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Die Wahrheit · 1933-10-04 · Heft 40 (4.10.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 an deinem Feste", freuen deines Gottes, und mit dir das Geschlecht der Zukunft, dein Sohn und deine Tochter! » * % „Dein Sohn und deine Tochter.'4 Einem tapferen Volke, das einst an nordischer Küste ein mächtiges Reich besaß, war der Herzog gestorben. Ein unmündiges Kind hatte er als Erben des Thrones zurückgelassen. Die Feinde drohten sofort sich des Landes zu bemächtigen. Wer sollte im Kampf anführen? Ein Würdenträger riet: „Der kleine Sohn des verstorbenen Herzogs, er soll unser Führer sein." Man setzte das Kind hinter der Schlachtreihe, im Rücken der Krieger unter einen Baum. Dort spielte es harmlos, während vor ihm heiß und erbittert die Schlacht aui- und niederwogte. Schon drohte das Heer zu wanken, schon wandten sich einzelne zur Flucht. Aber beim Anblick des Kindes, dem sie die glorreiche, uralte, angestammte Krone der Väter erhalten sollten, stieg den Flüchtenden die Schamröte ins Gesicht und mit erneutem, unwiderstehlichem Mute, zu „Sieg oder Tod!" bereit, stürzten sie sich mit unbezwinglicher Gewalt wieder auf den Feind und errangen den Sieg. Im harten Kampfe gegen unsere Feinde soll auch uns unser Kind der Führer sein! Ihm haben wir den alten Ehrenschild des Judentums rein und blank zu erhalten, und Scham muß beim Anblick Au die geehrten Gäste des €a/e füctksisdker 3€of Ich erlaube mir höfl. mitzuteilen, daö ich mein Kaffeebaus übergeben habe. Bei dieser Gelegenheit danke ich für das mir stets entgegengebrachte Vertrauen und bitte dasselbe auch meinen Nachfolgern in verstärktem Maße entgegenzubringen. Hochachtungsvoll Leopold Wetterschneider, Hotelier Wir erlauben uns höfl. mitzuteilen, daO wir das Caf£ Sächsischer Hof nach gründlicher Renovierung Samstag, den 30. v. M., übernommen und eröffnet haben. Wir werden uns bemühen, durch Verabreichung erstklassiger Konsumatiooen nnd aufmerksamste Bedienung die Zufriedenheit unserer p. t Gäste zu erlangen. Mit der Bitte um zahlreichen Zuspruch hochachtungsvoll K. & AI. Kreuzer unseres Kindes unsere Wangen färben, wenn wir wanken und weichen, bis der Sieg erkämpft, bis das, was wir heut von neuem als unsere Pflicht erkannt und beherzigt haben, erfüllt und zur Tat geworden ist. Daß wir uns aber unseres Kindes nicht sollen schämen müssen, daß wir uns seiner vor Gott sollen freuen dürfen und daß es mit uns teile unsere Festesfreude, das soll das Ziel unserer jüdischen Erziehung sein. Der Gott, der uns bisher auf unseren Wanderungen in Selbstachtung geführt und uns nicht zu Kulturbettlern werden ließ an fremden Türen, er führe auch unsere Kinder (kaumamiuth) „aufrecht" und in Ehren! Er lasse unsere armen Brüder, die jetzt, von heimatlicher Scholle verdrängt, eine Sukkoh. ein gastliches Obdach, suchen, ein neues Heim und in einer neuen Heimat Teilnahme und Trost und ein neues schaffensmutiges Dasein finden! Möchte endlich unserem Wandern ein Ende, unserem Volke dauernder Friede werden! —d— Das Fest der Wanderung. Sukkausgedanken von Dr. Hugo Spiegier. Tief ergriffen sehen wir in diesen Tagen, wie die deutschen Juden, diese ältesten Repräsentanten seßhafter Kultur, die zum Teil schon mit den alten Römern in ihr Land gekommen waren und sich dort bereits fest niedergelassen hatten, bevor noch die Germanen, die heutigen Hausherren, ihre Völkerwanderung zum Abschluß gebracht harten, ihre liebgewordenen Heimstätten, die festummauerten Symbole der Boderiständigkeit mit den leichtgezimmerten Hütten unsteten Emigrantentums vertauschen müssen. Und so gewinnt das Laubhüttenfest, sonst ein idyllischer Ausklang nach den Bußfesten des Jahresbeginns und des Versöhnungstages, in diesem Jahre selbst einen eminent tragischen Inhalt und die hergebrachte Form, in der wir es feiern, spricht unser Gemüt heuer weniger als Erinnerung an die längst vergangene Zeit der Wüstenwanderung unserer Ahnen an als vielmehr als Drohung der Zukunft mit neuer Entwurzelung und der Verurteilung zu ewiger Wanderschaft. Ist es denn wahr, daß wir Juden nimmer und nirgends zur Ruhe kommen können, daß nur die anderen Zivilisation und Gesetz aus dem Segen der Bodenständigkeit ziehen dürfen, während uns Juden Gesetzesfreude stets nur mitten im Wüstenleben heimatloser Nomaden beschieden sein soll? Es ist kein Wunder, daß unsere trüben geschichtlichen und tagespolitischen Erfahrungen, die diese Frage zu bejahen scheinen, in einem Teile der Judenschaft die Auffassung reifen ließen, daß die Laubhütte der Wanderzeit die eigentliche Wohnung des Juden ist und das festfundierte Haus, das wir auf die Dauer des Festes verlassen, das Provisorium für uns darstellt, statt umgekehrt. Die in dieser Anschauung Befangenen halten all das für wertlos, was dazu dienen soll, die Stellung der Juden in ihren Wohnländern zu stabilisieren und zu befestigen. Dagegen überschätzen sie solche Maßregeln, die dem Leben der Juden unter Andersgläubigen in allen Ländern den Stempel des Provisoriums aufdrücken müssen. Für das festfundierte, solid gemauerte Wohnhaus der bürgerlichen Gleichberechtigung wollen sie die leichtgezimmerte Laubhütte des Minderheitenschutzes eintauschen, die gegen Sturm und Unwetter nur höchst problematischen Schutz gewähren kann. Wer sich über den Wert dieses Schutzes optimistischen Illusionen hingegeben hatte, wurde durch die Haltung des eben in Bern tagenden Minderheiten-Kongresses eines Schlechteren belehrt. Es war eine Selbstverständlichkeit daß jene jüdischen Schichten, die ihre Hoffnungen auf diesen Kongreß setzten, ihn zum Kronzeugen, ja zum Richter des an den reichsdeutschen Juden, einer Einprozent-Minderheit unter der Gesamtbevölkerung Deutschlands, begangenen Unrechts anrief. Doch der Kongreß lehnte ab! Mit der Begründung, daß er zwar nach wie vor den Minoritätenschutz in allen Ländern hochhalten wolle, jedoch die von den Juden verlangte Stellungnahme gegen einen bestimmten Staat für indiskutabel halte. Das ist so, wie wenn sich irgendein Kriminalgericht weigern würde, über einen des Raubmordes Angeklagten ein Urteil zu fällen, weil das bürgerliche Gesetzbuch zwar den Schutz von Leben und Eigentum aller Menschen ausspreche, aber nicht gegen eine bestimmte Person angewendet werden dürfe ... Es ist klar, daß jeder Rechtsstaat, der als solcher noch ernstgenommen werden möchte, einen derartigen'Gerichtshof schleunigst kassieren würde — wer aber hätte die Befugnis zu einem wirksamen Einschreiten gegen abwegige Rechtsaurfassungen des Minoritäten-Kongresses? Diese Körperschaft tagt nicht auf Grund irgend einer realen Macht, sondern bloß auf der Basis der in gewissen Ländern, deren Gastrecht er in Anspruch nimmt, herrschenden Redefreiheit und Duldung. Wer aber auf Duldung angewiesen ist, sucht naturgemäß alles zu vermeiden, was bei irgend einem Machthaber Anstoß erwecken könnte. Das ist die in ihrer Nüchternheit allein stichhältige Erklärung für die Taktik des Minderheiten-Kongresses in Bern. Es ist möglich, daß diese Körperschaft die irgendwo bedrohten Interessen jeder anderen Minderheit, die in einem eigenen Staate Majorität ist und als solche Einfluß und Macht auch im Ausland genießt, schärfer und mutiger wahrgenommen hätte — als „Judenschutz"-Organisation hat sie jedenfalls versagt, ja sie hat sogar das Odium gescheut, als solche zu figurieren. Ueber diese Tatsache können auch die paar Zuckerl nicht hinwegtäuschen, mit denen man den Juden ihre Niederlage auf dem Kongreß versüßen wollte, z. B. die an sich gewiß erfreuliche Annahme einer Resolution gegen den Antisemitismus, deren Bedeutung darin liegt, daß auch sämtliche ungarischen Gruppen für sie stimmten, also die Vertreter eines Landes, das den Hitlerianern in Deutschland vielfach als Vorbild gilt. Die ungarischen Minoritäten wissen eben die Treue der Juden zur Muttersprache besser zu schätzen als die Deutschen, die die Verdienste der Juden um die Geltung der deutschen Sprache als einer Weltsprache leichtfertig übersehen. Aber auch in Ungarn selbst deutet vieles auf eine erfreuliche Wendung zum Besseren in der staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Stellung der Juden hin. und es ist ein symbolischer Zufall, daß eben jetzt in Gran ein Judenfriedhof aus dem dritten Jahrhundert gefunden wurde, der beweist, daß die vielumstrittene Bodenständigkeit der Juden in Ungarn um sechs Jahrhunderte älter ist als die der Magyaren . . . Ueber die ebenso alte Bodenständigkeit der Juden in Deutschland legen längst bekannte Dokumente Zeugnis ab, deren Desavouierung durch einen Reichskanzler, dessen deutsche Staatsbürgerschaft nicht viel älter ist als seine hohe Würde, auf die Dauer wohl auch nicht aufrecht zu halten sein wird. Es ist daher ein Trugschluß, die Laubhütte, in der wir jetzt vorschriftsmäßig eine Woche lang hausen, als ein Symbol der jüdischen Wurzellosigkeit, der jüdischen Verurteilung zum ewigen Nomadenleben zu werten. Man darf nicht vergessen, daß das Judentum nirgends Symbole des Rückfalls in überwundene Zivilisationsformen feiert, sondern immer nur Zeichen des kulturellen Fortschritts. Daß auch die Hütte solch einen Fortschritt gegenüber noch primitiveren Wohnungen darstellt, preist Schiller in seinem Gedicht „Das eleusinische Fest", in dem er die Göttin des Ackerbaues als diejenige besingt, „die in feste, wohnliche Hütten wandelte das bewegliche Zelt '. Und Schiller, der zur Feier dieser bedeutungsvollen Wandlung ausruft: „Windet zum Kranze die goldenen Aehren, flechtet auch blaue Zyanen hinein!", erinnert uns auch an das andere Symbol unseres Laubhüttenfestes, an den Strauß, den auch wir zur höheren Weihe der Laubhütte winden: Ein Palmenzweig, zwei Weiden- und drei Myrtenzweige müssen durch ein Band zur Einheit verknüpft werden. Wenn wir diese Pflanzen, die im Wüstensand nicht gedeihen können, als Symbole der fruchtbaren Erde, die den wandermüden Nomaden zur Niederlassung einlädt, betrachten, dann verrät uns das Band, das diese ungleichen Gewächse zusammenhält, was die sicherste Bürgschaft für dauernde Seßhaftigkeit ist: Einigkeit bei aller Verschiedenheit der individuellen Eigenart. Leider ist im jüdischen Lager gegenwärtig wenig Verständnis für diese Forderung zu finden. Schuld daran ist die Entfremdung immer breiterer Massen vom Väterglauben. An die Stelle der sittlichen Ewigkeitswerte unserer Religion sind zeitgebundene Prinzipien politischer Natur getreten. Und was die Religion früher geeint hat, das trennt jetzt die Politik. Die weltgeschichtliche Mission des Judentums gerät dabei in Vergessenheit: die Läuterung der Menschheit durch das uns von Gott offenbarte Sittengesetz. Wenn wir Juden uns auf diese hehre Aufgabe besinnen, dann wird zunächst die Selbstzerfleischung in unseren eigenen Reihen aufhören und wir werden endlich das sein, was unsere Bestimmung von altersher war: „Ein Volk von Priestern . . ." Und dann werden sich vielleicht auch die Nichtjuden, die uns heute bekämpfen, des Bruderhasses und der seelenvergiftenden Haßinstinkte müde, voll Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Menschenliebe des Wortes entsinnen, das ihnen dereinst (Ev. Joh. IV, 22) von niemand Geringerem als dem Gründer des Christentums verkündet worden ist: „Das Heil kommt von den Juden." Einigkeit im deutsehen Judentum. Jüngst traten auf Einladung des Vorsitzenden des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde Berlin, Herrn Dir. Heinrich Stahl, die Mitglieder der Reichsvertretung mit der Konferenzgemeinschaft der Großgemeinden und den Vertretern der großen jüdischen Organisationen zusammen, um die Aufgaben der nächsten Monate zu beraten. Es wurde ein Einvernehmen erzielt und in Uebereinstimmung mit dem bisherigen Reichsvertretungspräsidium die Leitung Ubertragen: Herr» Rabbiner Dr. Baeck als Präsidenten und einem Ausschuß, dessen Vorsitzender Dr. Otto Hirsch-Stuttgart, dessen stellvertretender Vorsitzender Dr. Siegfried Moses-Berlin und dessen weitere Mitglieder Dr. Rudolf Callmann-Köln, Rabbiner Dr. Hoffmann-Frankfurt a. M., Dr. Landenberger-Nürnberg, Dr. Franz Meyer-Breslau, Dr. Julius L. Seligsohn-Berlin sind. Außerdem hat der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Herr Direktor Stahl, sich bereit erklärt, in den Ausschuß einzutreten. Die Vertreter der großen Organisationen Centrai- Verein, Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und Zionistische Vereinigung für Deutschland haben durch ihre Vorsitzenden feierlich erklärt, daß sie diese Leitung der deutschen Juden anerkennen, ihr volles Vertrauen entgegenbringen und zu treuer loyaler Zusammenarbeit mit ihr bereit sind.

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