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Die Wahrheit · 1933-10-20 · Heft 42 (20.10.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 42 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Satte 2 DIE WAHRHEIT sich, von der Hitler-Regierung anerkannt und so allen deutschen Juden zum Verhängnis geworden war. Erst als die Regierung wahrnahm, daß ihr aus der Deklarierung der Juden zu einem eigenen Volke Pflichten im Sinne des nationalen Minderheitenschutzgesetzes erwüchsen, hat sie sich schleunigst zum entgegengesetzten Standpunkt bekehrt. Natürlich nicht, um die Juden nunmehr als vollberechtigte deutsche Volksgenossen anzuerkennen, sondern, um sie auch noch um den ohnehin fragwürdigen Minderheitenschutz zu prellen. Wie fragwürdig dieser von den Zionisten so heiß erstrebte und, wo er erreicht wurde, von ihnen als Erfolg ausposaunte Schutz ist, erhellt aus dem Schicksal der Juden in Oberschlesien. Für dieses Land, das auch von Polen bewohnt ist, hatte Deutschland den Schutz der nationalen Minderheit zugestehen müssen. Bekanntlich hat nach Hitlers Machtergreifung der Oberschlesier Franz Bernheini vom Völkerbund die Anerkennung erreicht, daß auch die Juden in diesen Schutz miteinzubeziehen seien. Der „Manchester Guardian" hat daraufhin einen Sonderberichterstatter in dieses Gebiet entsendet, um zu eruieren, wie sich die Entscheidung des Völkerbundes dort auswirkt. Das englische Blatt veröffentlichte darüber eine Artikelserie, der wir den bezeichnenden Passus entnehmen: „In Deutsch-Oberschlesien untergräbt der antijüdische Boykott die Existenz der jüdischen Minderheit nicht minder, als dies im übrigen Deutschland gegenüber den Juden der Fall ist. Der Boykott wird in Oberschlesien mit dem Einverständnis, ja der aktiven Unterstützung der Behörden durchgeführt; an ihm beteiligen sich die Regierung und die lokalen Körperschaften." Feuilleton Die Appassionata. Von Jean Besliere. Die französischen Tageszeitungen aller Richtungen veröffentlichen häufig Novellen, die die Ereignisse in Deutschland zum Gegenstand haben. Folgende Erzählung zeigt mit alter Deutlichkeit, wie ein Kulturvolk das heutige Deutschland beurteilt. Anm. des Uebers. Mit liebevoller Sorgfalt befestigt Otto Schillinger zwei funkelnagelneue Fähnchen an seinem Motorrad. Das erste, mit einem großen Hakenkreuz, steckt er an die Führerstange, und etwas weiter nach rückwärts das zweite mit den Reichsfarben. Er springt auf und macht sich auf den Weg nach Darmstadt Er ist heiter und tatenfroh. Doch was ihn so sehr mit Freude erfüllt, ist nicht die sausende Geschwindigkeit seiner Fahrt, noch der blaue Himmel und die romantische Schönheit seiner hessischen Heimat, sondern das zusammengefaltete Papier, das er in einer fest zugeknöpften Tasche seines braunen Hemdes trägt. Er ist „zum Dienst beordert". Der Kommandant der S.A.-Truppe, der er angehört, hat ihm aufgetragen, sich heute um sieben Uhr mit seinem Motorrad in Darmstadt einzufinden: die Nationalsozialisten wollen heute mit Hilfe der Polizei eine Razzia auf Marxisten, Juden, Liberale, kurz auf alle diejenigen veranstalten, die der Führer in seinen Reden verdammt. Einen Befehl auszuführen haben, sich als Werkzeug einer Autorität zu fühlen — das ist so ziemlich alles, was dieser dreißigjährige Deutsche zu seinem seelischen Gleichgewicht, seiner Glückseligkeit braucht Darmstadt! Dort hatte er einen großen Teil seiner Jugend verbracht; vor .fünfzehn Jahren hatte er in dieser Stadt seine Studien am Polytechnikum vollendet. Nicht gerne dachte er an diese Zeit zurück. Weit entfernt von seiner Familie, die er bis dahin nie verlassen hatte, fühlte er sich einsam in der großen, turbulenten So sah der zionistische „Erfolg" in Oberschlesien aus und es ist klar, daß sich die Ausdehnung des famosen Schutzgesetzes auf ganz Deutschland in keinem einzigen Teil des Dritten Reiches besser ausgewirkt hätte. Durch den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund ist diese Frage überholt. Herr Hitler braucht sich nunmehr um Völkerbund-Beschlüsse auch in der Theorie nicht mehr zu kümmern als vorher schon in der Praxis. Dagegen nehmen die Juden jener Länder, die noch dem Völkerbund angehören, ihre Einbeziehung in die zweifelhaften Rechte einer „nationalen Minderheit" mit . sehr gemischten Gefühlen auf. Das Großrabbinat von Frankreich hat sofort eine Resolution verlautbart, in der die Hoffnung zum Ausdruck kommt, daß es sich bloß um eine vorübergehende Maßregel „bis zum völligen Aufgehen der Juden in der Nation ihres Landes" handle. Es wäre dringend geboten, daß auch die Juden der übrigen Länder ebenso klar zu dem „Segen" Stellung nehmen, den ihnen Unverständnis und Demagogie von Auch-Politikern bescheren kann. Häuseradminfistration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Schar der Studenten, deren rohe Sitten, deren endlose Trinkgelage in anekelten, deren lächerliche Duellgebräuche er nicht begriff. Schon bald hatte ihn heftiges Heimweh, dem die deutsche Seele so zugänglich ist, ergriffen; es untergrub seine Willenskraft und viele Nächte durchwachte er weinend... Wieder sieht er das alte Haus in der Niederramstadtstraße vor sich, in dem er damals wohnte. Wieder gedenkt er seines Zimmers, das so eng und kalt war. Vom Fenster aus blickte man in einen Garten, in dem kleine Porzellanzwerge mit Blumengeschirren standen. Ah! Wie ihn diese grotesken Gestalten bis in seine Träume hinein verfolgten! Aber eines Tages, als traurig und langsam der Schnee fiel, hörte er mit einem Male die Klänge eines Klaviers aus dem oberen Stockwerke. Volle Harmonien, herrliche Melodien drangen an sein Ohr. Und mit tiefster Bewegung erkannte er Beethovens „Appassionata", die seine Mutter so sehr liebte. Bezaubert und getröstet lauschte er. Die Angst der Einsamkeit war gewichen, er fühlte sich seiner Heimat näher, und die Quellen seiner Fröhlichkeit und seines Lebensmutes waren wieder geöffnet. Von diesem Tage an wurde das Herzweh des jungen Menschen durch die trostspendende Kunst gelindert. Täglich, zur selben Stunde, erfüllten ihn die Harmonien, die unter den Fingern des unsichtbaren Musikers entstanden. Nach einiger Zeit traf Otto im Stiegenhaus seinen wohltätigen Nachbarn. Es war ein armer Teufel, der sein Leben notdürftig von Musikstunden fristete. Unten auf der Haustüre hatte er sein kleines Schild befestigt: „David Baer, Klavierlehrer..." Otto. richtete sich kerzengerade auf. Mit lauter Stimme singt er das Deutschlandlied. Nach diesen trüben Jugenderinnerungen fühlt er um so stärker das Bedürfnis nach Bestätigung seines jetzigen Wohlergehens. Schon fährt er in Darmstadt ein, durch die Gartenstraßen der Vorstädte: Schon passiert er die Rheinstraße, in der sich Studenten mit roten und grünen Mützen tummeln. Schon hält er vor dem Braunen Haus, dem Versammlungsort der Sturmtruppen. Die Fassade strotzt von eingravierten Hakenkreuzen. arischen und niclitarischen Rechtsanwälten, Notaren, Nachlaßverwaltern, Liquidatoren usw. gemacht werden dürfen. Hinsichtlich der Aufklärung der üettentlichkeit wird im Bericht testgestellt, daß die von der deutschen Regierung am 26. Mai d. J. in der Sitzung des Rates abgegebene Erklärung im Wege der offiziellen deutschen Nachrichtenagentur allen Zeitungen zugegangen ist, so daß in Deutschland bekannt geworden ist, daß die Bestimmungen der Genfer Konvention in Oberschlesien „peinlich (ein treffendes Wort. D. Red.) beachtet" werden müssen. Im Bericht wird zum Schluß noch mitgeteilt, daß Bernheims persönliche Beschwerde in Uebereinstimmung mit dem Ratsbericht vom 6. Juni zur Behandlung im lokalen Verfahren wentergeleitet worden ist. Wie der JTA-Vertreter erfährt, hat der Berichterstatter L e s t e r den Bericht der deutschen Regierung ohne Begleitschreiben oder Kommentar den Mitgliedern des Rates zugehen lassen; damit brachte er zum Ausdruck, daß er nicht in der Lage sei, den Bericht als befriedigend zu bezeichnen. Wie es heißt, hat Lester seinerseits Informationen über die faktische Lage in Oberschlesien gesammelt, die ihm die Ueberzeugung beibrachten, daß mit Bezug auf die Juden in Oberschlesien nicht alles in Ordnung ist. Die Genfer Kreise sind genau darüber informiert, daß sich in Oberschlesien nichts zugunsten der Juden geändert hat und daß deren Entrechtung ungemindert fortdauert. In Genf kursierte die oberschlesische Zeitung „D i e deutsche Ost fron t", die vom Oberpräsidenten Oberschlesiens Hellmut Brückner herausgegeben wird und die in einer speziell der Bekämpfung der Juden gewidmeten Beilage „Isidor" schärfste Anwürfe gegen die oberschlesischen Juden richtet. Auch sonst weiß man allgemein, wie unerträglich die Lage der Juden in Oberschlesien ist, wie sehr die Juden dort unter Entrechtung und Boykott zu leiden haben. Der antijüdische Boykott wird seitens der obersten Beamten der Provinz und der nationalsozialistischen Partei nicht nur geduldet, sondern direkt er-' muntert bzw. organisiert.. Deutscher Journalist sucht zwei bis zweieinhalb teilmöblierte Zimmer mit Küchenbenützumg. event. im Vorort. Ruhiger Mieter mit laufendem Einkommen. Angebote unter „Mäßige Miete" an die Administration „Die Wahrheit", IL, Heinestraße 13. Eine ganze Menge von Motorrädern steht bereits längs des Gehsteiges aufgereiht. Otto schließt seines als letztes an, und meldet sich, mit zusammengeschlagenen Fersen, den Arm zum Hitler-Gruß erhoben, bei einem Koloß, der vor der Türe die Ankommenden empfängt. „Otto Schillinger aus Mannheim? Sie verfügen über drei Plätze? Zwei auf dem Motor und einen im Beiwagen.. Nehmen Sie Keßner und Mühlendorf mit!" Nach wenigen Augenblicken befinden sich die jungen Leute in voller Fahrt. „Wohin fahren wir?" „In die Niederramstadtstraße. Ich zeige dir den Weg. Nur schnell!!" Auftragsgemäß fährt Otto den Weg, den er so oft früher zu Fuß vom Polytechnikum nach Hause zurückgelegt hatte, mit höchster Geschwindigkeit. Vor einem Hause stehen zwei Schupos Posten; sie machen den Herannahenden ein Zeichen. Langsam bricht die Dämmerung herein. „Halt!" kommandiert Keßner. Sofort bleibt das Fahrzeug stehen. Die beiden Begleiter Ottos springen ab und verständigen sich mit den Polizisten. Dann wenden sie sich an ihn: „Erwarte uns hier!" Damit betreten sie unter der Leitung des Führers der Patrouille, der mit der Hand fest seinen Revolver umschließt, das Haus. Dieses Haus hat Olta sofort erkannt: es ist dasselbe, in dem er, vor fünfzehn Jahren, seine Studienzeit verlebt hat. Und wenn er seiner Sache nicht ganz sicher wäre, so würde das kleine Schild neben dem Haustor ihn überzeugen. Immer noch trägt es die Aufschrift: „David Baer", und die Zeit hat es nur ein wenig überdunkelt. Er bleibt stehen., gedenkt wieder der Vergangenheit — da hört er plötzlich Schreie aus dem Innern des Hauses. Laufe Befehle, Flüche, und dann: ein Schuß... Otto stürzt die Stiegen hinauf, um seinen Kameraden zu Hilfe zu eilen. Im dritten Stockwerk verstellt eine Gruppe die enge Treppe. Die beiden Schupos haben einen bleichen alten Mann, der stöhnend mit einer Hand den anderen Arm stützt, in ihre Mitte genommen; durch die offene Wohnungstür sieht man die massiven Gestalten Keßners und Mühldorfers, die armselige Möbel Wo bleibi der „Minderheitenschutz"? 99 Herr Lester, der Vertreter Irlands im Völkerbundrat der vom Rat mit der Berichterstattung über die jüdische Minderheit in Oberschlesien betraut worden war, hat als letzten Akt seiner Tätigkeit im Rat (Irland ist in der kommenden Periode im Rat nicht mehr vertreten) den ihm von der deutschen Regierung zugegangenen Bericht über ihre Maßnahmen zur Wahrung der Minderheitenrechte der Juden in Oberschlesien im Zusammenhang mit der Petition Franz Bernheims 2n die Ratsmitglieder verteilt. Auf Wunsch der deutschen Regierung wird ihr Bericht als vertraulich behandelt und soll auch in Zukunft nicht veröffentlicht werden. Der JTA-Vertreter hatte Gelegenheit Einblick in das Dokument zu erlangen. Die deutsche Regierung stellt in dem Bericht fest daß sie schon am 21. Juni allen Ministerialämtern, der Hauptverwaltung der deutschen Eisenbahn, dem Direktorenrat der Reichsbank und auch dem Ministerpräsidenten Preußens klargemacht hat daß das Gesetz vom 7. April 1933 über Wiederherstellung des Berufsbeamtentums und andere ähnliche Gesetze keine Anwendung auf Angehörige der Minderheiten in Oberschlesien iinden. Die erwähnten zentralen Instanzen in ganz Deutschland und in Preußen haben gemäß dieser Instruktion der Reichsregierung entsprechende Verordnungen an die ihnen unterstehenden Aemter erlassen. Die Reichsregierung hat die notwendigen Maßnahmen ergriffen, damit diese Verordnungen auch wirklich von den untergeordneten Aemterii respektiert werden; die ^Regierung glaubt daß die von ihr . unternonuneuen..(Schritte; die v o 11 e Durchführung des "vom ' Völkerbundrat am 6. Juni d. J. angenommenen Berichtes garantieren. Die Reichsregierung teilt weiter mit. daß die Stadtverwaltungen in Oberschlesien im Wege der Verordnung aufgefordert wurden, sich jeder ökonomischen oder anderen Diskrimination gegenüber der jüdischen Bevölkerung zu enthalten. Entschließugen, die dem widersprechen, wurden für ungültig erklärt ihre Durchführung wurde untersagt Der preußische Innenminister hat angeordnet, daß jede zu der Genfer Konvention in Widerspruch stehende Entscheidung nicht in Kraft treten solle. Der preußische Justizminister hat die Gerichtsbeamten dahin instruiert, daß gemäß den Bestimmungen der Genfer Konvention keine Unterschiede zwischen

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