Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 38-39 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT I Spwcialhau« für Volle und Strickgarne Moritz Nagel Wien, 2.Bez., Tatoorstraße Nr. 17 Fabriksniederlage. Wirku. Strickmoden Telephon A 45-8-69 Jona wird gerettet. Er kommt nach Ninive. Hier verkündet er dem Volke den Untergang. Ist Oott gerecht, so muß doch der Sühne die Strafe folgen, wie der Ton dem Schlag an die Glocke folgt. Aber siehe da! Ninive bleibt verschont. Es war. in sich gegangen und der Gott der Gerechtigkeit erwies sich hier als der Gott der Gnade und des Erbarmens, als den wir ihn heut an Jomkippur preisen. Und Jona kommt noch eine andere Einsicht. Der Kikajon wächst über Nacht und vergeht über Nacht. Ist das Gerechtigkeit? Ist das Gnade? Jammert nicht die Witwe: „Was hat mein guter Mann getan, daß Gott ihn so früh von mir nahm?" Es klagt die vereinsamte Mutter: „Was hat dies Wieder werden sich die während des Jahres nicht überfüllten Gotteshäuser am Vorabend des Jom Kippur- bis auf das letzte Plätzchen füllen, wieder werden die Juden andächtig den Akkorden des Kol Nidre lauschen, wieder werden die Juden Leiden und Freuden des vergangenen Jahres an ihrem geistigen Auge vorüberziehen lassen und wieder werden sie alle ihre Wünsche in dem Gedanken vereinigen, daß sie in dem neuen Jahre vor Schicksalsschlägen bewahrt werden mögen. Trotzdem wir alljährlich an diesem Tage des Gerichtes in den jüdischen Gotteshäusern das gleiche Bild vor uns sehen, trotzdem die Gedanken der Juden sich alljährlich an diesem Tage mit denselben Problemen befassen, wird der Jom Kippur dieses Jahres sich doch unterscheiden von den gleichen Tagen der Vorjahre. Ein Jahr ist vergangen, in dem wir es erleben mußten, daß der Sturm des Antisemitismus zum wütendem Orkan anwuchs, ein Jahr wüstester Judenverfolgungen und Judenvertreibungen, ein Jahr, in dem ein Kulturvolk die Errungenschaften der Kultur mit Füßen trat und Menschen verfolgte, nicht weil sie Böses taten, sondern weil sie ihrem Glauben treu geblieben waren. Hat schon das abgelaufene Jahr uns die traurige Erkenntnis gebracht, daß die Menschheit noch weit davon entfernt ist, den Begriff des Menschentums zu erkennen und zu verstehen, so müssen wir mit noch bangeren Blicken in die Zukunft sehen. Die Judenhetze findet, in welcher Form immer sie betätigt wird, immer wieder begeisterte Anhänger, Anhänger vor allem in jenen Kreisen, die auf Grund ihrer Intelligenz doch vermuten ließen, daß sie nicht blindlings einer Hetzpolitik Folge leisten würden, die einzig und allein egoistische Zwecke verfolgt. In dieser Zeit schwerster Not und Bedrängnis, in einer Zeit, in der Juden, von Haus und Hof vertrieben, wieder als unstete Wanderer durch die Welt ziehen müssen, in einer Zeit, in der unschuldige Kinder einer düsteren Zukunft entgegengehen, in einer Zeit, welche die Methoden des Mittelalters wieder modernisiert, in dieser ernsten Zeit müssen sogar die Renegaten, jene Juden, die den Gllauben wie ein Hemd gewechselt haben, einsehen, daß der Haß und die Verfolgung der antisemitischen Meute sich gegen sie ebenso wie gegen uns richtet und sie heute genau so wie wir die furchtbaren Folgen der antisemitischen Verhetzung zu erdulden haben. Heute, wo sie ausgestoßen werden von denen, denen sie sich nähern wollten, heute suchen sie den Schutz bei denen, denen sie den Rücken gekehrt haben. Wir dürfen und wir wollen nicht mit gleicher Münze bezahlen. Wir werden diese Menschen, die den Weg zurückfinden, nicht abstoßen, aber wir haben ein Recht darauf, ihnen zu sagen, daß sie nunmehr einsehen mögen, wie schändlich und nichtswürdig sie gehandelt haben, als sie um irdischer Vorteile willen Verräter an ihrem Glauben, Verachter ihrer Vergangenheit und Mißachter jener, die vor ihnen waren, geworden sind. Es ist menschlich verständlich, daß Verfolgte die Irrwege wieder verlassen, um auf den geraden unschuldige Kind verbrochen, daß es so leiden und so jung sterben mußte? Wo ist Gottes Liebe, wo seine Gerechtigkeit?'* Der Kikajon belehrt Jona: Gott ist nicht so gerecht, daß wir Menschen mit ihm rechten dürften, Gottes Gnade nicht, was wir als gnädig begreifen. Gott ist erhaben über unser Begriffsvermögen, er ist unerforschlich. Nicht mit unserem Verstände können wir ihn erfassen, nur mit dem Herzen. Nur mit Hingebung und Liebe können wir ihm nahen, der im Innersten Liebe ist. Uns willig in unser Schicksal fügen, es mutig bejahen und tapfer tragen, das ist höchste Weisheit und wahres Glück. Das allein gibt uns Kraft zu erdulden, was unser Teil ist. Und darum lasset uns am Jomkippur nur eines wünschen: Gott gebe uns die Kraft zu ertragen, was er als Prüfung über uns verhängt! Unser Los als Jude wie unser Geschick als Mensch unter Menschen lasset uns geduldig tragen im neuen Jahr im ganzen wie im einzelnen mit dem mutigen Bekenntnisse Jonas: Iwri onauchi! —d. Weg zurückzukehren, es ist aber unverständlich, daß es noch immer Glaubensbrüder gibt, die, den geraden Weg verlassend, sich auf den Irrweg des Austrittes aus der Glaubensgemeinschaft begeben. Wir müssen es noch immer erleben, daß es Juden gibt, die den traurigen Mut besitzen, in den Zeiten schwerster Not ihrem Glauben den Rücken zu kehren. Es ist wohl das Bedrückendste, wenn man in den jüdischen Zeitungen die Ausweise über die erfolgten Austritte aus dem Judentum lesen muß. Sind denn die Menschen, die diesen Schritt tun, mit Blindheit geschlagen? Diese Menschen müssen wohl, ob sie wollen oder nicht, mit uns darin übereinstimmen, daß die Gründe, die sie zum Austritte aus der Glaubensgemeinschaft bewegen, im Verhältnis zur moralischen Konsequenz, die der Austritt für sie hat, unter allen Umständen nur geringfügiger Natur sein können. Mit Recht werden ihre Namen in den jüdischen Zeitungen allwöchentlich veröffentlicht, aber die Veröffentlichung der Namen allein genügt nicht, man sollte Zimmermaler Kohn empfiehlt sich zur Ausfähruns von Malerarbeiten jeder Art II., Rotenkreuzgasse 3 Tel. A 45-5-37 der Oeffentlichkeit erzählen, warum diese Menschen den Glauben der Väter verlassen, damit alle diejenigen, welche sie kennen und die persönlich Verkehr mit ihnen pflegen, aber auch alle übrigen Menschen, die sie nicht kennen, sich von ihnen und ihrem Charakter das richtige Bild machen und die zwangsläufigen Konsequenzen ziehen können. Wieder ist es Jom Kippur! Dieser Tag emster Einkehr möge endlich auch bei jenen Juden, die sich innerlich mit dem Judentum nicht mehr verbunden fühlen und leicht hinreißen lassen, ihren Glauben zu wechseln, das Bewußtsein erwecken, daß sie eine heilige Pflicht nicht nur der Allgemeinheit und ihren Ahnen gegenüber, sondern vor allem sich und ihren Kindern gegenüber zu erfüllen haben. Die Geschichte des jahrtausendelangen Martyriums des Judentums ist alen Juden durch die Judenverfolgung des letzten Jahres ins Gedächtnis gerufen worden, aber die Erkenntnis der Geschichte des Judentums muß in allen das stolze Bewußtsein erwecken, daß es den Judenverfolgern nicht gelungen ist und nicht gelingen wird, das Judentum zu vernichten. Nationen sind gekommen und wieder verschwunden, Königreiche erstanden und wieder untergegangen, das ewig Gleiche in der Jahrtausende alten Geschichte der Welt ist allein die Erkenntnis der Idee der Nächstenliebe geblieben, die nichts anderes bedeutet als den STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: HL. Rennweg 112, Tel. U lS-O-52 GRABSTEINLAGER: Zentraffriedhof, 3. Tor, Tel. U10-4-53 Seite. 5 ss^^boi Wir haben noch eine Anzahl unserer ausgezeichneten Original „IRE"-GFEN vorrätig, deren Preise wir wegen kleiner Schönheitsfehler tief herabgesetzt haben. WnE'||,|l Ofenfabrik — Tel. B 20-2-28 III. KEIin IV, Preßgasse 28 höchsten Inbegriff aller religiösen Dogmatik. Man mag die Juden verfolgen und vertreiben, man mag jüdische Existenzen vernichten, es wird und kann nicht gelingen, den Geist des Judentums, die Idee der Nächstenliebe, die das Judentum.der Menschheit gegebem hat, zu vernichten. Die Ewigkeitsidee jüdischer Nächstenliebe ist kein grauer Obelisk, der verwittert aus der Vergangenheit in die Gegenwart ragt, sondern diese Idee ist der Inhalt und Inbegriff menschlichen Lebens und Seins. Das Judentum und die jüdische Lehre sind ein Leben, das gelebt werden muß, um verstanden zu werden. Diejenigen, welche die jüdische Glaubensidee als eine überwundene, verzopfte Einrichtung bezeichnen und über sie unter Berufung auf die Errungenschaften der Moderne hinweggehen, beweisen nur, daß sie dieses jüdische Innenleben nicht verstanden haben und ihre Unkenntnis mit der Tünche moderner Geistesrichtungen zu übermalen versuchen. Diese modernen, sich selbst als freidenkende Menschen bezeichnenden Juden mögen es sich gesagt sein lassen, daß sie durch die Unkenntnis jüdischen Geisteslebens auf eine gewaltige Errungenschaft in ihrem Leben verzichtet haben. Wenn diese Menschen schon selbst sich wissentlich der Erkenntnis dieser Idee verschließen, so dürfen sie ihre Kinder nicht davon abhalten, in die Tiefen # dieser Idee einzudringen und aus diesem Borne' der Liebe für ihre Erziehung zu schöpfen. Der Haß der Menschen gegeneinander kann nur niedergerungen werden, wenn die Menschen zur Erkenntnis kommen, daß sie Menschen sind. Die Jugend muß im Geiste der Liebe erzogen werden, im Geiste jener gewaltigen, mächtigen und großen Liebe, die wir als Menschenliebe bezeichnen. Diese Erziehungsmethode wird künftighin ein unsichtbares, aber ewiges Bollwerk schaffen, das für immer verhindern wird, daß der Mensch sich gegen den Menschen erhebe, daß der Reiche dem Armen sich nicht gleichhalte, daß Menschen Unterschiede zwischen sich und anderen machen. Mag die Gegenwart für uns Juden sehr düster sein, eine Ueberzeugung müssen und werden wir haben, eine Ueberzeugung, die uns die Geschichte gelehrt hat: Der Ewigkeitsgedanke der Liebe der Menschen zueinander wird siegen und es wird wieder Licht werden, in der chaotischen Finsternis menschlicher Unverstandenheit! Hagel's SBlcbwaren-RBstauraBt Silchmtin an Itt Pibtlt Elsen & HSnlgsber streng orth. TO (Unter Aufklebt der Adaa-Jiiroel - Schiffsdral) Wien II., PraterstraSa »»Telephon R-47-4-4» ■eatt von ttm— aufwarte» Hochzeiten und Banketts werden bestens arrangiert Den Renegaten ms Stammbuch! Von Dr. Ernst Feldsberg.