Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1933
- Issue
- Heft 38-39 (20.9.1933)
- Date
- 1933-09-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Lederhandschuhfabrik Josef JjasCmger Griindungslahr 4896 IL, Hollandstraße 11 Telephon A 47-2-40 L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-5-29 den Gesetzen zur festgesetzten Zeit an bestimmten Orten des Firmamentes anzutreffen sind. So war es einst im Judentum. Wenn der Jude sonst, vom Beruf erfüllt, ununterbrochen seinem Erwerbe nachging; an den drei heiligen Tagen des Jahres war er unter allen Umständen an einer Stelle anzutreffen, und wie einst Abraham, unser Patriarch, konnte er sprechen: „Hhineni. Hier bin ich, hier bleibe ich. und harre aus, um Gott zu dienen." II. „Ihr alle*' stehet den Armen und Bedürftigen bei. Wem gleicht eine Familie, eine Gemeinde, ein Staat? Nichts anderem als einer Hand; wenn der eine Finger verletzt wird, leiden auch die anderen darunter. Durch den Druck der Verhältnisse, nicht durch eigenes Verschulden, sind viele ehrenwerte Menschen zusammengebrochen, hinabgesunken, dem Elend anheimgefallen. Da heißt es für sie eintreten, sie zu retten, ihnen zu helfen. ..Deinem Fleisch, deinem Anverwandten, darfst du dich nicht entziehen." Und steht er Dir auch nicht so nahe, sorge dafür, daß der Bibelvers einge- ' halten werde: „Es lebe dein Bruder neben dir''. III. Ihr alle helfet dem deutschen Juden! Er ist der moderne Hiob, unschuldig, gerade, gottesiürchtig Und das Böse meidend und trotzdem von Leiden heimgesucht. Sollten wir Glücklichen, an denen bis zur Stunde das Verderben vorübergezogen ist, nicht alle Rarteiungen und Auseinandersetzungen unter uns lassen, einen geistigen Waffenstillstand schließen, und gleichwie die drei Freunde um Hiob sich scharten, also auch wie ein Mann zusammenstehen, um das Leid, die Prüfungen der deutschen Juden zu erleichtern? Ihr alle! — Beim Propheten Jeremias heißt es: „Ich habe euch Wächter hingestellt, hört auf den Schall der Posaune." Die Wächter sind Liebe und Treue zum Gotteshaus, zum Familienhaus und zum Hause Israels und die Schofartöne künden: „Ihr, die Ihr an dem Ewigen, Eurem Gotte, hanget, Ihr alle lebet heute*' — bis in die spätesten Tage —. . Literatur. Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums. Auch das Augustheft bringt eine Reihe gediegener Aufsätze, die nicht nur für Fachgelehrte verständlich sind. Dr. Max Gxunwald. der bekannte Forscher auf dem Gebiet der Volkskunde, führt seinen Bericht über neuere Arfoecten auf sagenkundlichem Gebiete zum Abschluß. Er gibt darin unter vielem anderen die Erklärung der vielumstrittenen Worte des Machsörs': Anakfes Hephaistos Phosphoros Dionysos, Beiträge zum Verständnis der Lilithbeschwörung. des Hakenkreuzes, vor allem des Goetheschen „Hexeneinmaleins". B. Weinryb stellt die Geschichte des jüdischen Buchdruckes in Polen dar und beleuchtet sehr lehrreich das Zusammenwirken der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen für die Entwicklung dieses Erwerbszweiges. Es ist äußerst erfreulich zu sehen, wie diese älteste der bestehenden jüdischen Zeitschriften trotz aller materiellen Schwsrijriccit^ti festfährt der Wissenschaft zu dienen. Man abonniert die Monatsschrift, indem man Mitglied der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin wird und den jährlichen Mindestbeitrag von Mk. 10.— an die Gesellschaft (Postscheckkonto: Berlin Nr. 7030) sendet :; i m Nßujahrsbotschaft. Von Chief Rabbi J. H. Hertz, London. Gymnasfiftsttiole NEUY SPIELNANN Wien IX., Alserstrafie2 »Tel. 545-4-f 5 vis ä-vis dem Allg. Krankenhaus. Anmeldungen und Auskünfte täglich von 9—12 und 3-6 Uhr. Unentgeltliche Probestunde. Das Jahr 5693 wird ehr dunkler Punkt in den Ahnalen der Menschheit sein. Es wird für ewig und. immer daran erinnern, daß sich eine große Nation von den Idealen der Gerechtigkeit und Freiheit abgewendet hat. Diese Ration ist wieder in die dunkle Vergangenheit versunken; wieder werden Menschen ihrer Abstammung und Religion wegen geächtet und ihrer politischen Meinungen wegen für vogelfrei erklärt. Deutschlands fanatische Herrscher haben die bürgerlichen Rechte der jüdischen Bevölkerung widerrufen und diese Bevölkerung zur Würdelosigkeit und zu völligem Untergang verdammt. Die Entrüstung und das Entsetzen der Welt über diesen unerhörten Rückfall in dunkeiste Barbarei haben wenig genützt. Die Protestversammlungen haben sich aufgelöst, die Reden sind vergessen und der Schrecken besteht weiter. Wir setzen jetzt unsere 'Hoffnung auf den Völkerbund, dessen heilige Pflicht es ist, hilflose Minderheiten vor Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu schützen, und erwarten, daß dieser den Juden in Deutschland zu Hilfe komme. Und in diesem Jahr, in dem Großbritannien die Hundertjahrfeier der Aufhebung der Sklaverei begeht, hoffen alle Freunde Englands, daß es seine mächtige Unterstützung allen Anstrengungen des Bundes leihen wird, einer gequälten Minderheit . die Wiederherstellung der bürgerlichen Rechte und der Freiheit zu ermöglichen, und daß der traditionelle Verteidiger der Menschheitsrechte aller Nationen mehr tun wird, als eine aufrichtige Mißbilligung der Versklavung von 600.000 Menschen auszusprechen. Was uns Juden betrifft, so ist unsere Pflicht klar: Weit größere Opfer können für unsere Brüder verlangt werden. Weit größere Opfer können noch von uns verlangt werden, um den deutschen Juden werktätige Hilfe zuteil werden zu lassen, um das religiöse Leben aufrechtzuerhalten und um vielen seiner Söhne und Töchter zu ermöglichen, ein neues Leben auf dem Boden des Heiligen Landes zu beginnen. Wir flehen inständigst, daß Israel sich selber treu sei. „Auch wenn ich durch das Tal des. Todes wandere, fürchte ich nichts Böses, denn Du bist bei mir." Möge dieser erhabene Glaube des Psalmisten uns in dieser Stunde der Prüfung und der Sorge stärken und uns in unseren; Bemühungen zugunsten der Opfer der Verfolgung inspirieren. Dann .werden wir "ein neues Befreiungslied dem Gott unserer Väter singen. Möge das kommende .lahr die Erfüllung dieses Gebetes bringen! Jona, der Jude. Worum wir am Jom Jona hat auf alle Fragen, die von den Matrosen gestellt werden, nur eine und dieselbe Antwort: Iwri onauchi „ich bin Jude". Man fragt ihn: „Was ist dein Beruf? Woher kommst du? Welches ist dein Land? Von welchem Volke stammst du?" Er antwortet auf alles nur: „Ich bin Jude und fürchte den Weltengott", und fordert die Schiffsleute auf: „Nehmt Irnich, und werfet mich ins Meer!" Was empfanden dabei die Matrosen und was Jona? Es rast die See und will ihr Opfer haben. Das Los fällt auf Jona. Er soll die Schuld der anderen sühnen. So glauben die Matrosen. Jona hingegen weiß, er sühnt nicht fremde, sondern seine eigene Schuld. Er wollte Gott entfliehen. Nun, da er erkannt, daß man Gott nicht entfliehen kann, sieht er in dem Todesurteil, das ihn trifft, nicht einen Zufall des Loses, sondern sein Schicksal, in das er sich ergeben muß und auch willig ergibt. In diesem Vorgang ist vorgezeichnet die Geschichte unseres Volkes. Wenn das Volk, unter dem wir wohnten, von Unheil heimgesucht wurde, und wenn es nicht an einem äußeren Feinde seinen Unmut kühlen konnte, dann entdeckte es den Urheber allen Ungemaches in einem inneren Feinde, und das war jedesmal der Jude. Wer hat den Krieg verloren? Der Jude. Wer verteuert das Leben? Der Jude. Wer macht Tyrannen? Der Jude. Wer macht Revolutionen? Der Jude. Welchen Beruf hat der Jude? Lügen und Betrügen. Woher kommt er? Welches ist seine Vergangenheit? Lügen und Betrügen. Welches ist sein Land? Das erste beste, in das ihn Profitgier lockt, und aus dem er verschwindet, wenn ihm der Boden unter den Füßen zu heiß wird. Welches ist sein Volk? Das Volk, das sich an andere wie ein Parasit ansaugt, um sie auszusaugen. Nur ein Mittel kann helfen. Hinaus mit den Juden! Das Los Jonas ist das Jüdenlos. Und wie ertrug der Jude dieses Los? — Wie wunderbar! Je mehr der Jude vom Schicksal geschlagen wurde, um so fester und enger klammerte er sich an seinen Gott und Glauben. Wenn dem Neger etwas gegen den Strich geht, so schlägt er den Fetisch. Und welches Volk schlüge nicht, von Unglück ereilt, den Glauben an seine Götter in den Wind? Der Jude aber, der schlägt im Unglück sich selbst an die Brust: Chotossi, owissi, poschati. Schicksalsschläge zertrümmern nicht sein Gottvertrauen, sie hämmern es fester, zu unzerstörbarem Stähl. ■ Die Prüfungen, der Er de drängten uns immer wieder dem Himmel zu. Die griechische Sage kippur beten, sollen. erzählt von dem Riesen Antaios, der unüberwindlich war, so lange er in Berührung mit seiner: Mutter, der Erde, stand. Der Jude ist unüberwindlich, so lange er in Verbindung mit dem Vater im Himmel bleibt. Und weil der Jude nur Gott fürchtet und sonst nichts auf der Welt, darum trat er den Feinden stets entgegen mit einer Unerschrockenheit, die sie „Halsstarrigkeit" schalten. Er rief ihrien zu: Ihr braucht mir nicht erst ein Zeichen anzuheften, um mich als Juden anzuprangern. Ich kleide mich freiwillig in die Farben meines Volkes, halte fest an meinen väterlichen Sitten und Bräuchen. Ihr braucht mich nicht erst zu fragen. Ich gebe euch ungefragt die gewünschte Auskunft. Was mein Beruf ist? Unter eurer Bosheit zu leiden. Woher ich komme? Von den Vätern, gegen die Mizraims, Babels und Aschurs Könige ebenso machtlos waren, wie nach ihnen Ronis Imperatoren und Inquisitoren und deutsche Kaiser und Kanzler. Welches mein Land ist? Das Land, in dem ich aufrecht und frei als Jude leben darf. Welches mein Volk? Das Volk, das am Sinai gestanden, als eure Väter noch Eicheln verspeisten in den Urwäldern Mitteleuropas. Das heißt: ich bin ein Jude! — Jona lehrt uns, unser Los als unser Schicksal, als den von Gott gewiesenen Anteil am Leben zu betrachten, uns darin einzurichten und darin unser Glück zu suchen. Nach einer alten Ueberlieferung führte König Salomo, nachdem er Aschmedai, den Fürsteh der Dämonen, besiegt, diesen Bösesten der Bösen gefesselt durch die Menge des Volkes. Plötzlich blieb Aschmedai stehen und lachte. ÄJs ihn der König nach dem Grunde seiner Heiterkeit fragte, wies Aschmedai auf einen Mann im Volke hin mit den Worten: „Den da habe ich genasführt. Sein Vater hat für ihn im Boden, auf dem sein Haus steht, einen Schatz vergraben. Von mir betört, gräbt er aber nach diesem Schatze bald hier, bald da. anstatt ihn dort zu suchen, wo er steht, wenn er auf dem Erbe seiner Väter steht, in seinem Heime weilt." So suchen wir das Glück in aller Weit nur nicht dort, wohin uns die Fügung Gottes gestellt hat. Ein bekannter Dichter (Dauthenday) beschreibt in einem seiner Werke seine Irrfahrten nach dem Glücke, — sein Suchen und Sehnen nach einem. Plätzchen, wo er in Muße und von der Muse begnadet schaffen könne. Er geht nach den „Staaten", nach Mexiko, pilgert, zu den Ruinen Griechenlands, um endlich das ersehnte FleckGhen Erde zu finden — in seiner Heimatstadt. So finden wir unser Glück in,Ergebung in das Walten des gerechten Gottes. —