Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 41 (11.10.1933)
- Date
- 1933-10-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Lederhandschuhfabrik Josef Tjasfmger Gründungsjahr 1696 EL, Hollandstraße 11 Telephon A 47-2-40 ♦ h, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-5-29 den längst zu Grabe getragenen Liberalismus setzten. Sie verstanden nicht den Gang der Geschichte und glaubten, ihm dadurch aus dem Wege zu gehen, daß sie sich als Deutsche mosaischer Konfession deklarierten, daß sie den Bestand einer jüdischen Nation negierten, daß sie alle Fäden, die sie mit dem Judentum verbanden, zerrissen ... Sie wiegten sich in falschen Hoffnungen, übersahen die Wirklichkeit und träumten vom Weltbürgertum. Die entwurzelten Juden gaben sich phantastischen Ideen hin und gingen kosmopolitischen Träumen nach. Und dies äußerte sich in zweifacher Art: entweder sie jubelten dem allgemeinen Liberalismus zu oder sie wurden Fahnenträger des Sozialismus. Beide Betätigungsgebiete gaben dem Antisemitismus immer neuen Nährstoff... Im besten Glauben, sich und der Menschheit zu dienen, begannen die Juden, aktiv in das Leben des deutschen Volkes einzugreifen. Sie warfen sich mit echt jüdischer Leidenschaft auf alle Wissensgebiete, stürzten sich auf die Presse, organisierten die Arbeitermassen und bemühten sich, das gesamte geistige Leben im Sinne des Liberalismus und der Demokratie zu beeinflussen. Selbstverständlich mußte das eine tiefe Reaktion beim Wirtsvolk hervorrufen." Also die deutschen Juden, die sich auf den Boden der — auch von der vorhitlerischen Gesetzgebung im Deutschen Reiche anerkannten — Wirklichkeit stellen, indem sie sich zu der Nation bekennen, deren Sprache sie sprechen und deren Kultur sie in sich aufgenommen haben, und die ihr Leben und ihre Fähigkeiten dem Lande weihen, in dem sie seit undenklichen Generationen wohnen — das sind „entwurzelte Kosmopoliten' mit „phantastischen Träumen". Wohingegen der Zionismus, der 15 Millionen Juden aus der ganzen Welt in dem kleinen Palästina ansiedeln will, wo — wie dieser Tage in der Völkerbundsitzung ein den Juden nicht abgeneigter Delegierter richtig bemerkte — auch noch andere Nationen hausen, so daß sich dort die Konflikte, die den Juden in den anderen Ländern das Leben sauer machen, bei der Enge des Gebietes in noch gesteigertem Ausmaß einstellen müssen, absolute Realpolitik darstellt Hat Herr Dr. Reifer etwa auf dem vor kurzem abgehaltenen 18. Zionistenkongreß nichts von den Schwierigkeiten gehört, die sich der Realisierung dieser Politik noch immer entgegenstellen? Er muß doch etwas läuten gehört haben, denn er gibt zu, daß Palästina heute die Judennot noch nicht beenden könne; ja er weiß sogar den Grund davon: Weil die Juden selbst es nicht wollten und die Zeit verpaßten . . . Von der passiven Resistenz der englischen Mandatarmacht scheint Dr. Reifer wenig gehört zu haben, und von dem bei der Neuwahl der Jewish Agency anerkannten Opfermut, den auch Nichtzionisten für den Aufbau eines jüdischen Palästina bewiesen, ahnt Dr. Reifer offenbar nichts. Er sieht bloß das Fiasko und kennt nur eine Ursache: Wer ist schuld? Der Jud' . . . Es ist erstaunlich, in welchem Grade sich dieser Feind der Assimilation der antisemitischen Mentalität assimiliert hat! Dr. Mayer Ebner, der die Entgleisung seines früheren Mitarbeiters, wenn schon nicht zu entschuldigen, so doch zu beschönigen sucht, schreibt darüber: „Er wollte diese Dinge vom anderen Ufer aus sehen, aber anstatt mit den eigenen jüdischen Augen zu sehen, blickte er durch die Brillen des deutschen nationalsozialistischen Antisemitismus." Ein vortreffliches Urteil! Leider trifft es nicht bloß auf den unglückseligen Dr. Reifer zu, sondern auf eine große Menge jüdischnationaler Federhelden, die dieselbe Weisheit verschleißen, ohne bisher denselben Sturm der Ablehnung gegen sich entfacht zu haben. Das ist nicht ihr Verdienst, sondern ihr Glück. Denn nicht selten übertreffen sie noch die Leistungen des Dr. Reifer, die ihn Rang und Stellung gekostet hat Daß er um so viel schlechter abschnitt als mancher ebenso „verdiente" Kollege gleicher Couleur, hat zwei Ursachen: eine lokale und eine zeitliche. In der Bukowina haben die Juden ein feineres Gefühl für das, was ihnen gefährlich ist als anderswo. Im alten Oesterreich freie, gleichberechtigte Bürger eines Kulturstaates, haben sie nach ihrer Eingliederung in ein anderes, die jüdische Gleichberechtigung laxer auffassendes Staatswesen schon einmal eine so bösartige Erschütterung ihrer menschlichen und bürgerlichen Stellung erlebt (man erinnere sich der ungeahndet gebliebenen Ermordung eines jüdischen Studenten durch einen Pogromisten), daß sie einen stets wachen Argwohn gegen alles, was einen neuerlichen, noch tieferen Sturz bewirken könnte, hegen. Die gemeinsame Gefahr der Bukowinaer Juden hat auch ihre Solidarität gestärkt so daß die Angriffe des Dr. Reifer, obwohl sie nur gegen die Assimilanten gerichtet waren, auch die Zionisten aufs tiefste empörten und zur flammendsten Abwehr hinrissen. Zeitlich fiel die Schützenhilfe, die Dr. Reifer den Hitlerianern angedeihen ließ, just in den Moment da die Herren des „Dritten Reiches" einen schier aussichtslosen Versuch unternahmen, sich vor Europa in ein günstigeres Licht zu setzen. Sie schickten ihren Propagandaminister Goebbels zum Völkerbund nach Genf — denselben Goebbels, der als oppositioneller Versammlungsredner gedroht hatte, daß die ans Ruder gelangten Hitlerianer den in der Genfer „Schwatzbude" versammelten Untermenschen die Faust zeigen werden. Nun, Herr Goebbels hat in dem neuen, von jüdischen Künstlern geschaffenen Völkerbundpalast nicht die Faust gezeigt, sondern höflich und manierlich den Standpunkt seiner Regierung darzulegen versucht Was er vorbrachte? So ziemlich dasselbe, was Dr. Reifer schrieb: Daß die Juden Liberalisten und Sozialisten, Kapitalisten und Kommunisten sind, daß sie die Herrschaft im Staate anstrebten, indem sie Wissenschaftler und Literaten, Künstler und Kaufleute wurden. Und derlei mehr. Goebbels wurde ausgelacht: Es sei selbstverständlich, daß die Juden, die dem Liberalismus ihre theoretische, dein sozialdemokratischen Umsturz ihre praktische Gleichberechtigung verdanken, diesen politischen Richtungen anhängen. Wieso ein Jude, der Bilder male, Shakespeare inszeniere oder Zähne ziehe, dadurch den Staat beherrsche? Und inwiefern die Brotlosmachung tausender nützlicher Mitglieder der Gesellschaft eine „planmäßige Lösung der Judenfrage" darstelle, wenn man eine solche schon für nötig halte? Diese Notwendigkeit sei aber sehr zu bezweifeln. Denn mit der Behauptung Dr. Goebbels (und, wie wir gesehen haben, auch Dr. Reifers), daß die Arisierung fast aller Berufe einer selbstverständlichen Reaktion des deutschen Volkes gegen die „Judenherrschaft" Rechnung trage, stehe es in groteskem Widerspruch, daß dieses deutsche Volk, wie aus immer wieder allerorten in der Häkenkreuzpresse erhobenen Klagen erhellt, trotz aller gegenteiligen Weisungen jioch immer in jüdischen Geschäften einkaufe, jüdische Aerzte und Rechtsanwälte konsultiere .... Wenn man bedenke, welche Gefahren jeder einzelne Arier durch einen Durchbruch des antisemitischen Boykotts für seine Ehre. Freiheit und Gesundheit heraufbeschwöre, könne man schwerlich diesen Boykott als eine instinktive Forderung aller Deutschen werten .... Derlei Einwendungen brachten Dr. Goebbels in schwere Verlegenheit und er fand trotz eifrigem Kopfzerbrechen keine richtige Antwort. Doch siehe da: Ex Oriente lux! Aus der Bukowina kam die Erleuchtung. Dort sanktionierte Dr. Reifer nicht bloß vom jüdischnationalen Standpunkt aus die antisemitischen Axiome, sondern er lieferte für diese Axiome auch verwendbare Begründungen. Diejenigen, die sich über die Entrechtung der deutschen Juden, ihre „Dissimilierung", entrüsten, fragt Dr. Reifer: „Haben wir Juden selbst es MÖBEL Moderne KQchen- Vorzlmmer- Wohnzimmer- F. KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" denn anders gemacht? Haben die Makkabäer nicht auch Kampf geführt gegen fremde unjüdische Art? Haben wir nicht die Samariter aus unserer Gemeinschaft ausgestoßen?" Soviel Fragen, soviel Trugschlüsse. Denn die Fremden, gegen die sich die Makkabäer erhoben, wollten die Juden mit der brutalen Gewalt des Schwertes beherrschen und nicht etwa dadurch, daß sie Kranke heilten, Verfolgte vor Gericht verteidigten und billige Warenhäuser schufen, wie die Juden in Deutschland, wo ihnen dies als Zeichen ihrer Herrschsucht angekreidet wird. Und was die Samariter betrifft, ist der Gegensatz zwischen ihnen und den Juden niemals besser und prägnanter gekennzeichnet worden als in dem berühmten Gespräch, das der Gründer des Christentums mit einem Samariterweibe führte: „Ihr wisset nicht, was Ihr anbetet; wir aber wissen, was wir anbeten. Das Heil kommt von den Juden." Es ist schade, daß die Hitlerianer, die ja das Neue Testament besser kennen müssen als ein Zionist aus der Bukowina, die Arguinentik des Dr. Reifer nicht bis zu diesem naheliegenden Zitat aus dem Johannis-Evangelium fortgesponnen haben. Anderseits kann man es ihnen nicht verargen, daß sie sich das Heil, das ihnen da ganz unverhofft von einem Juden kam, nicht durch subtile Kritik beeinträchtigen wollten. Sie hielten sich mit um so größerer Begeisterung an den Wortlaut der Reiferschen Exhibition. Und so geschah das Wunder — Wunder Nr. 3 —, daß das „Dritte Reich", das bedeutsame Offenbarungen jüdischen Geistes dem Scheiterhaufen überliefert hatte, die ganze Auflage des Reiferschen Pamphlets, dem Dr. Masrer Ebner „Oberflächlichkeit und evidente gedankliche Irrgänge" nachsagt zwecks massenhafter Verbreitung aufkaufen ließ, daß der reichsdeutsche Rundfunk, der eben erst gründlich entjudet wurde, dieses jüdische Machwerk in den Aether sendet und die antisemitischen Zeitungen aller Länder das Lob des ..mannhaften und mutigen Judenführers" singen. Viele bringen sogar das Bild Dr. Reifers, offenbar als wertvolle Ergänzung zu den Illustrationen in Günthers „Rassenlehre", damit die Welt sich orientieren kann, wie ein Jude aussieht, „der den Mut aufgebracht hat, seinen Rassegenossen die Wahrheit zu sagen". (Wie ein Jude aussähe, der den Mut aufbrächte, Herrn Hitler die Wahrheit zu sagen, dürfte nicht illustriert werden, weil solch ein Bild der antideutschen „Greuelpropaganda" Vorschub leisten würde.) Indessen dürfte noch kaum jemals ein Mensch, der mit solchen Ehrungen überhäuft wurde, davon so wenig erbaut gewesen sein wie jetzt Dr. Reifer. Ihm beginnt allmählich aufzudämmern, was er mit seinem Geschreibsel angerichtet hat „Es erging ihm", schreibt Dr. Mayer Ebner, „wie dem Bären, der mit einem Steinwurf die Fliege auf der Stirne seines schlafenden Herrn treffen wollte und dabei den Herrn erschlug. Er wollte die jüdisch-deutsche Assimilation treffen und! I JUdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für Kleidermachen und Wäscheerzeugung mit Öffentlichkeitsrecht. — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Krflgerheiin, u., Malzgasse 1 Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von 11 bis 12 Uhr. hat dabei der jüdischen Sache einen schweren Schlag versetzt." Dr. Reifer ist wahrlich nicht der einzige Zionist, der dem Judentum solche Bärendienste erweist. Mauschel. Das Attentat auf Bundes' kanzler Dr. Doli fuß, das glücklicherweise ohne jegliche Folgen für unseren Regierungschef geblieben ist, hat, wie überall, auch in jüdischen Kreisen lebhafte Empörung ausgelöst. Mit banger Sorge verfolgte auch die österreichische Judenschaft die Nachrichten, die vom Hause des Kanzlers kamen, und'mit allen staatsbejahenden, loyalen Bürgern Oesterreichs atmeten auch die Juden dieses Staates auf, als sie hörten, daß die Kugeln des feigen Mordbuben dem Bundeskanzler nur geringfügige Verletzungen zugefügt haben. Für die Juden, deren Brüder im Deutschen Reiche jetzt in so grausamer Weise Opfer politischen Hasses geworden sind, war es vom ersten Momente an klar — klarer vielleicht wie für viele andere —, daß der gleiche politische Haß sich auch hier ein Ziel gesetzt hat, das es glücklicherweise nicht traf. Diese glückliche Verhütung unabsehbarer Folgen und nicht zuletzt die Sympathie, die sich Bundeskanzler Dr. Dollfuß auch in jüdischen Kreisen zu erwerben verstanden hat, waren Grund für die herzliche Anteilnahme, die sich sofort nach Bekanntwerden der Errettung des Kanzlers aus schwerer Gefahr in Glückwunschkundgebungen der maßgebenden österreichischen jüdischen Körperschaften und Organisationen manifestierte. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde gab ihrer aufrichtigen Freude über das Mißlingen des Attentates Ausdruck, die „Union österreichischer Juden'' sprach dem Bundeskanzler anläßlich seiner glücklichen Errettung ihre größte Freude und tiefste Genugtuung aus, der „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" gratulierte ebenfalls in herzlichster Weise und auch aus den Provinzgemeinden kamen innige Glückwunschtelegramme. Der Wiener Kultusvorstand hatte in seiner am Abend des Attentates abgehaltenen Sitzung beschlossen, sämtliche Gemeinderabbiner zu beauftragen, bei den Donnerstag vormittags anläßlich des Laubhüttenfestes in den Gemeindebethäusern stattfindenden Gottesdiensten Dankgebetei für die Errettung des Bundeskanzlers zu verrichten. Diesem Be-: Schlüsse waren auch die Vorstände der Wiener Tempelvereine gefolgt, und so waren am Donnerstag vormittags die Andächtigen in allen Wiener Synagogen Zeugen einer erhebenden Feier. Vor der offenen Bundeslade verrichtete der Rabbiner ein inniges Dankgebet, das von der Gemeinde mit herzlichen Gefühlen aufgenommen wurde. In vielen Bethäusern ließen zahlreiche zur Thora aufgerufene Personen Mischeberachs für den Bundeskanzler verrichten. Auch in den Provinzgemeinden fanden Dankgottesdienste statt. So hat die österreichische Judenschaft bewiesen, daß sie angesichts der schweren Gefährdung der geschätzten Person unseres Regierungschefs mit ihren christlichen Mitbürgern jene Gefühle teüte, die jedermann beseelen müssen, dem das Geschick unseres um seine Unabhängigkeit und Selbständigkeit kämpfenden Staates am Herzen liegt. CMTSIITSBAD KUE- UND BABEANSTAIilT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedenibrflcke gelegen ..aa. Original RüSSlSdies Dampfbad mit " Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. V Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30