Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 40 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Kulturbund deutscher Juden. Von Intendant Dr. Kurt Singer, Berlin. Am 1. Oktober trat der Kulturbund deutscher Juden mit der Aufführung von „Nathan der Weise", auf die wir noch zurückkommen werden, vor die Berliner jüdische Oeffentlichkeit. Wir veröffentlichen im folgenden einen Aufsatz aus berufener Feder, der sagt, was dieser Kulturbund will und wie er bisher geworden. Wir können bei dieser Gelegenheit nicht das Bedauern darüber unterdrücken, daß in Wien, wo Material wahrlich genug vorhanden, eine ähnliche Gründung durchzuführen, bisher aus verschiedensten Ursachen nicht möglich gewesen ist. Nicht immer ist es klug, daß erst das eiserne Muß zur Schaffung einer guten Sache führt, die bei etwas gutem Willen trotz aller Schwierigkeiten ausführbar wäre. Die Red. Der Kulturbund deutscher Juden beginnt seine Arbeit. Da mag es angebracht sein, die Stationen seines Werdens rückblickend zu schildern und seine Ziele vorwärtsschauend noch einmal zu umreißen. Das Werk steht in seiner Organisation, seinem Grundriß und seinem Fundament fest da. Nicht in seiner Weite und Ausdehnung. Wir werden Schritt für Schritt Gebiet und Grenzgebiet der deutsch-jüdischen Kulturinteressen abschreiten, bis wir nach Plan, Gehalt, Bau und Erfülltheit ein wahrer Gemeinschaftsbund geworden sind. Die größten Schwierigkeiten sind überwunden, die Erklärungen der Regierung, sowohl bei der Genehmigung des Bundes, seiner Rechte und Pflichten, als auch in der Oeffentlichkeit haben uns in den Stand gesetzt, drei Monate lang für das Werk zu werben, drei Monate Tag- und Nachtarbeit in das Gelingen unserer Idee zu investieren. Der von meinen Mitarbeitern und Helfern, vom Regisseur bis zum Bühnenarbeiter, vom Verwaliungschef bis zum Boten aufgebrachte unerhörte, beispiellose Idealismus aller für alle hat uns vorwärtsgebracht. In den Tagen, da wir deutschen Juden mit schwerer Einbuße unserer bisherigen Arbeitsfreizügigkeit rechnen mußten. Anfang April, kam der junge Regisseur Kurt B a u m a n n mit einem Organisationsplan zur Gründung eines Theaters und einer Mitgliederorganisation zu mir. Ich hatte einen ähnlichen Plan ausgearbeitet und überreichte beide zur Prüfung Herrn Rabbiner Dr. B a e c k. Mit der Befürwortung durch ihn zog ich zu ersten Besprechungen führende Männer jüdischer Organisationen heran. Ueberall war Wille zur tätigen Hilfe und Mitarbeit vorhanden. Ueberall brach durch alle Skepsis eine Hoffnung produktiv durch. Ein Arbeitsausschuß formulierte Statuten, ein anderer bereitete Werbeabende organisatorisch, ein anderer künstlerisch vor. Ich überreichte offizielle Anträge zur Genehmigung des „Kulturbundes deutschar Juden" den verschiedenen Regierungsstellen. Im Juli wurde mir die Genehmigung zur Gründung des Kulturbundes und zur Pachtung eines Theaters erteilt unter der Bedingung, daß nur Juden Mitglieder des Bundes seien, und daß nur Mitglieder Zutritt zu den geschlossenen Veranstaltungen haben dürfen. Ein Kartenverkauf darf in keiner Form stattfinden.*) Es kamen die Werbeäbende in den Synagogen, mehr als 10.000 Menschen hörten, was die Herren Rabbiner Baeck, P!rinz, Warschauer, Wiener zum Thema des religiösen Judenproblems, was Bab, L i 1 i e n t h a 1, ich selbst zu organisatorischen und künstlerischen Fragen des Bundes zu sagen hatten. Die Stimmung dieser Abende, deren Gelingen den Künstlern und dem Entgegenkommen der Berliner Jüdischen Gemeinde zu danken war, ist uns unvergeßlich geblieben. Hunderte von Interessenten gaben Namen und Adresse bekannt. Ende Juli konnten wir, über Wünsche und Hoffnungen vieler Tausender orientiert, unsere Werbeschrift verschicken. Die Wirtschaftshilfe, der C.-V.. dfe Zentralwohlfahrtsstelle der Jüdischen Gemeinde und andere stifteten uns Einzelbeiträge, Förderer setzten sich helfend für unsere Arbeit ein. Im Juni hatten wir in meiner Privatwohnung mit primitivsten geldlichen Mitteln ein „Büro" eröffnet, das zuerst fünf, später zwölf Menschen beschäftigte. •Dann begann die Werbung. Persönliche, literarische, annoncenmäßige, durch Berichte an die jüdischen Blätter, durch Pressebesprechungen, durch enge Zusammenarbeit mit der Künstlerhilfe, durch Vorträge, durch Zusammenschluß mit den Jugendorganisationen, den Logen, dem Fiauenbund. Mit großer Bereitwilligkeit stellten sich uns die führenden deutsch-jüdischen Zeitschriften aller Richtungen zur Verfügung. Sie waren unsere einzigen Vermittler zwischen Bund und Publikum. Inzwischen war der Ruf des Kulturbundes auch zu den deutschen Juden außerhalb Berlins gedrungen. Die Interessengemeinschaft der großen Provinzstädte mit unseren Bestrebungen wurde durch Rat und Informationen, durch das Streben, vorbereitend mitzuhelfen, gestützt. Der Gedanke, die gesamten Kulturbünde der deutschen Juden einheitlich zu formen, von Berlin aus als Zentrum, mit Zweigstellen in den verschiedenen größeren Städten, wurde nachdrücklich begrüßt, seine Verwirklichung auf einen späteren Termin verlegt. In *) Vielleicht fürchtet man. daß Arier Geschmack finden könnten an guten Stücken cder guten Aufführungen und statt der Staatstheater. Wotan behüte, das jüdische Theater frequentieren. D. Red. CIjIJSIUSBAD KUB- UND BAJDEAPfSTAIiT WIEN IX., CLUSIUSGASSE NR. 12 an der Friedensbrücke gelegen ~- ~ Original Russlsdies Dampfbad mit Buschenbehandlung gegen Rheuma etc. V Gegen Vorweisung dieses Inserates S 1.30 jedem Fall ist die Anregung, die von der bloßen Existenz des Kulturbundes ausging, eine außerordentliche gewesen. Vielleicht kann aus einer lokalen Organisation allmählich eine Reichsorganisation werden. Dann sind auch die praktischen Möglichkeiten, für viele vieles zu wirken, größer. Unser Programm — Theater, Konzerte, Vorträge — hat viel Beifall gefunden. Daß die Politik keinen Eingang in die Methoden und Inhalte unserer Arbeit haben sollte, war erste Voraussetzung. Darüber hinaus aber muß betont werden, daß der Kulturbund sich .auch nicht um innerpolitische jüdische Angelegenheiten kümmern kann. Wir wollen, müssen und werden unparteiisch, überparteilich sein; wohl gehört die Gestaltung jüdischen Denkens in der Umformung unseres Seins, in der veränderten Situation unseres künstlerischen Lebens, wohl gehören Geschichte, Ethos und Psychologie des jüdischen Volkes zu unserem Programm. Daß wir betonter als je zum Judentum stehen, ist selbstverständlich, daß wir in unserer Arbeit dem spezifisch jüdischen Schaffen in Drama, Musik und geistiger Belehrung einen Platz einräumen, halten wir für höchste Pflicht und höchsten Gewinn. Daß wir der Kultur deutscher Geistes- und Kunstheroen verpflichtet und verbunden sind, braucht nach unserem Bekenntnis, deutsche Juden zu sein, nicht erst betont zu werden. Also ein Kompromiß? Ja! Aus fester, unbeugsamer, ehrlich bekannter Gesinnung heraus. Diese Gesinnung, dieser Wille, ein kulturelles Band um die noch so verschieden gearteten Ueberzeugungen aller Juden zu knüpfen, soll uns führen, soll die heute noch lockeren Beziehungen von Bund zu Mitgliedern festigen, soll überhaupt erst die Möglichkeit einer Ideengemeinschaft schaffen. Grundsätzlich werden nur Juden für Juden mitarbeiten, mitschaffen. Die Leistung soll entscheiden, nicht die Beziehung. Bei gleicher Bewertung verschiedener Kräfte wird der deutsche Jude vor dem ausländischen, der Berliner vor dem auswärtigen, der sozial ruinierte vor dem bessergestellten den Vorzug haben. Daß ein auf so breiter Basis stehender Bund einer einheitlichen Führung bedarf, die im Theater sogar diktatorisch sein muß, wird keiner, der die Psyche der Künstler kennt, bezweifeln. Daß der Gründer des Kulturbundes auch die Führung übernimmt, ist nicht ohne weiteres so selbstverständlich, wie es das bei einem privaten Unternehmen wäre. Das Vertrauen der Vorstände und der künstlerischen Mitberater hat mir das Amt der Führung in die Hand gelegt. Arbeit und Leistung werden die nachträgliche Rechtfertigung erbringen. Die Aufgaben, die unser Programm verrät, sind nicht die einzigen, die es zu lösen gilt. Wir müssen da- Tapezlerermelsler ZEDKOW1TZ SPEZIALIST In Tapetenarbelten Werluta'tte für moderne MSbel. — Übernahme aller Reparaturen. I., Neutorgasse 18 Telephon U 28-8-28 Werkstätte: I., Seitenstettengasse 2 Telephon U 22-7-31 für sorgen, daß die Jugend zu ihrem Recht kommt, zunächst einmal hörend, und lernend, allmählich mitarbeitend. Wir wollen Erwerbslosen und Verarmten durch unsere Arbeit ihr Dasein glücklicher machen, wir wollen aus einer Gemeinschaft, in der die Stars fehlen, eine hohe künstlerische Einheit schaffen, wir wollen den Dichtern und Musikern, Spielern und Sängern, denen die Zeit trotz Begabung keine Arbeitsgelegenheit gibt, einen Boden bereiten helfen, wir wollen von unserem Berliner Bund aus befruchtend auf Stimmung, Elan, Arbeit der Provinz wirken, wollen dafür werben, daß jüdische Zeichner ihre Bilder unterbringen können, wollen durch Ausstellung von Buch und Plastik in unserem Theater hinweisen auf Wert und Eigenart der Künstler. Ein Einmaliges ist da, das sich bewähren soll. Auch heißblütige Besserwisser und ewige Krittler sollten wissen: aus dem Nichts wurde in schwerster Zeit ein Etwas erkämpft! Das Ganze muß und soll sich Schritt für Schritt entwickeln. Die Geburtenziffer. „Das offizielle Organ der Nazis, der „Völkische Beobachter", der mit unermüdlichem Eifer seiner Sache dient, scheint in einen nachweisbaren, wenn auch verzeihlichen Irrtum verfallen zu sein. Auf der ersten Seite seiner gestrigen Ausgabe teilt er mit, daß in Württemberg als Folge der Wirtschaftsmaßnahmen der Nazi-Regierung und der dadurch gebesserten Lebensbedingungen eine große Steigerung der Geburtenziffer zu verzeichnen sei. Die Regierung des Herrn Hitler ist nun seit knapp über sieben Monate am Ruder, und so hoch man ihren Erfolg auf anderen Gebieten einschätzen mag: selbst unter glühenden Nazis ist es eine weit verbreitete Ueberzeugung, daß es ihr noch nicht gelungen sein kann, die Geburtenziffer zu heben.'* Aus den „Times" vom 7. September. Wir haben noch eine Anzahl unserer ausgezeichneten Original „IRE"-OFEN vorrätig, deren Preise wir wegen kleiner Schönheitsfehler tief herabgesetzt haben. Mm?M»n °feBfabr,h — Tei*8 2°*2-28 . IIEIin l¥.,Preßaasse*5 Arbeitsgemeinschaft aller jüdischen Flüchtlingskomitees. Seit etwa sechs Monaten vollzieht sich die jüdische Emigration aus Deutschland ziellos, ungeregelt — und immer noch gibt es keinen organisatorischen Rahmen, um diesen Strom ratloser Menschen aufzufangen, ihn in geordnete Bahnen zu lenken und die einzelnen Flüchtlingsfamilien und Flüchtlingsgruppen an einen Platz zu bringen, wo sie sich in einen Wirtschaftskörper eingliedern und Wurzel fassen könnten. Die Weizmann- Aktion zur Seßhaftmachung deutscher Juden in Palästina ist bisher der einzige konstruktive Plan auf weite Sicht, aber er beantwortet nicht den ganzen Fragenkomplex, der außerordentlich kompliziert und schicksalhaft ist. Die Genfer jüdische Weltkonferenz hat sich zwar Berichte vorlegen lassen, hat aber keine Zeit gefunden, auch über eine einheitliche konstruktive Aktion zu beraten. So bleibt denn die Tätigkeit der Hilfskomitees in den verschiedenen Ländern wita bisher darauf beschränkt, daß jedes für sich Unterstützungsgelder sammelt und verteilt, ohne daß etwas zur Linderung der immer auswegloser erscheinenden Lage geschieht. Muß es so sein? Gibt es nicht in jedem Lande Möglichkeiten, um die Emigranten aus dem Zustand der Deklassiertheit, unter dem sie seelisch und materiell leiden, herauszubringen, sie wieder sozial einzugliedern, indem man ihnen zu einer selbständigen wirtschaftlichen Existenz verhiift? Ja, solche Möglichkeiten gibt es wohl überall, allein es übersteigt die Kräfte der einzelnen, isoliert arbeitenden Landeskomitees, weitgespannte Aktionen im eigenen beschränkten Wirkungskreis durchzuführen. Hier müßte eine Arbeitsgemeinschaft der Hilfskomitees in den verschiedenen Ländern eingreifen, entsprechende Pläne ausarbeiten, die Aktionen finanzieren und überwachen. Diese Gedanken entwickelten zwei Führerinnen der jüdischen Frauen in der Tschechoslowakei, die jetzt mit an der Spitze der Flüchtlings-Hilfswerke stehen, Frau Professor Hanna Steiner und Frau Marie Schmolka, in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter, der sie in der Prager Flüchtlingshilfszentrale aufsuchte. Wirft man einen Blick in die Räume dieser Flüchtlingszentrale, die ausgefüllt sind mit Menschen jeden Alters und Geschlechts, den verschiedensten sozialen und intellektuellen Schichten angehörend, die alle schon in ihrem äußeren Habitus die Spuren jenes Sturmwindes tragen, der sie aus ihren alten Verwurzelungen riß, so versteht man, daß Prag der Ort ist, an dem mehr als anderswo die Flüchtlingssache voller akuter Probleme steckt. Die Grenze zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei ist eine der längsten, die es zwischen swei Staaten gibt. Hierher flüchten in Massen gerade diejenigen, denen es an Mitteln fehlt, weitere Ziele zu suchen. In der Tschechoslowakei dürften sich etwa fünftausend unterstützungsbedürftige Flüchtlinge aufhalten, davon bei 1000 allein in Prag. Entgegen einem Berichte der Genfer Weltkonferenz stimmt es heute nicht mehr, daß von den hier eintreffenden Flüchtlingen etwa siebzig Prozent in entfernter liegende Länder abwandern. In letzter Zeit ziehen es z. B. Emigranten, deren Ziel anfänglich Oesterreich gewesen war, vor, in der Tschechoslowakei zu bleiben, ebenso viele, die nach Polen oder Rumänien gehen wollten. Andere Flüchtlinge bleiben, weil ihnen die westeuropäischen Länder und, vorläufig noch, Palästina versperrt sind. So kommt es, daß ein Land mit beschränkterem Aufnahmeraum und schwächeren Mitteln mit einer weit größeren Zahl unmittelbar notleidender Emigranten belastet ist als z. B. Länder wie Frankreich, England, die Schweiz. Holland, die weniger stark überflutet und zudem das Ziel von Wanderern mit eigenen Mitteln sind.