Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 43 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064391--19500-3084644- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
LEOPOLD -MASSCHUHE nur VII. BUB.6ÖASSE S M Sachverständigen irülierer Jahrzehnte im grellsten Kontrast zur damaligen Rechtspresse Hauptmann zum größten deutschen Dichter der Gegenwart geeicht hatten. Die jüdischen Kritiker sind davongejagt worden, aber ihr Urteil bleibt in Geltung. Während man sieh derart in Kunsttragen, die ja nur einen kleinen Kreis interessieren. :.der jüdischen Autorität beugt, sucht man ihr dort, wo sie zur Massensuggestion wird, um so energischer entgegenzutreten: auf dem Gebiete der Religion. Kleinere Geister leisten bloß Detailarbeit. So hat der Regierungskommissär für Schleswig-Holstein die Gesch iclite von der Opferung Isaaks a»> undeutsch deklariert, offenbar, weil die Opferung eines Widders an Stelle des Abraham-Sprößlings das tierfreundliche Gemüt der Nazi verletzen muß. Der evangelische Bischof geht schon weiter, da er das ganze Alte Testament ausmerzen will. Ein reichsdeutscher Universitätsprofessor hat aber dieser Tage einen Rekord aufgestellt, indem er die Rückkehr vom Christentum zum altgermanischen Heidentum empfiehlt. Nach seiner Ansicht ist der Glaube an einen im Jenseits regierenden Gott undeutsch. Die germanische Religiosität braucht einen Gott, der in der Welt selbst, sie in allen Teilen durchdringend, zu Hause ist. Der jüdische Intellektuelle schmunzelt vergnügt: „Ja wer kommt denn da?" Denn es ist klar: Dieser die' Welt durchdringende Gott ist nicht der alte Wotan, der in Walhalla, also einem Jenseits, haust und von dort aus bei Tag mit seinem einzigen Auge, der Sonne, die Welt beguckt, über der er bei Nacht in; der entfesselten Primitivität des - wilden Jägers geistert, sondern dieser das All durchdringende Gott ist das pantheistische Idol — Spinozas . .; Wenn aber die „Entjudung" der deutschen Religion nichts anderes zeitigt als den Ersatz der Propheten des Alten und Neuen Testaments durch den Philosophen aus dem Amsterdamer Ghetto, dann wird den Führern des Dritten Reiches die Erkenntnis Karl Moors, der auch sonst das Vorbild ihrer Weltverbesserungsmethode ist, nicht erspart bleiben: „Und darum Räuber und Mörder . . ." Das deutsche Judenproblem. Von Fabius Schach, Berlin. Wir sind, wie schon oft in der Geschichte, wieder einmal unterwegs — das hat man vielfach noch nicht begriffen. Wohin der Weg führt, wissen wir nicht, das Ziel setzt uns das Schicksal, nicht unser Wille. Wir müssen Altes aufgeben. Neues aufnehmen. Wir haben uns schon gewandelt, und wir werden uns noch mehr wandeln müssen. Dessen sollten wir uns klar werden. Und schon in der Fähigkeit des Wandeins ruht Leben und Kraft. Wir sind unterwegs, wir müssen uns dem Schicksal anpassen — ohne Fatalismus, ohne die geschichtliche Struktur zu verleugnen. Wir sind unterwegs, wir schreiten, wir sehnen uns nicht nach Ruhe, sondern nach Arbeit. Wir streben aufwärts. Das Streben nach Ewigkeit scheint in der jüdischen Natur zu liegen. Wir möchten aus allem Kleinen Großes machen. Das ist unsere Stärke und Schwäche. Wir überwinden leichter das Zeitliche mit dem Schauen auf das Ewige; aber wir werten häufig den Imperativ der Tatsachen zu gering. Und noch ein Zweites: Wie in der deutschen Mentalität wird in der jüdischen Gedankenwelt aus allem eine Ideologie, eine Weltanschauung gemacht. Wir achten mehr auf das Warum und Wieso als auf das Was. Das führt uns ab von der Erkenntnis der Lage und — was noch schlimmer ist — von der inneren Geschlossenheit. Denn. Arbeit eint, T Ii e o r i e t r e n n t. Wir haben in letzter Zeit viel mehr Theorien als praktische Vorschläge gehört. Aus geschichtlichen Ereignissen soll man Erkenntnisse, aber keine Weltanschauungen schöpfen. Welche Richtung hat recht behalten? Gar keine — das Schicksal hat recht. Trotz allem, was geschehen, glauben wir, die Judenfrage in Deutschland lösen zu können. Große Probleme aber kann man nur erfassen, lösen muß sie die Geschichte. Zweierlei gilt es zu beachten: Die heutigen Zustände sind noch im Flusse, sie werden und müssen zum Stillstand kommen. Das Bild des deutsch-jüdischen Schicksals wird eine Aenderung erfahren — nicht der Judenheit, sondern der Allgemeinheit wegen. Die Judenheit Deutschlands kann nicht auswandern. Die allermeisten deutschen Juden werden im Lande bleiben. Sie werden ihren Beruf, ihr Schicksal, aber nicht ihre Heimat wechseln. Es gibt keine Möglichkeit, eine halbe Million Menschen umzupflanzen, kein Land kann Fremde in so großem Maße aufnehmen. Welche Lösungen großen Stils sind vorhanden? Das alte jüdische Palästina! Eine herrliche Sache, eine geschichtliche Erfüllung, aber — diese Ansicht vertrete ich seit 30 Jahren — Palästina ist eine Lösung der Frage des Judentums, nicht der Judenheit. Achad Haam hat recht — Philosophie und Erfahrung sanktionieren es — Palästina kann Zentrum jüdischer Kultur werden, kann den Juden in Reinkultur zeugen, aber nicht Land des jüdischen Volkes werden. Die Konstruktion des jüdischen Nationalis- FERROCART SUPER 193*t |,i(SBa|/ ^pgfg^ ^1Ti>\s5 \^yp i \ ^myc^^Si HOPNYPHON mus istfremden Schablonen entl e Ii n t. Es gibt keinen jüdischen Nationalismus im heutigen Sinne. Grundlage jüdischer Einheit war stets die Religion, nicht die Abstammung Die Religion der Propheten ist in ihrem gewaltigen Universalismus und in ihrer himmlischen Ethik zu weit, unrin" eine enge Form gepreßt werden zu können. "Der nichtjüdische Seher Bileam hat psychologisch tief geschaut: ..Ein Volk, das eigenartig ist, in seinem äußeren und inneren Leben, eine Gemeinschaft geistig-ethischer Natur, für die es keine Analogien gibt."' Wenn zu den tapferen Pionieren des Ostens noch einige tausend Jünglinge aus Deutschland kommen, so ist das wegen ihrer guten Qualitäten ein Vorteil für den Aufbau des alten historischeu Landes. Aber nur solche sollen nach Palästina wandern, die eine seelische Heimat im Lande ihrer Väter suchen. Solche, die hier nur eine Existenzmöglichkeit sehen und die ebenso gern nach Amerika oder Australien gehen würden, schaden sich und dem Lande. Sich selbst, weil hier Schwierigkeiten vorhanden sind, die nur durch Begeisterung überwunden werden können. Dem Lande, weil sie die E n t w i c k I u n g zur Bodenständigkeit, zur Volkseinheit h e m m e n. Schon heute gibt es viele widerspruchsvolle Elemente in Palästina, und unser Trost ist, daß die nächste Generation den reinen Typus Jude bringen wird, — eine Mischung von Modernem und Geschichtlichem, von Europäischem und Orientalischem. Der ausgeprägte jüdische Individualismus, der so viel Gutes, aber auch Destruktives gebracht hat, würde noch mehr gesteigert werden, wenn eine gesonderte deutschjüdische Kolonie in Palästina entstehen würde. Aber, von allen theoretischen Erwägungen abgesehen: es gibt gar keine praktische Möglichkeit dafür. Im allergünstigsten Falle kann Palästina in den nächsten zwei Jahren 15.000 bis 20.000 Juden aus Deutschland aufnehmen, also: 4 bis 5 Prozent. Jüdische Kolonien in anderen Ländern! Wiederum eine Lösung für Tausende, nicht für Hunderttausende. Fast alle Länder der Welt sind.für Aufnahme großer Volksmassen geschlossen. Dazu kommt, daß die Judenheit fast der ganzen Welt heute verarmt ist, und — gestehen wir es ehrlich ein —, daß die Opferfreudigkeit stark nachgelassen hat. ^Feuilleton. Die Premiere des Kulturbundes deutscher Juden. Von Dr. Hugo Lachmanski, Berlin. Der Kulturbund deutscher Juden ist am 1. Oktober mit seiner ersten Veranstaltung, einer Aufführung von Lessings „Nathan der Weise", unter allen Anzeichen eines starken Erfolges im Berliner Theater hervorgetreten. Als ein von Juden geschaffenes, für Juden bestimmtes Unternehmen, das zugleich das Krongut deutscher Geisteskultur in liebevolle Obhut zu nehmen gewillt ist, konnte der neue Bund seinen Mitgliedern zur Weihe des Hauses kein geeigneteres Werk darbieten als Lessings dramatisches Meistergedicht. In „Nathan der Weise" war die Bühne, als hätte sie sich ihres kultischen Ursprungs wieder erinnert, zur Kanzel geworden: und auf dieser Kanzel wird gepredigt, daß jeder seiner unbestochenen, von Vorurteilen freien Liebe nacheifern möge; daß der echte Ring der allein wahren Religion bisher noch nicht gefunden sei; daß Völker und Religionen durch das allumfassende Band der Humanität und der gegenseitigen Duldung zusammengehalten werden; daß Sittlichkeit und Tugend an keine nationalen Bedingungen gebunden seien, weil überall auf der Erde gute, gottergebene Menschen wohnen. < * „Nathan der Weise" bedeutet weder eine Verherrlichung noch auch nur eine Apologie des Judentums. Aber die frohe und freie Botschaft dieses Menschheitsevangeliums konnte nur aus einer Gesinnung fließen, der alle konfessionelle Unduldsamkeit fremd war und die das „göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl", von dem Goethe bei Bearbeitung des „Nathan" gesprochen hat, gerade den unterdrückten Juden zugute kommen lassen wollte. Wir wissen, wie schon der junge Lessing seinen Freund Mendelssohn gesen iudenfeindlichei Angriffe in Schutz genommen hat; wissen auch, daß das von dem Zwanzigjährigen verfaßte kleine Lustspiel „Die Juden", nach seinen eigenen Worten, „das Resultat einer sehr ernsthaften Betrachtung über die schimpfliche Unterdrückung war, in welcher ein Volk seufzen muß, das ein Christ... nicht ohne eine Art von Ehrerbietung betrachten kann." Und man darf schließlich in diesem Zusammenhang daran erinnnern, daß in einer der zahlreichen apologetischen Schriften Lessings, der „Rettung des Cardanus", ein rechtgläubiger Jude dem Cardan voll Stolz zuruft: „In ajle Winkel der Welt zerstreut und überall gedrückt, beschimpft und verfolgt, sind wir noch eben die, die wir vor tausend und viel mehr Jahren gewesen sind!" Das sind Vorklänge zum „Nathan", die dann in dem Werke selbst zu vollen dichterischen Akkorden anschwollen. Und deshalb wird jede Aufführung von „Nathan der Weise" gerade für Juden eine besondere Feiertagsstunde sein, deren Reiz sich noch erhöht, wenn der Träger der Titelrolle sich mit dem betonten Bekenntnis Nathans: „Sultan, ich bin ein Jud!" auch menschlich identifizieren kann. * Von allen Nathan-Darstellern, die mir bisher auf der Bühne begegnet sind, hat mir der Jude Adolf Sonnenthal den stärksten und nachhaltigsten Eindruck hinterlassen. Ich erinnere mich, wie dieser wahrhafte Adeismensch unter den Schauspielern deutscher Zunge bei einem Nathan-Gastspiel in Berlin die für ihn reservierte Künstlergarderobe betrat, ein kleines Buch, das er wie einen Talisman bei sich trug, aus dem Mantel hervorzog und es auf den Tisch der Garderobe niederlegte. Es war, wie ich durch einen raschen Blick feststellte, nicht der Text zum „Nathan", es war — ein M a c h s o r. Hier offenbarte sich die Reinheit und Frömmigkeit des echten Juden, wie ihn Sonnenthal dann auf den Brettern mit dem edelsten Herzenspathos zu menschlich ergreifender Wirkung brachte — der weise Jude war zu einem wundervoll gütigen Juden geworden, aus dem die Weisheit nur wie der milde Schein abgeklärter, in sich gesammelter Lebensklugheit hervorglänzte. Kurt Katsch, mit dem uns der Kulturbund bei seiner „Nathan"-Aufführung bekannt machte, darf das nicht geringe Verdienst für sich in Anspruch nehmen, daß er sich im Schatten der Erinnerung an Sonnenthals ideale Darstellung durchaus behaupten konnte. Auch die übrige Darstellung hielt sich im allgemeinen auf beachtlichem Niveau. Die umsichtige Regie von Dr. Karl Loewenberg (früher am Schauspielhaus in Frankfurt a. M.) ließ vor allem das Bestreben erkennen, die disparaten, von den verschiedensten Bühnen berufenen schauspielerischen Kräfte, nach endgültiger Ueberwindung des Starsystejns, zu einem ausgeglichenen Ensemble zusammenzufügen. Im übrigen darf man die erfreuliche Feststellung machen, daß Herr Loewenberg offenbar zu der in den letzten Jahren immer seltener gewordenen Klasse von Regisseuren gehört, denen der Rotstift noch nicht den Respekt vor dem Dichter ausgetrieben hat: seine „Nathan"-Aufführung gehörte zwar zu den längsten, aber auch zu den „ungestrichensten", die ich bisher erlebt habe. Schließlich sei noch der ausgezeichneten Bühnenbilder von Heinz Condeil gedacht, die in ihren Perspektiven, ihrer Farbigkeit und Leuchtkraft einen würdigen künstlerischen Rahmen abgaben. Alles in allem: nach diesem verheißungsvollen Auftakt sind wir deutsche Juden der kommenden Taten des Kulturbundes gern gewärtig.