Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 38-39 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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DK WAHRHEIT* Fremdlingschaft ist nicht göttliches Schicksal. Die Berliner „Theolö g ischen B1 ä tter" veröffentlichen einen offenen Brief Martin Bubcrs an Professor Gerhar'd Kittel, der in einer Broschüre ,;Die Judenfrage'* die deutsche antisemitische Judenpolitik mit theologischen Argumenten;unterstützt und die Anschauung vertreten hat, daß ein religiös orientiertes neues Judentum eine Stellung unter Fremdenrecht in Deutschland als göttliches Schicksal auf sich nehmen müßte. In dem offenen Brief Bubers heißt es u. a.: „Einen Gehorsam unter die Fremdlingschaft, wie Sie sie verstehen, wie aber Gott sie nicht versteht, gebietet er uns nicht. Es kommt uns nicht zu, uns gegen sie aufzulehnen, aber es kommt uns auch nicht zu. uns einem Volks w-i-ile-n als dem Willen Gottes zu beugen. Psalm um Psalm unseres Buches, von der Kirche angenommen, spricht einen Appell von den Bedrängern an den Befreier aus. Psalm um Psalm wäre Lästerung, wenn Gott von uns nicht allein heischte, daß wir in der Drangsal ausharren, sondern auch, daß wir uns drein als in ein v,o;4j: ihm Verhängtes appellos schj.cjk e.n. Wir beten auch heute. Wir b et eii nie h t w i de r an de r e. w oh 1 aber um unsere und der Völker Erlösung. Der „Feind", wider den der Psalmist eifert, meint unserem nachsprechenden Gebet nicht Menschen und. nicht Menschenmächte, sondern den Urversucher, der in der Geschichte, die Erlösung behindert. „Das echte Judentum", sagen Sie, „bleibt bei dem Symbol des ruhe- und heimatlos über die Erde wandernden Fremdlings". Das Judentum kennt kein solches Symbol. Der „ewige Jude" ist eine christliche S ag e n g e s t a 11. nicht eine jüdische. Das echte Judentum ist stets gewärtig, daß im nächsten Augenblick die Verheißung sich erfülle und seine Wanderschaft ende. Es glaubt nicht, daß ihm geboten sei, die Zerstreuung zu bejahen, sondern sich in ihr für die Sammlung zu bereiten. Es kennt keine „von Gott gewollte Tragi k", die es anzuerkennen hätte, denn e s kennt die Gnade, und zwar als eine, die den Menschen zu ihrem Werk beruft.'" Fremde" oder Reichsbürger? 99 In kürzester Zeit ist in Deutschland die Erlassung des Gesetzes über die Verleihung des Rfichsbürger recht es zu erwarten, dessen Erscheinen bereits vor Monaten von zuständiger Seite angekündigt wurde. Durch dieses Gesetz dürfte die heute vollkommen labile Rechtsstellung der deutschen Juden endgültig geregelt werden. In der Berliner ..Jüdisch-Liberalen Zeitung" nimmt der bekannte Stuttgarter Stadtrabbiner Dr. Paul Rieger zu dieser Schicksalsfrage der deutschen Judenheit das Wort und entwickelt dabei einen Optimismus, der, so erfreulich er an sich ist, durch die Geschehnisse im „Dritten Reich" wohl nicht gerechtfertigt erscheint. Trotz der Skepsis, mit der seine Ausführungen also aufzunehmen sind, wollen wir ihnen hier ihres besonderen Gehaltes wegen Raum geben. Die Einbeziehung der deutschen Juden in das deutsche Recht liegt nicht zum wenigsten im Interesse deutscher Geltung. Eine objektive Behandlung der deutschen Judenfrage würde die deutsche Stellung überall heben. Es ist bezeichnend, daß auch die deutschen Minderheiten im Auslande die derzeitige Behandlung der Judenfrage in Deutschland als für sich selbst erschwerend empfinden. Die Deutschen in der Tschechoslowakei, in Ungarn, Polen und in den Randstaaten haben auf diese Sachlage nachdrücklichst hingewiesen. Darum liegt jede Besprechung der zukünftigen Rechtsstellung der deutschen Juden im Interesse des neuen Deutschen Reiches. Der vierte Artikel des nationalsozialistischen Programms lautet: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Völksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." Das Programm lehnt also den Begriff des deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens ab. Es erkennt den Juden lediglich die Reichsangehörigkeit im Sinne der Staatszugehörigkeit (Rosenberg) zu, spricht ihnen aber das Reichsbürgertum ab. Es bedeutet also das definitive Ende jeder Gleichberechtigung, denn eine Erklärung oder Rechtsumschaltung vom Semiten zum Arier ist ausgeschlossen. Die Ariereigenschaft ist durch keinen Gesetzesakt zu erlangen. Die R-echtsminderuiig ist blutgemäß verewigt. isdiias, Rheuma, Oidit Utägige Ischias - Schnellkuren (Italienische Methode) Fango-, Schlammpackungen, Moor-, Schwelel-, Sool-, Fichten-, KoblensBurebäder, Diathermie. Heißluft, Höhensonne Paraffin-Entfettungskuren . und alle sonstigen modernen physikalischen Heilmethoden taglich von 8-6 Uhr BellansiaM „Ihermla" L, Franz Josefskai 1 — Telephon R 29-1-37 Leiter: Dr. Wolf Somer „FAMJ LI EN SCH UTZ" Gemeinnützige Vereinigung für Familienfürsorge Wiea ll-VAspernnriiCkengaMe : Tel. B 43-50Q Durch Monatsbeiträge von S. 1 bis.. 10 kann man bei_ itgj) sicherstellen: •' ' Sttidleiibeltrage für töohter und Sölie Ausstattungsbeiträge für Töohter - Versorge für das Alter und für die Hinterbllibsien Unsere Vorteile: , 1. Geringe Beiträge. 2. Hohe Versicherungssummen. . 3. Keine Wartezeit, daher sofortige Wirksamkeit. 4. Volle Garantie der Lebensversicherung sgesell9chaft „ Phönix". 5. Keine Nebengebühren,;y1 6. Keine ärztliche Untersuchung. 7. Unveiiallbarkeit nach zweijähriger Beitragszahlung- 8. Keine Aufnahmegebühr. , Der „FAMILIENSCHUTZ" wird von der Wiener Knltasgemeinöe befürwortet Staatssekretär Gottfried Feder erklärt diesen vierten Prognammsatz dahin: „Die Juden haben dieselbe Stellung im Staate wie die hier wohnenden Engländer, Italiener, Japaner, Neger irgendeiner Negerrepublik- Welchem Staate sie angehören wollen, ob dem zionistischen in Palästina, ob dem des judenfreundlichen Frankreich oder dem Herkunftslande der meisten von ihnen, Polen, das berührt uns nicht weiter,'das ist ganz Sache jedes einzelnen von ihnen.'' Wie diese Ueberführung der deutschen Juden in die vorgeschlagenen fremden Staatsbürgerschaften völkerrechtlich möglich ist, wird dabei nicht erörtert Tatsächlich ist eine solche Option völkerrechtlich kaum möglich. Vielleicht darf bei de'm^raweis auf den angeblich überwiegend polnischen Ursprung der deutschen Juden daran erinnert werden, daß diese polnischen Juden aus Deutschland in den Jahren 1348—1351 während einer furchtbaren Judenverfolgung nach Polen geflüchtet und hier inmitten einer slawischen Umgebung in beispielloser Treue fast 600 Jahre ihr Deutschtum und ihre deutsche Sprache so rein bewahrt haben, daß noch heute aus ihren Dialekten ihre jeweiligen deutschen Herkunftsländer erkennbar sind. Ihr Jargon ist, wie bedeutende Germanisten nachgewiesen haben, das Volksdeutsch des 14. Jahrhunderts. Es war für die Soldaten des deutschen Heeres im Weltkriege die größte Ueberraschung, als sie sich im fernen Osten überall mit Hilfe der Juden verständlich machen konnten. Staatsrechtlich klarer als Feders Erklärung ist die Einstellung des Regierungspräsidenten Dr. H. Nicolai in seiner Schrift „Grundlagen der kommenden Verfassung", in der er die Rechtsstellung der Fremden, „die zur Zeit die Staatsangehörigkeit besitzen1', bespricht und. erklärt, daß diese ihre Staatsangehörigkeit behalten, aber keinen Anteil am deutschen Rechte haben, das heißt keine Staatsbürgerrechte ausüben. „Sie sänd eben Fremde, Schutzverwandte... die bei uns... wohnen, auch den Schutz des Staates genießen, aber sich den Anordnungen der Staatsgewalt zu fügen haben. Da sie keine Deutschen sind, so dürfen sie sich auch als Deutsche nicht bezeichnen... Die fremden Reichsangehörigen sind ... einem besonderen Minderheitenrechte zu unterwerfen.'' Praktisch unterscheidet er dreierlei Gruppen von Fremden: die Juden, die Polen und die sonstigen Fremden. Die Pflichten und Rechte dieser drei Gruppen werden gesetzlich geregelt werden. Zu ihren Rechten wird „insbesondere auch die Feststellung einer Autonomie auf kulturellem Gebiete gehören4'. So seltsam es klingt, so liegt bisher eine authentische Aeußerung der deutschen Judenheit zu dieser Lebens- und Schicksalsfrage, ob die Juden in Zukunft Reichsangehörige unter Fremdenrecht oder Reichsbürger sein sollen, noch nicht vor. Der deutsche Staat wird, das ist allerdings der Glaube aller deutschen Juden, auch ihnen einen Lebensraum einräumen müssen, der ihnen ein ehrbares Leben in Deutschland ermöglicht und ihnen die Einordnung in den deutschen Staat ver^ stattet. Die deutschen Juden dürfen sich dabei auf das Wort aus des Reichskanzlers großer Friedens-! rede berufen: „Es ist nicht weise, die wirtschaftlichen Lebensmöglichkeiten einem Volke zu entziehen, ohne Rücksicht darauf; daß die davon ab^ hängige Bevölkerung darauf angewiesen ist, ' in diesem Gebiete weiterhin zu leben." Aber auch die bisherige verneinende Entwertung, daß die Jude« fremdbürtig sind, wird, das ist die unerschütterliche Ueberzeugung der deutschen Juden, der bejahenden weichen müssen, daß diese „Fremden" seit vielen Jahrhunderten in Deutschland leben und nutzbar in das Gefüge des deutschen Lebens ein^ zureihen sind. Eine halbe Million Menschen ist nicht einfach zu verneinen; Das eigene Staatswohl, die Achtung vor den Gesetzen der Humanität und der Blick auf die außerdeutsche Menschheit gebieten, den jüdischen Lebensraum so zu bemessen, daß er den Juden ein menschenwürdiges, ehrenhaftes Dasein sichert. Die deutschen Juden werden sich innerhalb dieses Lebensraumes häuslich einzurichten haben. Fern von Anbiederung, in stolzer Vertretung des jüdischen Erbes, gefestigt durch religiöses Selbstbewußtsein, gestählt durch das Verantwortlichkeitsgefühl einer scharf beobachteten Minderheit werden sie Juden und Deutsche in idealem Einklang sein. Staatssekretär Pfundtner hat am 4. Juli ein Gesetz über die Verleihung des Reichsbürgerrechts in Aussicht gestellt, das nicht "verschenkt, sondern an die verliehen werden soll, die sich durch ihre Dienste würdig erwiesen haben, als Reichsbürger am Deutschen Reiche mitzuarbeiten. Die Erringung dieses Reichsbürgerrechts ist die Ehrenaufgabe der deutschen Judenheit. Und nochmals Oppenheimer So ist es gekommen, wie es kommen mußte. Da sich keine mächtigere Stimme als meine für den seit 200 Jahren Toten erhoben hat, für den ich im Interesse des Judentums mehr unangenehme Wege bei Freund und Feind, bei Jud und Christ gegangen bin, als je für Lebende, so wurden die Verdienste nicht eines Juden, sondern des Judentums um die Türkenbefreiung überall totgeschwiegen. Meine letzte Hoffnung war, daß wenigstens die freiheitlich erzogene nichtjüdische Jugend Wiens, die erfreulicherweise stark die hochinteressante Türkenbefreiungsausstellung im Wiep ner Rathaus besuchte — freilich nur ein schwacher Abglanz der Ausstellung von 1883 —, wenigstens etwas von Oppenheimer zu sehen bekommen würde. Aber offenbar konnte das Wiener Rathaus nur seine Bestände zeigen und da fehlte vielleicht Oppenheimer. Dies bewegt mich zur Bitte, daß Juden, die Bilder oder Dokumente über Oppenheimer besitzen, sie aus dem Dornröschenschlaf jüdischer Archive oder Ausstellungen dem Wiener Rathaus übergeben möchten, oder daß wenigstens Dr. G r u n w a 1 d s Buch der Rathausbibliothek übergeben werde. Meine Erlebnisse im Falle Oppenheimer erneuern in mir einen alten Wunsch, es möge in der Kultusgemeinde eine Art K u 11 u r Schutzkommission, oder wie man sie heißen möge, errichtet werden, welche die geistigen und Prioritätsrechte toter und lebender Juden in der Presse und Oeffentlichkeit wahren würde. Clotilde Benedikt. EtH ans DselsAlafld aeliDMeler Huslkprolessor erteilt modernen Husiknnterricht in und anderHanj bei bescheidenstem Honorar.. Probecnterricbt 14 Tan gratis. Prof. ROSBNBLÜTH, Wien II., Glockengasse 4/3