Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-10-11 · Heft 41 (11.10.1933) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 41 (11.10.1933)
Date
1933-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064389--19483-3084625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

mm ME WAHRHEIT Seite 3 schrieb man uns wiederholt: „Wenn wir doch jetzt einen Führer hätten, wie Dr. Bloch es war!" Doch daß er eben dieses Elend nicht mehr erlebt hat, es darf uns darüber trösten, daß er vor der Zeit von uns gegangen ist. Das hätte er nicht überlebt! Das hätte ihn in seinen letzten Jahren noch mehr verbittert als das Versagen seiner Freunde, besonders als er sein Lebenswerk, die „Oesterreichische Wochenschrift'', der Not der Zeit opfern mußte. Bis auf den letzten Heller hatte er aus Eigenem alles hergegeben, um sein Lieblingskind, an das er jahrzehntelang sein Herzblut gewendet, am Leben zu erhalten. Aber fremde Mittel nutzlos in Anspruch zu nehmen, das verbot ihm sein peinliches Reinlichkeitsgefühl und sein Verantwortungsbewußtsein als Vertreter des Judentums. Kiddusch Haschern! Das war und blieb Ziel und Inhalt seines sturmbewegten, aber ehrenvollen und ehrenhaften Lebens. Es gibt bekanntlich einen Ring, der von dem einen Dichter einem anderen, den der frühere Träger für den würdigsten Nachfolger hält, vererbt wird. Nach unserer jüdischen Ueberlieferung ist es ein Wander- und Wunderstab, der dem ersten Menschen bei der Vertreibung aus dem Garten Eden mitgegeben wurde. Dieser Stab, aus dem Holze vom Baume des Lebens, hat verschiedenen Größen unserer Geschichte auf ihren Wanderungen zur Stütze gedient. Auch Dr. Bloch hielt ihn in tapferer Faust. Er hat diesen Gottesstab geschwungen im Kampfe gegen unsere Feinde. Dieser Stab, der den heiligsten Namen trägt, der Stolz auf den jüdischen Namen, er sei auch uns Stütze und Waffe in diesen schweren Tagen! Das Verdienst unseres großen Toten stehe uns bei, daß Gott vor fernerem Unheit uns bewahre^ und daß der Friede erhalten bleibe über seinem Grabe! O. H. v9^ SKf Wir haben noch eine Anzahl unserer ausgezeichneten Original Gegen Rassenhaß und Menschennot. ,|RE"-ofen Es ist nicht wahr, daß die ganze christliche Bevölkerung Wiens antisemitisch ist. Es ist nicht wahr, daß der einfache Alann, xdte schlichte Frau aus dem Volke nur für Losungen des Hasses zugänglich sind. Es ist nicht wahr, daß die Herzen der Menschen verschlossen sind für die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Wer der vorwöchigen Versammlung im Festsaal des Hotels „Bayrischer Hof beigewohnt hat, der weiß es. Wer die heute so seltene Atmosphäre der Menschlichkeit und der Menschenliebe dort eingeatmet hat, der ist ein Optimist geworden. Wer den Enthusiasmus gesehen hat, mit dem die tausendköpfige Versammlung die Worte der Redner aufgenommen hat, wer von diesen Worten selbst mitgerissen worden ist, der wird das wunderbare, heute noch einzigartige Erlebnis nie vergessen. Sie kamen in Massen, die Menschen, die gegen den Rassenhaß und gegen die Menschennot ankämpfen wollen. Viele Hunderte mußten weggehen, weil für diese Versammlung auch der große Saal zu klein war. Und dann saßen sie oder standen in den Gängen und lauschten mit echter Anteilnahme den Ansprachen der Redner. Und sie ließen sie kaum sprechen, denn nach jedem zweiten Satz brauste ein Orkan des Beifalls durch den Saal, laute Rufe der Zustimmung erschallten. Aber es mangelte auch nicht an Pfui-Rufen, an Rufen Mann, den Vater in allerlei Kurorte zu verschicken, wo er zwar wohl versorgt ist, sich aber langweilt, unter fremden Leuten herumstößt, zumal er sich auch hier durch seine Unarten bei Wirt und Gästen unbeliebt macht. Wie die meisten Geschichten Saars ist auch dies eine Ich-Novelle; mit meisterlicher Sicherheit setzt Saar die Züge, mit erstaunlicher, wahrhaft dichterischer Kraft gestaltet er das Mitleid, das er mit dieser, in jeder Beziehung unleidlichen und dennoch tragischen Gestalt empfindet, und er erweckt es in uns. Dieser Seligmann Hirsch, der nicht mehr gläubig ist, der sich selbst mit „König Lear" vergleicht, steht gewässermaßen auf der Grenze zwischen Gebundenheit und Freiheit, zwischen Ghetto und moderner Art. Mit hierauf beruht der vortrefflich geschilderte Wechsel von allzu großer Vertraulichkeit und Gleichgültigkeit, von Unsicherheit und 5Jn3rlnglichkeit. Während seine Vorfahren noch wurzelten, seine Nachkommen eben neue Wurzeln zu schlagen beginnen, ist er wurzellos. Ein Ahasverschicksal im kleinen. Vortrefflich zeichnet Saar mit wenigen Sätzen den Sohn, der dann Baron Hirtburg wird: „Eine distinguierte, aber keineswegs anspruchsvolle Erscheinung; kleiner und viel zarter gebaut: scharf geschnittenes Profil, seine hohe und breite Stirn erscheint durch eine frühe Glatze noch ausdrucksvoller und bedeutender; er trägt eine feine Stahlbrille, und die Augen blicken etwas müde." Dies ist ein besonders zarter Zug. denn der Vater ist höchst robust, hier beginnt schon die Lebenskraft zu sinken. Während Seligmann sich nicht rühren kann, ohne zu lärmen, nimmt der Sohn geräuschlos Platz. Und seine Tochter, die einen jungen Diplomaten aus altem französischem Adel heiraten wird, ist eine hohe, schlanke Dame von bezaubernder Grazie. Ihr Bruder aber gleicht in seiner Erscheinung wieder dem Großvater. Seligmann Hirsch nimmt sich schließlich mit dem Rasiermesser das Leben, und sein Sohn trauert ihm nach; denn er hat den Vater geliebt, obwohl er ihn — übrigens auch wegen fragwürdiger Geldgeschäfte — aus seinem Leben mit Härte entfernt. Mit voller Anschaulichkeit sind hier typisch jüdische Schicksale gezeichnet: der Bogen der Generationen ist angedeutet, seine große Spannung, die vielfältige Verzahnung und Verwicklung der Kreise, Aufgaben, Ziele. Seligmann nirsch zählt zu den vielen Verlassenen, Einsamen, Untergehenden, von denen Saar erzählt Der im praktischen Leben gänzlich auf der Höhe ist, fühlt sich im seelischen, im Leben der Familie völlig hilflos, und da er sie verliert, ist er es unter den fremden Menschen erst recht. Fast alle Saarschen Gestalten sind typisch tur ihren Umkreis, und so glauben wir auch, dieser Familie und ihren einzelnen Mitgliedern viefältig begegnet zu sein. der Entrüstung und der Verurteilung, wenn die Redner von der Schmach des Nationalsozialismus, von der Barbarei des Dritten Reiches, von der aller Menschlichkeit und aller Kultur hohnsprechenden Behandlung der Juden in Deutschland sprachen. Und die Reden, die bei dieser Versammlung, der auch der Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. J. O r n s t e i n, und Oberrabbiner Dr. D. Feuchtwang beiwohnten, gehalten wurden! Wie anders waren sie als diejenigen, die die sogenannten „Führer" ihren Verrührten vorzusetzen pflegen! Da sprach Irene Harand, die Einberuferin der Versammlung, und man merkte es jedem ihrer Worte an: sie kommen vom Herzen und appellieren ans Herz. In einfachen Sätzen verkündete diese einzigartige Frau die Erkenntnis der Gerechtigkeit, die Religion der Menschenliebe, den unbeugsamen Willen, das unmenschliche Unrecht des Judenhasses aus der Gemeinschaft der Menschen auszumerzen. Und in der Gefolgschaft der Versammelten, ihrer Zustimmung und ihrem brausenden Beifall sah sie die Gewähr, daß ihr Lebenswerk ihr gelingen wird, daß sie, die als erste Christin aktiv den Kampf um die heilige Sache der Gerechtigkeit aufgenommen hat, nicht allein bleiben, sondern andere, ganze Massen für ihre Idee hinreißen wird. Und da sprach der Wiener jüdische Rechtsanwalt Dr. M. Zalman. der mehr als ein Jahrzehnt für die Armen und Bedrängten, ohne Rücksicht auf ihre „Rasse" oder Konfession kämpft. Ein wunderbares, einmaliges Erlebnis: zwei Redner sprachen nacheinander — eine Christin, die die Sache der Juden zu ihrer eigenen gemacht hat, und ein Jude, der sich uneigennützigst der Christen annimmt! Und dann diejenigen aus dem Publikum, die sich zum Wort gemeldet haben: Regierungsrat Dr. Lenk, der vom Herzen kommende Worte des Dankes im Namen der Wiener Judenschaft der Christin ausspricht, die den Mut hatte, dem Hakenkreuz und seinem verbrecherischen Judenhaß den Krieg zu erklären; ein arischer Flüchtling aus Deutschland, der in schlichten Worten die Zustände im Hitler- Land schildert; Kommerzialrat A. Salz er, der mit flammenden Worten die Juden aufrief, dem von Irene Harand geplanten Weltverband gegen Haß und Not beizutreten und nach ihren materiellen Mitteln beizutragen, daß die Bewegung groß und mächtig werde. Es war eine Versammlung, die jedem, der ihr beigewohnt hat, in Erinnerung bleiben wird. Aber es war nicht die einzige, nicht die letzte dieser Art Andere, von gleichem Enthusiasmus getragene, aber noch größere werden ihr folgen. Denn Irene Harand und die Ihren hoffen, daß es ihrem heiligen Eifer gelingen wird, den Judenhaß aus den Seelen der Menschen auszumerzen und der Wahrheit und Gerechtigkeit den richtigen Platz in der Welt zurückzugeben. Hägers Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans d o r Fabrik Eisen & Hönlgsber streng orth. nw (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel-Schiffschol) Wien II., PralerstraB« 33, Telephon R-47-4-49 ■enflk von 5 2.— aufwärt*. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert vorrätig, deren Preise wir wegen kleiner Schönheitsfehler lief herabgesetzt haben. W£2. M?WM*WM Ofenfabrik — Tel. B 20-2-28 IU. IfCIiU If, Preftüasse2& Bärendienste. Fast könnte man an Wunder glauben: In einer Czernowitzer Tageszeitung erschien eine Artikelserie, die alle von den Antisemiten gegen die angeblich kulturzersetzende Tendenz der Judenschait gerichteten Vorwürfe zu rechtfertigen bestrebt war. Diese traurige Tatsache an sich böte heutzutage keinen Anlaß zur Verwunderung: erstaunlicher waren die Folgen dieses Pamphlets: die Juden verursachten in» Gegensatz zu ihrer in ähnlichen Fällen üblichen Indolenz einen solchen Sturm gegen das Geschreibsel, daß dessen Autor aus der Oeüentlichkeit förmlich weggeweht wurde und im Dunkel verschwinden mußte, nachdem er sich allzulange" im Lichte der Politik hatte sonnen können. Eine Radiosendung aus dem Hitler-Reiche (Rundiunk Frankfurt, Trier, Kassel), wo man für jüdische Kundgebungen sonst nur wenig Interesse zeigt, sprach in diesem Zusammenhang von erfreulichem Mute eines jüdischen Führers. Und die „Wiener Neuesten Nachrichten", ein getarntes Naziblatt, überschlagen sich förmlich vor Entzücken über die Aeußerungen dieses nämlichen jüdischen Führers . . . Was ist da vorgegangen? Nichts, was auch nur einigermaßen diu vielleicht durch vorstehenden Bericht ausgelösten optimistischen Hoffnungen der Leser rechtfertigen könnte. Die Afiäre bietet keinerlei Lichtpunkte, sondern ist bei Lüitung aller Einzelheiten noch viel deprimierender als die summarische Meldung, die wir oben gelieiert haben, ahnen läßt. Der von so ungewohnter Seite gelobte „jüdische Führer" hat sich seine Lorbeeren nicht In tapferer Abwehr der antisemitischen Vorwürie verdient, sondern — als der Veriasser dieser Vorwürfe. Das ist Wunder Nr. 1. Er ist aber nicht etwa ein später Nachfahre jenes Renegaten Pfefferkorn, der am Ausgang des Mittelalters die groteske Tragikomödie mit vertauschten Rollen inszeniert hat, bei der der Jude als grimmiger Ankläger des jüdischen Schriittums und arische Christen, die Erfurter Humanisten, als glühende Verteidiger dieses Schrifttums agierten, sondern unser Czernowitzer Jude, der sich als bisher einziger seiner Rasse der Huld der Hitlerianer rühmen kann, ist, wie die „Wiener Neuesten Nachrichten" triumphierend feststellen, eine führende Persönlichkeit der Zionisten in der Bukowina und wurde auf dem Prager Zionistenkongreß in das große Aktionskomitee gewählt. Es ist Dr. Manired Reifer, der von sich behaupten durfte, daß er „als Politiker mitten drin steht im öffentlichen jüdischen Leben und vom Vertrauen einer jüdischen Partei getragen ist" Mit dieser Herrlichkeit ist es allerdings vorbei: Von der Exekutive der jüdischen Reichspartei Rumäniens, Region Bukowina, wird mitgeteilt, daß in der Sitzung vom 23. September die Demission des Herrn Dr. Manfred Reifer einstimmig angenommen wurde. Das ist Wunder Nr. 2 und es ist zweifellos das größere. Denn die an und für sich beschämende Tatsache, daß Juden unter dem Vorwand, jüdisch-„nationale" Belange zu verfechten, im Kampfe gegen die verhaßten Assimilanten ins selbe Horn stoßen wie die Antisemiten, sich deren Argumentik zu eigen machen und so oft sogar den absurdesten Hakenkreuz-Schlagern erst die Diskussionsfähigkeit zubilligen, hat iür den'regelmäßigen Leser zionistischer Blätter längst den Reiz der Neuheit eingebüßt. Man kann dieser Tatsache zwar vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes den Charakter eines Wunders nicht abstreiten, aber leider ist es eines jener Wunder, die durch ihre regelmäßige Wiederkehr das menschliche Empfinden für das Ungewöhnliche und Unnatürliche des Vorgangs schon einigermaßen abgestumpft haben. Wer findet auch nur ein einziges neues, nicht unzählige Male schon widerlegtes Wort in dem, was Dr. Reifer zur „Schicksalsfrage der deutschen Juden" vorbringt: „Die Assimilanten waren es, welche die Dinge zu verschleiern suchten und ihre letzte Karte auf

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.