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Die Wahrheit · 1933-10-04 · Heft 40 (4.10.1933) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 40 (4.10.1933)
Date
1933-10-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT LEO POLO MASSCHUHE nur VU.BURGGASSE 3 M doppelt stattlich, königlich steht die P a 1 in e da im Wüstensande, der ihr so wenig gibt, während sie so verschwenderisch freigebig spendet. Der Baum, nach dem Dichterwort, so recht von Gotteshaiid gemacht daß unsere Bäume dagegen erscheinen wie Stümperwerk von Menschenhand. Die stolze, alles ringsum beglückende Palme ist das Wahrzeichen des jüdischen Forschungstriebes, der aus karger, wüster Umgebung, von darbender Not unbehindert, schlank und stolz und frei himmelwärts aufstrebt und weithin Segen spendet. * * * Mag man auch noch immer in weiten Kreisen dem jüdischen Geist die Palme zuerkennen, ja mitunter aus Neid deswegen den Juden bekämpfen, die jüdische Moral wollen selbst manche, die sich unbefangen nicht nur nennen, sondern auch wirklich fühlen, nicht gelten lassen. Aber das Beschämendste: Juden selbst halten aus Mangel an Kenntnis des Judentums — und das gilt als der einzige Bildungsdefekt, dessen man sich nicht zu schämen braucht — feindselige Entstellungen unserer uralten Lehre für blanke Wahrheit, während sie selbst Perlen echt jüdischer Ethik als Erzeugnisse fremdes Geistes, als Paradestücke fremden Glaubens zitieren! Dem Fechter Vatinius im alten Rom bekundeten, so oft er in die Arena trat, die anwesenden Vollblüter ihr Unbehagen daran, daß er nicht hundertprozentiger Römer war. Von den Leitern der Kampfspiele war verboten worden, als Zeichen des Mißfallens andere Gegenstände als Aepfel in die Arena zu werfen. Als eines Tages wieder Vatinius auftreten sollte, befragten die römischen Rassenschützler einen Gelehrten, ob auch Tannenzapfen unter die Aepfel zu rechnen seien. Und der Wackere erwiderte: „Sofern es dem Vatinius gilt, ist auch der Tannenzapfen ein Apfel.'' Ganz wie bei uns. Dem Judentume den Ehrenkranz vom Haupte zu reißen, ist Mode geworden. Was man auf jedem anderen Gebiete der Wissenschaft ohne Ausnahme als böswillige Fälschung und darum als moralisch verwerflich brandmarken würde, — sobald es dem Juden gilt, ist Falschmünzerei Wissenschaft, ein Tannenzapfen ein Apfel. Dem Judentum gegenüber ist man an kein Gesetz der Logik, der Gewissenhaftigkeit, ja nicht einmal der guten Sitte gebunden. Wir Juden sind vogelfrei, uns gegenüber sind literarische Zwiebeln und politische Strohwische Lorbeer und Blumenkränze. Wie nur eine Wahrheit und eine Moral, so kennt der Jude nur ein Recht (mischpat echod) genau so für den Fremdling, wie für den Volksgenossen. Hängt nicht noch heut wie im Altertum das Schicksal des Fremdlings von Gnade, Laune und Belieben der jeweiligen Machthaber ab, die ihn jederzeit als unerwünschten, unbequemen „Fremden'- über die Grenze schaffen können? Auch dort, wo seine Vorfahren früher heimisch waren, als die, deren Haßgebot ihm jetzt die Tür weist? Man durchblättere die Gedenkblätter der Menschheit, man durchmustere die Geschichtsurkunden der geistig und sittlich höchststehenden Völker, wo findet man dort auch nur eine einzige Aeußerung der Volksseele, wie sie der kleine Ausschnitt aus dem Volksleben Israels an unserem Feste aufweist: der Fremde am Familientische in gemeinsamer Festesfreude! Zum Hause gehörend, wie das eigene Kind, mehr wie jeder andere mit dem Schutz des Gesetzes umgeben und zarter Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Rücksicht des Wirtsvolkes empfohlen, atmete er, unter dem schützenden Dach des jüdischen Hauses stets willkommen, den Geist einer gegen jedermann friedlichen Häuslichkeit ein, an die in unserem Feststrauß die duftende Myrte, das Zeichen der Liebe, die Erinnerung weckt, — erfuhr er die Wohltaten der jüdischen Moral, die, wie die drei Myrtenzweige neben dem Lulow andeuten, die drei Forderungen stellt (assauth mischpot . . .): „Unbedingt gerecht sein, Liebe üben gegen alle Geschöpfe und bescheiden sich halten im Gedanken an Gott!'' JÜDISCHE ELTERN! Kauft Schulbücher für eure Kinder nur in der Jüdischen Buchhandlung Hermann TllChllGI% Taborstr. 52KE Lehrbücher für alle Lehranstalten in den richtigen Auflagen — auch' antiquarisch — zu sehr mäßigen Preisen Spesenfreie Zusendung ObernHhlt» Verzeichnisse kostenlos! Für Auskünfte: Tel. R 41-4-20 „Im Gedanken an Gott", den Gott, den Israel der Welt gegeben hat, den Gott, der kein Geschöpf von seiner Vaterliebe ausschließt, der kein Ansehen der Person, sondern nur die Persönlichkeit, das Herz, das Gemüt, den reinen Willen, die edle Tat achtet. Den Gott, mit dessen Lehre dem Juden redliches Streben nach Selbständigkeit im Leben wie im Forschen und lauterste Moral von Kindesbeinen auf eingepflanzt werden, - den Gott, den man nicht in Gold- und Farbenpracht, nicht in tönendem Gepränge der Gasse feiert, der vielmehr als das Urbild der Selbstverleugnung und Bescheidenheit sich hinter seinen Wohltaten und Werken verbirgt. Wie R. Jauchonon von ihm lehrte: (Kol mokaum ...) „Ueberall, wo du Spuren der Größe Gottes findest, dort findest du jedesmal zugleich Beweise seiner Bescheidenheit'*, — so erinnert auch in unserem Feststrauß an Ihn (rauchew ben ho-arowauth seh H'k'b'h) die bescheidenste der Pflanzen in diesem Bunde: die B a c h w e i d e. Still, bescheider., prunklos steht sie am Ufer des Baches, dessen rauschendes, lärmendes Strömen entwurzelte Stämme, steinige Trümmer dahinwälzt. So steht der ewige, einzige Gott am Strom der Geschichte, der mit reißenden Schnellen dahinführt die Trümmer einst mächtiger Volksstämme samt den Scherben der Götzen, denen sie dienten. Völker schwinden dahin, Gott bleibt ewig! Und mit ihm am Ufer der Zeiten steht sein Volk! Sein Volk, das um seinetwillen immer und immer wieder zum Wanderstabe greifen mußte, als jene mächtigen Völker noch stolz und stark auf ihrer Scholle saßen, — und das doch heute noch festen Fußes und zukunftssicher am Ufer steht, während sie, seine Dränger, längst in die Nacht der Vernichtung gewandert sind. „Freuen sollst du dich &euitteton Ferdinand von Saar. Zum 100. Geburtstage. Von Ernst Lissauer (Wien). Am 30. September jährte sich zum hundersten Male der Geburtstag Ferdinand von Saars. Wir gedenken auch auf diesen Blättern des in besonderem Sinn österreichischen Dichters, der dem Wiener Judentum auf vielfältige Weise verbunden war. 1. Saar trat 1854 in die kaiserliche Armee ein und verließ sie bereits 1859, nachdem er den unglücklichen italienischen Krieg mitgemacht hatte. Im Frieden von Villafranca ging die Lombardei verloren. 1866 trat Oesterreich Venetien ab und schied aus dem Deutschen Bunde, immer heftiger ward die Habsburgische Monarchie vom ununterbrochenen Kampfe der Reichshälften und der Nationalitäten innerhalb der Reichshälften zermürbt, bis sie 1918 zerfiel: Saars Werk umfaßt diese Epoche bis zu seinem Tode, 1906. ..Novellen aus Oesterreich" heißt eins seiner ersten Bücher, er hat nur Novellen aus Oesterreich geschrieben, nämlich aus dem alten kaiserlichen Oesterreich, zu dem auch Böhmen und Mähren gehörten. Und zwar sind es wesenhaft ..österreichische", ja es sind, für unser heutiges Gefühl, geschichtliche Novellen. Nicht, als ob sie die politischen Vorgänge jener Jahre darstellen; sie spielen gelegentlich herein, aber sie sind bei weitem nicht die Hauptsache. Doch über diesen Novellen liegt die Atmosphäre der späten Kultur, des Niederganges: sie begeben sich in einem alten, ermüdenden Reich. Sie handeln durchweg von Schicksalen einzelner Menschen. Nur selten sind sie mit den staatlichen Geschehnissen verbunden, wie der General v. Brandenberg in „Vae victis!": er gehört zu den besiegten Feldherren des italienischen Feldzugs, und seine Niederlage greift über in sein persönliches Leben. Auch sonst ist, oft kaum nachweisbar, als Luft, als Hintergrund das staatliche Leben angedeutet, und auf unmerkbare Weise, doch deutlich spürbar, vermischt sich das allgemeine Geschick mit dem persönlichen. „Vae victis!" könnte Titel oder Motto vieler dieser österreichischen Novellen lauten. Ueberschaut man dieses Werk, so hat man den — natürlich durchaus einseitigen — Eindruck, daß in diesem Reich, in dieser Zeit niemals etwas gelungen sei. daß es energische, wirkende Charaktere nicht gegeben habe. Saars Menschen sind oft, in all ihrer Schwäche oder vielleicht gerade ihretwegen, liebenswert, feine, bisweilen künstlerische, bisweilen besonders rücksichtsvolle, ja allzu rücksichtsvolle Naturen. Niemals siegen sie ob: viele enden durch Selbstmord, enden im Armenhause; bestenfalls entsagen sie, aber ihr Entsagen ist nicht, wie bei Oversberg — eine Gestalt der Ebner-Eschenbach —, ein geheimer Sieg selbstüberwindender Kraft. Man kann diese Müdigkeit auch bei den Menschen anderer österreichischer Dichter erkennen, bei Grillparzer, Schnitzler, Hofmannsthal, hie und da auch bei der Ebner-Eschenbach, sogar Schönherr: bei Saar herrscht sie vor, herrscht sie allein. Und alle Nationalitäten, alle Stände und Klassen des Reiches haben an dieser Haltung und Stimmung Anteil: „Exzellenzherrn", junge und alte Offiziere, Damen der Gesellschaft, Bürgersöhne, Arbeiter, Wiener Künstler, böhmischer Landadel, mährisches Unternehmertum. Die Vielfarbigkeit der Monarchie erglänzt in diesem Werk, freilich nicht mit vollen schimmernden Farben aufgetragen, sondern gemischt mit einem immer vorschlagenden milden, grausilbernen Ton. 2. In diesem Gemälde der Monarchie erscheint auch das österreichische Judentum, . nicht eben häufig, jedenfalls seltener als man zunächst vermutet, da Saar ja mit gewissen jüdischen Kreisen Wiens nahe verbunden war, vor allem mit den Wertheimsteins. Saars Pension war gering; er setzte sich nur langsam durch, und selbst als er später berühmt geworden war, drangen seine Novellen nicht zu vielen Auflagen vor. Seine Dramen behaupteten sich nicht auf der Bühne, soweit sie überhaupt gespielt wurden, denn es fehlte seinem Naturell an Wucht So lebte Saar nicht nur in bescheidenen, sondern beschränkten, ja zeitweise ernstlich bedrängten Verhältnissen. Da aber begab sich folgendes. Im August 1871 richtete ein Unbekannter, dessen Namen man auch heute noch nicht weiß, an Josephine von Wertheimstein und deren Schwägerin Caroline von Gomperz-Bettelheim in zwei Briefen die Bitte, den Dichter aus der Geldnot zu retten, die seine Existenz erstlich bedrohte*. Saar hatte sich an den Briefschneiber um •ein Darlehen von 500 bis 600 Gulden gewandt, dieser aber war nicht imstande, den Wunsch zu erfüllen: der Dichter war in Gefahr, Wucherern anheim zu fallen, und so hatte der Briefschreiber sich entschlossen, die Adressatin, von deren Freundschaftsbeweisen Saar enthusiastisch spreche, von diesen, seinen Geist lähmenden Verhältnissen zu unterrichten. Frau Josephine war die Gattin des reichen Bankiers von Wertheimstein, der einer alteingesessenen jüdischen Wiener Familie entstammte; sie besaßen eine einfach edle Villa in Unter-Döbling, am Fuße der Hohen Warte, deren großer Park bis zu der nach Nußdorf führenden Heiligenstädterstraße hinabreichte. Frau Josephine bat den Dichter zu sich, bot ihm ihre Unterstützung, und er fühlte sich gerettet: „Warum sollte ich die Hilfe, die Sie mir mit so viel Güte und Noblesse anbieten, nicht freudig annehmen und Sie im tiefsten Herzen dafür segnen? Hoff ich doch auch noch zu erweisen, wie ernst, wie streng ich es mit der Kunst gehalten." „Die Zeiten des finstersten Elends waren", wie sein Biograph Bettelhefm schreibt, „ein für allemal vorüber". Dach Saars Hochschätzung begann nicht mit seiner Dankbarkeit. Von der ersten Begegnung an empfand er „eine unaussprechliche Verehrung". Frau von Wertheimstein und ihre weitverzweigte Familie nahmen sich beständig seiner an; er wurde, wie Bettelheim sich ausdrückt, „gehätschelt". Er war zeitweise „vielgesuchter Hausgenosse" ihres ältesten Bruders Max von Gomperz auf Schloß Pfannberg bei Frohnleiten, des zweiten Bruders, des Präsidenten der Brünner Handelskammer, Julius von Gomperz, auf Schloß Habrowan in Mähren — „Der Brauer von Habrowan" heißt eine Novelle —; ihrer Schwester, Baronin Todesco, in ihrer Mödlinger Villa. Briefe der Josephine bezeugen die verstehende Teilnahme, mit der sie Saars Schaffen begleitete. Unter den Gedichten finden sich Widmungen an Frau Josepbine und ihre Verwandten, ein Poem zu einer Hochzeit im Hause Lieben. Der letzte Band seiner Werke enthält auch Saars Grabreden für Josephine und die Baronin Sophie Todesco. Hier gedenkt er auch der dritten Schwester und spricht von einer „unvergleichlichen Frauentrias". Es ist gerade in unserer Zeit wichtig, der innigen Verbindung des Wiener Judentums mit dem schöpferischen Oesterreich zu gedenken. Doch begnügen wir uns hier, diese wenigen Tatsachen festzuhalten, da der Wertheimsteinsche Kreis in einiger Zeit besonders gewürdigt werden soll. Auch heute noch sind die Namen Wertheimstein und Saar verbunden. Josephinens Tochter Franziska sorgte nach dem Tode der Mutter für Saar. Sie bestimmte in ihrem Testament die Villa für eine Volksbibliothek, die noch heute besteht, die Zimmer, die der Dichter zeitweise bewohnte, werden als Saar-Zimmer erhalten und bewahren manche Gegenstände seines Alltags. Auch der Garten ward, als Wertheimsteinpark, Eigentum der Stadt; in ihm ist eine' Büste Saars aufgestellt. (Schluß folgt)

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