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Die Wahrheit · 1933-10-11 · Heft 41 (11.10.1933) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 41 (11.10.1933)
Date
1933-10-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 Polnischer Brief, Sukkoth. Das Fest deT Laubhütten. „In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage lang, damit eure Geschlechter eingedenk sind dessen, daß ich die Israeliten in Hütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Lande Mizrajim hinausführte." Wie oft durch die letzten Jährhunderte hat man die Bedeutung dieses Festes vergessen, wie oft bemühte man sich geflissentlich, sie zu vergessen, bis die Wucht der Ereignisse zwang, dem Ursprung dieses Festes nachzugehen... Als wir unterwegs waren, wandernd vom Lande der Knechtschaft in das eigene Land, wohnten wir in Hütten. Diese Hütte veranschaulichte so recht den Uebergang. Kein Sklave mehr, aber noch immer kein Herr. Man baut zwar nicht mehr für Fremde, man baut für sich, muß sich aber beschränken. Kein Luxus, keine Ueppigkeit, Bescheidenheit und Maß bei jedem Schritt. Kein Objekt mehr, aber noch immer kein Subjekt. Wer die ersten Schritte macht in der Flut der Ereignisse, die sich Geschichte nennt, dem geziemt Zurückhaltung . . . Danach waren jene Bauten . . . Wie merkwürdig muten uns heute diese Gedanken an... Auch heute ein Mittelding zwischen Sklaven und Herren. Das erste wollen wir nicht, das letzte können wir nicht sein... Und dann: das Gespenst, das seit Monaten die jüdische Schaffensfreude dämpft, Gift in alle Freude mischt und hohnlachend dem Juden sagt: schaff nur, schaff, bald ziehst du von dannen und die anderen werden deine Emsigkeit loben und den Ertrag deiner Arbeit schmunzelnd einstecken, währenddem du andere Zonen aufsuchst, wo die Sonne für dich und deinesgleichen milder scheint... Und dieses Gespenst, das Millionen aus ihrer Ruhe aufscheucht, das bißchen arme Leben vergällt und Wellen des Hasses in die Herzen guter, ehrlicher, ach so friedliebender Menschen trägt in Deutschland nennt man es Hitler... Dieses Gespenst haben wir unseren Ahnen, die die Amaleks und Sichons und Ogs fast spielend besiegten, voraus, das ist die unerreichte Errungenschaft unseres Zeit- Und dieses Gespenst macht Schule. Jawohl, auch bei uns in Polen. Nicht etwa praktisch. Unsere Regierung ist viel zu stark und ihrer Pflicht bewußt, als daß sie die Segnungen des „Dritten Reiches" ins Land ließe. Dafür aber theoretisch. Es wird vielleicht den österreichischen Leser interessieren, welches Echo die Hitlerei in der polnischen Presse gefunden hat. Es gibt hier wie überall eine rechtsstehende, regierungstreue und eine linke, oppositionelle Presse. Jene muß natürlich alles, was die Regierung tut und läßt, in den Himmel loben und diese muß alle Regierungsmaßnahmen schärfstens verurteilen. Das ist ja schließlich in Ordnung und nimmt nicht weiter wunder. Das Merkwürdige liegt in der Haltung dieser oppositionellen Presse seit der Hitler-Aera. Seit jeher haben sich Links und Rechts verschiedene Orientierungen in der polnischen Außenpolitik zurechtgelegt: Die antisemitische (nationaldemokratische) Partej plädiert für ein Zusammengehen mit Rußland, die Pilsudski-Partei jedoch sieht in Deutschland einen willkommenen Bundesgenossen. Und siehe da: kaum hat Hitler der Welt gezeigt, was er kann, da roch die antisemitische Presse einen fetten Braten und flugs erfolgte eine Umorientierung. In allen Tonarten wird seit Monaten in der gesamten antisemitischen Presse, wie auf Kommando, das Hitler-Regime als Muster hingestellt und dem polnischen Staate zur Nachahmung empfohlen. Die Herren vergessen nur zu bald, daß von keiner deutschen Partei außer Hitler Polen mit der Vernichtung bedroht wird, daß der erste Schuß, wenn es zum Krieg kommen sollte, ins Herz Polens fallen soll, daß Polen für das „Dritte Reich" als der Erbfeind gilt, alle diese Sünden werden vergessen, es wird genereller Ablaß gewährt, wenn nur der Antisemitismus blüht. Da nimmt man den Mund voll und redet im Brusttone der Ueberzeugung von den inneren Feinden (seil. Juden), die nach deutschem Muster ausgerottet werden müßten, wenn der Staat wachsen, blühen und gedeihen soll. Politische Voraussicht war nie die stärkste Seite unserer Nationaldemokraten. Sagte man vom alten Oesterreich, daß es immer um eine Idee zu spät kam, so kommt die nat.-dem. Partei immer um gut zwei Ideen zu spät. Schöpferische Gedanken, Aufbau, Fortschritt — das wird man wohl vergebens dort suchen. Aber ein Chaos, wie es jetzt in ihrem Hirn entstanden ist, das dürfte selbst in der an Geist armen Geschichte der nationaldemokratischen Partei ein Unikum bedeuten. Soll Hitler sein Messer gegen Polen wetzen, es sei ihm verziehen, wenn er nur an den Juden sein Mütchen kühlt... Eine regierungsfreundliche polnische Zeitung widmet diesem neuen Kurs der oppositionellen Presse in den letzten Tagen einen sehr scharfen Artikel, dem wir folgende drastische, aber den Nagel auf den Kopf treffende Stelle entnehmen: „Wenn wir fortfahren, mit Stöcken herumzufuchteln, wird uns nichts übrigbleiben, als auf Baumästen Zuflucht zu suchen. Man wird dann gut tun, den ganzen angesammelten Ballast der Geisteskultur fortzuwerfen, wie dies die Hitler-Leute symbolisch taten. Angesichts solcher Ausblicke dürfte vielleicht jede Diskussion über die mit den Lebensformen der Menschheit verbundenen Probleme überflüssig sein. Man müßte sich bloß bei den staatlichen und privaten Forstdirektionen das Recht zur Benützung der Kiefern, Linden oder Eichen — als zukünftige Behausung sichern und sich langsam an die künftigen Bedingungen unserer Existenz als Wilde gewöhnen. Solange jedoch die bedeutende Mehrheit der Menschheit manchen Hang zu unbequemem Leben innerhalb der Zivilisation zeigt, muß man sich standhaft gegen die Versuche wehren, den Verstand zu brutalisieren, ohne den die ganze Zivilisation weder entstehen hätte können noch in Zukunft bestehen würde..." Nicht nur die polnische Presse hat Hitler „revolutioniert". Auch in der ukrainischen Presse spukt es. Man kennt den Antagonismus, der zwischen diesen beiden Völkern herrscht und es mitunter zum Paroxysmus bringt. Jetzt gibt es einen Punkt, der die linke polnische und die ukrainische Presse vereinigt. Dieser Punkt ist der Judenpunkt. Heutewird in den ukrainischen Zeitungen Hitler glorifiziert. Die Bevölkerung liest es, liest auch von den .glorreichen Taten der Hitler-Buben im Reiche und die Folgen lassen nicht lange auf sich warten. Wenn Hitler Juden hauen läßt und in den Himmel gehoben wird, dann wird man hierzulande auch ein bißchen Juden verhauen dürfen... Wird es dann den Drahtziehern zu bunt, dann blasen sie zum Rückzug. Da spicht man von Fortschritt und Kultur und Zusammenleben und Völkereintracht und die Worte fließen so schön nebeneinander, wie es eben Kulturvölkern geziemt... Man ginge jedoch fehl, wenn man annehmen würde, daß hier nach polnischem Muster der Antisemitismus Pate steht. In der Tat waltet hier ein anderes Gesetz: meines Feindes Feind ist mein Freund. Die Ukrainer sind seit Jahren auf der Suche nach einem Bundessenossen in ihrem Kampfe gegen die Polen. Da ist ihnen natürlich Hitler hochwillkommen. Sie sehen in ihm ihren Retter und Realisator ihrer politischen Träume. Das ist das Primäre. Wer aber zu jemand hinaufblickt und seine Taten bewundert, der kann nicht mehr unterscheiden, er nimmt alles, was der „jemand" tut, als ideal und des Nachahmens wert hin. An ein „Ideal" kann keine Kritik heranreichen... Die antisemitischen Stücklein sind also das Sekundäre. Nur daß die Schläge sehr weh tun und daß der Gehaute sich keine Rechenschaft darüber ablegen kann, nach welcher Skala er verhaut wurde. Und es ist für ihn kein Trost, wenn man ihm versichert, daß er gehaut wird, weil Hitler, die gegenwärtige große Liebe der Ukrainer, in seinen Bezirken Juden hauen läßt... Natürlich kommt mit dem Essen der Appetit. Wer einmal Juden haut, dem schmeckt es ausgezeichnet und die Bekömmlichkeit schreit nach Wiederholung. Und ebenso natürlich ist es, daß die ukrainischen Bauern dabei den lästigen jüdischen Konkurrenten loswerden wollen und also wirtschaftlichen Antisemitismus treiben. (Wir haben über die Beweggründe des ukrainischen Antisemitismus in diesen Blättern bereits geschrieben.) Aber der „springende Punkt" ist der, daß auch die Bewegung in der ukrainischen Presse auf das Wirken Hitlers zurückzuführen ist. Exempla trahunt. Beispiele ziehen an. Hitler macht vor und andere Völker machen es nach. Die einen „akademisch", die anderen „rein praktisch". Woher wohl diese Gelehrigkeit der Menschen stammen mag? Vor Jahrtausenden hat ein gewisses Buch, das noch heute Millionen als Offenbarung gilt, die Menschen „von Jugend auf verdorbenen Triebes" genannt. In unseren Tagen nannte sie ein unverbesserlicher Idealist, Leonhard Frank mit Namen, „gut". Wem von beiden ist recht zu geben? Wer hat tiefer in dia menschliche Seele geschaut? Vielleicht haben beide unrecht Vielleicht ist die Wahrheit in der Mitte. Es scheint, daß die Menschen das sind, was aus ihnen der Führer macht. Ein Lehm, den der geschickte Bildner nach seinem Geschmack formen kann. —« Und doch: Der Lumperei folgten die Menschen leichter, lieber, begeisterter als dem Guten. Sollte das Hohe und Edle der „Masse Mensch" unerreichbar sein? Sollte die Bibel am Ende doch recht haben? In die S u k k a. Jude, geh! Werde der Fraglichkeit deines Lebens inne, erfahre dort, daß dein Zelt jeder Laune der Witterung zum Opfer fallen kann und daß ein vorwitziger Bauernjunge oder ein roher Bauer mit einigen Steinwürfen es zuwegebringt, dich deiner Behausung zu berauben. Denk' über das Problematische deiner Existenz nach und daran, daß du mit eigener Hand dein Schicksal zu einem festen, allen Unbilden des Wetters und den Bosheiten menschlicher Kreatur standhaltenden gestalten kannst Diesen Willen kannst du in der Sukka, aus der Sukka schöpfen. Wenn du willst . . . O. Preminger, Lemberg. Der Völkerbund berät zur Stunde, da unser Blatt (der Schlußfeiertage halber früher als sonst) in Druck geht, in den verschiedenen zuständigen Kommissionen und auch im Plenum noch immer über die deutsche Judenfrage. Dieses Thema hat neben der — gleich heiklen — Abrüstungsfrage die Beratungen der Genfer Herbstsession vornehmlich beherrscht, immerhin schon ein moralischer Erfolg der jüdischen Sache. Was aber praktisch bei all diesen Beratungen, deren Gegenstand die diversen eingebrachten Anträge waren, herauskommen wird, können wir — aus den einleitend erwähnten Gründen — zur Stunde nicht beurteilen. Wir behalten uns deshalb eine Behandlung des ganzen Fragenr komplexes (Völkerbundkommissär für die deutschen Flüchtlinge, Palästinaeinwanderung und Minderheitenschutz) für die nächste Nummer vor. , ECKE 52 JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher für eure Kinder nur in der jüdischen Buchhandlung Hermann Tuchner, %£S£t, Lehrbücher für alte Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen Spasaafraia Zusandung UbaraHtiln Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 Die Bruderhand. Konferenz für Hilfe an die deutsche Judenhett. Im Namen des Joint Foreign Committee (englisch-jüdisches Komitee für auswärtige Angelegenheiten), der Alliance Israelite Universelle in Paris, des American Jewish Congress in New York und des Comite des Delegations Juives in Paris haben die Herren Neville Laski und Leonard Montefiore Einladungen an alle repräsentativen jüdischen Institutionen der ganzen Welt ergehen lassen, Vertreter an einer am 29. Oktober im Hause des Jewish Board of Deputies in London beginnenden Konferenz zu entsenden, die der Beratung über das Schicksal der deutschen Juden gewidmet sein wird. Die erste Sitzung wird öffentlich sein und einen repräsentativen Charakter tragen, die weiteren Sitzungen werden vertraulich und rein sachlichen Beratungen gewidmet sein. Die Konferenz wird sofort an die Wahl von Kommissionen schreiten, die über die verschiedenen Zweige der Arbeit zugunsten der deutschen Juden zu beraten und sodann der Plenarsitzung Berichte samt Vorschlägen zu unterbreiten haben werden. Es sollen folgende Kommissionen ernannt werden: 1. Eine Palästinakommission, die Vorschläge fUr Seßhaftmachung deutscher Juden in Palästina auszuarbeiten haben wird; 2. Eine Wirtschaftskommission zur Beratung allgemeiner Hilfsmaßnahmen für die deutschen Juden. Dieser Kommission werden vier Unterkommissionen angeschlossen sein: eine für Wiederaufbauarbeit in Deutschland selbst, eine für Regelung der Auswanderung, eine für Hilfeleistung an die Ausgewanderten, eine zur Beratung der Finanzierungsfrage; 3. Eine akademische Kommission zur Unterbringung und Versorgung brotlos gemachter und vertriebener jüdischer Akademiker. Die zur Konferenz eingeladenen Organisationen wurden ersucht, darauf zu sehen, daß unter den zu entsendenden Delegierten Fachleute für die zu behandelnden Fragen sich befinden sollen. Die Einberufer der Konferenz haben provisorisch eine Tagesordnung nicht allein für die Vollkonferenz, sondern auch für die Kommissionen festgesetzt und auch schon provisorische Berichterstatter für jede Kommission ernannt, während die Vorsitzenden der verschiedenen Komitees aus der Mitte der Konferenz selbst gewählt werden sollen. Die offizielle Bezeichnung der Konferenz lautet: Konferenz für Hilfe an die deutsche Jude n h e i t. Asyl für deutsche jüdische Gelehrte in Manchester. Die Universität Manchester teilt mit: Als die gegenwärtige deutsche Regierung zahlreiche Professoren wegen ihrer jüdischen Abstammung oder „politischen Unzuverlässigkeit" aus den Staatsdiensten entließ, bildeten sich in England und in anderen Ländern Organisationen zur Aufbringung von Mitteln, um diesen Gelehrten ein Asyl bieten zu können. In England wurde der Academic Assistance Council gebildet, gleichzeitig hat eine Gruppe von Bürgern aus Manchester einen Fonds geschaffen mit dem Ziele, die Universität Manchester in die Lage zu versetzen, einigen! der vertriebenen jüdischen Gelehrten ein Heim zu bieten. Die Universität benutzte diesen Fonds, um mehrere dieser Gelehrten zu beschäftigen; diese Ernennungen gelten in keinem Fall für länger als zwei Jahre und dürfen dem allgemeinen Universitätsfonds nicht zur Last fallen. Ernannt wurden im Departement für Geschichte: Dr. Martin Weinbaum-Berlin; im Departement für Mathematik; Dr. R. Baer-Halle; im Departement für Physik: Dr. Rudolf Peieris-Leipzig; im Departement für Physiologie: Dr. Walther Deutsch-Düssetdorf; im Departement für Psychologie: Professor David Katz-Rostock. Ferner werden die folgenden drei berühmten deutschen Aerzte während der nächsten zwölf Monate am Manchester Victoria Memorial Jewish Hospital Forschungsarbeit leisten: Der Internist Hermann Zondek, der Gynäkologe Bernhard Zondek und der Bakteriologe Samuel G. Zondek, alte aus Berlin. Das Jewish Hospital hat für sie eigene Laboratorien erbauen lassen. IPMESTDIMÄ Vor der Reise Englisch lernen, bei geborener Engländerin / B. G-, Wien XIX., Arbesbachgasse 15/18 7 Wohnungen. 2 Wohnungen bestehend ans 2 Zimmer, 1 Kabinett, Vorzimmer n. Kuehe. 2 . . »1,1. Vonimmer t». Küche. 1 . . . 1 » Küche a. Vorzimmer. 2 . . . 1 Zimmer n. Küche. Gegen madigen Zins und Baukostenbeitrag per sofort»!» v er mieten. Auskunft erteilt täglich) von 3—5 Uhr nachm. Herr Otto Ruiek, XIII., Hollergasse 33 _

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