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Die Wahrheit · 1933-10-20 · Heft 42 (20.10.1933) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 42 (20.10.1933)
Date
1933-10-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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preis dieser Nummer 40 Groseben x^ Judische Die töanrheif In Deutschland verboten! Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" and den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgem ein de Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 20. Oktober 1933 Nummer 42 Hitlers Flucht aus dem Völkerbund. Rasiere Didiöal und bülU» Das Deutsche Reich ist aus dem Völkerbund ausgeschieden. Die deutschen Wähler erhalten Gelegenheit, dieser Regierungspolitik mit dem Stimmzettel beizupflichten oder — im Konzentrationslager darüber nachzudenken, wie unklug es ist, den Führern der deutschen „Freiheitsbewegung" jene spontane und enthusiastische Vertrauenskundgebung zu versagen, die die Herren des Dritten Reiches zur Auffrischung ihres arg ramponierten politischen Renommees gelegentlich brauchen. Solch eine Gelegenheit war gerade vorhanden, die nationalsozialistische Politik hatte seitens der angesehensten Repräsentanten europäischer Großstaaten eine die Initiatoren und Verteidiger dieser Politik tief beschämende Kritik gefunden — was Wunders, daß die Herren darnach brennen, diese im Ausland erlittene Kränkung durch einen neuen Triumph im Inland wettzumachen und gleichzeitig jenem Forum, wo ihnen so ungeniert die Leviten gelesen worden sind, zur Vermeidung weiterer moralischer Züchtigungen den Absagebrief zu schicken . . . Herr Hitler und seine Sendboten sind hervorragende Redner, aber sie lieben es nicht, dieses Talent im Wettkampfe mit. ebenbürtigen Gegenrednern, die andere Anschauungen vertreten, zu entfalten. Im Deutschen Reich ist diese kleine Schwäche der starken Größen schon hinlänglich bekannt — sonst hätten schwerlich sämtliche Parteien, einschließlich der sozialdemokratischen, Herrn Hitler die Vollmacht gegeben, vier Jahre lang vollständig autokratisch zu regieren, worauf der so zum Repräsentanten eines unaufgeklärten Absolutismus gewordene Reichskanzler alle diese Parteien, die sich durch ihr eigenes Votum als überflüssig gekennzeichnet hatten, prompt auflöste. Mit dem Völkerbund konnten die Delegierten des Dritten Reiches nicht ebenso umgehen. Sie genossen dort Wortfreiheit, mußten aber auch die der anderen respektieren und dies wurde ihnen verdammt sauer gemacht. Was der schwedische Außenminister Sandler, der französische Senator Beranger und der britische Konservative Ormsby Gore über die Behandlung der deutschen Juden im Dritten Reiche vorbrachten, das können sich die Inauguratoren der deutschen Judenpolitik nicht vor den Spiegel stecken, und wenn es auch an ihrer Taktik nichts geändert hat, muß es doch tiefen Eindruck auf sie gemacht haben. Das erkennt man schon daraus, daß der deutsche Außenminister von Neurath in seiner Austrittserklärung an den Vorsitzenden des Völkerbundes dieselbe Entrüstung über „die ungerechte Diskriminierung Unschuldiger" zu Papier gebracht hat, von der die erwähnten Kritiker der deutschen Maßnahmen gegen die Juden entflammt waren. Nur spricht von Neurath natürlich nicht von den Juden, sondern von den Deutschen, denen die Abrüstungskonferenz die Gleichberechtigung versage . . . Der Satz: „Was du nicht willst, daß man dir tu', das füg' auch keinem andern zu!" verkündet eine, der sittlichen Grundlagen des Judentums. Grund genug, daß die Repräsentanten des Dritten Reiches das gerade Gegenteil dieser Lehre zu ihrer Richtschnur gemacht haben. Dasselbe Unrecht, das sie zum Austritt aus dem Völkerbund veraniaßte, sobald sie es gegen den von ihnen vertretenen Staat gerichtet fühlten, haben sie mit unbeirrbarer Stiernackigkeit auf der Völkerbundversammlung zu verteidigen gewagt, als man es ihnen wegen ihrer Haltung den Juden gegenüber vorwarf. Niemand Geringerer als der deutsche Propagandaminister Dr. Goebbels in eigener Person ist zu dieser Verteidigung nach Genf ausgerückt, mußte aber zu seinem Leidwesen erfahren, welch gewaltiger Unterschied es ist, ob man Propaganda treibt vor Leuten, deren kritischer Geist teils durch blinde Ueberzeugungstreue, teils von der Angst vor den Konzentrationslagern zum Schweigen gebracht wird, oder vor den urteilsfähigen Köpfen einer internationalen Staatsmännerelite. Goebbels, der schon durch seine Zwergengestalt unwiderstehlich auf die Lachmuskeln der Zuhörer wirktv sobald er sich als Vertreter der nordischen Edelrasse aufspielt, entzog sich dem Fluch der Lächerlichkeit durch eilige Flucht in die Heimat, wo er noch ernst genommen CNonnc adswabl billigste pdeise EP pltW l#8 1* TEPPICHE V0BHANGE PIOBELSIOrEE, DECHEN NUR I.,DACEnNMÄDKTI2 14 wird. Auch die übrigen Mitglieder der deutschen Delegation wirkten auf die Völkerbundversammlung nicht überzeugender. Aber ihr moralischer Mißerfolg wurde leider durch taktische Erfolge wettgemacht. An ihrem Widerstand ist der ursprüngliche Plan der Flüchtlingshilfe gescheitert, daß der Völkerbund selbst die Mittel aufzubringen habe, um ein großangelegtes Hilfswerk für die deutschen Emigranten ins Leben zu rufen. Von diesem großen Gedanken ist durch den Einspruch der deutschen Delegierten nichts anderes übrig geblieben als die bevorstehende Wahl eines Hilfskommissärs, dem leihweise ein Vorschuß von 25.000 Francs bewilligt werden soll, der aber die Aufgabe haben wird, die notwendigen Geldmittel selbst aus aller Herren Länder aufzubringen. Das heißt, die jüdischen Organisationen der ganzen Welt, auf denen schon jetzt die gesamten Kosten der Fürsorge für die deutschen Flüchtlinge lasten, werden durch die Völkerbundaktion nicht nur keine Erleichterung ihrer schweren Opferpflichten finden, sondern im Gegenteil auch noch diese Aktion finanzieren müssen. Die Sache wäre halb so schlimm, wenn mit dem Gelde wenigstens eine geregelte Ueberleitung der Emigranten in geordnete, für alle Zukunft sichergestellte Verhältnisse zu erkaufen wäre. Leider sind aber die Aussichten in dieser Hinsicht sehr triste. Die europäischen Länder, deren Gastfreundschaft die Auswanderer auf ihrer ersten, vielfach überhasteten Flucht aus Deutschland in Oesfcrrelchlsclics Qualität* rabrthat Ueberau erhältlich Anspruch nahmen, sind aus wirtschaftlichen Gründen wenig geneigt, sich mit einer Dauerniederlassung der Gäste abzufinden. Von Amerika hofft man, daß es zugunsten der deutschen Flüchtlinge eine Erhöhung seiner Einwanderungsquote bewilligen werde. Da aber die Vereinigten Staaten dem Völkerbunde nicht angehören, bleibt es wieder den jüdischen Organisationen selbst überlassen, diese Frage zu regeln. Am schwierigsten aber ist die Lösung Palästina. Es hat in der Völkerbundversammlung nicht an eifriger Befürwortung des naheliegenden Projekts gefehlt, eine möglichst große Anzahl deutscher Juden im Heiligen Lande anzusiedeln. Besonders der tschechoslowakische Außenminister B e n e s, der Vertreter eines Lahdes, das von Emigranten aus Deutschland am meisten überflutet worden ist, trat mit Wärme für dieses Projekt ein. Aber der Wortführer Englands, der die Barbarei und Sinnlosigkeit der nationaltsozialistischen Judenpolitik mit bemerkenswerter Empörung gegeißelt hatte, ersuchte die Versammlung, von einer Erörterung des palästinensischen Problems abzusehen, und der Delegierte Frankreichs, der gleichfalls scharfe Kritik am Hitler- Antisemitismus geübt hatte, stimmte ihm zu. Demnach hätten die Zionisten eigentlich am wenigsten Ursache, von dem Ergebnis der Judendebatte in der Völkerbundversammlung erbaut zu sein. Trotzdem zeigen sie sich ganz begeistert und geben nur den bösen Assimilanten die Schuld, daß der Erfolg, den sie bejubeln, nicht noch größer ausgefallen ist. Worin besteht dieser Erfolg? Die Völkerbundversammlung setzte sich für Einbeziehung aller Juden in den nationalen Minderheitenschutz ein. Die deutsche Delegation widersprach unter Berufung darauf, daß die deutschen Juden selbst nicht als nationale Minderheit gewertet werden wollen. In dieser Haltung der deutschen Juden erblicken die Zionisten eine tragische Schuld der Assimilation. Hätten sich die deutschen Juden zum jüdischnationalen Standpunkt bekannt, dann hätte ihnen Hitler-Deutschland den Segen des nationalen Minderheitenschutzes nicht verweigert. Wer kann daran zweifeln? Die Hakenkreuzler sind ja dafür bekannt, daß sie sich in der Judenfrage ganz nach den jüdischen Wünschen richten . . . In Wirklichkeit haben sich die Nationalsozialisten niemals um das nationale Bekenntnis der Juden gekümmert. Als sie zur Macht kamen, haben sie die nationaldeutschen Naumann-Anhänger ebenso entrechtet wie die Mitglieder der jüdischen Volkspartei. Die letzteren hatten dabei wenigstens den zweifelhaften Trost, daß ihre eigene Auffassung, die Juden seien eine Nation für

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