Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 42 (20.10.1933)
- Date
- 1933-10-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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rUEATE* DE" KOMIKCn Wm C " WIEN I., ANN AGASSE 2 ■ |% ■ M ■ ■ TELEPHON R 21-202 B^T 815 Uhr THglidi 8-15 Uhr ™ ™ LACHEM WIEDER MOPERN Armin Berg * Sandor Rott * Armin Springer Klar« Knrry Sonn- und Feiertage 4 Uhr Nachmittags-Vorstellung Holzschuh Emigrantennot in Wien. Als vor dreiviertel Jahren die Kulturkatastrophe des Hitlerismus über Deutschland hereinbrach, fand auch ein Häuflein der vor Barbarei und Unduldsamkeit Fliehenden seinen Weg nach Wien. Auf viele dieser Flüchtlinge kann man nicht einmal das abgebrauchte Wort anwenden, daß sie über Nacht ihr Bündel schnüren mußten, denn nicht einmal hierzu fanden sie Zeit. Mit den Kleidern, die sie auf dem Leibe trugen, mußten die an Leben und Freiheit Bedrohten, wirtschaftlich Vernichteten und gesellschaftlich Deklassierten ihre Heimat verlassen. Dies sind die krassesten Fälle von Emigrantennot. Aber auch wer ein Teilchen seiner beweglichen Habe hat hinüberretten können, ist im Laufe der Zeit in furchtbare Bedrängnis geraten. Das Entsetzen über die dem 20. Jahrhundert unwürdigen Ereignisse in Deutschland und die spontane Hilfsbereitschaft öffnete weit die Herzen der Wiener Juden für ihre bedrängten Glaubensgenossen. Es war mit Hilfe des rasch aufgebauten Hilfsfonds möglich, die deutschen Emigranten eine Reihe von Monaten vor dem Schlimmsten zu bewahren. Inzwischen haben sich aber die Verhältnisse geändert. Der Hilfsfonds ist aufgezehrt, die Not der Emigranten ist aufs höchste gestiegen. Es ist keine auf das Sensationsbedürfnis berechnete Uebertreibung, sondern leider eine böse Tatsache, daß ein großer Teil der deutschen Emigranten hungert. Es ist ja auch verständlich, daß die aus ihrer Heimat ausgestoßenen Juden ganz besonders notleidend sind. Darauf angewiesen, sich in der Fremde zu erhalten, können sie den minimalen Geidverbrauch nicht so tief senken, wie es jemand tun kann, der gezwungen ist, sich aufs äußerste einzuschränken, aber doch im gewohnten Rahmen seiner Häuslichkeit geblieben ist. Eine noch so primitive Wohngelegenheit, das geringste und unzureichendste Essen, das Instandhalten der Wäsche und alles andere kosten mehr, wenn das alles von fremden Personen besorgt werden muß. Um praktisch zu reden, sei erwähnt, daß unter den umwerfen. Notenhlätter mit den Füßen treten und voller Wut ein Klavier zerstückeln. Otto betrachtet aufmerksam den Verwundeten. Du lieber Gott! Das ist ja er, David Baer, dessen gottbegnadete Finger durch ihr wunderbares Spiel das Herzweh seiner sechzehn Jahre getröstet haben! .Aber warum ist er verwundet?" KeBner hat die Frage, die Otto an einen Schupo gerichtet hat, gehört; er antwortet selbst: »Der dreckige Jude wollte nicht öffnen. Da schoß ich durch die Türe. Wenn er etwas abgekriegt hat, um so schlimmer für ihn. Führe ihn ins Spital, damit er verbunden wird, bevor er ins Konzentrationslager kommt" Im Verbandsaal des Spitals haben die Aerzte alle Hände voll zu tun. Der Chirurg, der den Arm Baers untersucht, runzelt die Stirne. „Der Knochen ist zu Brei geschlagen und überall Splitter..." Und als Antwort auf eine stumme Frage der Krankenschwester, die, zusammen mit Otto, den halb Ohnmächtigen stützt, fügt er hinzu: „Morgen früh..." Die Geste, mit der er diesen Satz vollendet, ist diskret, aber grauenhaft deutlich. Diese kleine Bewegung ruft das Bild eines knirschenden Stablmessers, von chirurgischen Instrumenten, eines blutigen Armstnmmels hervor, und Otto steht die Hand, die durch ihre Kunst trostspendende Hand, am Grunde eines Kübels... Zur Nachtzeit besteigt Otto aufs neue sein Motorrad. Er macht sich auf den Heimweg. Ueber die Führerstange gebeugt, sitzt er mit gekrümmtem Rücken, wie unter Androhung einer Züchtigung. Er singt nicht mehr. In seinem fieberdurchschüttelten Hirn wogen Akkorde, die wie schreckliche Fragen klingen. Melodien, die ihn vor Angst schaudern machen. Die Appassionata heftet sich an ihn, dringt ihm ins Fleisch; aber eine entstellte, verstümmelte Appassionata, aufrührerisch und rachedrohend... Berechtigte Uebertragung aus dem Französischen von Dr. Berta Schönmann. obgenannten Verhältnissen die Emigranten ihr Leben mit 35 Schilling im Monat — das ist der Durchschnittssatz der Beihilfe, den die Kultusgemeinde aus dem zur Verfügung stehenden Hilfsfonds bieten kann — fristen müssen. Wahrscheinlich werden auch hiervon noch Kürzungen vorgenommen werden müssen. Die Arbeitsbereitschaft der Emigranten stößt auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Selbstverständlich wollen alle sich durch eigene Kraft eine neue Existenz aufbauen, Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse und die gesetzlichen Bestimmungen in Oesterreich lassen nur den wenigsten die Möglichkeit eines Verdienstes. Der überwiegende Teil ist auf die Hilfsbereitschaft und das wohlwollende Verständnis der hiesigen Glaubensbrüder angewiesen. Besonders jetzt, da der Winter vor der Tür steht und die Notlage in schärferem Maße fühlbar machen wird. Zu der materiellen Not kommt die seelische. Bei den Emigranten handelt es sich ja nicht um ein allmähliches, vorauszuschauendes Abgleiten in die heutige Situation, sondern um einen Absturz aus gesicherter Existenz in ein Nichts. In ein Nichts, hinter dem die entsetzliche Aussichtslosigkeit eines Wiederaufstieges steht. Familienbande sind zerrissen. Um nur zwei Fälle zu nennen: Die Familie eines Emigranten, der das relative Glück hat, Verwandte in Wien zu besitzen, ist auf vier Haushalte der hilfsbereiten Angehörigen aufgeteilt. In einem anderen Fall ist es dem nach Wien geflüchteten' Familienvater nicht möglich, seine Leute herzuholen. Was ist zu tun? Damit nicht eine ganze Gruppe in Not geratener Menschen einem langsamen Verwesungsprozeß bei lebendigem Leibe ausgeliefert wird, tut s c h n e 11 e H i 1 f e not, für die sich auch die Redaktion der „Wahrheit" zur Verfügung stellt. Ich appelliere für die unglücklichen Emigranten noch einmal an die Hilfsbereitschaft der österreichischen Juden. Wer kann, möge durch geldliche Hilfeleistung der Not steuern. Denen, die nicht in der Lage sind, Geld zu geben, aber doch helfen wollen, sei mir erlaubt, einige Hinweise zu geben: Im allgemeinen handelt es sich bei den Emigranten um durchaus korrekte, und manierliche Menschen, mit denen in persönlichen Kontakt zu treten, man sich nicht zu scheuen braucht. Meldet Freitische und Freiquartiere für einzelne Personen an! Ihr helft damit am besten, ohne euch fühlbar zu belasten. Gebt Möbel, die euch vielleicht nur belasten, zur Einrichtung billiger Wohnungen,, um die Emigranten aus den für sie unerschwinglich teueren „möblierten Zimmern" herauszuholen. Auch andere Sachen sind jetzt vor dem Winter dringend notwendig. Ich bitte, meinen Appell nicht zu überhören. Das Schicksal der Emigranten hat gewiß nicht mehr die sensationelle Wirkung wie im Anfang der Emigration. Die leibliche und seelische Not der Betroffenen ist aber im stillen gewachsen und wächst täglich weiter. Einer von vielen. isditas, Rheuma, Gldit Htägjge Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Sehfarmnpwcirnnggn, Moor-, Schwele!-» Sool-, Flehten-, KoMenslnrebfider, Diathermie. Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren und alle sonstigen modernen pbwftalFschen Hellmethoden tfigfich Ton 8—6 Uhr HellanstfaU „ThemlaN L, Franz Josefakai 1 — Telephon B29-1-W Leiter: Dr. Wolf Sonser Die Emigranten. Ihr Menschen, die Ihr warm umhegt Von eures Hauses trauten Wänden Euch nachts in eure Kissen legt, Die Reinheit atmen und die Frieden spenden. Was ahnt Ihr denn von unserer Not? Vom Mitleid andrer wir nur leben. Auch wir besaßen Heim und Brot Und Liebe hat uns zart umgebem. Wie gern einst unser Aug' verweilt Auf all der Schönheit fremder Gassen. Nun unser Blick vorübereilt. Denn wir sind einsam und verlassen. Wir sind der ganzen Welt zur Last, Geduldet sind wir, nicht geachtet. Man bietet Obdach uns und Rast, Doch unser Sinn nach Arbeit schmachtet. Doch wo sie finden? Riesengroß Steht vor uns Tag und Nacht die Frage. Ist unser Leben hoffnungslos? Bleibt uns nur Not und Weh und Klage? Wir wollen Arbeit, wollen Recht. Als Opfer dienten wir dem Hasse. Ihr Völker nun das Urteil sprecht, Richter der Menschheit, nicht der Rasse, Geprüft sind wir, wie Hiob oft. Noch bluten wir aus unseren Wunden. Doch unser Herz in Sehnsucht hofft. Durch euch Ihr Völker zu gesunden. Schließt vor Verleumdung euer Ohr. Ein Markstein seid in der Geschichte, Schafft uns Gesetze, die durchs Tor Der Freiheit führen und zum Lichte. B. Mitteilung der Redaktion. Wiewohl die Wiener Zeitungen über Wunsch des Präsidenten Dr. 0 r n s t e i n «ebeten wurden» von seinem bevorstehenden 75. Geburtstag keine Notiz zu nehmen, enthielt dennoch die Sonntagsnuirimer der „Neuen Freien Presse" eine diesbezügliche kurze Notiz. Wir fühlen uns angesichts dieser Publikation zu der Erklärung verpflichtet, daß uns selbstverständlich das Herannahen des Jubeltages dieses unserem Blatte so nahestehenden Mannes bekannt war, daß wir aber über seinen ausdrücklichen Wunsch von einer diesbezüglichen Veröffentlichung Abstand nehmen mußten. Diesen seinen, übrigens ganz seinem prächtigen Wesen entsprechenden Wunsch müssen wir auch nun, da der 75. Geburtstag Dr. Ornsteins bekanntgeworden ist, in der Weise respektieren, daß wir uns jeder Würdigung seines hervorragenden Wirkens und Wesens an dieser Stelle enthalten, ein Verzicht, der uns leicht gemacht wird durch die Tatsache, daß jedermann, der sich um die Wiener jüdischen Dinge kümmert, gleichgültig in welchem Lager er steht, weiß, wer Dr. Ornstein ist und was er für die österreichische Judenschaft im allgemeinen und die „Union österreichischer Juden" im besonderen geleistet hat und leistet. Wir wollen nur den einen Wunsch aussprechen, daß Präsident Dr. Ornstein, diese Zierde des Judentums, noch viele ungezählte Jahre sein Wirken im Dienste des Judentums zum Segen desselben fortsetzen möge. Diesen Wunsch brachte, wie wir erfahren, auch der Zentralvorstand der „U n i o n" in einer künstlerisch ausgestatteten Adresse zum Ausdruck. Die Redaktion „Die Wahrheit". MOnsflcr-Akademle zugunsten der indischen Emigranten aas Deutschland HnAlrcnffderProi^^ Die beliebtesten Wiener Künstler haben ihre Mitwirkung zugesagt. Santa*, xa. Okioker, krause Okr, im resisaal «es nofcis caadaeaiai, WIcb IL, Taftorstraile 4 Eintritt:? bis 6 SchiRfog. Vorverkauf in den BuchhandlMge» Mose» Rat*. II.. TaborstraBe 29. fttrseofer & Ca. L Rabeastelg, und in der Administration der ..WahriM«?*. 0.. Heinestrafi» 13. Bei teteohoaischer Bestellung (R 46-2-16) werden die Karten atif Wunsch zugesandt.