Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 43 (27.10.1933)
- Date
- 1933-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen *" Jüdische Die Wahrheit In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Redaktion und Administration; Wien II., HeinestraBe 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien; A 100.918 49. Jahrgang Wien, 27. Oktober 1933 Nummer 43 Das dringendste Bedürfnis. Was ist das dringendste Bedürfnis dieser von den Fieberschauern einer noch nie in solch gigantischem Umfang dagewesenen Wirtschaftskrise geschüttelten Welt? Antwort: Die Lösung der Judenfrage. Wer's nicht glaubt, greife nach einem Buche, das dieser Tage herausgekommen ist und in dem zwei Männer von scheinbar extremsten politischen Ausgangspunkten zu demselben, in obiger Antwort liegenden Ziele gelangen. Der eine ist der christlichsoziale Minister a. D. Czermak, der andere der Jüdischnationale Dr. K a r b a c h. Wenn aus dem Lager der nationaldeutschen Juden gelegentlich Ansichten laut werden, die an nationalsozialistische Aeußerungen anklingen, dann erbebt das ganze Zionistenlager vor Entrüstung über soviel Würdelosigkeit und prägt die Alternative, daß nur Lumpen oder Narren einer solchen Gemeinheit fähig sind. Aber wenn ein Jüdischnationaler die politischen Weisheiten eines gewesenen christlichsözialen Ministers autorisiert, ja, Bauer, das ist etwas ganz anderes . . . Herr Czermak ist dadurch berühmt geworden, daß er als Unterrichtsminister das um das Hakenkreuz gescharte Radaustudententum als Träger und Wächter der Ruhe und Ordnung auf akademischem Boden proklamieren wollte. Ein Versuch, der naturgemäß dieselbe Wirkung hatte, wie wenn ein Fuhrmann zwei ungezähmte Raubtiere vor seinen Karren spannen würde. Dies Experiment schlug fehl, die Regierung Dollfuß sieht sich zu ganz anderen Maßnahmen gezwungen, um einen ungestörten Betrieb an den Hochschulen zu sichern, und Herr Czermak galt als erledigt. In dieser peinlichen Situation läßt er sich seine politische Weisheit von einem Juden attestieren. Dr. Karbach erweist ihm diesen Gefallen und verkündet in rührender Uebereinstimmung mit dem christlichsozialen Autor der famosen „Studentenordnung", daß das Prinzip dieser Studentenordnung, die Zerreißung aller soziologischen Gruppen mit denselben Aufgaben und Zielen durch ihre gewaltsame Gliederung nach „nationalen" Gesichtspunkten das einzige Mittel zur Befriedung der Menschheit bildet, und zwar nicht bloß unter den akademischen Bürgern, bei denen das so gepriesene Mittel bereits kläglich versagt hat, sondern unter der Gesamtbürgerschaft des Staates, ja aller Staaten . . . Wenn erst einmal die berufliche Tätigkeit der Staatsbürger nicht mehr von der individuellen Eignung geregelt wird, wie es das „liberalistische" Prinzip verlangt, sondern nach einer rassisch bedingten Prozentnorm, dann wird allen Menschen geholfen sein und alles Leid der Erde, wird, wenn schon nicht ganz aufhören, so doch auf ein erträgliches Maß reduziert sein. Allerdings werden diejenigen; die durch eine so mechanische Regelung von einem geliebten, vielleicht sogar von jedem Berufe ferngehalten werden, das Gefühl schmerzlicher Zurücksetzung empfinden, aber sie werden ihr Unglück vergessen angesichts des überströmenden .Glücksgefühls der von der Schicksalsgunst Bevorzugten . . . Welche Bewandtnis hat es mit diesem angeblichen Glücksgefühl, das die Lösung der Judenfrage auslösen muß? Blicken wir auf jenes Land, das diese Lösung bereits radikal in Angriff genommen hat: In Hitler- Deutschland ist die berufliche Tätigkeit der Juden nicht von einer Prozentnorm abhängig gemacht worden, sondern von der Erfüllung der Kriegsdienstpflicht. Das Gesetz bestimmt, daß jüdischen Frontkämpfern sowie Eltern und Kindern von jüdischen Kriegsgefallenen das Recht auf Ausübung ihres Berufes gewahrt bleibt. Aber diese gutgemeinte Theorie wird von der Praxis ad absurdum geführt. Der Judenhaß ersinnt immer neue Mittel und Wege, um auch den vom Gesetz bevorzugten Juden den Genuß dieses Gesetzes unmöglich zu machen. Wenn nun Juden mit nachweisbaren patriotischen Verdiensten so übel mitgespielt wird, um wie viel rücksichtsloser würde man solchen jüdischen Stellenwerbern gegenüber vorgehen, die ihre Ansprüche lediglich auf den ziffernmäßig errechneten Anteil einer „nationalen" Minderheit stützen könnten? Diese Frage sollten die zionistischen Befürworter einer solchen „Lösung der Judenfrage" doch erst einmal zu beantworten suchen, bevor sie ihre politischen Quacksalbereien der Oeffentlichkeit anzupreisen wagen. Pikanterweise zeigt sich aber auch die arische Bevölkerung von der vielgerühmten ENOHMC AUSWAHL Diurasn PREISE E ppP #S l* t. TEPPICHE V0M&N8E MÖDCLSTOrrC, DECHEN NOR l.,DADERNMAnHT12-14 Lösung der Judenfrage wenig entzückt. Sonst hätte es die nationalsozialistische Presse nicht nötig, immer wieder darüber zu jammern, daß noch immer Christen in jüdischen Geschäften einkaufen und jüdische Aerzte und Rechtsanwälte konsultieren. Aber vielleicht ist die große Masse nicht intelligent genug, um zu erkennen, daß der jüdische Kaufmann, der den Meter Barchent um etliche Prozent billiger abgibt als sein christlicher Konkurrent, ein Exponent jüdischer Herrschsucht ist, ebenso wie der jüdische Arzt und Rechtsanwalt. Es gibt aber ein Betätigungsgebiet, das auch der Einfältigste als Domäne der nach politischen oder literarischen Einfluß Strebenden, also der auf Beherrschung ihrer Mitmenschen Bedachten erkennen muß, nämlich die Presse. Zumindest die Entjudung der Zeitungen sollte also den Ariern als eine Befreiung von der „Judenherrschaft" willkommen sein. Die Auflagenzahl der Blätter müßte im selben Maße steigen, in dem die Furcht der Leser, vom zersetzenden jüdischen Geiste durch die Lektüre vergiftet zu werden, sinkt. Merkwürdigerweise zeigt sich aber das Gegenteil: Seit der Gleichschaltung der deutschen Presse sind nicht weniger als 250 Zeitungen des „Dritten Reiches" eingegangen und die anderen haben schwer zu kämpfen — am schwersten diejenigen, Basiere Dich gut und billig SOesterrelchlsclies Qnailtats Fabrikat Ueberau erhältlich die trüher viele jüdische Mitarbeiter hatten und gerade damals Riesenauflagen und große Einnahmen aufwiesen. Auch in Oesterreich hat die Entwicklung der judenreinen Presse niemals Schritt gehalten mit dem Aufstieg der antisemitischen Parteien. Es zeigt sich immer wieder, daß die christlichsozialen, deutschnationalen und nationalsozialistischen Leser sich lieber von jüdischen Zeitungsschreibern amüsieren, als von Schriftleitern ihrer eigenen Gesinnung anöden lassen. Just am Jaum kippur ist die „Ostmark" des Herrn Doktor Walter Riehl eingegangen, obwohl die Gesinnungsgenossen dieses Nazi immer noch kräftige Lebenszeichen geben, die aller Verbote spotten. Dagegen steht die viel angefeindete „Judenpresse" im großen und ganzen unerschüttert da, obwohl sie keinen organisierten Anhang hinter sich hat. Aus dieser Tatsache folgt zweierlei: Erstens, daß die Phrase von dem übermäßigen Einfluß der jüdischen Journalistik eine Verlogenheit ersten Ranges darstellt. Denn wenn dieser Einfluß vorhanden wäre, müßte er sich doch in einem Niedergang des Antisemitismus dokumentieren. In Wirklichkeit haben aber die sogenannten „Judenblätter" trotz ihrer Beliebtheit noch gar keiner der vielen, seit den Achtzigerjahren emporgekommenen Antisemitenparteien das Feld abzugraben vermocht. Bloß der judenreinen Presse stehen sie im Wege. Und daraus ergibt sich die zweite Folgerung, daß die Befähigung der Juden für den journalistischen Beruf von der Leserschaft ohne Unterschied der Rasse dankbar anerkannt und durchaus nicht als Uebel empfunden wird. Die Verdrängung der Juden aus der reichsdeutschen Presse hat, wie gesagt, keinen Aufschwung, sondern den Niedergang dieser Presse nach sich gezogen. Am groteskesten aber ist die Tatsache, daß gerade die Führer, die das deutsche Volk vor dem angeblich so gefährlichen jüdischen Einfluß retten wollen, selbst diesem Einfluß deutlich erliegen. Sie haben jüngst in München einen „Tag der deutschen Kunst" veranstaltet und im Rahmen dieser Veranstaltung Gerhart Hauptmann aufgeführt und verehrt. Den Marxistenfressern müßte der Dichter der „Weber" und des „Biberpelz" politisch verdächtig sein, den Rasseschnüfflern kann es nicht entgangen sein, daß Hauptmann mit einer Jüdin verheiratet ist. Wie kommt es also, daß dieser Mann, der im „Dritten Reiche" nicht einmat Briefträger werden könnte, dort als Apostel der deutschen Kunst anerkannt wird? Die diversen Führer, deren eigenem literarischen Geschmack Karl May bekanntlich am besten entspricht, wollen sich mit dem offenen Bekenntnis zu diesem ihren ästhetischen Ideal nicht blamieren und akzeptieren daher dankbar die Punze, mit der die jüdischen