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Die Wahrheit · 1933-10-27 · Heft 43 (27.10.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 43 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
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BB m ME WAHRHEIT Seite 3 Also die fünfhunderttausend Juden Deutschlands werden in irgendeiner Form der nichtjüdischen Gesamtheit eingereiht werden müssen, sie werden, ob sie wollen oder nicht, hier ihr Schicksal erleben. Sie werden nicht so leben wie früher, aber es wird sich — hier wörtlich — ein modus vivendi, ein engerer, aber erträglicher Lebensraum finden. Was folgt daraus? Die deutschen Juden dürfen weder Nervosität noch Mutlosigkeit haben. Krisen müssen durch den starken Lebenswillen überwunden werden, Verzweiflung verdirbt alles. Sie müssen sich darüber klar werden, daß es ihr Schicksal ist, in Deutschland zu bleiben und das Los ihrer Gesamtheit zu teilen. Sie leben heute in stärkerem Maße ihr geschichtliches Leben und müssen Würde bewahren. Sie müssen es heute lebhafter empfinden, daß das Judentum ein Element der Ewigkeit ist, für das zu kämpfen und zu leiden sich lohnt Ist das zuviel verlangt? Wir haben die schweren Kriegsjahre, die furchtbaren Inflationsjahre durchgemacht, wir müssen die Gegenwart tragen. Gegen moralisches Leiden gibt es nur ein Mittel: innere Stärke, idealistisches Glauben, bescheidener Stolz. Der Idealismus ist für den Juden kein Luxus, sondern Lebenselement. Der Heroismus des Leidens für Wahrheit und Recht ist der Ruhm unserer Geschichte. Diese Güter zu erhalten durch Religion und Kultur, durch Zusammenhalten und soziales Wirken, ist die große Aufgabe der deutschen Juden unserer Zeit. Polnischer Brief. Die letzten Tage brachten den "polnischen Juden eine Genugtuung, die in der gegenwärtigen Zeit besonders wohltuend wirkt. Es handelt sich um die vom polnischen Staate soeben emittierte „Nationalanleih e". Die Propaganda für die Anleihe war geradezu mustergültig, der gesamte staatliche Apparat wurde in den Dienst der Sache gestellt. Alle Zeitungen, ohne Rücksicht auf Richtung und Verhältnis zur Regierung, plädierten für die Anleihe, sämtliche Berufsgenossenschaften beteiligten sich mit unermüdlichem Eifer an der Sache und alles, was irgendwie Einfluß hatte, machte diesen geltend, um den Erfolg zu sichern. In der Tat hatte die Regierung die Genugtuung, daß die Anleihe mehr als doppelt überzeichnet wurde. Und nun kommt das Wichtigste. Die Nationaldemokraten, deren Stellung zur Regierung Pilsudski den Lesern bereits aus den früheren Berichten bekannt ist, zeigten wenig Eifer, der Regierung in dieser Beziehung entgegenzukommen. Zu derselben Zeit, wo die Subskription das Gebot der Stunde war, erfanden sie irgendeinen „nationalen" Zweck, dem sie Spenden widmeten, nur um nicht der so sehr gehaßten Regierung helfen zu müssen. Das war die eine Seite der Sache. Und nun die zweite. Es ist bekannt, daß die Juden rasch und viel geben. Sagen doch unsere Weisen von ihnen: „nitbain wenotnin". Auch hier gaben die Juden nicht nach Kräften, sondern über ihre Kräfte hinaus. Das Ergebnis war, daß alle ehrlichen Zeitungen die Juden ihres patriotischen Sinnes wegen lobten. Wundert es nun jemand, daß die antisemitischen Zeitungen die Juden dieser patriotischen Handlung wegen tadelten? Es ist doch klar: was der Jude auch tun wird, er wird angeprangert. Das einemal ist seine „unpatriotische", nächstens seine „loyale" Haltung der Ausgangspunkt für eine wüste antisemitische Hetze. So oder so: der Jude wird verbrannt . . . Natürlich fällt es den Juden nicht ein, irgendwie den Zorn der Nationaldemokraten zu besänftigen. Man kennt die Motive und wird . . . nicht verstimmt. Man weiß, es geht um die Regierung, der man den Erfolg der Subskription herzlichst... mißgönnt. Und da es sich gerade trifft, daß die Juden der Regierung dazu verholfen haben, was liegt nun näher als beide zusammen zu verfluchen! Eine willkommenere Gelegenheit kann die kühnste Phantasie nicht ausdenken . . . Das Erfreuliche an dieser Sache liegt darin, daß die Juden durch ihre patriotische Haltung in dieser eminent wichtigen Sache sich ihre Sporen verdienten, daß sie an einer staatlichen Aktion sich beteiligten und rechtes Verständnis für die Interessen des Staates an den Tag legten. Daß ihnen die Herren Antisemiten diese patriotische Haltung früher oder später vergelten werden, ist sicher, ändert jedoch nichts an dem Bewußtsein erfüllter Pflicht. Jeder-tut das, wozu er geschaffen ist: der Jude ist Patriot und der Antisemit haut. Es war immer so . . . * Schuld und Unschuld, sollte man meinen, sind engumschriebene eindeutige Begriffe. Es sollte demnach nicht möglich sein, daß ein Geschöpf schuldig und gleichzeitig unschuldig ist. (Nicht etwa unter Anwendung von Milderungsumständen, sondern a priori, von vornherein.) Und doch gibt es auf Gottes Welt auch solche Geschöpfe. Da ist zum Beispiel der Blitzableiter. Er prangt da an Mauern und Zinnen von Palästen und Wolkenkratzern, um den Blitz aufzufangen. Im Grunde genommen hat ja der Blitz, wenn er überhaupt etwas meinte, nicht den Blitzableiter gemeint, sondern das Haus. Ergo ist der Blitzableiter unschuldig. Aber wozu hat sich dieser Blitzableiter an die Spitze des Hauses, zwischen dem Element und dem Hause, gestellt? Das ist seine Schuld . . . Uebertragen wir diese Metapher auf unsere Zustände, dann erleben wir ein Schauspiel, das zu traurig ist, um bloß merkwürdig zu sein. Es ist eine bekannte Tatsache, daß oft die Juden in Polen gehaut werden, nicht weil sie etwa die Hiebe „verdienen" würden — obwohl die antisemitische Presse in bezug auf die Judenschuld geradezu wahnsinnig erfinderisch ist —, sondern nur, weil die Opposition ihr Mütchen an ihnen kühlen muß, ja muß, weil ihr die Regierung selbst zu groß, zu mächtig, also unerreichbar ist. Wenn es also vorkommt, daß nach einem antisemitischen Anschlag gegen die jüdischen Studenten, gegen die jüdischen Kaufleute u. dgl. ein antisemitischer Wortführer in privatem Gespräch mit einem bekannten Juden, oder, was oft vorkommt, in einem „versöhnenden" Artikel über die „wahren" Ursachen der Ereignisse spricht, dann wird die ganze Schuld an den „unerträglichen" Zuständen ausschließlich der Regierung zugeschoben. „Die Juden", wird dann emphatisch versichert, „tragen keine Schuld, es ist nur ein Zufall, daß die Regierung die Juden unterstützt und daher der Zorn des aufgeregten Volkes sich an den Juden auslassen muß." Und das alles soll ein Trost sein! Wenn der jüdische Kaufmann auf der Straße geprügelt, wenn der jüdische Student aus den Hörsälen der Universität hinausgeworfen, wenn ein unschuldiger Passant überfallen wird, dann soll der Überfallene Jude sich damit trösten, daß die Prügel ja nicht ihm gelten, sondern der Regierung. Das soll ihm nicht nur die Schläge ertragen helfen, sondern ihn noch in seiner politischen Stellung im Staate bestärken. Ist er doch derjenige, der den Staat, die Regierung ablöst . . . Einen neuerlichen Beweis für diese Auffassung der Judenfrage in antisemitischen Kreisen erhielten wir erst in den letzten Tagen. In Warschau erscheint eine jüdische Tageszeitung in polnischer Sprache „N a s z P r z e g 1 a d". Vor einigen Tagen nun wurde in der Redaktion eine Bombe gefunden, deren Explosion ein furchtbares Unglück hätte verursachen müssen, wenn die Entdeckung nicht so rasch erfolgt wäre. Der Täter ist bis zur Stunde unbekannt. Die Absicht ist klar: die Juden haut man und die Regierung „meint" man. Klagt der Jude, dann sagt man ihm, daß die Regierung gemeint ist. Der Regierung sagt man, daß die Frechheit der Juden alles Maß überstiegen habe und gebändigt werden müsse. Das Geschäft der Antisemiten blüht . . . Natürlich sind die Juden unschuldig, weil man ja „nur" der Regierung Verlegenheiten bereiten wollte. Aber wozu haben sie sich, gleichsam ein Blitzableiter, zwischen Regierung und Opposition gestellt? Oder mit anderen Worten: wozu sind sie überhaupt auf der Welt? Ergo sind sie schuld . . . Wer sonst? Leola beni . . . * Man erinnert sich noch gewiß des berühmten Brest-Prozesses, so genannt wegen des Militärarrestes in Brest, wohin vor drei Jahren bedeutende Führer der Opposition wegen eines gegen die Regierung Pilsudski geplanten Staatsstreiches transportiert wurden. Sie wurden zu mehrjährigen Meinl-Kafiee Kerkerstrafen und zum Verlust aller Berufs- und Ehrentitel verurteilt. Vor einigen Tagen fand nun endlich diese Affäre ihren Abschluß, indem der Oberste Gerichtshof in letzter Instanz das Urteil bestätigte. Auch dieser Prozeß, eine Auseinandersetzung zwischen Regierung und Opposition, hat ihren Judenpunkt. Und der ist äußerst lehrreich. Es war im Jahre 1930. Pilsudski, einst ein hervorragendes Mitglied der sozialdemokratischen Partei, schüttelte nach und nach seine ehemaligen Genossen ab. Sie wollten es lange, lange nicht wahr haben, bis sie wohl oder übel daran glauben mußten. Die Er- und Verbitterung war darob bei den Sozialdemokraten eine tiefgehende. Man sann auf Rache. Da kam eine Koalition zustande, die einzig dastehen dürfte: Antisemiten, Klerikale schwärzester Observanz auf der einen, Sozialdemokraten auf der anderen Seite, dazwischen die „Volkspartei", geborene Feinde des Großgrundbesitzes und der Roten, alles ging unter eine Haube, geeinigt nur durch den gemeinsamen Haß gegen Pilsudski. Die oppositionelle Presse war eitel Honig, das Wort „Jude" ward nicht in den Mund genommen, Friede war auf Erden und ein Glück für die Menschenkinder . . . Hermann Liebermann, der sozialistische Abgeordnete, der noch im altösterreichischen Abgeordnetenhause eine Rolle spielte, nahm nun in diesem Kampfe eine hervorragende Stellung ein. Gott, wie wurde dieser im Kampfe gegen Klerikalismus und Feudalismus ergraute Mann von den antisemitischen Zeitungen gefeiert! Es muß ihm merkwürdig zumute gewesen sein, als er sich von dieser Sippschaft in den Himmel gehoben sah... Nein, es wäre zu schön gewesen . . . Jahre vergingen. Der Kampf war umsonst. Sieger blieb die Regierung. Die Opposition verließ mit schweren moralischen Schäden die Walstatt. Der Liebesrausch ist längst vorbei. Der Katzenjammer drängt zur Revision der bisherigen Politik. Die gemeinsamen Losungen haben ihre Schlagkraft verloren. Jeder findet zu seinem Gott wieder, den er einst „im Rausche sündiger Liebe" verlassen hat. Jeder findet seine alten, „bewährten" Losungen wieder. Der Kampf zwischen den Genossen von gestern geht wieder an. Hören wir nun, wie man jetzt, nach Tische, von dem erst unlängst gefeierten Liebermann spricht. Die „Gazeta Warszawska", das Zentralorgan der Antisemiten, schreibt in einem Ueberblick über den Brest-Prozeß die folgenden charakteristischen Sätze: „Weder die eine, noch die andere Partei des Brest-Prozesses war Repräsentantin der Idee, daß in Polen einzig das polnische Volk das Recht hat, über die Grundsätze der polnischen Politik zu entscheiden. Herr Liebermann auf der Anklagebank, Herr Bernsohn unter den Verteidigern und Herr Rause als öffentlicher Ankläger — diese drei Herren sind ein Symbol für die Unzulänglichkeit der polnischen Repräsentanz im Brester Prozeß." Ja. Im Taumel — da war es anders. Da war Liebermann der Abgott. Als die Anklage ihn „Hersch" nannte, da nahm ihn die oppositionelle Presse in Schutz, sie verteidigte ihn gegen seinen — jüdischen Vornamen. Nun ist er unbrauchbar geworden, der Hersch, da mag er zu seinen Juden gehen. Wie kann der Polen repräsentieren? (Nur daß er auch die Juden nicht repräsentieren kann. . .)

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