Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1933-10-04 · Heft 40 (4.10.1933) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064350-3064388--19473-3084614
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4 DIE WAHRHEIT Der Berner Minderheiten-Skandal. Der europäische Minderheitenkongreß, der in Bern Mitte vorigen Monats stattfand, befand sich von Anfang an in einer besonders schwierigen Lage. Die deutsche Judenfrage lastete über ihm. Von den Vertretern der jüdischen Minderheit war die freimütige Erörterung der Lage der Juden in Deutschland und Annahme einer Entschließung gefordert worden, in der die Haltung der nationalsozialistischen Regierung gegen die deutschen Juden verurteilt wird. Die Kongreßleitung lehnte diese Forderungen ab, worauf die jüdischen Vertreter der Tagung fernblieben. In der Tat hätte eine von großen Gesichtspunkten ausgehende Erörterung des deutschen Judenproblems nicht allein unser, der Juden, brennendes Interesse gefunden, sondern ohne jeden Zweifel nicht minder die volle Aufmerksamkeit der öffentlich enMeinung. Die Hitler-Regierung wünscht keine so weitgehende kulturelle und auch wirtschaftliche Einfügung der deutschen Juden in den deutschen Staatskörper, wie sie den Generationen unserer Väter als höchstes Lebensziel vor Augen stand; sie will diesen Prozeß der "Assimilation vielmehr durch „Dissimilation** — ein in diesem Zusammenhang letzthin geprägtes Wort — ablösen. Auf der anderen Seite steht die von Vernunft und Gerechtigkeit diktierte Forderung des Weltgewissens, daß den 600.000 jüdischen Bürgern Deutschlands ausreichende Existenzmöglichkeiten, im Rahmen der vom Staat heute gesetzten Grenzen gesichert werden sollen. Der Ausgleich zwischen diesen beiden Parolen — der Forderung nach Dissimilation der deutschen Juden und der Hoffnung, daß ihnen der „Lebensraum" innerhalb des deutschen Vaterlandes gesichert bleiben solle, —: das war es, was die jüdischen Interessenten 'des Niationalitätenkongresses auf dieser Tagung zur Besprechung bringen wollten. Diese Probleme waren auch Gegenstand der Erörterungen, die das Kongreß-Präsidium schon Wochen vor Beginn der Tagung mit den Führern der jüdischen Minderheiten führte. Das Ergebnis war der Entschluß, ein Referat über „Nationale Dissimilation und Nationalitätenrechte" halten zu lassen — ein Vortrag, in dem besonders das Schicksal der deutschen Juden behandelt werden sollte. Dieses Referat wurde — angeblich infolge plötzlicher Erkrankung des Redners — abgesagt. Das war mit ein Grund für die jüdischen Tagungsinteressenten, dem Kongreß fern zu bleiben. Ihre Abwesenheit hat die Bedeutung dieser Konferenz ohne jeden Zweifel von vornherein außerordentlich gemindert. Denn die Vertreter der jüdischen Minoritätsgruppen Osteuropas gehörten aus naheliegenden Gründen seit dem ersten Minderheitenkongreß, der bald nach dem Kriege stattfand, zu den eifrigsten Vorkämpfern der europäischen Minderheitenbewegung. Der Konflikt zwischen der Köngreßleitung und den jüdischen Vertretern hat symptomatische Bedeutung. Während der Kongreß immer entschiedene Worte und Entschließungen für gewisse Minderheiten gefunden hat, will er in diesem Falle nicht Stellung nehmen, in dem es sich um eine Minderheit von 600.000 Menschen handelt, die nicht nur politisch und materiell, sondern auch moralisch zugrunde gerichtet werden sollen. Angesichts dieser Sachlage lehnt es die Kongreßleitung ab, eine Resolution anzunehmen, die das Verhalten gegen eine wehrlose Minderheit verurteilt. Man denkt bei dieser Gelegenheit unwillkürlich daran, daß der Kongreß insbesondere für die deutschen und magyarischen Minderheiten stets eine viel energischere Stellungnahme gefunden hat. Hier, wo es um einen prinzipiellen Fall von unabmeßbaren Auswirkungen geht, sollte Schweigen und Diskretion die beste Taktik sein? Fällt das Schicksal eines magyarischen Großgrundbesitzers oder die sprachliche Entscheidung einer Behörde schwerer ins Gewicht als das Schicksal von 600.000 Menschen, die über Nacht zu Parias geworden sind? Sollte Hägers Selchwaren-Restaurant Selchwaren ans der Fabrik Eisen & Hönigsber strenE orth. "BW (Unter Aufsicht der Adas-Jisroel - Schißschnl) Wien II., PraterstraBe 33, Telephon R-47-4-49 Menü von S 2.— aufwärts. Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert dies der Fall sein, dann würde es eben privilegierte und nichtprivilegierte Minderheiten geben, eine Einstellung, die wieder einmal die Problematik des sogenannten Minder Ii eiten Schutzes beweist. « * In einer Aufseilen erregenden Erklärung gab der Vertreter der deutschen Minderheiten Dr. Roth in ihrem Namen eine prinzipielle Zustimmung zur gegenwärtigen deutschen Judenpolitik. In der Erklärung heißt es, die deutsche Nation fühle sich grundsätzlich berechtigt, die Juden aus ihrer Volksgemeinschaft auszuschließen, eine Ansicht, die auch die deutschen Minderheiten stets vertreten hätten. Diese Erklärung, die für die jüdischen Delegierten den letzten Grund bildete, ihre weitere Mitarbeit zu versagen, kann in ihrer ganzen Bedeutung heute noch kaum erfaßt werden. Sie stellt einen vollständigen Bruch der deutschen Minderheiten mit ihren jüdischen Anhängern dar. Es ist wohl allgemein bekannt, welche Rolle unter dem Einfluß der josefinischen Germanisierung auf dem Gebiete des ehemaligen Oesterreich-Ungarn die Juden für die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur gespielt haben. Der Dolchstoß, der heute, in der kritischesten Zeit des deutschen Judentums, gerade von den Vertretern der deutschen Minderheiten gegen ihre jüdischen Anhänger geführt wird, muß naturnotwendig zu einer vollständigen Verschiebung in diesem Minderheitenabschnitt führen. Wenn sich die deutschen Minderheiten die Judenpolitik der Berliner Regierung zu eigen machen, dann bleibt wohl eine weitere Zusammenarbeit zwischen ihnen und der deutsch empfindenden jüdischen Bevölkerung in den Minderheitsgebieten undenkbar. Hier wurde Moderne KQchen- Vqrzlmmer- Wohnzlmmer- MÖBEL F.KOHN, Wien II TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen — Angeschlossen der „Schomra" ein Bruch vollzogen, der vielleicht von historischer Bedeutung sein wird. Ein weiterer Gedanke drängt sich auf: die Berliner Regierung stellt sich bekanntlich auf den Standpunkt, daß die Juden als G a s t v o 1 k zu behandeln seien. Dadurch, daß sich die deutschen Minderheiten diesem Standpunkt angeschlossen haben, begaben sie sich, wohl ohne es zu beabsichtigen, auf den Boden bedenklicher Rechtsanschauungen. Denn: wenn die deutschen Juden, die nachweislich bereits seit Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. auf deutschem Boden leben, dennoch heute als „Gastvolk" behandelt werden, was soll man dann etwa von der Lage der. deutschen Minderheiten in Siebenbürgen, an der Wolga und anderwärts halten? Hier wurde durch die deutschen Vertreter auf dem Berner Minderheitenkongreß ein neues Problem aufgerollt, das nicht nur die in den deutschen Gebieten lebenden Juden betrifft, sondern auch die vielen Millionen Deutscher in ihren Auswanderungs- und Kolonisationsländern. * Erst in der letzten Sitzung des Müiderheitenkongresses haben die Vertreter der ungarischen, kataionischen, russischen und litauischen Minderheiten eine Erklärung abgegeben, in der sie den Antisemitismus nicht billigen. Der Kongreß hat auch den Präsidenten des Comite des Delegations Juives Leo Motzkin, der seit Schaffung des Nationalitätenkongresses der Exekutive dieser Körperschaft angehörte, abermals in die Exekutive gewählt Im Hinblick auf die Stellungnahme des Kongresses zur Judenfrage hat Leo Motzkin dem Präsidenten des Minderheitenkongresses Abgeordneten Wilfan aber schriftlich mitgeteilt, daß er die auf ihn gefallene Wahl nicht annehme.!! Jüdische Mädchen vor der Berufswahl!! Zweijährige Fachschule für KleidermacheH und Wäscheerzeugung mit öffentlichkeitarecht. — Staatsgültige Zeugnisse. Einjährige Koch- und Haushaltungsschule. Moderne Kochkurse. Streng rituell. Viele sonstige Ausbildungsmöglichkeiten. Prospekte. — Mittelstandspreise Dr. Kroaerheim, II., Nalzgasse T Tel. A 48-0-77 Internat. Samstag schulfrei. Berufsberatung täglich von ll bis 12 Uhr. Der Völkerbund hat das Wort. Die Augen der Juden der ganzen Welt sind auf die gegenwärtige Tagung des Völkerbünde! gerichtet, über die noch manches zu sagen sein wird. Nach all den deklamatorischen Kundgebungen über die Judenverfolgungen in Deutschland in den letzten Wochen und Monaten beseelt nun das Gesamtjudentum die Hoffnung, daß der Völkerbund als Schutzherr der Minoritäten in rechtlicher Hinsicht etwas für die deutschen Juden unternehmen wird. Leider war ein schlechter Auftakt für die Behandlung der Frage der deutschen Juden vor dem Völkerbund die Tagung des Minoritätenkongresses, wo, wie an anderer Stelle berichtet wird, das Schicksal der deutschen Juden unter Menschen, die es doch verstehen sollten, keinerlei Echo fand. Daß der Völkerbund bei der Fülle der Fragen, welche die darin vertretenen Staaten in erster Linie betreffen, gewillt sein werde, das heikle Problem der deutschen Juden aufs Tapet zu bringen, schien ungewiß. Dies geschah. Aber nicht von einer Seite, deren Stimme im Völkerbund großes Gewicht hat, nicht von einem Großstaat, sondern die Vertreter Hollands und Schwedens rollten die Frage der deutschen Juden auf und der Vertreter Haitis bezeichnete dieses Problem als eine Frage der abendländischen Kultur! Mögen auch die vorgeschlagenen Lösungen sehr schön sein, mag es auch sicher sein, daß die Resolutionen zum Beschluß erhoben werden, ob sich in der Welt der Tatsachen für die deutschen Juden etwas ändern wird, ist mehr als fraglich. Nachruf für Baron Felix Pollack-Parnegg. Am 27. September jährte sich zum erstenmal der Todestag des Herrn Baron Felix Pollack-Parnegg. An diesem Tage wollen vor allem wir alle, die ihn kannten, aber auch die, welche ihn nicht kannten, seiner gedenken. Denn mit ihm starb ein aufrechter Jude, der in allen seinen menschlichen und beruflichen Eigenschaften vorbildlich war. Baron Felix Pollack-Parnegg war einer der ganz wenigen, die jederzeit ihren vollkommen integren Charakter bewahrten und sich niemals und von niemandem beirren ließen. Er war der verläßlichste Freund für alle, denen er seine Freundschaft zuteil werden ließ. Im Berufe war er streng, vor allem gegen sich selbst. Alle, die jemals mit ihm gearbeitet haben, wissen, daß er ein leuchtendes Beispiel des Fleißes und der Gewissenhaftigkeit war, der alles Persönliche hinter seine Pflichten zurückstellte. Daß er gegen alle anderen ebenso streng war wie gegen sich, dafür müssen ihm alle, die bei ihm und mit ihm gearbeitet haben, nur dankbar sein. Als er in seinem Werke, dem er sein Bestes gegeben hatte, nicht mehr unumschränkter Herr bleiben konnte, zog er es vor, seinem Leben ein Ende zu bereiten. Manche werden diesen seinen letzten Entschluß nicht verstanden haben, aber alle werden dem Toten ein treues und ehrendes Andenken bewahren, wie sie den Lebenden geliebt und bewundert haben. Eduard W i d r i c h, Zentralvorstandsmitglied der „Union österr. Juden". Die Jüdische Kunststelle, Wien IL, Aspernbrückengasse % Tel. R '48-2-91/ wünscht allen Mitgliedern ein genußreiches Theaterjahr!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.