Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 40 (4.10.1933)
- Date
- 1933-10-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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preis dieser Nummer 40 Groschen Die UUrU Erscheint jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der »Union österreichischer Juden" und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kulfusgemeinde Wien Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 49. Jahrgang Wien, 4. Oktober 1933 Nummer 40 Juden und Zigeuner. Die Sukkoh, das Heim des Wandervolkes. Rasiere DHU auf and billig Von aliersher waren wir ein Wandervolk. Die Sukkoh, die man aufstellt und abbricht, wie der Nomade sein Zelt, erinnert an unser Wandern seit Urväterzeiten. Nicht ein Wandern aus abenteuerlicher Unrast oder kriegerischer Beutelust, sondern aus dem inneren Zwange, der einen Abraham, wollte er seinem Gotte treu bleiben, aus der Heimat trieb, oder unter äußerem Druck, wenn man uns anklagte, wir verfluchten die Erde, vergifteten das Wasser, verpesteten die Luft, — nur (im uns Erde, Luft und Wasser zu sperren. Wandernd bevölkerten wir die alte, wie heute die neue Welt jenseits des Ozeans. Zum Wanderstabe greifen müssen jetzt wieder so viele unserer Brüder, von ihren Drängern mit den Zigeunern auf eine Stufe gestellt. Warum sind wir nicht wie dieses Wandervolk auch zu Landstreichern und Bettlern geworden, wie unsere Feinde es so gerne wahrhaben möchten? Warum ist uns das Wandern nicht zum Fluche geworden? Warum begehen wir Sukkauth, das Fest, das uns an Wüstenwanderung und Heimatlosigkeit erinnert, nicht mit Fasten und Trauern? Weshalb wird vielmehr mit derselben Bestimmtheit, mit der jüngst der Jaumkippur wieder von uns Fasten und Kasteiung forderte, gerade unser Fest (s'man sim — chothemi) als das „Freudenfest"' bezeichnet? Ja, Freude wird uns für unser Fest anbefohlen, jene jüdische Freude, die uns beschieden wird einzig und allein im Kreise der Familie, zu der bei uns Juden nebst Weib und Kind auch der Hausinsasse wie der volksfremde Beisaß, der Belehrung spendende Levit wie die trauernde Witwe und Waise zählen. „Waise und Witwe." Ihre Freude sollte keine gemachte sein. Nicht wie man hier und da Waisenkinder an Festen öffentlich einkleidet und beschert, wofür sie dann ihren Gönnern in oft abgequälten Reimen danken und vortanzen müssen, eine erkünstelte Lustigkeit, die zarter Fühlende verletzen muß. Wie nahe liegt die Gefahr, mit solchen Schaustellungen diesen armen Kindern ihre kindliche Unschuld zu nehmen, sie zu schamlosen Heuchlern zu erziehen! Die Freude der Armen soll nicht Schauspiel sein, nicht wie man beim Einzüge eines Herrschers Potemkinsche Dörfer vorlügt, bezahlte Hurrarufer bestellt. Die Freude des Armen im alten Israel kam ihm vom Herzen. Er konnte fröhlich sein, weil man ihm brüderlich half, ihn in seiner Not aufsuchte, den Sinkenden vor dem Falle, den Gefallenen vor öffentlicher Schande bewahrte. Man kannte keinen ortsansässigen Bettler, geschweige einen berufsmäßigen Wanderbettel. Haben doch einst selbst daraus unsere Feinde eine Waffe gegen uns geschmiedet. Als vor 263 Jahren, unsere Glaubensbrüder aus Wien vertrieben wurden, begründete man diesen Gewaltstreich unter anderem damit, daß es in Wien keinen jüdischen Bettler gebe. Wie müßten, so folgerte man, vdie Juden sich an dem christlichen Volk von Wien bereichert haben, wenn sie in ihrer Mitte keine Bettler zählten! Die Wahrheit war, daß jeder Jude seinen Stolz darein setzte, nicht nur für seine Person fremder Hilfe zu entraten, sondern auch andere vor dem Los des Bettlers zu bewahren. Und dies zu einer Zeit, die — damals allgemein — den Juden von allen öffentlichen Aemtern, von der Staatskrippe, von Zünften und Innungen und allen jenen Berufszweigen ausschloß, die als ehrlich und ehrbar galten, weil sie bei mäßigem Aufwände an Geist, Geschick und Fleiß, ohne Wagemut und Gefahr geruhig und sorgenfrei ihren Mann ernährten. In einer Zeit, die den Juden, wollte er nicht mit Weib und Kind zugrunde gehen, dazu zwang, ganz neue Berufe und Künste zu erfinden, aus den Abfällen der Privilegierten neue Quellen des Unterhaltes für viele Tausende zu erschließen. Erst in unseren Tagen hat man erkannt und anerkannt, daß wir Juden so aus Not, unter dem Zwange wirtschaftlich rückständiger Zeiten für den modernen Handel und Verkehr unschätzbare Grundlagen geschaffen haben, daß wir dank un- CNODME AUSWAHL DILLIOSTE PDEISC E pPtfi* YAM. s * TEPPICHE VOnBANOC nODCLSTorre, decken NUR l.,BÄ|]En!SMARiai2 14 #s verdrossenen Lebensmutes und findigen Fleißes den Staaten die wichtigsten Dienste geleistet und eine Macht werden mußten, mit der die Regierenden zu rechnen hatten, auf die sie aber auch jederzeit zählen konnten. Anstatt zu Zigeunern, zu Bettlern, zu Vagabunden zu werden, beschenkten wir die anderen mit Errungenschaften der Kultur, machten wir durch Geist, Geduld und Geld die Verheißung wahr: „Du wirst anderen leihen, du selbst aber wirst nicht bei ihnen zu borgen und zu betteln haben." Und wie der E t h r a u g von jedem Pünktchen eines Makels frei sein muß, so hat der jüdische Kaufmann, trotz aller Verfolgungen und bösen Vorbildes der Umwelt, seinen Ehrenschild blank und rein erhalten. Die leiseste Handhabe, der Schatten eines Anhaltes hätte seinen Feinden, die ihn mit Argusaugen belauerten, genügt, den Schutz- und Rechtlosen um Habe und Heimat zu berauben, ihn und die Seinen in den Tod zu verderben. * Nicht nur vom Broterwerb schloß und schließt man ja vielfach heute noch nach Kräften den Juden aus. Wie heute in manchen „Kulturstaaten" nach einem Prozentsatz, sperrte man einst gänzlich die öffentlichen Schulen jüdischen Schülern und erst recht jüdischen Lehrern. Keinem Juden aber fiel es ein, mit dem Opfer seiner Ehre unter der sperrenden Schranke durchzu- Ocsterrclcliisclics Qualität* Fabrikat Ueberau erhältlich schlüpfen, den Schulbesuch etwa durch Verrat am Väterglauben zu erschleichen. Man bettelte nicht um Bildung an fremden Türen. Ohne Schulzwang hatten wir unsere eigenen Schulen, wir hatten unsere eigene Bildung und Wissenschaft Was hätten wir aucii — das gilt bis tief in die Neuzeit hinein — von den anderen lernen können? Haben nicht gerade aus unserem Schrifttum erst die Völker ein Großteil ihrer Kultur geschöpft? Und waren nicht wir es, die, nach dem Ausspruch eines geistvollen Wieners (Speidel), der Menschheit nicht nur große Systeme geliefert haben, sondern auch die opferfreudigen Männer, die für die Verwirklichung der neuen Lehren ihr Leben in die Schanze schlugen? Und wie viele Kulturerscheinungen der Neuzeit — man denke nur an Goethe, Wagner. Nietzsche — sind erst durch das mutige Eintreten und die tatkräftige Forderung und Förderung jüdischer Männer und Frauen zur Anerkennung gelangt? Wissen, Forschen, Lehre — verbreiten ist der Lebensnerv unseres Volkes (mauroscho kehil- Iatli Jaakauw). „ein herrliches Erdgut des jüdischen Stammes'. R. Jauchonon hatte seinen ganzen Landbesitz verkauft und sich dadurch die Möglichkeit geschaffen, sich ganz dem Studium zu widmen. Als er einst in Gesellschaft R. Chijjos an den Getreidefeldern, Weinbergen und Olivenhainen vorüberkam, die früher ihm gehört hatten, und als er dahin und dorthin deutete: „Dies und jenes habe ich veräußert, um restlos der Wissenschaft leben zu können", da brach R. Chijjo in Tränen aus: ..Du hast dir ja für die Tage des Alters nichts übrig gelassen!" R. Jauchonon aber tröstete ihn: „Was tat ich denn? Ich verkaufe zeitliches Gut, um ewiges zu erwerben'. Auf ihn wendete sein Zeitalter das Wort des Hohenliedes (8, 7) an: „Hätte man ihm für seine Liebe — zur Thora — alle Schätze der Welt geboten, er hätte sie verachtet''. Und wie ehrte man im alten Israel den L eviten! Wo war ein Fest, zu dem man nicht den Träger der Bildung und Volksaufklärung geziemend geladen hätte! Was der Jude aber je von anderen Völkern gelernt, er hat es ihnen redlich zurückerstattet in erleuchteten Geistern aus seinem Stamme, die jene Völker — mit wenigen Ausnahmen mit Stolz — zu ihren Führern und Meistern zählen, in den Denkern und Dichtern, den Künstlern, Staatsmännern und Großkaufleuten, die den Ruhm ihres Vaterkindes gemehrt und seinem Geistes- und Wirtschaftsleben neue Bahnen der Entfaltung eröffnet haben. Unsere Zeit zeigt auch darin ihre Besonderheit, daß bei vielen Juden nicht der Prophet, bei manchen Nichtjuden der Jude nicht im eigenen Lande gilt. Aber stolz und in ihrer Vereinsamung