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Die Wahrheit · 1933-10-20 · Heft 42 (20.10.1933) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 42 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Sokolow in Wien. Nun hat nach anderen zionistischen Führern — letzthin sprachen der Seimabgeordnete Jizchak Grünbaum (Radikaler) und Rabbi Meir Ber- 1 i n (Misrachi) in Wiener Versammlungen — auch der Präsident der Jewish Agency und der zionistischen Weltorganisation Nahum Sokolow Wien besucht, um im Großen Konzerthaussaale einen Vortrag zu halten, dem ein Presseempfang im Hotel Astoria voranging. Von ihm,"der jahrzehntelang der zionistischen Bewegung dient, gewinnt man sofort den Eindruck, daß er sich wohltuend unterscheidet von den jüdischnationalen Draufgängern, wie sie mancherorts und insbesondere bei uns in Wien zu Hause sind. Dieser Eindruck wurde besonders lebhaft durch eine schwere Entgleisung, die sich der Präsident des österreichischen zionistischen Landeskomitees Dr. Oskar Grünbaum in seiner Eröffnungsrede im Konzerthaussaal leistete. Die vielen Zuhörer, die aus allen Lagern gekommen waren, um den überall Achtung genießenden Präsidenten der zionistischen Weltorganisation zu hören, mußten einen fast halbstündigen Speech des Präsidenten der österreichischen Zionisten über sich ergehen lassen. Die lange Dauer dieser Rede — an sich eine überflüssige Ueberheblichkeit — erklärt sich daraus, daß sich Dr. Grünbaum nicht, wie zu erwarten war, mit der Begrüßung des prominenten Redners und der erschienenen Kapazitäten begnügte, sondern die Gelegenheit wahrnehmen zu müssen glaubte, um eine Brandrede gegen die Assimilation im allgemeinen und die Wiener nichtnationalistischen Juden im besonderen zu halten. Wenn Dr. Grünbaum diese Polemik für würdig eines solchen Abends gefunden hat, so finden wir es unter unserer Würde, darauf eingehend zu antworten, und gehen selbst mit Verachtung darüber hinweg, daß er Behauptungen aufstellte, die, obwohl von ihm schon oft vorgebracht, dennoch den Tatsachen nicht entsprechen. Denn es ist unwahr, daß die „Union" oder Funktionäre derselben die Zionisten als Vaterlandsverräter „verleumdet" haben. Herr Dr. Grünbaum, dem die letzten Wiener Kultuswahlen in so lebhafter Erinnerung sind, daß er von ihnen selbst in dieser auch von christlichen Persönlichkeiten besuchten Versammlung zu sprechen das dringende Bedürfnis empfand, möge den Nachweis dafür erbringen, daß während der Wahlbewegung eine solche „Verleumdung" vorgebracht wurde. Man kennt diese Art der „Redekunst" Dr. Grünbaums auch in seinen eigenen Parteikreisen, die Tatsache, daß man sich dort achselzuckend mit dieser Art abfindet, konnte uns nicht veranlassen, wenigstens die unerhörteste der Behauptungen Dr. Grünbaums niedriger zu hängen. Dr. Grünbaum, der vor Sokolow sprach, um, wie er sagte, den Eindruck der Rede des Gastes nicht abzuschwächen, hätte nach demselben seinen Speech kaum halten können. Denn aus Sokolow sprach die Abgeklärtheit bei Behandlung aller brennenden jüdischen Probleme, eine Abgeklärtheit, die dabei einer starken Begeisterung Raum ließ, insbesondere für die kolossalen Leistungen der jüdischen Ackerbauer in Palästina. Sokolow erzählte, daß diese Menschen nur einen Wunsch haben, den nämlich, daß noch viel mehr Leute ins Land kommen. Er erwähnte aber mit keinem Worte die Schwierigkeiten, die sich einer stärkeren Einwanderung entgegenstellen, während er bei der Behandlung der deutschen Judenfrage recht breit von den Schwierigkeiten bei der Aufnahme in anderen Ländern sprach. Herrliche Worte fand er für die Leistungen der — von Herrn Dr. Grünbaum als Musterexemplare der „Assimilation" geschmähten — deutschen Juden, deren Wohltätigkeitssinn er besonders lobend durch die Betonung unterstrich, daß 95 Prozent ihrer gemeinnützigen Institutionen (analog den österreichischen Verhältnissen]) den Ostjuden zugute kamen. Sokolow stellte sich aber auch dadurch in Gegensatz zu seinem Vorredner, indem er den Wunisch aussprach, daß man jetzt alle Deuteleien und Kritteleien sein lassen möge, um der Not des Tages zu steuern. Leute wie Dr. Grünbaum tragen die Verantwortung dafür, daß selbst in der gegenwärtigen so MÖBEL Moderne Kuchen- Vorzlmmer- Wohnzimmer- F. KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" ernsten Lage der Gesamtjudenheit die Einheitlichkeit nicht zu erreichen, ist- Präsident Sokolow appellierte schließlich an die Versammlung, jener Aktion ihr Augenmerk zu schenken, die jetzt von der zionistischen Exekutive in Angriff genommen wird: Es ist die Gründung eines neuen Fonds zu kolonisatorischen Zwecken in der Höhe von 100.000 Pfund, der dem Andenken des so tragisch ums Leben gekommenen zionistischen Führers Dr. Chaim Arlosoroff gewidmet sein soll. Die Bruderhand. „Manchester Guardian" bringt eine Mitteilung aus New York, wonach eingeweihte amerikanische Kreise mit einer Modifizierung der amerikanischen Einwanderungsvorschriften zugunsten der von der Hitlerbewegung und der deutschen Regierung verfolgten Juden bestimmt rechnen. Demnächst soll größeren Massen deutscher Juden die Einreise nach U. S. A. gestattet werden. Gewisse Elemente, die früher mit Ku Klux Klan verbunden waren, opponieren zwar diesem Plan sehr heftig, trotzdem, meint „Manchester Guardian", wird sich der Gedanke der Einwanderungserleichterung für deutsche Juden durchsetzen. American Jewish Co mm i 11 e e verbreitet ein Flugblatt „Die Stimme der Religion", das Erklärungen des Erzbischofs von Canterbury, des Dekans Inge und anderer hervorragender religiöser und Laien-Führer der christlichen Welt in Amerika und anderen Ländern enthält, in denen der deutsche Antisemitismus und die Unterdrückung der Juden in Deutschland verurteilt werden. :« In den Londoner „Times" veröffentlicht der Vorsitzende des Hilfskomitees für die jüdischen Flüchtlinge Otto Schiff einen Artikel, aus dem hervorgeht, daß die Zahl der in England weilenden jüdischen Flüchtlinge von 2500 zur Zeit des Anfangs des neuen Regimes in Deutschland auf 1500 heute gesunken ist. Vielen Flüchtlingen wurde die Weiterreise nach Palästina und nach Hägers Selchwaren-Restaurant Selchwaren an* dar Fabrik Elsen & Hönigsber streng orth. "ffiü (Unter Aufsicht der Adu - Jieroel - Schiffachul) VQ*n II., PraterstraB« 33, Telephon R-47-4-49 ■enO von 8 aufwarte. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert nen. Es ist darum erstens notwendig, so viele Juden als nur irgend möglich nach Palästina zu bringen, sofern diese für den Wiederaufbau des Landes von Nutzen sein können; zweitens aber muß die Einwanderung sehr sorgfältig überwacht werden, damit nicht ein allzu breiter und allzu plötzlicher Strom von Einwanderern eine Wirtschaftskrise herbeiführt, wie sie sich anläßlich der erzwungenen Wanderung polnischer Juden nach Palästina vor einigen Jahren eingestellt hatte. Unter den gegebenen Umständen ist es absolut notwendig, neben Palästina noch andere Gebiete in den Bereich der jüdischen Kolonisationstätigkeit zu ziehen, und zwar Gebiete, die eine genügende Basis für landwirtschaftliche Betätigung bieten und einer beträchtlichen Zahl Einwanderer Lebensraum gewähren. Ich denke in erster Reihe an Palästina benachbarte Gebiete wie Syrien und die übrigen nördlichen ehemals türkischen Distrikte. Wir sind, fuhr Einstein fort, Deutschlands Nachbarländern dankbar dafür, daß sie einer großen Zahl jüdischer Flüchtlinge Zuflucht, wenn auch nur provisorisch, gegeben haben; ebenso danken wir diesen Ländern für die beträchtlichen Opfer, die sie zur Linderung von Not und Leid der Flüchtlinge gebracht haben. Ich erwähne bloß die großmütige Hilfe Frankreichs, vergesse aber auch nicht, was England für die ihres bisherigen Wirkungskreises beraubten jüdischen Intellektuellen getan hat. Wir erwarten von der Welt eine würdige Lösung der Bürgerschaftsprobleme der Flüchtlinge. Die Hauptprobleme aber werden mit Hilfe der Juden selbst einer Lösung zugeführt werden müssen. Wir dürfen hoffen, daß, wenn einmal die aus der jetzigen Weltwirtschaftskrise resultierende Arbeitslosigkeit überwunden sein wird, große Massen von Flüchtlingen von außereuropäischen Ländern aufgenommen und in ihren bisherigen Berufen beschäftigt werden. anderen überseeischen Ländern ermöglicht. Die Mehrzahl der im Lande Gebliebenen hat neue Unternehmungen und damit Arbeitsmöglichkeiten für englische Arbeiter und Angestellte geschaffen. Schiff tritt mit seiner Darstellung den in letzter Zeit in einem Teil der englischen Presse gegen die Flüchtlinge erhobenen Vorwürfen, daß sie eine wirtschaftliche Belastung für England darstellen, entgegen. Auch weist Schiff die gegen Flüchtlinge wegen ihrer politischen Gesinnung erhobenen Vorwürfe zurück und erklärt 'es als Grundsatz des Hilfskomitees, die Interessen Englands überall da voranzustellen, wo diese mit Interessen von Flüchtlingen in Konflikt geraten sollten. * Neville Laski, Präsident des Board of Deputies of British Jews, teilt der JTA mit, er habe vom American Jewish Committee in New York telegraphisch die Verständigung erhalten, daß das Committee Gewicht darauf legt, zu den Einberufern der Londoner Konferenz für Hilfe an die deutsche Judenheit zu gehören. » Im Hause der polnisch-palästinensischen Handelskammer hielt das Komitee zur Rettung der jüdischen Opfer des neuen Regimes in Deutschland eine Beratung ab, in der beschlossen wurde, in ganz Polen eine großangelegte Aktion zugunsten der verfolgten deutschen Juden durchzuführen. * Professor Albert Einstein, der sich soeben nach Princetown in den Vereinigten Staaten begeben hat, um sich an dem dortigen Institut für mathematische Wissenschaften, das seiner Leitung unterstehen wird, sechs Monate lang seiner Arbeit zu widmen (im Frühjahr 1934 geht Einstein für zwei Monate nach Paris, um am College de France zu dozieren), sprach sich unmittelbar -vor seiner Abreise gegenüber dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur über heutige jüdische Fragen aus. Wir hoffen, sagte Einstein, daß Palästina größere Massendeutscher Juden wird aufnehmen kön- Palästina-Nachrichten. Ein Jerusalemer Gericht, bestehend aus einem jüdischen und einem arabischen Richter, verurteilte Aarou Zuckermann aus Tel Aviv zu zwei Wochen Gefängnis, weil er das nach den Unruhen im Herbst 1929 ausgesprochene Verbot des Schofarblasens an der Klagemauer übertreten und am Jörn Kippur nach dem Neilah-Gebet an der, Klagemauer Schofar geblasen hat. (Bekanntlich erfolgte auch im vergangenen Jahre eine Verurteilung wegen des gleichen Delikts.) Mordechai Nissenbaum, der die Polizei daran gehindert hat, Zuckermann zu verhaften, wurde zu 5 Pfund Geldbuße oder einem Monat Gefängnis verurteilt. Nissenbaum erklärte, er werde die Geldbuße nicht zahlen und die Gefängnisstrafe auf sich nehmen. * Vier arabische Scheichs, unter ihnen der in dem Jacoby-Mordprozeß freigesprochene Khalil Issa, sind unter der Beschuldigung verhaftet worden, der terroristischen arabischen Geheimgruppe anzugehören, die es sich angeblich zum Ziele gesetzt hat, Mordanschläge auf Juden zu verüben. Die Untersuchung wird wahrscheinlich längere Zeit in Anspruch nehmen. * Delegierte der Arbeiterräte in den Städten und in den Kolonien Palästinas haben zusammen mit Vertretern des Zentralkomitees des Verbandes landwirtschaftlicher Arbeiter und der Kolonisationsabteilung des Merkas Chaklai eine Konferenz abgehalten, in der beschlossen wurde, im Hinblick auf den ernsten Mangel an jüdischen Arbeitern in der Landwirtschaft von den Arbeitgebern im ganzen Lande zu verlangen, daß sie Bau- und andere öffentliche Arbeiten zweiter Wichtigkeit auf einen späteren Zeitpunkt verschieben, um überschüssige Arbeitskräfte für die unaufschiebbaren landwirtschaftlichen Arbeiten freizumachen. Der Mangel an jüdischen Arbeiterhänden ist jetzt zu einem brennenden Problem in Palästina geworden. Am ernstesten ist die Lage diesbezüglich in den Pflanzerkolonien. Aber auch im städtischen Baugewerbe und in den ihm angeschlossenen Handwerkszweigen, wie Tischlerei, mechanische Werkstätten, Eisenbearbeitung, Tapeziererwerkstätten u. ä. m., fehlt es an Arbeiterhänden. Seit längerer Zeit ist der Hafen in Jaffa verstopft, ohne daß für absehbare Zeit eine Aussicht auf eine Entspannung vorhanden ist. Die Stadtverwaltung von Jaffa hat beschlossen, ihre Hafen-Lagerhäuser der Regierung für 18.000 Pfund zu verkaufen und mit Hilfe dieser Summe und anderer zu beschaffender Gelder den Hafen und die zu dem Hafen führende jetzt enge Straße zu erweitern. Die Regierung hat ihrerseits aus den Mitteln der Palästinaanleihe 100.000 Pfund für die Erweiterung des Jaffaer Hafens bewilligt. Die steigende Unzulänglichkeit des Jaffaer Hafens ist durch die rapide Entwicklung von Tel Aviv bedingt, durch die der Hafenverkehr um das Vierfache verstärkt wurde. Es wird die Anlage einer Straße vom Hafen bis zum Geschäftszentrum von Tel Aviv, ferner die Errichtung eines Qnais an der Mündung des Yarkon- Flusses für Abladung von Baumaterialien geplant Insbesondere macht die nahende Citrus-Export-Saison die schnelle Erweiterung des Hafens notwendig. * Der Lehrerstreik an den Hebräischen Schulen der Jewish Agency in Palästina, durch den die Wiedereröffnung der Schulen am 1. Oktober hinausgeschoben werden mußte, ist nun beigelegt worden. Die Schulen sind am Sonntag, den 15. Oktober, eröffnet worden, die Unterrichtstätigkeit ist normal.

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