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Die Wahrheit · 1933-10-11 · Heft 41 (11.10.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 41 (11.10.1933)
Date
1933-10-11
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT (J^J^SWW^ nur VU.6UR.6eASSE S M Schrift wird dargestellt, wie Adam, aus dem Paradies verjagt, von Gott den Ruf erhielt: „Dornen und Disteln wird dir der Boden hervorbringen, du wirst das Kraut des Feldes essen und im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen.*' Eine Sage unserer Weisen knüpft hier an und meint, daß Adam zuerst verzweifelt gewesen ist, als er von Dornen und Disteln hörte; als er aber das Wort vernahm, „im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brot essen", beruhigte er sich. Das Brot wog ihm den Schweiß auf. In den weiteren Büchern kommt die Sorge um das tägliche Brot stark zum Ausdruck. Einige Anführungen seien hier erwähnt: In ein und demselben Thoraabschnitt (Leviticus 26) heißt es: „Ihr werdet'* (wenn ihr den Gesetzen Gottes folget) „euer Brot bis zur Sättigung ■essen", und ebenso daselbst (so ihr mir nicht folgen werdet) „werde ich euch zerbrechendenStabdesBrotes."In seinen Sprüchen (Kap. 25) empfiehlt Salomon: „Wenn dein Feind hungert, gib ihm Brot zu essen."' An unserem heiligsten Tage lesen wir in der Haftara, dem Buche Jesaia, Kap. 58, entnommen, die Belehrung: „Brich für den Hungrigen dein Brot." Kein Wunder demgemäß, daß der Ritus als Ausklang unserer Festzeit das Gebet um Regen angesetzt hat. Ist doch der Regen die Voraussetzung für die Befruchtung der Erde, das Keimen der Körner in den Schollen, die sodann im Frühling in die Halme schießen, im Sommer reifen, im Herbst als Getreide in Garben eingeheimst werden und so das Mehl bieten für das nährende Brot Das Gebet um Regen ist demgemäß nichts anderes als ein solches um das tägliche Brot. Und dennoch reicht der Blick des Judentums auch über den Kreis des täglichen Brotes hinaus. Als die Himmelsgabe des Manna den Israeliten in der Wüste zuteil wurde, so sjeschah dies, wie es Deuteronomium, Kap. 8, heißt, „um zu zeigen, daß nicht des Brotes wegen der Mensch lebt, sondern durch alles, was aus dem Munde Gottes hervorgeht, lebt der Mensch.'4 Das Judentum kennt auch ein geistiges Brot, das Erarbeiten der geistigen und sittlichen Güter, wenn auch im Schweiße des Angesichtes, in Mühen und Qualen der Seele. Am Schluß des Laubhüttenfestes gab es einst in Jerusalem die Freude und den Jubel des „Wasserschöpfens". Es zogen die Priester und Leviten unter Musikbegleitung zum Bache Kidron hinab, aus dem sie das sogenannte „Wassergußopfer'' brachten, um reiche Ernte zu erbitten, nicht minder aber auch die Erfüllung des Prophetenwortes (Jesaia, Kap. 44): „Gleich wie ich Wasser auf dürstenden Boden ausgieße, fließendes auf Trockene, so gieße ich meinen Geist auf deine Nachkommen und meinen Segen auf deine Sprößlinge." Eine nüchterne Werktagszeit naht für den Herbst und Winter und aller Wunsch ist, daß das Gebet: „Gib uns unser täglich Brot" in reichlicher Fülle gewährt werde. Möge aber auch die geistige Das erste Jahrzehnt nach dem Hinscheiden eines großen Mannes hat seine besondere Bedeutung. Zumal, wenn dieser Mann im Lichtkegel der politischen Oeffentlichkeit gestanden. Der Gärungsprozeß des parteiischen Für und Wider hatte Zeit sich zu klären. Und selbst, wenn im Häuseradministration Adolf Krall I IV., Schleifmühlgassa 11 1 Beste Empfehlungen von in- und I ausländischen Hausbesitzern H Dunstkreis der unmittelbaren Nähe so manche, die einst sich als Freunde gaben, sich hinterher als treulos erwiesen, und nur die Feinde treu geblieben sind, der Gipfel wahrer Größe erhebt sich über das Dornengestrüpp und die Nebelschwaden der Niederung in den lichten, reinen Aether der Unsterblichkeit. So hat denn auch in diesen zehn Jahren nach dem Tode Dr. Blochs sein Andenken dem reißender denn je dahinbrausenden Strom der Zeit erfolgreich widerstanden. Noch konnte seine Biographie nicht geschrieben werden. Noch ist ja sein Wirken nicht abgeschlossen. Fortgesetzt erscheinen noch immer Erzeugnisse seines reichen STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentral«: Hl..-Rennwag 112, Tel. U 15-0-52 ORABSTEINLAGER: Zantralfrledhof, 3. Tor. Tel. U10-4-53 Nahrung uns nicht vorenthalten bleiben, daß der Regenstrom des Idealismus den harten Boden lockere für die Aussaat des Guten und Edlen, des Friedens und der Freiheit, der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe: Dies der Sinn des Geschem- Gebetes. Geistes, sowie Beiträge zu seiner Charakteristik und Lebensgeschichte. Nach der Herausgabe seines verbesserten und erweiterten grundlegenden Werkes „Israel und die Völker'* in englischer Uebersetzung folgte kürzlich der dritte Band seiner Memoiren mit einem Anhang seines treuen Freundes Chaim Bloch. Sein Bruder, der seinem literarischen Nachlaß seine besondere Sorgfalt zuwendet, ließ,die erstenbeiden Band« dieser „Erinnerungen" ins Hebräische übertragen. Sie sind in weiten Kreisen bereits zu einetn Volksbuch geworden. Die Gutach tenNöIdekes und Wünsch es in dem epochalen Bloch- Rohling-Prozeß sollten, wäre nicht die neue politische Wendung dazwischengetreten, von einem deutschen Verlage herausgegeben werden. Eine biographische Skizze, auch eine Auswahl aus seinem Briefwechsel sind in Breslau herausgekommen. In den jüdischen Enzyklopädien und Geschichtswerken wurde er gewürdigt. Eine seltene Ehrung, wie sie nur ganz wenigen Juden bisher zuteil geworden, bedeutet die Aufnahme Dr. Blochs in die „Allgemeine Deutsche Biographie'4. Andere Veröffentlichungen auf dieser Linie stehen noch bevor. So lebt sein Geist heute noch schaffend und wirkend unter uns. Daß sein Herz, von Arbeit und Enttäuschungen ermüdet, für uns zu früh den Dienst versagte, wie oft haben wir es gerade in den letzten Monaten wieder bitter beklagen hören! Angesichts der Vorgänge in Deutschland, wo man ihn nach seinem vollen Werte zu schätzen weiß, Dr. Josef Samuel Bloch sei. And. Zur 10. Wiederkehr seines Todestages (Hoschano rabbo). Peuitteton Ferdinand von Saar. Zum 100. Geburtstage. Von Ernst Lissauer (Wien). (Schluß.) Die Art, wie Saar Juden gestaltet, ist — was in diesem Zusammenhang zunächst erwähnt werden muß — weder judenfreundlich noch judenfeindlich. Vielmehr stellt er, wie immer, die Menschen, die Schicksale hin: „realistisch", das heißt wörtlich: „sachlich", lebensnah, mit nicht zahlreichen, doch sicheren Zügen und, im Falle des „Seligmann Hirsch", der ein typisch Saarsches Schicksal erleidet, voller Teilnahme. Ein früheres Gedicht, vom Jahre 1859, steht abseits: „Judäa", das, an sich nicht bedeutend, in merkwürdiger Ahnung die heutigen zionistischen Bestrebungen vorwegnimmt: In fernes Land, meerüber, laß dich senden. Verstreutes Stammvolk mit den scharfen Zügen, Dort magst du kräftig dich zusammenfügen. Um deines Schicksals dunklen Fluch zu wenden. Dann wirst du wieder mit entwöhnten Händen Der Patriarchen alten Boden pflügen. Wirst — das entsank bei irren Wanderflügen — Ein Schwert dir gürten um erstarkte Lenden. Hinwandeln wirst du unter schlanken Palmen, Wie einst, da Rachel ward zu Jacobs Lohne, Und dem Jehovah deine Opfer qualmen. Und wieder singt ein König auf dem" Throne Zur goldnen Harfe tief durchglühte Psalmen. Und zeugt der Nachwelt weise Salomone. Ein späteres Gedicht schildert „Das Judenweib", eine Hausiererin: „Feuerzeug. Zigarrenspitzen, Achselbänder, bunt gewirkt. Kleine Büchlein für Notizen Und was sonst ihr Korb noch birgt." Sie träumt von der Zukunft ihrer sieben Kinder: zwei sind schon in einem Bankgeschäft angestellt eine lochter singt, die zweite spielt vom Blatt, die dritte, kleine, wird zur Bühne gehen; die beiden jüngsten Knaben sind begabt „für Wissenschaft und Poesie" Saar hat sich als einer der ersten unter den Dichtern der älteren Generationen bemüht, seine Gegenwart in Versen darzustellen: aber er ist, mehr oder minder, in versifizierter Prosa stecken geblieben, wie gerade dieses Gedicht bezeugt: Der dort blickt vom Steinbalkone Des Palastes, hoch und licht — Ist der jüngste der Barone, Denn vom gleichen Stamme nicht? Und die Operheroine, Die so teuer man erkauft. Sang sie nicht als arme Trine Einst zur Probe ungetauft? Von des Geistes Macht getragen. Nahe zu des Herrschers Thron — Der Minister dort im Wagen Selbst ist eines Juden Sohn! — Doch der Inhalt dieses Gedichtes, die Züge, die er beibringt, sind bezeichnend: vor allem der FamUiensinn, mit dem die beiden Bankbeamten für die fünf jüngeren Geschwister sorgen, die sich der Wissenschaft und den Künsten widmen sollen: Bettelheim erwähnt, bezeichnenderweise, ein unvollendetes Gedicht aus früherer Zeit „Das Judenhaus", das schildert, wie der Dichter als Offizier in einer Judenherberge einquartiert wird, und wie ihm „der Gegensatz rastlosen Erwerbens der Alten und zielbewußten, zähen Studiums der Jungen" auffällt, es schließt, wieder höchst prosaisch, mit den Versen: ... In dem schon alles lag im Keim, Was heut zur Judenfrage wird. Dort meint er vermutlich das Studium des Talmud, hier das Ringen um die moderne Bildung. Wir berühren hier tiefere Zusammenhänge. Indem Saar die geschichtliche Entwicklung als Hintergrund seiner Novellen darstellte, mußte er auch die liberal-kapitalistische Wandlung der Gesellschaft andeuten, und in ihr die steigende Emanzipation, den Aufstieg der Juden. Und da Saar nach seinem Naturell, durchaus einseitig, die absteigende geschichtliche Linie betont, da er fast nur Unterliegende gestaltet, so mußte ihm, als Gegensatz, die aufstrebende Linie des 'Judentums besonders auffallen, wie er sie auch künstlerisch im gleichen Sinne verwenden konnte. Hier spürte er jene Zähigkeit und Energie, die nicht dem österreichischen Menschen, aber den Saarschen Gestalten fast durchwegs mangelt. Uebrigens ist es charakteristisch, daß die österreichische Dichtung, im Gegensatz zur österreichischen Geschichte, an unenergischen Charakteren reicher ist als an energischen. Jener Gegensatz tritt, als Nebenmotiv, besonders deutlich hervor in der Novelle „Vae victis!" Jener General von Brandenberg kehrt, wie schon erwähnt, aus dem Feldzug von 1859 als ein Geschlagener zurück. Seine Frau Corona wendet sich neuen liberalen Kreisen zu. Hier heißt es: „Corona war nämlich in Ischl mit einigen jener reicher, jüdischen Familien bekannt geworden, welche, im Laufe der Zeit zu immer größerem Ansehen gelangend, in ihren glänzenden Wiener Salons alles um sich zu versammeln pflegten, was in der Gesellschaft und im öffentlichen Leben Geltung besaßoder anstrebte. Auf das zuvorkommendste empfangen, berauscht von der Atmosphäre vornehmster Bildung, die ihr hier zum ersten Male entgegenwehte, fühlte Corona, wie sich ihr in dem reizend gelegenen Alpenbade ein ganz neuer Gesichtskreis erschloß, der sie um so mehr entzückte, als der in jenen Kreisen herrschende, zu geistvoll ätzendem Spotte verfeinerte Ton des Widerspruchs ihrem kalten, zu scharfer Kritik geneigten Verstände besonders zusagte." Aehnlich charakterisiert Saar in der Novelle „Hymen" den .jungen Modegelehrten" aus der Schule Brandes' und Nietzsches: „Es war ein gefährlicher Tischnachbar, der ihr da den feingeschnittenen orientalischen Kopf und die geistsprühenden Augen beständig zuwandte und sie mit dem Zauber seines Wortes zu umstricken schien." Während Saar also in den Gedichten an Josephine und Franziska von Wertheimstein, in den Grabreden, auch in „Judäa" und im „Judenweib", die Kraft des Fühlens herausarbeitet betont er in den Novellen vornehmlich Intellekt und Intellektualismus. Wieder anders steht es um „Seligmann Hirsch". Dies ist nicht nur eine der meisterlichsten Novellen innerhalb des Saarschen Werkes und der gesamten österreichischen Dichtung, sondern zugleich eine der meisterlichsten Darstellungen jüdischen Wesens, natürlich nicht des gesamten, sondern gewisser, charakteristischer Typen. Und zugleich eine spezifisch Saarsche Novelle, eine spezifisch Saarsche Gestalt Hirsch ist ein galizischer Jude» der es zu Vermögen gebracht hatte; sein Sohn studiert, wird Bankbeamter, macht Karriere, wird reich; auch die Tochter Iniratet einen wohlhabenden Mann. Hirsch aber ist inzwischen verarmt, wird bei den Kindern mit größter Herzlichkeit aufgenommen, macht sich jedoch durch sein zudringliches, störendes, Verwirrung stiftendes Betragen, im großen und kleinen, unleidlich. Dazu kommt, daß seine Manieren in die Welt des Sohnes nicht hineinpassen. Die ehrgeizige Schwiegertochter bestimmt ihren

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