feiert. In dieser Zeit sind der Wissenschaft ohne Zweifel noch viele andere bedeutende Schöpfungen Reilingen, die Welt ist technisch vorwärts ge- „FAMILIENSCHUTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wien II., Aspernbrrckengaeae 2 Tb». R 43-500 üuicb Monatsbeiträge von S I bis 1U kann man bei uns sicherstellen: Studienbeiträge für Toohter uad SSbne Ausstattungsbeiträge für Tochter Vorsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen Unsere Vorteile: 1. Geringe Beiträge. 2. Hobe Versicherungssummen. 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit« 4. Volle Garantie det Lebensversicherungsgesellschal! . Phönix". 5. Keine Nebengebühren. 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unverfallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung. 8. Keine Autnahmegebübr. Der „FAMILIENSCHXTZ" wird von der Wiener Kultusgemeinde befürwortet kommen — politisch läßt sich dies leider nicht behaupten. Der Schöpfer der Wiener Wasserleitung, Eduard Süß, glänzte nicht nur als Wissenschaftler, sondern auch als Politiker: Er war eine der repräsentativen Persönlichkeiten des österreichischen Liberalismus. Die „Reichspost" bezeichnete jüngst diese Seite seines Wirkens als seine schwächste und will Süß bloß als Gelehrten gelten lassen. Die Traiskirclmer Affäre aber zeigt, wie ungerecht es wäre, beim Rückblick auf die geistige Entwicklung des Zeitraumes vom Bau der Wasserleitung bis zu dem im jetzigen Prozeß enthüllten Plan eines Attentates auf dieses Werk das politische Moment außer Betracht zu lassen. Daß der Zerstörungsplan der hoffnungsvollen Traiskirchner Jugend rein politische Motive hatte, steht außer Zweifel; warum soll man also nicht auch jene politischen Kräfte würdigen, die schöpferisch zum Werden dieser gigantischen, in bautechnischer wie in sanitärer Hinsicht überragenden Leistung beigetragen haben? Dem christlichsozialen Organ mag es ja unangenehm sein, daß die heutige Generation an die unvergänglichen positiven Verdienste jener Partei erinnert wird, deren Name jetzt als Schlagwort zur Verächtlichmachung mißliebiger Geistesrichtungen mißbraucht wird, deren Testament aber die Erben ihrer Macht all das entnahmen, was Wien zur modernen1 Großstadt gemacht hat, während der geistige Originalbesitz dieser Erben bloß die nach dem Weltkrieg vom damaligen Staatskanzler Dr. Renner befürchtete „Verdorfung" Wiens bedrohlich anbahnte. Es ist lächerlich, den Bau der zweiten Wasserleitung unter Dr. Ltteger als größere Leistung hinzustellen, weil sie mehr Wasser liefert als die erste. Die Fähigkeit, mehr Wasser zu machen als andere, soll den Christlichsozialen nicht abgestritten werden, aber das höhere Verdienst fällt unleugbar auf allen Gebieten dem Bahnbrecher einer neuen Idee zu und nicht dem Ausgestalter einer bereits bewährten Sache. Als Süß die Anregung gab, das Trinkwasser für Wien aus dem Schneeberggebiet zu gewinnen, konnten viele nicht begreifen, warum man nicht lieber auf die unmittelbar an der Stadt vorbeifiießende Donau griff. Zu Luegers Zeiten war diese Streitfrage längst im Sinne des Professors Süß entschieden, man konnte ihn nicht mehr widerlegen, sondern nur noch nachahmen, und das hat Lueger denn auch getan. Sein Verdienst wird übrigens durch die Feststellung nicht geschmälert, daß alle seine bürgermeisterlichen Großtaten Verwirklichung fremder Parteiprogramme waren: die Uebcrführtuig wichtiger Großbetriebe wie Straßenbahn, Gas- und Elektrizitätswerk aus Privatbesitz ins Eigentum der Gemeinde ist geistiges Eigentum des Marxismus und die Eingemeindung der Vorstädte in ein Groß-Wien war das Vermächtnis der liberalen Partei. Auch sein negatives Kulturprogramm: den Antisemitis- Ischias, Rheuma, üidil Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwefel-, Sool-, Fichten-, Koblensäurebfider, Diathermie Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden täglich von 8—6 Uhr Bellanstali ..Thermla" L, Franz Josefsbai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer

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