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Die Wahrheit · 1933-10-27 · Heft 43 (27.10.1933) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 43 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentral«: III.. Rennwag 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Das deutsche Judentum in schwerer Notzeit. Zu Ehren des von einer Deutschlandreise zurückgekehrten hervorragenden amerikanischen Publizisten Stanley High, der seine Beobachtungen in Deutschland in einer Artikelserie verwerten will, die im „Literary Digest", der angesehensten und verbreitetsten Revue der Vereinigten Staaten, erscheinen soll, fand im Hotel Commodore zu New York ein von der J e w i s h Telegraph ic Agency veranstalteter Presseempfang statt, der vom Vorsitzenden des Beirates der Agency, Rechtsanwalt Frank A. Weil, geleitet wurde. Vertreter aller großen amerikanischen Zeitungen hatten sich eingefunden, vor denen Stanley High ein ausführliches Referat über die Neugestaltung in Deutschland hielt. Nach ihm sprach der Chef der Jewish Telegraphic Agency Herr Jacob Landau, der ebenfalls kürzlich von einer Europareise zurückgekehrt ist. Jacob Landau widmete den Hauptteil seiner Ausführungen der Wirtschaftslage der deutschen Juden und wies dabei auf die umfassende und zielbewußte Tätigkeit hin, die die großen jüdischen Organisationen Deutschlands entfalten, um die aus ihren Berufen gestoßenen jüdischen Massen den geänderten Bedingungen anzupassen und ihnen durch fachliche Umschulung und Beratung in arbeitsrechtlichen Fragen den Kampf um ihre wirtschaftliche Selbstbehauptung zu erleichtern. Diese aus eigener Kraft unternommenen und bisher fast ausschließlich mit eigenen Mitteln durchgeführte Arbeit der jüdischen Verbände Deutschlands müsse durch die Juden in allen anderen Ländern materiell und moralisch gefördert werden. Ganz besonders wichtig aber sei für die künftige jüdische Entwicklung in Deutschland eine organisierte Hilfsarbeit auf Grund lückenloser und objektiver Information der breiten Oeffentlichkeit über die heutige Existenzlage der deutschen Juden und die Möglichkeiten und Aussichten ihrer wirtschaftlichen Betätigung in Zukunft. * Im Hinblick auf die wachsende Not der jüdischen Bevölkerung Berlins und das infolgedessen zunehmende Kinderelend, hat sich die Jüdische Gemeinde entschlossen, in ihren Schulen unentgeltliche Kinderausspeisungen vorderhand für 600 Kinder einzurichten. Die Zahl der hungernden Kinder in den jüdischen Gemeindeschulen schätzt die Gemeinde auf etwa 1000. Die meisten dieser Kinder gehören der Intelligenzschicht an; ihre Väter haben infolge der neudeutschen Gesetzgebung ihre Existenz in den freien Berufen oder als Angestellte verloren. * Die preußische Regierung, die kurz nach dem nationalsozialistischen Umsturz in Deutschland die mehrere hunderttausend Mark jährlich betragenden traditionellen staatlichen Zuschüsse für die Kultusangelegenheiten des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden gestrichen hatte, ist nun einen Schritt weitergegangen und hat beschlossen, sämtliche staatlichen Zuschüsse für soziale Hilfsarbeit der jüdischen Gemeinden, wie Erhaltung von Altersheimen, Blindenheimen, Kliniken usw. zu annullieren. Die durch Verarmung ihrer Mitglieder in Zusammenhang mit der Judenpolitik der heutigen Regierung in Not geratenen jüdischen Gemeinden Preußens, die infolge Streichung der Kultusbeihilfen seit vielen Monaten nur unter größten Schwierigkeiten für die Gehälter ihrer Rabbiner und Lehrer, für Erhaltung der Schulen und Auszahlung der Ruhegehälter aufkommen können, werden nun auch die großen sozialen Lasten allein zu tragen haben. Man befürchtet, daß diese einseitig gegen den jüdischen Kultus und die jüdische soziale Arbeit gerichteten Regierungsmaßnahmen den finanziellen Zusammenbruch zahlreicher Gemeinden zur Folge haben werden. Österreich und die Tschechoslowakei. Der tschechoslowakische Außenminister Dr. Benesch hat in der Vorwoche dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Doli fuß einen Besuch abgestattet: die Unterredung der Staatsmänner ergab eine durchaus einheitliche Auffassung in allen Fragen, von denen die weitere ruhige Entwicklung der freundnachbarlichen Beziehungen der beiden mitteleuropäischen Staaten abhängt. So und in ähnlicher Weise wurde von der Tagespresse über die Aussprache der beiden Staatsmänner berichtet; zwischen den Zeilen aber konnte man lesen, daß beide Staaten etwas besonders beschäftigt: die mächtige nationalsozialistische Welle, die an den Ufern beider Länder gierig leckt... Wohl dringen aus dem ..Dritten Reich" Sirenenruie zu uns herüber: „Seid gut Muts! Wir sind Euch nicht reind!" — Aber, weiß Gott! Man hört die Botschaft, allein es fehlt der Glaube! Das „Prager Tagblatt" nahm letzthin in einem Leitartikel mit folgenden Worten Stellung zu der entscheidenden Frage, warum man dem Frieden nicht traut: .....Die subjektive Ehrlichkeit Hitlers in Ehren; aber die Menschen und Völker rings um Deutschland sehen nicht, wie mit diesem Willen zum Frieden (unter Verzicht auf territoriale Veränderungen) die Erziehung, insbesondere der deutschen Jugend, zu einem heldischen Willen, zu einem geistigen und sittlichen Militarismus, zur Diffamierung jeder pazifistischen Regung sich in Einklang bringen läßt. Soldatische Marschlieder, sogar Kriegslieder gehören zum täglichen Hausgebrauch in Schule, im Rundfunk, auf Straßen und Plätzen usw." Vor Jahren brachte der „Simplizissimus" eine Anekdote mit groß aufgemachter Illustration: Serenissimus kommt in ein Dorf. Große Parade und Beflaggung. Die Feuerwehr ist natürlich ausgerückt. An erster Stelle der Obmann in glänzender Uniform und blinkendem Helm. Serenissimus spricht ihn an: „Wie lange sind Sie schon Obmann?" Darauf der Ausgezeichnete: „Zwanzig Jahre, Durchlaucht — leider brennt es zu selten!" — In diesem Bonmot liegt natürlich ein Stück Wahrheit: Wenn man schon Feuerwehrmann ist und einen blinkenden Helm trägt, soll es auch — brennen!... Die tschechoslowakische Regierung hat bekanntlich die strengsten Maßnahmen gegen die Nazi und sogar gegen die Deutschnationalen ergriffen. Nach der Auflösung ihrer Vereine und Institutionen erfolgen tagtäglich Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Ein neuer Stern erglänzt auf dem sudetendeutschen politischen Horizonte, Konrad H e n 1 e i n, der anfänglich sich auf christliche Kultur festlegte, t nachträglich aber erklärte, daß die Partei die Mitarbeit der Juden nicht ablehnen werde, wenn sie den guten Willen an den Tag legen, aufrichtig für die deutsche Sache einzutreten. Charakteristisch ist, welche ^Strafpredigt das chtist- ITthsoz ia'le-^ „E?ge? 1 ä'Va^den Hetzern gegen Henlein hält: „Obwohl wir uns von-jeder Vorliebe für die Juden frei wissen, müssen wir aber immer wieder betonen: Wir Sudetendeutschen haben kein nationales Interesse daran, die deutschen Juden abzustoßen. Wenn sich ein Jude zum Deutschtum bekennt — und wenn er das womöglich unter Opfern tut, da von anderer Seite mit allen Mitteln geworben wird — dann.ist es ein Wahnsinn, diesen Juden vor den Kopf zu stoßen. Es gibt auch ein Bekenntnisdeutschtum. Und gerade wir als Minderheit können uns den Luxus nicht leisten, Gegner zu schaffen, wo wir ohnehin genug haben. Auch darf man nicht vergessen: wenn der Jude von den Deutschen grundsätzlich abgelehnt wird, bleibt ihm ja doch für die Dauer nichts übrig, als Tscheche zu werden. Und dann regt man sich wieder auf über den .treulosen Juden'. Ja, was soll er denn tun? Und die größten Schreier gegen die Juden sind von je Leute gewesen, die selber keinen Instinkt für das wahrhaft Nationale und Aufbauende haben. — Charakteristisch ist: gegen Henlein wird am meisten von Leuten gehetzt, die ihm seine judenbejahende Stellungnahme nicht verzeihen können — selber aber haben sie keine konstruktive Idee. Ihre Kraft liegt in der Verneinung. Aufgebaut haben sie seit fünfzig Jahren noch nichts. Ohne die brutale, kurzsichtige Lösung der Judenfrage in Deutschland wäre das Reich mindestens fünf Jahre in seiner Weltgeltung voraus. Kann es verantwortet werden, wegen Einzelfragen, die einfacher gelöst werden könnten, ein ganzes Volk in ungeheuer schwere außenpolitische und wirtschaftliche Situationen hineinzujagen? Und wir sollen das nachmachen?" Der erste Sturm der S. A. und S. S.-Mannen, in welchem Basteien niedergerissen wurden, die sich gegen die Barbarei gewehrt, ist vorüber. Oesterreich und die Tschechoslowakei haben sich indessen gesammelt und ihre Stellungen befestigt. Die stärkste Gefahr ist vorüber. Die Titanen stehen isoliert Aus dem Munde begeisterter Deutschen, die den Marxisten ferne stehen, hörte ich wiederholt die Aeußerung: „Der Kardinalfehler war. daß die Hakenkreuzler ihr Schwergewicht auf den Judenhaß legten — ein Bestreben, das für das Mittelalter als Trumpf galt!" Was ist zu tun! Kohelet sagt: Meuwos lo iuchal liskon. — Ein begangener Fehler läßt sich nicht mehr gut machen. In einem Poem behandelt dieser Tage S. Komlosi, Bratislava, die Diffamierung des hebräischen Amen und Hallaluja und schließt seinen Reim mit den Worten. Wird einst die Naziherrlichkeit In die Rumpelkammer getragen. Aufatmend wird die ganze Welt Amen und Halleluia sagen. A. W-tsch, Eger. GROSSFLEISCHHAUEREI HEGM. KORNMEHL WIEN CK* RBRGOASSR MR. 1» > xviiL, wAmrinoerstrasse Ttlepbon Nr. A 17-349 and A 18-9-34 Lieferant fOr Itollaiutelte» 9* AbteilungenttrKoscherfleiscb Aufsicht «m «hl tar« Raltasaaaii Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-QuaHtlt zu den billigsten Marktpreisen Palästina-Nachrichten. Wie der Jerusalemer Jta-Vertreter aus zuverlässiger Quelle erfährt, hat das Einwanderungsamt der Palästinaregierung dem Einwanderungsdepartement der Jewish Agency mitgeteilt, die Regierung sei bereit, der Jewish Agency für das laufende Halbjahr Oktober 1933 bis März 1934 7000 Einwanderungszertitikate auf Grund der Arbeiterschedule zu gewähren, wobei die auf Konto der neuen Schedule bereits ausgegebenen 2000 Zertifikate für deutsche Juden von der neuen rialbjahrsquote in Abzug gebracht werden würden. Die Jewish Agency hatte für das laufende Halbjahr 24.000 Zertifikate angefordert und in einem begleitenden Memorandum konkrete Zahlen betreffend den im Lande herrschenden Mangel an Abeitern genannt. Im Verlauf der zwischen dem High Commissioner nach seinem Wiedereintreffen im Lande und den Mitgliedern der neuen Exekutive der Jewish Agency startgefundenen Unterredung machte der High Commissioner geltend, daß das Ein wände rungsam t der Regierung auch seinerseits Untersuchungen über die herrschende Arbeitslage angestellt hat und dabei zu ganz anderen Ergebnissen als die Jewish Agency gekommen ist. Die Verhandlungen werden fortgeführt. Das neue Gebäude der Jewish Agency wird in Rech aw ja. der Gartenvorstadt Jerusalems, errichtet und sotl die Büros der Agency und des Waad Leum't aufnehmen, die jetzt im Gebäude des Keren Hajesod untergebracht sind. Die feierliche Grundsteinlegung zum neuen Haus wurde durch diu Mitglieder der Exekutive Dr. Maurice B. Hexter und Moses Schertok bei Anwesenheit von Vertretern der großen jüdischen Organisationen und des Beamtenstabes der Jewish Agency vorgenommen. Der Bau wird durch eine Anleihe der Versicherungsgesellschaft ..Phönix" ermöglicht. Ungeachtet der seitens der englischen Regierung im Unterbause gegebenen Zusicherungen, daß den aus Deutschland geflüchteten Juden in Palästina jede nur mögliche Erleichterung gewährt werden wird, müssen sich diese Einwanderer hier D r a u g s a I i e r u ngen verschiedener Art gefallen lassen. Die Polizei ist fortwährend auf der Suche nach Touristen, die über die ihnen gewährte Frist hinaus im Lande bleiben wollen: unter solchen Touristen sind viele deutsche Juden, die Gesuche um Gewährung dauernder Niederlassung eingereicht haben. Die Polizei veranstaltete eine Razzia im Büro der Histadruth Olej Germania ('Organisation deutscher Einwanderer), revidierte die Personaldokumente und verhaftete acht Personen, die sich noch immer in Polizeigewahrsam befinden und wahrscheinlich nach Deutschland ausgewiesen werden würden. Der aus Deutschland eingewanderte Augenarzt Dr. Sulman. der sich hier eine Praxis geschaffen hat wurde von der Polizei aufgefordert, das Land zu verlassen, wenn er es nicht auf eine formale Ausweisung ankommen lassen will. Die letzte Ausgabe des Publikationsorgans der Palästina- Regierung enthält wie die beiden vorangegangenen Nummern eine lange Liste von auf Bciehl des Gencralinspektors der Polizei ausgewiesenen Personen. Allein die letzte Liste umfaßt 35 Namen von ausgewiesenen Juden. An der Spitze der Polizeitruppe. die nach im Lande verbliebenen „Touristen" sucht, steht ein christlicher Araber, dessen Stab erweitert wurde. damit er der „Drohun g" de iftsch-jiidi scher Invasioit gewachsen Der 35jährige Bauarbeiter Benedikt Herzl. ein Vetter Theodor He rzl s, der als. Tourist nach Palästina gekommen war. sollte wegen Ueberschreitung der Aufenthaltsfrist ausgewiesen werden. Aui Intervention des Rechtsanwalts Max Seligmann erhielt Herzl die Erlaubnis, das Land freiwillig zu verlassen. Er wird in Triest die Zuteilung eines Arbeitereinwanderungszertifikats abwarten. Wäre eine Ausweisung erfolgt, so hätte er nie mehr die Möglichkeit gehabt, nach Palästina zurückzukehren.

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