Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-10-04 · Heft 40 (4.10.1933) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064388--19476-3084617
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

P1B WAHRHEIT Seite 7 Wien I., Seitenstettengasse 2, Tel. U 28-1-88 XL, Zentralfriedhof, Uta im I. C«, Tel. U18-0-85 Ordnung in der Aula. Mit einer gewissen Genugtuung erfährt man, daü an den Hochschulen in Oesterreich von nun an jene Ordnung herrschen soll, die für das gesamte sonstige Gebiet der Republik selbstverständlich ist. Für die jüdische Oeffentlichkeit ist diese Genugtuung mit schmerzlichen Gefühlen gemischt. Nicht die Tatsache, daü Menschen schlechthin, treue Staatsbürger, jahrelang an den Hochschulen von Horden überfallen und mißhandelt wurden, war für die Regierung der Anlaß, die Hochschulen dem allgemeinen Sicherheitsdienst zu unterstellen; vergeblich hatten dies die Juden Wiens für ihre mißhandelten Töchter und Söhne gefordert. Erst als katholische Studenten von ihren nationalsozialistischen Kommilitonen mißhandelt wurden, zeigte die Regierung ihre Entschlossenheit. Sei dem wie immer, letzten Endes ist die Tat erfreulich. Jene nebulose Autonomie, die nur Schutzlosigkeit für die den Nationalsozialisten nicht genehme Hörerschaft bedeutete, ist gefallen und mit dieser Tatsache werden sich jene nationalsozialistischen Professoren abfinden müssen, die mit schemheiligem Augenaufschlag gegen das Eingreifen der Regierung in die Hochschulskandale waren. Ein ganz anderer Geist als aus ähnlichen Erlässen seiner Amtsvorgänger, denen es nur darum zu tun war, sich die Gunst ihrer jugendlichen Gesinnungsgenossen zu verschaffen, spricht endlich aus dem Aufruf des neuen Rektors der Universität Prof. Tomek. Freie Bahn für eine gesunde Hochschulpolitik ist durch die Tatsache geschaffen, daß die sogenannte „Deutsche Studentenschaft'' endlich zu bestehen aufgehört hat. Vorüber ist die Zeit, wo sich deren „Aemter" an der Universität breit machten, während es an Lokalitäten für den Hochschulbetrieb mangelte. Um dem korporativen Zug der Gegenwart Rechnung zu tragen, hat die Regierung als Bindeglied zwischen Studentenschaft und der Unterrichtsverwaltung einen Sachwalter bestellt. Der Hinweis bei seiner Bestellung, daß es seine Aufgabe u. a. sein wird, die Jugend im vaterländischen Sinne zu beeinflussen, läßt uns Juden hoffen, daß die jüdische Jugend, die bisher infolge der Vorherrschaft einer österreichfremden Ideologie auf unseren Hochschulen schwer benachteiligt war, nun jene Rechte erlangen wird, auf die sie als staatsbejahendes und vaterlandstreues Element Anspruch hat. Veröjfentficfiungen der „Jugend-Union" Der 1. gesellige Abend der Jugend-Union findet Samstag, den 7. Oktober, halb 9 Uhr abends, im Goldsaal des Cafe Silier, L. Schwedenplatz, statt. Erstklassige Akademie und Jazz.! Karten im Vorverkauf S 1.—, an der Abendkassa S 1.50. Besuchen Sie unseren Eröffnungs-Abend, Sie werden gerne Gäste unserer Veranstaltungen bleiben! Die Leitung der Jugend-Union. Mittelalter. Dieser Tage wurde durch eine Denkschrift die geplante deutsche Strafrechtsreform bekannt. Diese „Reform" zeigt in aller Deutlichkeit, wie tief ins Mittelalter Deutschland zurückgefallen ist. Daß im neuen Strafrecht die Anwendung der Todesstrafe häufiger als bisher verlangt wird, ist nicht weiter verwunderlich. Die Erfüllung dieser Forderung ist ja schon durch die jetzt geltende Praxis vorweggenommen. Unglaublich will es scheinen, daß der Rechtssatz „Keine Strafe ohne Gesetz", der nach einer Jahrhundert alten Rechtsentwicklung Gemeingut aller Rechtsordnungen schien, autgegeben wird. In Zukunft wird es möglich sein, daß der Richter eine Handlung, „die nach gesunder Volksanschauung sittlich verwerflich ist", das heißt mit anderen Worten, der Regierung nicht genehm ist, bestrafen wird können. Etwas erheiternd in diesem sonst jeden Kulturmenschen tief traurig stimmenden „Kulturdokument" wirkt das als neues Verbrechen eingeführte Delikt des Rasseverrates. Als Rasseverräter wird nämlich bestraft werden, wer durch Vermischung des deutschen Blutes mit einem Angehörigen einer fremden Rasse zur rassischen Verschlechterung und Zersetzung des deutschen Volkes beiträgt. Hier findet jener psychologische Zug des neuen Deutschland, mangels positiver Leistungen durch Verachtung der anderen das eigene Selbstgefühl zu behaupten, den Niederschlag im Strafgesetzbuch. „Unsere Leistungen", Kürzlich hielt Dr. Goebbels im Berliner Sportpalast eine große Rede zur Einleitung des Winterieldzuges gegen Hunger und Kälte, in der er, dem Bericht des „Berliner 8-Uhr-AbeindbIattes" zufolge. unter anderem erklärte: Wir haben es gar nicht nötig. Propaganda zu treiben. Die Propaganda betreiben für uns die Juden und die Emigranten. Allerdings muß ich sagen, an der Klugheit der jüdischen Rasse beginne ich zu zweifeln. Ist das klug, wenn das Judentum nun wehleidig durch die Länder Europas schreitet, um seine eigene Not zur Schau zu tragen? Das ist sogar sehr unklug, denn dadurch werden die anderen Länder nur auf die Judenirage aufmerksam. Die Juden täten gut daran, wenn sie sich geräuschlos in die Versenkung zurückzögen. Im übrigen lassen wir uns nicht beirren, sondern für uns sprechen unsere Leistungen. Am gleichen Taxe sab es folgende „Leistungen": Auf Grund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Hcrufsbeamlentums sind an der Universität Köln der Staatsrechtler Prof. Dr. Hans Kelsen, bekanntlich der Schöpfer der österreichischen Verfassung, und der Ordinarius für romanische und vergleichende Philologie, Prof. Dr. Leo Spitzer, in den endgültigen Ruhestand versetzt worden. In H a in b u r g wurden der Anatom Heinrich Moll und der Jurist Albrecht Mendelssohn- B a r t Ii o 1 d y pensioniert. Geheimrat Mendelssohn- Bartlioldy, der durch seine Arbeiten aui dem Grenzgebiet zwischen Recht und Weltpolitik internationalen Ruf erlangt hat, gilt als einer der hervorragendsten Kenner des ausländischen, insbesondere des englischen Rechts. Als solcher hat er auch die deutsche Regierung bei den Friedensverhandlungen in Versailles vertreten und gehörte mit zu den Herausgebern der großen Publikation der Kriegsakten. Er lehrte ursprünglich in seiner Geburtsstadt Karlsruhe. 1905 bis 1920 als Ordinarius des bürgerlichen Rechts und Zivilprozesses in Würzburg, das er wegen antisemitischer Anwürfe, denen er entschlossen entgegentrat, verließ, um eine in Hamburg neugegrüudete Professur für ausländisches Recht zu übernehmen. Gleichzeitig übernahm er die Leitung der Zeitschrift „Europäische Gespräch e'\ die viel zur Aufklärung der öffentlichen Meinung der Welt über die Kriegsschuldige beitrug und eine friedliche Revision des Versailler Vertrages anstrebte. Professor Mendelssohn ist Ehrendoktor der H a a g e r U n iv e r s i t ü t. In Berlin scheidet der bekamrte Wirtschaftsrechtler Professor Arthur Nußbaum aus. Das Untersuchungsverfahren gegen Stavsky und Achi Meir. Im Untersuchungsverfahren gegen die der E rmordiiiig Dr. Arlosoroffs beschuldigten Stavsky. Rosenblatt und Achi Meir wurde der Polizist Kollier einvernommen. Er erzählte, daß S t u v s k y. den er mit Sicherheit wiedererkenne, zur Zeit des Bauarbeiterstreiks in Petach Tikwah Ende /»Hirz i n einen Beton block eine Grabinschrift für D r. C Ii a i in A r 1 o s oroff eingemeißelt hatte. Stavsky war mit anderen revisionistischen Arbeitern als Streik- UgglenfcdHs Könißslichl Wmmmmmmmmmmmmmm k GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM, KORNMEHl WIEN IX., BBMOASSB NR. 1» MUAUi xwii.v wAmuMornsnussni vt Telephon Nr. A 17-349 nad A 18-3-34 Ltotarant fOr HallanatattM AbteilungentfirKoscherfleisch watet* Aufsieht 4.mm ahnt. RabbimtM «ter lar. Kwltusfl«m>jind* WIu. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prhna-Qualität zu den billigsten Marktpreis« brecher nach Petach Tikwah gekommen. Der Polizist Keßler, der bei einem von Streikposten bewachten Hause Dienst tat, beobachtete Stavsky. wie er in einen Betonblock folgende Worte eingrub: „Hier ruht der Leiter der Jewish A g e n c y Dr. C h a i m A r I o s o r o f f." Der Polizist Keßler warf den Block auf den Grund der Erdaushebung für einen Neubau, um zu verhüten, daß die Arbeiter die Inschrift lesen, was leicht zu Unruhen hätte führen können. Am nächsten Tage fand er einen Betonblock mit einer ähnlichen Inschrift für Ben Gurion, den bekanntesten palästinensischen Arbeiterführer. Begräbnis des Chofex Chaim* Das Begräbnis des Chofez Chaim in Radin am 17. September gestaltete sich zu einer gewaltigen T r a u e r k u n d g e b u n g. Obwohl viel© zehntausende Trauergäste die kleine Stadt überfüllten, wurde die Ordnung durch die Hörer der .leschiwah, die der Verstorbene geleitet hatte, mit Unterstützung der Polizei musterhaft aufrechterhalten. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen viele Hunderte von Rabbinern und Delegierten jüdischer Gemeinden aus ganz Polen, sowie Vertreter der Behörden teil. Hörer der Jeschiwah trugen die Bahre und schritten mit ihr rings um den Almemar der Synagoge, von dem aus die Trauerreden gehalten wurden. Am Grabe selbst wurden keine Ansprachen gehalten. In einer Versammlung der nach Radin gekommenen Rabbiner wurde der 25. September feierlich als Tag der Volkstrauer nach dem Chofez Chaim proklamiert. Der Sabbath im Heiligen Lande. Vor dem Polizeirichter hatten sich eine Anzahl von Mitgliedern der Schomre Schabbos- Organisation zu Tel Awiw wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung zu veratitw-.rten. Die Beschuldigten hatten an einem Sabbathtage den Warenverkehr in der Allenby Street in der Nähe der Grollen Synagoge gewaltsam aufgehalten und hatten sich außerdem wegen Widerstandes gegen die Polizei und tätlichen Angriffs auf Polizeibeamte zu verantworten. Eines der Automobile, die damals aufgehalten worden waren, war von dem stellvertretenden Distriktskommissär für den Süddistrikt R. F. H. Crosby und von dem assyrischen Patriarchen Mar Shimun besetzt gewesen, der auf der Reise ins Exil nach Cypern Palästina besuchte. Sechs Angeklagte wurden zu je einem Pfund Geldstrafe verurteilt und mußten einen Revers unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, sich jeder Propaganda innerhalb der nächsten sechs Monate zu enthalten. Der Führer der Gruppe. Rabbi Berman. wurde zu sechs Pfund Geldstrafe verurteilt und mußte einen auf einen längeren Zeitraum laufenden Revers unterschreiben. Anfangs hieß es, daß die Verurteilten den Erlag der Geldbuße verweigern und die für diesen Fall vorgesehene Strafe von zehn Tagen Gefängnis auf sich nehmen würden. Einer der Beschuldigt, u, der Lehrer Noah Seheinield, schilderte, wie der Sabbath damals öffentlich entweiht worden war, und die gereizte Stimmung der dadurch in ihrem religiösen Empfinden getroffenen Bevölkerung. Er erklärte auch, Polizisten hätte» eine Anzahl von Besuchern der Großen Sy tili g o g e, in deren Nähe es zu den Ruhestörungen kam, beleidigt. Kommissar Pollock erklärte in seiner Urteilsbegründung, das agressive Vorgehen der Beschuldigten beE ihrem Versuche, die Beobachtung der Sabbathruhe zu erzwingen, habe zu einer Verletzung der Landesgesetze geführt. Hochwertiger englischer tmd französischer Unterricht/ einzeln und in Gruppen, spezialisiert für Auswanderer. Audi Übersetzung von Offerten etc. in beide Sprachen. VIII., Kodig. 22/15. zu sprechen Dienstag und Freitag. 6—8 Uhr abends.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.