Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 42 (20.10.1933)
- Date
- 1933-10-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064350-3064390--19495-3084638- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 DIE WAHRHEIT c l<; |rf t # J I - «i! t| r 1 4 M »T t it I; verteilt, von wo sie auf vorbeimarschierende SA-Truppen zu feuern hatten. Man brachte ihnen mühselig den „Rotfront"-Gruß bei, bis die gewünschte Gegenüberstellung langbärtiger Juden und blonder Germanen erreicht war. Zum 20. Jahrzeittage des Rabbiners Dr. Adolf Schmiedl sei And. Von Rudolf Kraus. Freitag, den 27. Oktober (7. Cheschwan). werden 20 Jahre verstrichen sein, seit der hochgelehrte, allgemein verehrte Dr. Abraham Adolf Schmiedl im hohen Alter von mehr als 90 Jahren verstorben ist. Wer sich an diesen großen Lehrer der Wiener jüdischen Gemeinde erinnert, an seine ehrwürdige, immer freundliche Persönlichkeit, an seine mustergültigen Predigten und Gelegenheitsreden, die er in seiner gewinnenden Eigenart einer hervorragenden Redekunst mit aus dem Midrasch entnommenen Gleichnissen zu schmücken verstand, der wird mit Wehmut — aber auch in . treuer Dankbarkeit seiner gedenken. Nach dem Ableben Dr. Adolf Jellineks (28. Dezember 1893) kam Schmiedl in bereits vorgeschrittenem Alter zu Pesach 1894 in den großen Leopoldstädter Tempel; vorher war er viele Jahre im Fünfhauser Tempel (in den Stadttempel wurde Dr. Moriz Güdemann aus dem Leopoldstädter Tempel berufen). In kurzer Zeit wußte sich Dr. Schmiedl einen großen Kreis aufmerksamer Zuhörer und Verehrer zu erwerben, welche mit Begeisterung seinen Ansprachen lauschten. Viel trug auch dazu bei, daß er durch mehrere Jahre jeden Freitag-Abend die Sidra erläuterte und an den besonderen Sabbaten (auch während des Sommers) und an den Festtagen am Vormittage predigte; in der Sephirazeit sammelte er zwischen Mincha und Maairiw seine Getreuen um seinen Sitz und erklärte in unvergeßlich schöner Weise die Pirkeowaus. Andächtig lauschten die zahlreichen Zuhörer seinen Worten und Auslegungen der Bibel- und Talmudstellen, die er als großer Gelehrter und Kenner des jüdischen Schrifttums in seinen Ausführungen benutzte, und voll freudiger Befriedigung empfingen sie die von ihm, den sie wie einen Vater liebten und verehrten, gegebenen Erklärungen und weisen Lehren. Am Sukotfeste des Jahres 1913, da der greise Rabbiner schon zu schwach war. um dem Gottesdienst im Tempel beizuwohnen, kam ich mit meiner Frau und mit unseren, damals kleinen Söhnen in die Wohnung Doktor Schmiedls zu Besuch — wir trafen ihn im Festgewande, in einem Buche lesend. Nach einer sehr gastfreundlichen Begrüßung sagte er zu uns: Da lese ich gerade in dem Festabschnitte aus der Bibel die so einfach scheinenden Worte „ele mauade haschem — d. h. dies sind die Festtage Gottes". Welch tiefer Sinn liegt jedoch in diesen' drei Worten. Die Menschen, sie machen sich ihre Festtage allein, feiern Geburtstage, Hochzeitstage, verschiedene Jubiläen u. dgl. Wenn es auch manchmal viele Personen sind; welche an diesen Feierlichkeiten teilnehmen, so ist dies immer nur ein Bruchteil der Menschheit Ganz anders sind die Festtage Gottes. Wann begeht der frommgläubige Jude diese Festtage? Wenn die Natur vom Winterschlafe erwacht, alle Geschöpfe frisch aufatmen, Vogelgesang aufsteigt und der Landmann die Saat ausstreut — da feiert Israel sein Frühlings- und Freiheitsfest — Pesach. Wenn die Felder und Gärten in vollster Herz und Augen erfreuender Pracht dastehen, von Sonnenlicht umflossen in buntem Farbenreichtum Blumen und Blüten alle Lebewesen die Größe und Erhabenheit Gottes neu offenbaren — da liest der Jude aus der Tora die zehn Gottesworte, die zu allen Zeiten die Kulturwelt erleuchtet haben — er feiert — Schewuaus. und wenn im Herbste die Wagen mit den voSen Aehren des gratesegens vom Felde heiniführen, die vielen schmackhaften Obstarten zur Labung und Erquickung der Menschen eingeheimst werden, dann setz* sich der fomme Jude mit Frau und Kinder, seinen Hausbewohnern, aber auch mit der armen Witwe, der bedürftigen Waise und dem in seinem Orte weilenden Fremdling in die Laubhütte und begeht das Sukausfest — dankerfüllt singend Haudu l'haschem ki tauw. ki leaulom chasdau. Diese drei Zeitabschnitte im Jahre sind ihm ein Labsal im Alltag und in den traurigsten Zeiten seiner Bedrängnis beging er diese mit seiner Familie als die ihn aufrichtenden, stets neu belebenden ewig bleibenden Festtage Gottes... In der Zeit, da Dr. Schmiedl seine allwöchentlichen Freitag-Abendpredigten hielt, habe ich mir zeitweise nach Schluß des Schabos den Gedankengang des Gehörten notiert und z. B. aus einer Bereschis-Rede im Jahre 1902 folgendes vorgemerkt Als Adam und Eva nach dem Genuß der verbotenen Frucht von Gott gerufen sich versteckt hatten, da rief der Allwissende dem Adam zu: „Ajeko" (wo bist du?). Diesen Ruf könnte ich heute in verschiedener Form anwenden. Wo bist du — Jude und Jüdin — heute abends? Während der Festtage war unser Tempel zeitweise zu klein, dichtgedrängt standen die Beter, dagegen an den allwöchentlichen Ruhetagen — wie gelichtet sind die Sitzreihen — fast scheint der Raum leer — ajeko — wo seid ihr? Wie erhebend waren doch die Freitag-Abende in unserern Ehernhause, wenn die Mutter festtäglich gekleidet die Sabbatlichter anzündete, der Vater mit uns Kindern aus dem Bethause kam und den Kidusch sprach, Wo ist diese wohltuende festliche Stimmung — ajeko — wo bist du? Ist es denn wirklich so schwer, all diese unvergleichlich herrlichen Einrichtungen. — unsere Zeremonjalgesetze, die wir bei unseren Eltern in -frommer Gläubigkeit vor uns gesehen haben, in unseren FatBÜien weiter zu feiern, ist es denn so viel verlangt, wejpn unsere Kinder nebst dem Unterricht und der Zerstreuung auch täglich das Schema Jisroel sprechen — ajeko —- wo bist du — jüdischer Glaubenstiruder und Glatibensschwester? So könnte dieses Wort auch heute erschallen, wenn sich der Mensch aus Furcht verbirgt — ich wünsche jedoch und hoffe, daß der Ruf beantwortet werde mit einem Worte, das unsere Patriarchen, Propheten und großen Lehrer uns überliefern: „Hineni — hier bin ich!" Möge die Zeit kommen, wo ajeko nicht fragen wird, wo bist du?, sondern wo warst du, als ich dich gerufen, ich — der Allwissende — brauche diese Frage nicht zu stellen, aber du — o Mensch — bist der Meinung, von Gott nicht gesehen zu werden — wenn du dich vor ihm versteckst Als dieser allbeliebte weise Lehrer lebenssatt seine gütigen Augen geschlossen, war bei seinen Getreuen große Trauer, aber er war nicht gestorben — nein, er lebt fort, er erzählt und belehrt uns und fordert uns auf, in seinem Sinne unserer erhabenen Religion treu anzuhangen. So wird das Andenken an diesen Frommen in Israel auch uns zum Segen. Secher zadik Iiwrocho. Jörn Kippur im Gefängnis. Ein aus der Strafanstalt Stein entlassener Sträfling erzählte dieser Tage einem unserer Mitarbeiter folgendes: Jörn Kippur im Gefängnis! Uns jüdischen Häftlingen schien es, als würde sich am erwarteten Bußetage die Sonne vor uns Sündern zurückziehen und die grauen Mauern, die uns umgürten, höher wachsen. Unsere durch eigenes Verschulden verursachte Abgeschiedenheit von der Welt drückte auf uns und wir bereiteten uns zerknirscht auf den Tag vor, an dem wir die Vergebung unserer Sünden erflehen sollten. Uns allen, die wir trotz des gemeinsamen Loses verschieden waren an Alter oder an Zeit die wir an diesem traurigen Ort verbringen mußten, den Verstockten wie den Reuigen wurde gemeinsam die Erkenntnis ihrer Verfehlungen und viele waren da, die schworen, lieber zu sterben, als nochmals hierher zu kommen. Wir fragten, ob die da draußen sind im Licht uns helfen werden, diesen Jörn Kippur zu begehen, wie sie es bisher an allen vergangenen Feiertagen getan harten. Es dünkte uns. als müßte dieser hohe Tag ein Prüfstein dafür sein, daß wir nicht Ausgestoßene, Verfemte sind, sondern Sünder, denen man Buße auferlegt, um ihnen dann zu vergeben. Doch schon in den Tagen vor dem Fasten sahen wir. daß jemand sich brüderlich um uns sorgte und uns Zuversicht einflößte. Dies war, als Rabbiner Dr. Kupfer wie ein Bote aus einem anderen Land zu uns kam und uns eindringlich, jedoch nicht strafend, sondern belehrend, unsere Einsicht erweckend, den Sinn dieses Feiertages klar legte. Die gütigen Worte schlugen eine Brücke zwischen dem verhängnisvollen Lauf unseres bisherigen Schicksales und der Vergebung, die unser am kommenden Versöhnungstage harrte. Dann erwählte Prof. Rabbiner Dr. Karl Kupfer aus unserer Mitte denjenigen, der mangels eines geeigneteren Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotmkrauzgasge 3 Tel. A 45-5-37 Vorbeters dessen Funktionen am heiligen Tage ausüben sollte. So nahte der erwartete Tag heran. Freitag vor dem Fasten kamen für jeden einzelnen unserer klonen jüdischen Sträflingsgemeinde von de|r Wiener Kultusgemeinde verschickte Pakete an. die uns das Fasten erleichtern sollten. Es gibt in der Strafanstalt noch ein Fasten. Eines, das urteilsgemäß oder durch das strenge Anstaltsreglement verfügt wird. Ein Fasten bei Wasser und Brot Nur der Kränkliche erhält als besondere Ausnahme eine Tasse warmen Blütentees. Doch wie meilenweit verschieden dünkte uns allen dieses bittere Fasten bei Wasser und Brot und das freudige Entsagen aller Speisen und Getränke, das unseren Leib und die Seele reinigt und reif macht die Vergebung der Sünden zu erbitten. Freudig gingen wir daran und uns war leicht zumutewie seit langem nicht mehr. Es wurde Abend. Wir füllten den Tempel und der vo»t Dr. Kupfer Ausgewählte und entsprechend Belehrte trug das „Kol Nidre" vor und das — eigene — Sündenbekenntnis. Harte Männer, unbarmherzig vom Leben geschüttelt, schluchzten, denn ihnen erstand in dieser feierlichen Stunde ihr bisheriges Leben vor dem geistigen Auge wieder. Sie hielten Einkehr in ihre Herzen und die Schwüre, die sie angesichts ihrer Vergangenheit jetzt schworen, werden sicher gehalten. Längst war das „Kol Nidre" verklungen. Da saßen sie in den dunklen Zellen, war alles still um sie und doch waren sie nicht allein. Mit ihnen waren die Gebete dieses Abends und der Trost, den der morgige reinigende Tag spendete. Die Nacht fiel und mit ihr kam der Schlaf. Und dann verging die Nacht und die Schläfer erwachten. An diesem Tage verzichteten wir alle auf unseren üblichen Spaziergang. Uns verlangte es, den ganzen Tag im Tempel zu verbringen. Der Verzicht der Stunde unseres alltägigen Spazierganges, der uns stets das Wertvollste bedeutete, war heute weniger hart als eine einzige verlorene Minute im TempeL Wir blieben und betetea Als der Abend kam. konnten wir gehobenen Mutes das reichliche rituelle Mahl das uns die Wiener Kultusgemeinde in so fürsorglicher Weise zukommen Heß, genießen. Als ich nach Tagen die Strafanstalt verließ und nach Wien kam, sorgte die Wiener Kultusgemeinde weiterhin um mich und ich erfuhr, daß dies keine Ausnahme ist sondern die Regel und ein Teil ihrer Fürsorgetätigkeit der sie mit Recht ihr besonderes Augenmerk zuwendet Ich brachte als unmittelbar davon betroffen Gewesener noch vieles andere in Erfahrung, das mich dankbar stimmte dafür und besonders für den Mann, der selbstlos an der Spitze dieser wichtigen Arbeit steht: Rabbiner Prof. Dr. Karl Kupfer. CJLIJSIUSIIA© ECB- UND BADEANSTALT WIEN IX., CLUS1USGASSE NR. 12 an der Friedesubr&ck« gelegen A. Original BOSSlSdieS Dampfbad mit ■- Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. ^T» Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 Nachdem nahezu zwei Jahrzehnte in der Strafanstalt Stein kein Seelsorgeamt bestand, übt er jetzt dieses schwere Amt zu voller Zufriedenheit aller zuständiegen Kreise aus. Mehr als einmal wurde dies von der Strafanstaltsverwaltung rühmend hervorgehoben. Die Sträflingsfürsorge sorgt nicht nur für die inhaftierten Sträflinge, sondern auch für die entlassenen. Ohne Rücksicht auf Herkunft und Zuständigkeit erfüllt sie ihre Pflicht denn nicht zu strafen ist die Aufgabe des Menschen, sondern zu bessern und zu belehren fordert die wahre jüdische Moral. Da aber in dieser Zeit jedes Amt, mag dessen Wichtigkeit noch so bestritten sein, wie diese Fürsorgestelle für jüdische Sträflinge in Oesterreich, mit den Widrigkeiten der Tagesläufte zu kämpfen hat, so führt auch diese einen schweren Existenzkampf. So kämpft Rabbiner Dr. Kupfer einen doppelten Kampf. Den einen um die Seelen der Gestrauchelten und den anderen um die Mittel, die ihm sein Hilfswerk ermöglichen sollen. Da ich am eigenen Leibe erfuhr, wie wertvoll, und nützlich diese Institution der jüdischen Gefangenenfürsorge ist, will ich gerne alle meine Kräfte und Mittel diesem Werke widmen. Wissen Sie schon, daß nun endlich . doch auf unseren Hochschulen Ordnung gemacht zu werden scheint, denn die angedrohte Relegierung von sämtlichen Hochschuten Oesterreichs wird selbst den nicht allzu lerneifrigen Nazisrudenten nicht gleichgültig sein? * daß das Amtsgericht Passau jüngst «inen Angeklagten wegen der unwahren Behauptung, daß die Familie eines Sanitätsrates jüdischer Herkunft sei, wegen verleumderischer Beleidigung zu 300 Mark Geldstrafe verurteilte, weil gerade heute der Vorwurf, jüdischer Abstammung zu sein, für einen deutschstämmigen Staatsbürger eine schwere Beleidigung darstelle? ... . * - ' daß auf Veranlassung des preußischen Kultusministers das „Mendelssohn-Zimmer" der preußischen Staatsbibliothek in Berlin jetzt umbenannt worden ist in „Meistersaal der Musikabteilung"? * daß Nichtarier künftig nicht mehr als Jockeis oder Herrenreiter und nicht mehr als Fahrer oder Herrenfahrer zuzulassen, dagegen als Besitzer von Rennpferden in keiner Weise zu beschränken sind? * daß die Polizei in Duisburg-Hamborn fünf polnische Juden, die die Warschauer jüdische Tageszeitung „Hajnt" lasen, verhaftet hat, obwohl der „Hajnt" in Deutschland nicht verboten ist und öffentlich verkauft werden darf; der polnische Konsul in Essen hat bei dem Regierungspräsidenten in Düsseldorf wegen dieser Verhaftung inteirveniert. * daß ein deutscher Polizeipräsident Nationalsozialisten, die Juden belästigen, in einer öffentlichen Kundgebung „Rowdies" genannt hat? * daß dies im „mmderherflich" geschützten Oberschlesien geschehen ist, am gleichen Tage* da in Breslau die jahrzehntelang bestehende Firma Bielschowsky „gleichgeschaltet" worden ist? Briefkasten. S. L. Sie sind nicht der einzige unseireir Leser, der sich darüber beklagt, daß es Juden gibtt die Kinos des gleichgeschalteten Ufa- Kino-Unternehmens besuchen und sich dessen Produktionen ansehen. Sie haben sehr recht, das ist unter den heutigen Verhältnissen nicht eine Qeschmacks-, sondern Charaiktersache. •ww Sauerkraut DAVID STEINHOF «H«u\, Haldgaw 3