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Die Wahrheit · 1933-10-04 · Heft 40 (4.10.1933) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sehe 8 Die Katastrophe von Bukarest. Am Morgen des Jörn Kippur gelangte nach Wien die entsetzliche Nachricht von dem furchtbaren Unglück, das am Erew Jom Kippur Andächtige in der Synagoge des Bukarester Handelsviertels betroffen hat. Diese Katastrophenmeldung löste hier allgemeines Mitgefühl aus, sie war Gegenstand bewegter Erörterungen in den Wiener Gotteshäusern und fast in allen Maskirpredigten wurde dieses grauenhaften Ereignisses gedacht, dessen Opfer gottesfürchtige Frauen gewesen sind. Die Einzelheiten des Unglückes sind aus den Meldungen der Tagespresse bekannt: ein Fehler in der Lichtleitung verursachte einen Kurzschluß, als dessen Folge eine Verfinsterung eines Seitenraumes des Tempels eintrat. Da an die Leitung auch ein Lüftungsmotor eingeschaltet war, begann gleichzeitig dessen Getriebe an der Decke der Synagoge Funken zu sprühen. Die teilweise Verfinsterung des Gotteshauses und die sprühenden Funken veranlaßten einen Mann zu der irrigen Ansicht, daß Feuer ausgebrochen sei, so daß er das nächstgelegene Fenster zertrümmerte, auf die Straße sprang und „Feuer!" schrie. Sein unheilvolles Gehaben führte zu einer katastrophalen Panik, namentlich auf der Galerie, von der aus Frauen und Mädchen über den engen Treppenaufgang nach den Ausgängen stürmten. Zehn Frauen wurden hiebei zu Tode getreten, vierzig andere mehr oder minder schwer verletzt. Von den Männern kam niemand zu Schaden, da sie durch die hreiten Ausgänge ohne weiters ins Freie gelangen konnten. — Die Wiener Judenschaft nimmt innigen Anteil an dem Schmerze ihrer Bukarester Glaubensgenossen, die am heiligsten jüdischen Tage von einem solch schweren Unglück ereilt wurden. Ussischkin in Wien. In der Vorwoche weilte der gewesene Präsident der Zionistischen Exekutive in Palästina und gegenwärtige Präsident des jüdischen Nationalfonds, Ing. M. M. U s s i s c h k i n, in Wien. Dem illustren Gaste, dessen Prominenz jeder Jude, wie immer er auch innerjüdisch eingestellt sein mag, janerkennen wird, wurden hier in Wien, das er auf seiner Heimreise nach Palästina berührte, große Ehrungen zuteil. Feierlicher Empfang am Bahnhof, Presseempfang, ein großer Vortrag im Musikvereinssaal und kleinere Vorträge an anderen Orten, darunter ein sehr interessanter über die hebräische Universität im Handelsmuseum, Empfang in der Kultusgemeinde, Besuch des Seitenstettentempels und des Jugendfestgottesdienstes im Hotel „Post" am Jom Kipur, schließlich ein stimmungsvoll verlaufenes Abschiedsbankett, das waren die Hauptereignisse des einwöchentlichen Aufenthaltes. Man mag vielleicht über diese Häufung von Festivitäten in solch ernster Zeit skeptisch denken, es steht fest, daß Ussischkin, der gerade in den Tagen des Prager Kongresses seinen 70. Geburtstag feierte, ein bedeutender Mann ist. Er ist es, der in unwandelbarer Treue drei jüdischen Generationen richtunggebend gewirkt hat, wenn auch in einer Richtung, über deren Problematik er seihst bei verschiedenen Gelegenheiten sehr Ernstes zu sagen wußte. Denn für ihn gilt nicht jenes Mandat- Palästina, in dem heute Juden siedeln, sondern aus dem Gedanken heraus, daß „Diplomaten gehen und Konferenzen geschlossen werden", das historische Palästina. Daß dieses Land für eine größere Menge von Juden aufnahmsfähig wäre, ist unbestreitbar, aber hat nicht die gerade in diesen Tagen stattgehabte Debatte vor dem Völkerbund bewiesen, daß Ussischkin, der sonst so nüchterne Denker, mit der Hoffnung auf ein größeres Territorium den Boden der Gegebenheiten verläßt? Daß er, der technisch Geschulte, ein klarer Denker ist, bewies seine Schilderung der Möglichkeiten der Aufnahme von deutschen Flüchtlingen. De facto besitzt der jüdische Nationalfonds keinen freien Boden, da auf jeden neuen Boden, der erst gekauft werden soll, bereits eine große Anzahl von dem Lande eingesessenen Gruppen reflektieren. Viel Hoffnung setzt Ussischkin auf das Gebiet zwischen Haifa und Akko, das seiner Ansicht nach große wirtschaftliche Zukunft besitzt. Sehr skeptisch beurteilt er dagegen die aus naheliegenden Gründen gemeinschaftlich erfolgende Siedlung der deutschen Juden, die sprachlich und kulturell eine Angleichung an die Umgebung verhindert. Nicht besonders gut scheint Ussischkin auch auf England zu sprechen zu sein. Für Engländer, sagte er unter anderem in seinem großen öffentlichen Vortrage, ist Palästina das Land der Statistik, für uns Juden ist es Erez Israel. Ja er verstieg sich sogar zu dem Gedanken: „Bei Erleichterung der jüdischen Arbeit wird England 18 Millionen Freunde in der Welt haben, bei Erschwerung können es 18 Millionen Feinde sein.'' Alles in allem, Ussischkins Anwesenheit in Wien bot viel Interessantes und wird vielleicht auch dazu beigetragen haben, jene Idee zu verwirklichen, die er, der die Einigkeit im Judentum als absurd ablehnt, für unbedingt förderungswürdig hält, die Idee der Verständigung zwischen den Parteien des Judentums. Spaltung in der „Jüdisch' Demokratischen Arbeits' gemeinsehaft". Die „Vereinigung der werktätigen Juden ', mit der die „Union Österreichich er Juden" anläßlich der letzten Kultuswahlen unter Beiseitestellung so mancher Bedenken und Hemmungen zur Durchführung eines festumschriebenen Programmes eine Wahl- und Arbeitsgemeinschaft abgeschlossen hat, hat plötzlich gelegentlich der letzten Plenarsitzung des Kultusvorstandes die überraschende Mitteilung gemacht, daß sie diese Arbeitsgemeinschaft für aufgelöst erkläre und damit ihre volle Selbständigkeit wieder gewonnen habe. Es ist eigentlich nicht den Tatsachen entsprechend, zu sagen, daß diese Erklärung seitens der „Vereinigung" abgegeben wurde, denn es hat sich hinterher herausgestellt, daß zumindet zwei von ihren vier Herren .sich ebenso wie die „Union' selbst vor ein fait a compli gestellt sahen. Auf die Motivierung dieses überraschenden Schrittes erübrigt sich, vorläufig näher einzugehen. Nur so viel sei heute festgestellt: Die „Union" hat niemanden jemals in Zweifel darüber gelassen, daß sie als eine überwiegend bürgerlich eingestellte Partei ihren guten alten jüdischen Grundsätzen treu bleiben will und wird. Auch der ..Vereinigung der werktätigen Juden'* wurde bei Abschluß des Paktes dieser Wille klar und unzweideutig zum Ausdruck gebracht. Wenn einzelne Herren dieser Vereinigung im stillen dennoch etwas anderes erwartet und erhofft haben und nun vielleicht enttäuscht sind, so liegt nicht an uns, sondern an ihnen die Schuld. Die „Union" wird in der Kultusstube niemals eine andere als eine jüdische Politik verfolgen und sie hat nur den einen Wunsch, daß auch alle anderen Gruppen diesem Leitsatze huldigen. Die Mandatare der „Union" in der Kultusstube werden auch weiterhin den ihnen von ihrem jüdischen Pflichtbewußtsein diktierten Weg gehen, von nun an unbeschwert von manchen Hemmungen. Jede*£esevhat dasWowtl Wir erhalten folgende Zuschrift; Als treuer Leser Ihres Blattes bitte ich. folgenden Zeilen in der „Wahrheit" Raum zu geben. Am 29. d. M.. Freitag abend. Erew Jaum Kippur. um haJb 9 Uhr, hat Herr Dario M e d i n a, der spaniolischer Jude ist, in der Ravag gesungen. Üehar dieses Vorgehen herrscht allgemeine Empörung: HerT Medina hätte wohl diese Mitwirkung aus religiösen Gründen um ein paar Tage verlegen können, was von dfer Direktion der Ravag sicher gern bewilligt worden wäre. Da Herr Afedina bei vielen jüdischen Veranstaltungen gegen gutes Honorar mitwirkt, hätte er der Religion gegenüber so viel Achtung erweisen müssen," daß er an dem h leii 1 i g s t e n Tag des Jahres diese Mitwirkung absagen hätte sollen. Besten Dank für die freundliche Veröffentlichung zeichnet hochachtungsvoll Josef Grohs. Auf zahlreiche Anfragen. Die von uns beabsichtigte Wiedergabe von Auszügen aus den Reden der beiden Wiener Oberrabbiner bei ihren Installierungen mußte in der dieswöchentlichen Nummer aus Raumgründen unterbleiben. Wissen Sie schon daß Dienstag abends im Bayrischen Hof eine über-r wiegend von Christen besuchte Massenversammlung*) stattfand, in der Frau H a r r a n d und die Herren Dr. M. Zalman, Reg.-Rat Dr. M. Lenk und Komm.-Rat A. S a 1 z e r leidenschaftserfüllte Reden gegen den deutschen Rassenhaß hielten, die von der vielhundertköpfigen Versammlung mit stürmischer Zustimmung aufgenommen wurden? daß Frau Irene Harrand, die mutige christliche Vorkämpferin gegen die Kulturschande des Antisemitismus, in dieser gewaltigen Kundgebung u. a. berichtete, daß ihr Fürsterzbischof Dr. I n n i t z e r gelegentlich einer Audienz wörtlich folgendes sagte: „Der Rassenhaß ist unchristlich. Entscheidend ist nicht die Rasse, sondern die Seele. daß das Polizeiinspektorat von Broux (New York) jene jüdischen Kaufleute, die ihre Geschäfte an Sabbathtagen regelmäßig geschlossen Halten, von der Einhaltung der Zwangssonntagsruhe befreit hat? daß aus dem Bestreben heraus, die Liturgie des evangelischen Gottesdienstes zu „verdeutschen", die hebräischen Bezeichnungen „Amen" und „Halleluja" durch deutsche ersetzt werden sollen, und zwar durch „Das walte Gott", bezw. „Lobe den Herrn"? daß die katholischen Organisationen gegen die Verordnung des Regierungspräsidenten von Schleswig, daß aus den Religionsbüchern die Geschichte von Isaaks Opferung gestrichen werden soll, Protest eingelegt haben, weil diese Eigenmächtigkeit eines Präsidenten dem mit dem Vatikan abgeschlossenen Reichskonkordat zuwiderläuft, wonach die Frage des Religionsunterrichtes ausschließlich Sache der Kirche sei? * daß der Landeskirchenrat der Thüringischen Evangelischen Kirche ein Gesetz beschlossen hat, demzufolge als Pfarrer oder Hilfspfarrer, bezw. als Kirchenbeamter nicht berufen werden darf, wer nicht arischer Abstammung oder wer mit einer Frau nichtarischer Abstammung verheiratet ist, sowie daß Geistliche oder Kirchenbeamte, die diesen Anforderungen nicht entsprechen, in .den Ruhestand versetzt, oder sofern sie noch nicht unwiderruflich angestellt sind, entlassen werden können? daß das Präsidium der Reichsleitung des Reichsverbandes Deutscher Schriftsteller beschlossen hat, nur arische Schriftsteller als Mitglieder zu führen? * daß der Preußische Kultusminister einen Erlaß herausgegeben hat, demzufolge in Zukunft die Genehmigung zur Anfertigung von Lichtbildaufnahmen nur noch arischen Presseillustrationsfirmen erteilt werden darf; auf ausländische Firmen findet dieser Erlaß keine Anwendung. * daß das Stadtratskollegium in Nürnberg einstimmig beschlossen hat, es dürfen den Juden im städtischen Leihamt weder Darlehen gewährt werden noch ist ihnen die Teilnahme an Versteigerungen im Leihamt gestattet? * daß auf Anordnung der Bürgermeisterei Gießen Nichtarier vom Besuch des Herbst-Pferdemarktes ausgeschlossen waren? ') Wir kommen auf diese grandiose Veranstaltung noch ausführlich zurück. D. R. Zeichnet O Treffer-Anleihe bei der Lebens-Versicherungs-Gesellschafft „PHÖNIX" Geschäftsstelle II., Aspernbrückengasse 2 Telephon R 43-500

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