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Die Wahrheit · 1933-09-20 · Heft 38-39 (20.9.1933) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 38-39 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT 3*H» 9 Jugenderziehung Betrachtungen zum Schulbeginn. Von Dr. Hugo Spiezier. Die idealste Jugenderziehung gab es im alten Griechenland. Zwar waren die antiken Gymnasien und Lyzieen deri k ö r p e r sportlichen Ausbildung der Jugend geweiht, doch in den Pausen zwischen Ring- und Boxkämpfen, während der Rast nach anstrengenden Wettrennen, lauschten die Jünglinge ermüdeten Leibes, doch um so regeren Geistes den Diskursen eines Sokrates. den Lehren eines Plato. So wurden nicht nur die Muskeln, sondern auch die Denkorgane gestählt zu jenem Aufstieg des Hellenenvolkes, dessen kulturelle Höhe noch heute ein Ideal ist für alle änderen! Das Mittelalter stand im Zeichen einer strengen Sonderung der körperlichen und der geistigen Erziehung. Der Kriegerstand genoß bald militärische Ausbildung, das heißt der damaligen Kampfesart in Schlacht und Turnier entsprechend nur körperliche Ertüchtigung. Die Ritter konnten bis auf wenige Ausnahmen weder lesen noch schreiben. Hingegen trieben die Geilehrten, die als einzige erlaubte Wissenschaft die Gottesgelahrtheit pflegten, unter dem Einfluß des Christentums strenge Askese des Leibes. Die Juden, obwohl von ihrer Religion keineswegs zur Vernachlässigung des Körpers angehalten, sondern im Gegenteil durch die Speisegesetze und andere rituelle Vorschriften hinlänglich über die Wichtigkeit aufgeklärt, die auch der Pflege des Leibes zukommt, folgten trotzdem dem zweiten -System. Für militärische Ausbildung besaßen sie nach dem Untergang ihres eigenen Staates, den sie mit Heroismus und soldatischer Tüchtigkeit verteidigt hatten, kein Interesse mehr. Wohl wirkten die kriegerischen Tugenden ihrer Ahnen noch eine Weile in den ihrer militärischen Basis durch den Verlust des Heimatlandes beraubten Epigonen fort und äußerten sich als Vorliebe für Sport und Kampfspiele. Die Figur des Ben Hur in dem berühmten gleichnamigen Roman mag als Individuum die Erfindung eines Dichters sein, als Typus des muskelgestählten, selbst den stärksten Gegnern ebenbürtigen Juden ist sie historisch. Den Beweis hiefür liefern uns aber nicht etwa Lobeshymnen antiker Dichter, sondern — typisches Judenschicksal! — Dokumente, aus denen der Aerger der Nichtjuden über die jüdischen Sporterfolge hervorgeht. Es wurde nämlich vor einiger Zeit ein römisches Kaiser-Edikt ausgegraben, das den Juden das Antreten gegen Nichtjuden in der Sportarena untersagte. Der Kaiser handelte dabei weniger aus eigenem Antisemitismus, als wegen der unliebsamen Skandale, die durch jüdische Sportsiege in verschiedenen Zirkussen ausgelöst worden waren und den Bürgerfrieden im Reiche gefährdeten. Solche Vorkommnisse im Verein mit dem Vorbild, das die asketischen Klosterschulen den gleichfalls auf die Gottesgelahrtheit beschränkten Juden boten, führten zur Jahrhunderte langen Vernachlässigung der Körperkultur im Ghetto. Und auch als Moses Mendelssohn die Juden zur Teilnahme an der Kultur ihrer nichtjüdischen Umgebung angeregt hatte, konzentrierte sich das jüdische Interesse vorerst auf die allgemeine Geisteskultur. Dieser Einseitigkeit der jüdischen Erziehung machte erst die Erfassung der Juden durch die Militärpflicht in den Staaten, deren Bürgerrecht sie erhalten hatten, ein Endei Nordaus kluge Forderung nach einem „Muskeljudentum" zeigte, wie gut man in jüdischen Kreisen den lange genug verkannten Wert der körperlichen Ertüchtigung zu begreifen begann. Alsbald stellten die Juden auch auf diesem Boden ihren Mann und zu den leuchtenden Errungenschaften jüdischer Pioniere auf allen Gebieten geistigen Schaffens und wissenschaftlicher Forschung gesellten sich rühmliche Rekordleistungen auf allen Sportzweigen. Beachtete man daneben noch die rituellen Vorschriften des Judentums, dann hielt man sich schon für ein Vorbild der „Gerechtigkeit" in Israel, auch wenn man dabei mehr äußerer Gewohnheit als innerem Drange folgte. Dieser innere Drang erlahmte in bedauerlichem Ausmaße. Der Zaun, den unsere Weisen einst um die Lehre gezogen hatten, imponierte der zum „Nehmen" ganz anderen Hindernisse trainierten jüdischen Jugend nicht mehr. Das muß sich in Zeiten wie den heutigen, da die politische Tendenz auf Zurückdrängung der Juden von der im Zeichen der Emanzipation liebgewonnenen Kulturarbeit leider täglich an . Macht gewinnt, furchtbar rächen. Der im geistigen und körperlichen Wettbewerb mit den Andersgläubigen jäh gehemmten jüdischen Jugend fehlt die starke seelische Kraft mit der die Schule des Ghettos das jüdische Gemüt zum freudigen Ertragen aller Verhöhnung und Unterdrückung ausgestattet hatte. Diese kräftige, in Zeiten der Verfolgung unentbehrliche Nahrung der Seele muß der jüdischen Jugend wieder schmackhaft gemacht werden. Die Freude an der Erleuchtung durch das allgemeine Wissen darf uns nicht vergessen lassen, was das Licht der jüdischen Lehre unseren Vorfahren in dem Dunkel vergangener, aber wie sich zeigt, nach Wiederkehr lüsterner Verhältnisse an Trost und Lebensinhalt bedeutet hat. Gewiß, erzwungene Vernachlässigung von Fähigkeiten und Talenten ist ein Unglück, doppelt hart empfunden von Menschen, die seit undenklichen Generationen nach Bildung und Wissen streben und diesen Drang in vielen schönen Worten formuliert haben, wie z. B. in dem Talmudsatze: „Alle Verkündungen der Propheten gelten nur demjenigen, der seine Tochter an einen Gelehrten verheiraten will" (Berachoth 34b). Aber was bedeutet gegen die Finsternis, in der ein durch eigene Irägheit oder fremde Despotie ungebildet gebliebener Geist tappen muß, gegen die Düsterkeit eines von keinem Glaubensstrahl erhellten Gemütes, wenn es in der Welt ringsumher finster wird und jeder auf das Licht, das in seinem Innern brennt angewiesen ist um nicht dem Grauen der hereinbrechenden Nacht zu erliegen. „Die Nacht ist" — nach einem schönen Worte des christlichen Romantikers Novalis — „unendlicher Geheimnisse schweigender Bote". Wenn es Nacht um uns wird, müssen sich unsere Herzen den Geheimnissen erschließen lernen, deren Bote sie ist: den Geheimnissen des göttlichen Willens, der uns Judggg^ung)öglich so lange aufgespart hat. 'um uns im Düster eünir so untoleranten Zeit wie sie unsere Geschichte schon oft genu« gekannt hat untergehen zu lassen. Machen wir das Gemüt unserer Jugend wieder empfänglich für die uns einst am Sinai zuteil gewordene Offenbarung. Bundeskanzler Dollfuß hat es jüngst in einer Aufsehen erregenden Rede ein Verbrechen genannt der Jugend in der Schule die Gebote „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" und „Ehre Vater und Mutter!" vorzuenthalten. Das gilt doppelt für die jüdische Jugend, die nur der Geist der Thora die Nacht, die sich über die Welt herabzusenken droht schätzen lehren kann als Botin jener göttlichen Geheimnisse, deren Enträtselung einst unseren Ahnen den inneren Halt gab. den grausamsten Verfolgungen von außen mit dem Stolz zu begegnen, den das Bewußtsein göttlicher Auserwähltheit verleiht. Warum Lessina sterben mußte. In diesem Frühjahr beschäftigte sich in einem seiner zahlreichen Rachefeldzüge der Propagandaminister Deutschlands, der insbesondere den deutschen Geist zu bewachen hat, mit dem ehemaligen Hannoveraner Philosophieproiessor Theodor Lessing. Diesem Gelehrten war schon unter dem .Kultusminister Becker von den erwachenden Studenten der Technischen Hochschule Hannover der Prozeß gemacht worden wegen zweier Verbrechen, die er nie begangen hatte: seine historischpsychologisch objektive Zeitungsstudie über Hindenburg hatte eine Haßkampagne in eine Verhöhnung des Reichspräsidenten umgefälscht; seine soziologisch gut fundierte, beispielhafte Berichterstattung über den Prozeß gegen den Raubmörder Haarmann hatte dieselbe Fälscherwerkstatt als eine Verherrlichung der Bestialität denunziert. Aber erst dem Chef der Propaganda war es vorbehalten, diese infamen Verleumdungen zu übertrumpfen: er verknüpfte die zwei alten Lügen so, daß eine neue herauskam, vor der die beiden Eltern schwächliche Waisenkinder waren: Lessing habe Hindenburg mit Haarmann verglichen . . . Wer ist der Mörder Theodor Lessings? Wahrscheinlich ein Held, der an seinem erlegten Feinde nicht nur die Beleidigung des Staatsoberhauptes, die Heroisierung eines Untermenschen, die Vergleichung Hindenburgs mit Haarmann zu rächen hatte, sondern noch Lessings bekanntes prosemitisches, die Allherrschaft ... Judas verkündendes Drama „Nathan, der Weise". Neuer Geschichtsunterricht. ..Neuer Geschichtsunterricht" lautet die Ueberschrift eines Gedichtes, das jetzt die Runde durch die ganze nationalsozialistische Parteipresse macht. Das .Gedicht enthält die folgenden Verse: „Laßt all den aufgewärmten, alten Plunder. Der Nichtigkeiten schilderte und wog. Und zeigt der Jugend, wie das Marnewunder Uns um den wohlverdienten Sieg betrog . . . Und muß der junge Mensch ein Vorbild haben. So redet nicht von fremder Völker Tat . . . Was brauchen wir die Helden und Bekenner Von jenem längst entschwund'nen Volk und Staat. Wenn unsre Jugend solche Männer Wie Hitler. Görin g. Röhm und Goebbels hat!" nqgicnisdies KöDlUslIchl Seit vielen Jahren das anerkannt beste M-Vnötw Man achte auf die gas. gesch. Mark« „Hygtan. Könlgsllcht" und Name Schute Fabrik und Büro: Wlan XIV., BraiuihlrschengassM 3 Telephon R 33-1-87 Tjöftei SPEZIALHAUS FEINER1 HERRENWÄSCHE. UND MODEARTIKEL. WIEN II., TABORSTRASSE 11 8 vls-ä-vlsder Produktenbörse TELEPHON A 48-1-3B Nicht jeder „Jude" ist ein Jude... Einige Wirkungen nationalsozialistischer Agitation sind auch jenseits der deutschen Grenzen festzustellen. Vor allem in der sogenannten Judenfrage scheint, wie das ausgezeichnet redigierte Pariser „Neue Tagebuch*' richtig "bemerkt, das Urteil mancher ausländischer Schriftsteller von jener verlogenen Propaganda beeindruckt, die den „Einfluß der jüdischen Elemente" im Vorhitler- Deutschland in der maßlosesten Weise übertrieben hat. Sehr bezeichnend dafür sind einige sachliche Irrtümer, die dem französischen Schriftsteller George Suares, Autor einer ausgezeichneten Clemenceau-Biographie, in seinem kürzlich erschienenen Buche „Hommes malades de l a p a i x'* unterlaufen sind. Ein Kritiker hat im „T e m p s" Herrn Suares auch um der Kenntnisse willen gerühmt, die er von Deutschland habe. Nichtsdestoweniger findet man in dem Buche des Herrn Suares unter anderem die Behauptung, daß auch Thomas Mann, Heinrich Mann und Erich Maria Remarque zu den „jüdischen"' Schriftstellern Deutschlands gehören. Herr Suares stützt mit solchen Angaben seine These, daß es fast ausschließlich „Juden" gewesen seien, die das deutsche Geistesleben gegenüber dem Ausland repräsentierten. In Wirklichkeit sind sowohl die Brüder Mann wie Remarque sogar im Sinne der nationalsozialistischen Blutstheorie einwandfrei nicht-jüdische Arier. Nicht einmal eine jüdische Ur- Ur-Großmutter, — von den Großeltern zu schweigen, — belastet den Stammbaum der drei Autoren, und daß sie im Dritten Reiche verfemt sind, wird nicht einmal dort mit „rassischen" Argumenten begründet. Wie kam Herr Suares darauf, sie für „Juden" zu halten? Vermutlich hat den französischen Schriftsteller bei seinen Reisen durch Deutschland und seinen Gesprächen mit den Repräsentanten des neuen Kurses eine sprachliche Finesse irregeführt: die Kultur-Teutonen des Goebbels-Stabes haben nämlich die Gewohnheit, von „verjudeten" Schriftstellern zu sprechen, und jeder deutsche Autor, der den geistigen Horizont des Teutonentums überragt, wird von ihnen als „verjudet" bezeichnet. Heinrich Mann hat in seinem Aufsatz „Der Haß'4 zutreffend dargestellt, was sich hinter diesem literarischen Kriterium verbirgt: „Mit jüdischem Geist meinen sie einfach den Geis t." Herr Suares hat dies augenscheinlich übersehen. Er weiß nicht, daß er selber, hätte er das Unglück gehabt, in Deutschland geboren zu sein, von der Goebbelsschen Literaturkritik unter die „Juden'1 rangiert worden wäre, — schon auf Grund der Tatsache, daß er einen kultivierten und geistvollen Stil schreibt und eine etwas andere Idee von der Welt hat als Adolf Hitler. Aber Herr Suares wird vielleicht gehört haben, daß in der Bibel des neuen Deutschland, in Adolf Hitlers „Mein Kampf nicht nur die hervorragendsten deutschen Schriftsteller den Ehrentitel „jüdisch"' oder „verjudet" führen, sondern daß Herr Hitler dort auch die ganze französische Nation „vernegert" und „verjudet" nennt. Schon diese eine Probe nationalsozialistischer Terminologie sollte dem Mißverständnis vorbeugen, deutsche Schriftsteller, die von den Kulturkämpfern des Dritten Reiches zu „Juden"' ernannt worden sind, für Juden zu halten. Redaktion und Administration S*i* „Die Wahrheil' entbieten allen Mitarbeitern, Abonnenten und Inserenten die herzlichsten Wünsche mit der Bitte, auch im neuen Jahre dem Blatte gleich treue Gefolgschaft wie bisher zu leisten.

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