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Die Wahrheit · 1933-10-11 · Heft 41 (11.10.1933) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 41 (11.10.1933)
Date
1933-10-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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„Weisheit, Vernunft und Erkenntnis' *{< Auszug aus der Rede des Herrn Oberrabbiner Dr. I. T a g I i c h t anläßlieb seiner Installierung im Großen Leopoldstädter Tempel. Unser Lehrer Mosche hält Rückschau auf den Weg, den das Volk gegangen. Er spricht von der zutage getretenen Ungeduld, von der Mutlosigkeit der Verzweiflmg des Volkes. Wie oft es jammernd gesprochen: Nun sind wir vernichtet Und doch „stehet ihr heute vor dem Ewigen, eurem Gotte", der euch geführt und behütet hat. Wenn wir heute auf den mehrtausendjährigen Weg des jüdischen Volkes zurückblicken, an alle die Pläne zurückdenken, die gefaßt wurden, um uns zu vernichten, und diese Erinnerung uns niederdrücken will, dann ruft uns die Tora zu: „Und doch stehet ihr heute vor dem Ewige», eurem Gotte". der euch nicht hat untergehen lssscn. ■ - Nur selten denken wir an dieses Wunder unseres Amiebenseins. In unseren Tagen jedoch drängt es sich mit zwingender Kraft unserer Betrachtung auf. Das unfaßbare Unheil, das über unsere Brüder im Deutschen Reiche hereingebrochen, hat viele, aus deren Gedankenkreise das Judentum fast ausgeschlossen war, aufgerüttelt um über Vergangenheit und Zukunft des Judentums und der Judenheit nachzudenken und sich die Frage vorzulegen: Was hat uns, stets von Gefahren umbrandet bis zum heutigen Tage erhalten? Die Antwort lesen wir in unserer Sidra: Der Ewige, dein Gott, zieht vor dir einher. In Gott und durch Gott haben wir Bestand, wenn wir auf seinen Wegen wandeln. Die Wege? Gott hat die Welt mit „Weisheit Vernunft und Erkenntnis" ins Leben gestellt Mit diesen dreien wurde auch die Stiftshütte, das Symbol der Verbundenheit des Volkes mit seinem Gotte, errichtet Sie sind die Säulen, auf denen das Judentum ruht Weisheit des Menschen, das ist der in ihm lebende göttliche Geist der sich ausprägt in der Verehrung Gottes, in dem was wir Religion nennen: Zusammenschluß der menschlichen Seele mit dem lebendigen Gotte. Der Prophet Ezechiel spricht von einer Quelle, die im Tempel zu Jerusalem entspringt allmählich zu einem Strome wird, der in das Tote Meer fließt und es heil macht Wohin dieser Strom kommt, dort ist Leben. Unsere Vorfahren kannten diesen Strom, labten sich an ihm. In allen Lagen des Lebens sprachen sie: Ich weiß es, mein Erlöser lebt Vernunft ist das zweite. Sie soll zum Glauben sich gestalten. Es ist ein göttliches Gebot daß wir unsere Vernunft zu immer höherer Vollkommenheit entwickeln. In dem von Vernunft geleiteten Menschen ist die Weisheit von der wir gesprochen, sicher geborgen. Durch sie bewahren wir unseren Glauben in Reinheit. „Wenn du die Vernunft anrufst wirst du die Gottesfurcht begreifen." Das dritte ist die Erkenntnis, die uns die Augen öffnet unseren Blick in die Weite und Tiefe führt, so daß wir in der Größe der Schöpfung den Schöpfer erkennen und aus den Irrungen und Verstrickungen des Erdendaseins den rechten Weg und den wahren Sinn des Lebens finden. Wie nun Weisheit Vernunft und Erkenntnis eine Einheit, ein Gefüge, e i n Gefäß bilden, in welchem das Judentum enthalten und gesichert ist, so muß auch die Judenheit zur Einheit sich' zusammenschließen, soll sie Bestand haben und ihre Sache zum Siege führen. Aber zu unserer großen Betrübnis müssen wir feststellen, daß es an dieser Einigkeit immer gefehlt hat Klagen hierüber hören wir aus der Bibel, aus dem Talmud, aus allen Epochen unserer Geschichte. Der Uneinigkeit begegnen wir auch heute fast in allen Körperschaften, fast in allen Gemeinden, in der Gesamtheit des jüdischen Volkes. Im dritten Jahrhundert fühlt sich R. Nehemia durch den herrschenden Zwiespalt veranlaßt den Worten im ersten Buche der Tora, Kapitel 6, Vers 6, eine von dem geraden Wortsinne abweichende Deutung zu geben. Gott spricht — nach der Auslegung des R. Nehemia —: „Es ist mir Beruhigung, daß ich den Menschen auf Erden geschaffen habe, hätte ich ihm den Himmel zum Wohnsitz angewiesen, dann würde er auch unter den Engeln des Himmels Uneinigkeit gestiftet haben." Heute ist uns mehr denn je Einigkeit vonnöten. Als einst die Jünger in den jüdischen Akademien angesicht der tiefgehenden Meinungsverschiedenheit der Lehrer verzweifelt fragten, wie sollen wir da eine Entscheidung treffen, ließ eine Himmelsstimme sich vernehmen: Alle Aussprüche aller Lehrer sind Worte des lebendigen Gottes. Alle wollen das Gute, alle die Festigung und Verherrlichung des Gotteswortes. Wählet das Gute. Mögen auch beute die Parteien in dem Guten, das sie alle wollen, sich zusammenschließen. Mögen sie, geleitet von Weisheit, Vernunft und Erkenntnis, ihre Augen zu Gott erheben, der vor uns einherzieht im Aufblick zu dem einig einzigen Gott in Einigkeit zusammenarbeiten, zur Ehre Gottes, zum Heile des Judentums. (Herr Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang war wegen seiner zahlreichen Amtsobliegenheiten nicht in der Lage, uns den erbetenen Auszug seiner Installierungsrede zukommen zu lassen, weshalb wir zu unserem größten Leidwesen von deren Veröffentlichung Abftand nehmen müssen. Die Redaktion.) Die Katastrophe von Bukarest, Die zehn Opfer der Bukarester Katastrophe wurden am Tage nach Jörn Kippur auf dem Friedhof der Jüdischen Kultusgemeinde bestattet. Mehr als 20.000 Leidtragende hatten sich zu den Bestattungsfeierlichkeiten eingefunden. An den offenen Gräbern hielten Trauerreden der Präsident der Bukarester jüdischen Gemeinde, Dr. Wilhelm Fi 1 der mann, und der Vizepräsident Sigmund Birmann. Die Trauerfeierlichkeiten wurden vom Landesrabbiner, Senator Dr. N i e m i r o v e r, geieitet. Während der Bestattungszeremonie spielten sich erschütternde Szenen ab, insbesondere als die zahlreichen Hinterbliebenen der Opfer, unter ihnen mehrere Kinder, von den Toten letzten Abschied nahmen. Die ganze Jörn Kippur-Nacht über hielten hunderte Gläubige die Totenwache und beteten unablässig bis in den grauenden Morgen. Am Jörn Kippur-Vormittag wurden in allen Tempejln Bukarests Trauergottesdienste abgehalten. Die Jüdische Gemeinde beschloß, bedürftigen Angehörigen der Todesopfer Unterstützungen auszufolgen. Wissen Sic schon, daß der holländischen Delegation bei der jetzigen Tagung des Völkerbundrates in Genf auch zwei Juden, und zwar das Mitglied des Staatsrates, Dr. J. Limburg, und der ehemalige Vizepräsident des Rates von Holländisch-Indien, Professor Dr. E. Moresco, angehören? * daß Mitte September in Amsterdam die Jahreskonferenz der holländischen Organisation der Agudas Jisroel stattfand, auf der unter an- Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausführung von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasie 3 Tel. A 45-5-37 derem schärfster Einspruch dagegen erhoben wurde, daß die Jewish Agency orthodoxe Juden von der Einwanderung nach Palästina systematisch fernhält? daß der Rat der Jüdischen Gemeinde Groningen (Holland) beschlossen hat, zugunsten notleidender jüdischer Gemeinden in Deutschland einen lOprozentigen Zuschlag zu den Gemeindesteuern zu erheben? daß nach dem neuen deutschen Schriftleitergesetz „Schriftleiter"' (Redakteur) nur ein deutscher Reichsangehöriger sein kann, der arischer Abstammung ist und nicht mit einer Person von nichtarischer Abstammung verheiratet ist? * daß vom 15. bis 21. Oktober in ganz Deutschland eine Handwerker-Werbewoche stattfindet, an der, obwohl den Innungen zahlreiche Juden angehören, jüdische Handwerker nicht teilnehmen dürren? * daß an dem sowjetrussischen Stratosphärenflug als Gehilfe des Kommandanten Frokopiew der jüdische Pilot Birnbaum teilnahm, dessen große Verdienste um das Gelingen dieses Rekordfluges und um seine wissenschaftliche Ausbeute allseits anerkannt werden? Spezialhaus för Voile und Striokgarae Moritz Nagel Wien, 2. Bez., Tatoorsiraße Nr. 17 Fabriksniederlace. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Zwei Todesurteile in Palästina. Vor dem Haifaer Geschworenengericht fand dieser Tage der Prozeß gegen fünf Araber statt, die beschuldigt waren, am 22. Dezember 1932 eine Bombe in das Haus des jüdischen Kolonisten Josef Jacobi in Nahalal geworfen und dadurch den Kolonisten und seinen neunjährigen Sohn David ermordet zu haben. Von den fünf Angeklagten wurden zwei als der Mordtat überführt zum Tode verurteilt, zwei wurden wegen unzureichender Beweise, einer' wegen nachgewiesener Unschuld freigesprochen. Der Witwe Josef Jacobis wurde eine Entschädigung von 400 Pfund zugesprochen. Der Prozeß wurde in ganz Palästina mit stärkstem Interesse verfolgt. Die Angeklagten, die zum Teil geständig waren, erklärten, sie hätten aus politischen Beweggründen gehandelt; dadurch hofften sie auf ein milderes Urteil. In der Tat wurde ihnen durch von der Anklageseite geführte Zeugen nachgewiesen, daß sie einer arabischen Terrororganisation angehörten, deren Ziel es ist, Mordanschläge auf Juden zu machen. Das Zentrum dieser Organisation wurde erst kürzlich von der Polizei in Saffouri in der Nähe von Nazareth ausgehoben. Man fand dort eine Liste der zu tötenden jüdischen Persönlichkeiten, in der auch der Name des Präsidenten der Jüdischen Gemeinde von Haifa, M. G. Lewin, verzeichnet war. Die Terrororganisation wurde 1932 von Führern der Gesellschaft junger moslemitischer Männer gegründet und zählte 90 Mitglieder. Das Gericht erklärte in der Urteilsbegründung, die Mörder seien nicht als politische Attentäter, sondern als gemeine Verbrecher zu betrachten, da festgestellt wurde, daß ihre Organisation Bombenattentate zur Ermordung von Juden ohne jede politische Richtung plante. Wieder Lehrerstreik in Palästina. Die jüdischen Schulen, die nach den Ferien am 1. Oktober wieder hätten eröffnet werden sollen, bleiben vorläufig noch geschlossen, da die Lehrer sich mit der von der Regierung geforderten Reduktion der Gehälter nicht einverstanden erklären und auch den Kompromißvorschlag des Waad Leumi, ihnen den gekürzten Gehaltsanteil in Form eines Familienzuschusses zu gewähren, zurückgewiesen haben. Zum 70. Geburtstag Heinrich Glücksmanns. In seiner Jugend hat Heinrich Glücksmann mit seinem dramatischen Erstlinz die ernste Teilnahme Henrik Ibsens gefunden. Er ist mit vielen Uebersetzungen, später mit herzlich gefühlten eigenen Gedichten hervorgetreten, dem Bande „Fährten und Narben". Er hat vielfältig als leitender Redakteur gewirkt und zahllose Aufsätze und Anzeigen veröffentlicht. Er ist seit über vier Jahrzehnten Dramaturg des Deutschen Vclksfcheaters und hat vielen Talenten geholfen, vielen anderen zu helfen gesucht, ohne stets jene „Widerstände beim Theater", über die einst Gregori klagte, überwinden zu können. Er ist in vielen Vereinen tätig, oft als ein umsichtiger Leiter, ein zuverlässiger Schriftführer, ein sicherer Redner. Viele schätzen und lieben Heinrich Glücksmann. Ueber seine dichterische, kritische, soziale Arbeit hinaus verehren wir in ihm eine ungemein sympathische Persönlichkeit. Man hat die Empfindung, daß die musischen Elemente seines Wesens sich gleichsam aufgelöst und seiner «ranzen Erscheinung mitgeteilt haben. Glücksmann ist einer d&f wenigen Menschen unserer Tage, die Harmonie zu erringen vermochten. Es ist eine ruhevolle Aura um ihn. Im allgemeinen sind dem tiefer schauenden Blick beliebte Menschen verdächtig: bei ihm ist es anders: man versteht, daß viele die Beruhigung als wohltätig empfinden, die von ihm ausgeht. Diese Harmonie ist spürbar nicht ohne Kämpfe, nicht ohne Entsagung errungen: es ist ein stilles, gefaßtes Licht, das um Zeichnet ö TreffeivAnleihe bei der Lebens-Versicherungs-Cesellschaft „PHÖNIX"

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