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Die Wahrheit · 1933-09-20 · Heft 38-39 (20.9.1933) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 38-39 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seite 8 Öjg WAHRHEIT In&tallierungsfeiern* Der vergangene Schabbos war ein Festtag für die Wiener Judenschaft. An diesem Tage betraten die beiden neuer Wiener Oberrabbiner zum erstenmal in ihrer neuen Würde ihre nunmehrigen Kanzeln und die Wiener Judenschaft bewies durch überaus zahlreiches Erscheinen bei beiden Feiern, daß sie mit der vor einiger Zeit durch den Wiener Kultusvorstand getroffenen Wahl sehr einverstanden ist. Zu dieser Zufriedenheit liegt auch aller Grund vor. Die beiden Oberrabbiner sind in Wien, wo sie seit mehreren Jahrzehnten mit Hingebung wirken, aufs höchste geschätzt, beide besitzen moralische Eigenschaften und wissenschaftliche Qualitäten, die sie in weitesten Kreisen, auch außerhalb der Grenzen unseres Landes bekannt und beliebt gemacht haben. So darf man denn ihren unter allen Ehren erfolgten Amtsantritt als ein glückliches Omen in dieser schweren Zeit auffassen und der Hoffnung Ausdruck geben, daß ihr Wirken in ihrer jetzigen Würde das halten wird, was ihre segensreiche Vergangenheit versprach: geistiger Führer des gesamten Volkes in diesen Tagen schwerster Bedrängnis zu sein. Das Programm der beiden schönen Installierungsfeiern war im Wesen das gleiche. Sowohl bei der Feier am Freitag abends im Seitenstettentempel, wie aucli bei der am Samstag vormittags im Großen Leopoldstädter Tempel wurde der neue Oberrabbiner durch den Präsidenten der Gemeinde Dr. D. F r i e d m a n n und den Obmann des Bethausvorstandes I/II Dr. E. Münz im Zeremoniensaal aufs herzlichste begrüßt; sowohl Dr. D. F e u c h t w a n g wie Dr. I. T a g 1 i c h t antworteten auf diese Ansprachen mit dem Versprechen, daß es ihr eifrigstes Bestreben sein werde, ihr neues Amt würdig zu bekleiden und die in sie gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. In feierlichem Zuge bewegten sich dann die Teilnehmer dieses Begrüßungsaktes, vornehmlich der gesamte Kultus- und Bethausvorstand, unter Vorantritt des Kultuspräsidiums, des Oberrabbiners und des Oberkantors in das festlich beleuchtete und bis aufs letzte Plätzchen gefüllte Gotteshaus. Der Oberkantor stimmte unter Mitwirkung des Chors ein „Boruch Habo" an und sang hierauf das „Ma tauwu". Beide Gottesdienste waren sehr erhebend, die Oberkantoren H. Fischer (Seitenstettentempel) und G. Märgulies (Leopoldstädter Tempel) gaben ihr Bestes in hervorragender Weise. Im Mittelpunkt der Feier standen natürlich die Festreden der beiden Oberrabbiner. (Wir behalten uns vor, Auszüge aus diesen Reden, die zu veröffentlichen wir diesmal infolge Raummangels nicht in der Lage sind, in unserer nächsten Nummer zu publizieren.) Beide Reden waren in der Art ihres Vortrages grundverschieden. Bei Dr. Feuchtwang überwiegte aus vollstem Herzen kommender echter Pathos, die Rede Dr. T a g 1 i c h t s gewann durch die Schlichtheit der Sprache. Aber in ihrem Aufbau und insbesondere in ihren Schlußfolgerungen waren die Reden einander recht ähnlich, und das ist eigentlich ungemein erfreulich. Denn wenn beide Redner nach gehaltvoller Schilderung dessen, was das Judentum auszeichnet und wessen es in diesen geistlosen Tagen bedarf, zu der Konsequenz kamen, daß das Wichtigste in diesen Zeiten der Bedrängnis die Erhaltung der Einigkeit ist, für welche Forderung sie begeisternde Worte fanden, dann sprachen sie damit allen Zuhörern aus dem Herzen, die von diesen rhetorischen Meästerleistungen geradezu begeistert waren. Doktor D. F e u c h t w a n g umriß u. a. ein Programm für sein neues Wirken, das allumfassend sein soll, weil er, wie er wörtlich sagte, nicht Oberrabbiner einer Partei, sondern der ganzen Gemeinde sein will. Und auch Dr. I. T a g 1 i c h t konstatierte in seiner Schilderung der (beim Prager Zionistenkongreß besonders traurig in Erscheinung getretenen) Zerrissenheit des Judentums, daß alle Parteien ihr Gutes haben. Mit dem Aufrufe zum Frieden und zur Einigkeit schlössen die beiden neuen Wiener Oberrabbiner, die nach dem Gottesdienste Gegenstand herzlichster Ovationen waren, ihre Antrittsrede; hoffen wir, daß diese ersten Worte unserer neuen geistigen Führer auf fruchtbaren Boden fallen werden! _-.-_-.- GROSSFLEISCHHAUEREI liEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGOASSE NR. 19 FILIALE ■ XVIII., WÄHRINOERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17*99 and A 16-9-34 Lieferant fOr Heilanstalten AbteilungenffirKoscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemainde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Es beschämen Deutschland: Der ungarische Ministerpräsident. Der ungarische Ministerpräsident Gömbös hat im! der Stadt Berettyoujfalu, die nach Abtretung von Großwardein an Rumänien Sitz des Komitats- Binar geworden ist, eine große politische Rede gehalten, in der er u. a. ausführte: „Dürfen wir uns jetzt, da unser so große nationale Aufgaben harren, den Parteihader gestatten? Dürfen wir es uns gestatten, zwischen Ungar und Ungar nach konfessionellen Gesichtspunkten Unterschiede zu machen, wo ja jeder Ungar Gott dem Herrn gleich lieb ist? Man versucht, in unserem Lande mit dem offiziellen Abzeichen einer fremden Nation Propaganda zu machen. Sind sie Nationalisten, so müssen sie wissen, daß ein Nationalist niemals andere kopieren darf, daß sein Nationalismus in der Gedankenwelt seiner eigenen Nation wurzeln muß. Unskann eine Politik, die aus der Fremde gebracht wird, nicht lieb sein und nicht zusagen, aus dem einfachen Grunde, weil wir sie ja gar nicht begreifen. Es gibt solche, die schon seit langem die Macht anstreben und neuestens den Versuch machen, gegen mich mit Religionsproblemen zu manövrieren, ich will diese Herren Politiker warnen: haben sie kein anderes politisches Argument in ihrem Tornister, so tun sie b e s-s e r, wenn sie aus dem Wege gehen. Nur Kinder spielen mit dem Feuer . . . Die ungarische Einheit läßt sich nur durch Begeisterung für die Nation, durch ehrliche Arbeit, Pflege der moralischen Werte, Unterstützung unserer notleidenden Brüder und durch jene Inspiration erzielen, die fühlt, wohin die Wege der Geschichte führen, und die allein imstande ist, die Nation zur triumphalen ungarischen Auferstehung zu vereinen." Außenminister Neurath. Am 15. September hielt Reichsaußenminister Freiherr v. Neurath eine auch im Rundfunk übertragene Rede vor Vertretern der ausländischen Presse über die Abrüstungsfrage, in der er auch das Jüdenproblem streifte. Er erklärte, er zweifle nicht daran, „daß das unsinnige Gerede des Auslandes über rein innerdeutsche Dinge, wie die sogenannte Judenfrage, schnell verstummen wird, wenn man erkennt, daß d i e unbedingt notwendige Säuberung des öffentlichen Lebens wohl vorübergehend in Einzelfällen persönliche Härten mit sich bringen konnte, daß sie aber doch nur dazu diente, um in Deutschland die Herrschaft von Recht und Gesetz um so unerschütterlicher zu befestigen". * Der Wilnaer Erzbischoi. Anläßlich einer großen religiösen Feier in Augustow, die von vielen Tausenden Menschen, darunter einer großen Zahl von Geistlichen, besucht war, hielt der Erzbischof von Wilna Jalbyszowski eine Ansprache, in der er sich auch mit der Judenfrage befaßte. Der Erzbischof erklärte u. a., das polnische Volk dürfe sich an dem Rassenhaß anderer Länder kein Beispiel nehmen und müsse allen Bürgern des Landes ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität mit Achtung und Liebe begegnen. Das Genesungsheim des Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten" in Merano wird, wie alljährlich, auch heuer am 1. November eröffnet. Gesuche um Aufnahme sind zu richten an das ..Asilo Israeliticö" in Merano (Italien). Ein Weckruf zum Ro Die Religion des Judentums ist Wahrheit. Diese Wahrheit ist der Glaube an einen ailbarmherzigen Gott und seine heilige Lehret, die Thora. die Israel geoffenbart worden ist. Dieser Glaube muß wieder erweckt werden. Die Wahrheit des Gottesglaubens besteht in dem Gedanken des Friedens, der Liebe und Barmherzigkeit Die heutige Welt zeigt das Gegenteil, sie ist von Gott abgewendet daher auf Lüge aufgiebaut. auf Unfrieden, Haß und Lieblosigkeit. Dem gegenüber hat die jüdische Gemeinschaft heute mehr denn je die Pflicht, sich ihrer weltgeschichtlichen Sendung zu erinnern, mit ganzer, ungeteilter Kraft im Dienste des Menschheitsgedankens zu stehen, der Menschenverbrüderung, mag sie dafür auch noch so viel Hohn und Spott erfahren, sowohl in ihrer eigenen Mitte, von den sogenannten „Nationalen", wie von ihren antisemitischen Feinden. Die jüdische Gemeinschaft muß unentwegt im Dienste der Humanität tätig sein. Diese Pflicht ergibt sich aus ihrem universell-religiösen Gottesgiauben, aus ihrem universell-religiösen Gottesbewußtseän. Nichts anderes, nichts sogenannt „Nationales", darf die Judenheit vertreten, das würde früher oder später eine Schädigung des Judentums herbei- , führen, dessen Wesen nur ethische Religion ist Gottesglaube und Thora-Glaube, nichts anderes. Wir Juden auf der ganzen Erde müssen bewußte und tatkräftige Förderer der Idee eines künftigen Weltfriedens sein, wir müssen mutige, unentwegte Pazifisten sein, alle Bestrebungen unterstützen, welche eine gänzliche Abschaffung der Kriege zwischen den Völkern und die Einführung obligatorischer internationaler Schiedsgerichtsbarkeit zum Ziele haben. Diese Pflicht ergibt sich aus dem messianischen Zukunftsgiauben unserer Religion. Dieser messianische Zukunftsglaube des Judentums muß besonders in der heutigen jüdischen Jugend wieder geweckt werden. Der Förderung des Weltfriedens dient als wesentliche Aufgabe die Bekämpfung des Antisemitismus: diese ist unsererseits eine sitüich-religiöse Pflicht, durch deren Erfüllung wir nicht nur uns selbst, sondern der ganzen Menschheit den unschätzbarsten Dienst leisten. Dieser geistige Aufldärungskampf gegen den Antisemitismus ist gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte, wo er scheinbar wenig Erfolg verspricht besonders notwendig, er muß von unserer Seite mit verstärkter Kraft und mit tauglicheren Mitteln fortgesetzt werden. Diese Kraft schöpfen wir aus dem unerschütterlichen Glauben an den endgültigen Sieg, unsener gerechten Sache. Die heutige Judenheit hat nicht wie von mancher Seite behauptet wird. Volkstum und Religiosität zu pflegen, sondern nur Religiosität. Denn wir Juden haben nicht wie viele behaupten, ein Volkstum und eine Religion (dieses kleine Wörtchen „und" ist verwirrend. sch-ha-schana 5694. fälschend, schädigend, zerstörend), sondern wir Juden sind das Volk der Religion, das Volk Gottes, das Volk der Thora. der allumfassenden Lehre der göttlichen und menschlichen Barmherzigkeit Palästina ist für die gesamte Judenheit das heilige Land der Vergangenheit und das heilige Land der messianischen Zukunft. Die gegenwärtige Aufbauarbeit die jetzt dort geleistet werden soll, wird nur dann einen sicheren Erfolg erzielen, wenn sie allen großsprecherischen und phrasenhaften „national-politischen" Hirngespinsten entsagt und auf rein religiös-wirtschaftlicher Grundlage erfolgt, wie es die Gemeinschaft der traditionell gläubigen Juden anstrebt die in der Agudas Jisrcel organisiert ist. Denn der jetzige politische „Zionismus" wird verschwinden; ewig leben wird dar religiöse Zionsgedanke. das ist eben das wahre, religiöse Judentum. Diese Einigung der gesamten Judenheit auf rein religiöser Grundlage ist im gegenwärtigen Zeitpunkt besonders wichtig und dringend notwendig, da die ganze-Weltkultur von zwei Seiten, vom Bolschewismus und Rassen-Nationalismus in ihrem Bestände bedroht ist Und so. wie vor wenigen Jahren, als die „Gottlosen"-Bewegung in Sowjet-Rußland besonders gefährliche Formen annahm, wir Juden als Vertreter der ältesten Kultur-Religion gemeinsam mit den Vertretern der christlichen Kirchen gegen diese schmachvolle Bedrückung Protest erhoben haben, so müssen wir auch jetzt die Seuche des Rassen-Nationalismus, der sich hauptsächlich gegen uns Juden kehrt, vom religiöshumanitären Standpunkte aus bekämpfen, trotz der Ereignisse in Deutschland und trotz des Schicksals der deutschen Juden, und den Begriff der Nation als reiner Sprach- und Kulturgemeinschaft zur Klärung und Anerkennung bringen. Und wenn jetzt auf dem in Wien stattgefundenen Katholikentage eine gewaltige Kundgebung der christkatholischen Weltanschauung erfolgt ist so dürfen wir Juden nicht schweigen und abseits stehen, sondern müssen gleichfalls als Bekenner unserer Religion, der Mutter-Religion des Christentums, gegen die Feinde aller religiös-ethischen Menschheitskultur zur Abwehr unsere Stämme erheben und uns alle insgesamt um die Fahne des religiösen Judentums scharen. Die „Union östeirreichiischer Juden", welche nach ihrem Programm auf religiöser und vaterländischer Grundlage steht ist vor allem dazu berufen, diese Arbeit zu leisten. Und indem die „Union österreichischer Juden" den Kampf um die Erhaltung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Oesterreich führt erfüllt sie gleichfalls eine sittlichreligiöse Pflicht im Dienste der Gesamtheit und zum Wohle des österreichischen Vaterlandes. So möge denn das herankommende neue Jahr ein Neu-Erwachen der gesamten Judenheit als religiös-einheitlicher Gemeinschaft bringen, in sich geeint in ihrem ewigen Thora-Glauben. mit allen Menschen verbunden durch ihren ewigen' Gottesglauben. M.

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