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Die Wahrheit · 1933-09-20 · Heft 38-39 (20.9.1933) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1933
Issue
Heft 38-39 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Für Festgerichte das reine Kunerol... Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und deshalb fQr Fleischt- und Milchspeisen ganz besonders geeignet. Kunerol wird in mustergültigen Betrieben auf einwandfrei hygienische Art erzeugt — es kommt während der Herstellung nie mit Menschenhand in Berührung. Kunerol wird unter ständiger Aufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu/ Mattersburg hergestellt. KUNEROL 100%REINES KOKOSNUSSFETT Nur echt in Originalpackung! Ihr Alle! üibz Ein Ruf der Zeit Von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. kongreß in Rom, der auf Antrag des Kircheurates Emil Kautzsch einstimmig diese Beschuldigung als „schlechthin unsinnig und des ausgehenden zieunzehnten Jahrhunderts unwürdig" erklärte. Ist es nicht eine neue Blutbeschuldigung, die man gegen uns Juden heule erhebt, wenn man uns blutmäßige moralische Minderwertigkeit, ja Nichtswürdigkeit andichtet? Und trifft diese Herabsetzung nicht auch direkt wie indirekt Träger des christlichen Gedankens? Welcher gläubige Christ, ja welcher Freund der Gerechtigkeit hätte eine solche Erklärung oder Anspielung auf dem Wiener Katholikentage falsch gedeutet, übel aufgenommen und nicht vielmehr durchaus angezeigt und zeitgemäß gefunden? Wie willkommen aber wäre sie uns Juden gewesen! * * * Wie jene Anbeter des goldenen Kalbes wurde auch unser Geschlecht vom strafenden Geschick ereilt. Wie vorahnend liefert wieder Rabba bar bar Chana auch hiefür das treffendste Gleichnis. „Einst stießen wir auf ein Seeungeheuer. Auf seinem Rücken lag eine hohe Sandschicht, Binsen waren darauf gewachsen. Wir glaubten festes Land vor uns zu haben, verließen das Schiff und richteten uns auf dem vermeintlichen Eiland häuslich ein. Doch kaum brannte Feuer auf unserem Herd, als der Riesenfisch sich wandte, und hätten wir uns nicht eiligst auf unser Schiff geflüchtet, wir wären elend umgekommen." Gibt es eine beißendere Satire auf unser modernes Judentum? In einer Anwandlung von Menschlichkeit, die sich aber vielfach nur als Tünche erwies, hatten sich einige Staaten Verfassungen mit einem Gleichberechtigungsparagraphen auch für uns Juden gegeben. Schon glaubten wir, wir ständen auf festem Land auf diesem Paragraphen und hätten sicheren Boden unter den Füßen. In unserem Freudenrausch hätten wir beimöhe unser treues altes Schiff abgerüstet, als bedürften wir seiner nicht mehr. Mit einem Male aber begann uns der Boden unter den Füßen zu wanken. Das Ungeheuer, auf das wir gebaut, mißgönnt uns das Feuer auf dem Herde, das friedliche Heim. Es wendet sich und droht uns Untergang. Da heißt es: Zurück auf unser gutes, altes Schiff! Zurück zum jüdischen Geiste! Unsere Waffe kann nur der Gottesstab des altjüdüschen Vertrauens auf Gott sein, der felsenfeste Glaube, daß wir auch diese Welle des neuesten Judenhasses überdauern werden und der jüdische Geist, der Geist des Lichtes und der Wahrheit, der Geist der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, der Geist der Ehrfurcht vor Gott und der Ergebung in seinen Willen und der begeisterten Hingebung an unsere Aufgaben als Juden siegen wird über alle unsere Feinde. Diesen Geist in uns zu erneuern, sei unser Vorsatz an der Schwelle des neuen Jahres! Taten in diesem Geiste mögen die Aussaat, eine bessere Zeit unser Enütelohn, der Segen Gottes sein! Abhaltung öffentlicher Vorträge, Diskussionen hierüber, Verbreitung belehrender Schriften, durch die vorgesehene Gründung eines eigenen Vereins-Organes erreicht werden. Der Verein war unpolitisch, d. h.. er beabsichtigte nicht, irgendwie eine politsche Tätigkeit zu entfalten, in den öffentlichen Körperschaften, wie Reichsrat, Landtag, Gemeinderat, Sitze anzustreben. Um das breitere Publikum über den Verein und seine Ziele zu orientieren und für ihn zu werben, veröffentlichte Baron Suttner einen Aufsatz in der „Neuen Freien Presse" unter dem Titel ..Der Verein z. A. d. A." (22. Juli 1891). Aus diesem seien hier einige Stellen wiedergegeben: In einem Zeitalter, da man Vereine gründet, um Tiere vor Mißhandlungen zu schützen — und das mit vollem Recht — ist es. denke ich. nur logisch, endlich auch einmal gegen die Mißhandlung von Mitmenschen Stellung zu nehmen. Die Partei, gegen welche wir auftreten, scheint nichts Geringeres im Schilde geführt zu haben, als über Oesterreich eine Art moralischen Belagerungszustandes zu verhängen. iDie Ausnahmsgesetze gegen die Juden hätten natürlich nicht lange warten lassen, und schließlich als logische Folge auch Ausnahmsgesetze gegen alle, die nicht so denken, wie jene Herren von der Verfolgungspartei. Einer unserer Zwecke ist. unsere Mitbürger zum selbständigen Denken anzuregen. Unsere beiden Waffen sollen Vernunft und Rechtsgefühl sein, mit denen wir allen Angriffen gewachsen sind. Mit falscher Wissenschaft mit falscher Statistik, mit Rechts- und Wahrheitsverdrehung und derlei beliebten Kampfmitteln wird man uns nicht beikommen. Wir fühlen uns stark, wir fühlen uns der Aufgabe gewachsen, die wir unternommen haben. Wenn die heiligen Tage nahen und wenn aus dem Wochenabschnitt der Thora die bedeutsamen Worte verlesen v/erden: „Ihr steht heute, Ihr alle vor dem Ewigen, Eurem Gott, Eure Häupter, Eure Stämme, Eure Aeltesten und Eure Aufseher, jedermann in Israel, Eure Kinder, Eure Frauen und der Fremdling, der in der Mitte Deines Lagers weilt," da drängt sich dem tiefer forschenden Rabbiner die Frage auf, welcher Gedanke nunmehr besonders angebracht wäre. Ueber Einladung der Redaktion dieses Blattes, an der Pforte des neuen Jahres in seinen Spalten ein bezeichnendes Wort zum Ausdruck zu bringen, glaube ich kein besseres wählen zu sollen, als jenen angeführten Bibelvers, welcher lautet: „Kulchem", „Ihr alle" möget zusammenstehen, zusammenhalten, überall, namentlich aber 1. im Gotteshaus, 2. im Familienhaus und nicht zuletzt 3. im Hause Israels. I. Eine Sage des Altertums weiß zu berichten, daß einst ein König des Morgenlandes einen Sohn besaß, dem seit der Geburt die Macht des Ausdrucks, die Macht der Sprache, versagt geblieben. Er wuchs heran unbeachtet am Baron Suttner war nicht erst in dieser Zeit zu dem Gedanken der Abwehr des Antisemitismus gekommen. Er hatte dessen Wachsen schon seit den ersten Aeußerungen seine Aufmerksamkeit geschenkt, schon zu einer Zeit da er nach einer romantischen Eheschließung mit der jungen Frau nach dem Kaukasus geflüchtet war. Sie lebten dort als Schriftsteller, arbeiteten hauptsächlich für Wiener Blätter. Als die Kunde von dem Auftreten des preußischen Hofpredigers Adolf Stöcker gegen die Juden zu ihnen drang, sandten sie Aufsätze gegen diesen „Rückfall in das Mittelalter", wie sie den Antisemitismus nannten, an ihre Wiener Zeitungen ein. Aber die Aufsätze wurden ihnen regelmäßig zurückgeschickt Die Wiener Presse hatte sich dem neu aufkommenden Antisemitismus gegenüber ein gemeinsames Verhalten zurechtgelegt: Verächtliches Stillschweigen. Die späteren Ereignisse zeigten, daß dieses Verhalten unrichtig war. Baron Suttner setzte als Präsident des V. z. A d. A. alle Kraft ein. Wenn auch die Zahl der Mitglieder des Vereines, den man auch gerne nur Anti- Anti nannte, selbst in seiner Glanzzeit nur 6000 betrug, wobei auch die Ortsgruppen von Graz und Linz mitgerechnet sind, so übte er doch einen sehr beträchtlichen Einfluß aus. Wichtig wurde die Gründung eines eigenen Organs. Der Antisemitismus hatte sich in Oesterreich sehr weit ausgebreitet und Anhänger in allen Kreisen gefunden, er verfügte über eine ganze Anzahl kleinerer Blätter und seit 1889 auch über eine Tageszeitung, das „Deutsche Volksblatt". Außerdem floß dem Antisemitismus eine starke politische Kraft zu: Dr. Karl Lueger. Dieser Wiener Rechtsanwalt hatte als Demokrat begonnen und war im Jahre 1882 neben dem Juden Adolf Fischhof einer der Einberufer der Versammlung in den Sophiensälen gewesen, wo die Begründung e'ner freisinnigen Volkspartei mit dem Programm: „Gleichheit und Gerechtigkeit für alle" beschlossen worden war. Jetzt warf er das Schlagwort Hofe, alle angewandten Mittel vermochten nicht sein Gebrechen zu heilen. Als aber eines Tages Feinde mit einem großen Heer m die Burg eindrangen und den König bedrohten, da, in der Stunde der größten Gefahr, öffneten sich die geschlossenen Lippen des Stummen und er rief aus: „Zurück! Haltet ein! Es geht um das Leben des Königs." Also ist auch das religiöse Gewissen manches Juden, mancher Jüdin lange Zeit hindurch stumm geblieben und lieblos behandelt worden. Erst jetzt; da der Ritus verkündet: „Am Neujahrstag wird niedergeschrieben, und am Versöhnuwgstag wird besiegelt wer leben und wer sterben soll"; erst da erwacht in unserem Innern die lange nicht vernommene Stimme, die uns zuruft: „Zurück, es handelt sich um das Leben." Und dennoch, wie gar viele Lücken weisen trotzdem selbst an den hohen Feiertagen die Gotteshäuser auf, wie fehlt mancher und manche, nicht weil sie, Gott behüte, dem physischen, nein, weil sie dem geistigen Tod anheim gefallen sind. Von den Sternen des Himmels behauptet die Wissenschaft, daß sie nach voraus zu besrimmenvom christlichen Sozialismus in die Menge und machte sich zum Partisan des kleinen Mannes. Man kann nicht sagen, daß Dr. Lueger vom Antisemitismus gewonnen wurde, man hat auch verschiedentlich betont, er sei gar nicht Antisemit gewesen, er bediene sich nur des Antisemitismus als Agitaticnsmittel. um seine persönlichen Ziele zu erreichen, nämlich, Bürgermeister von Wien zu werden. Die antisemitische Partei Oesterreichs war jetzt durch dreizehn Abgeordnete im Reichsrat vertreten. Um die große antisemitische Agitation zu bekämpfen, beschloß der V. z. A. d. A. schon im ersten Jahr des Bestehens, eine eigene Zeitschrift herauszugeben. So wurde in Wien das „Freie Blatt" als Organ zur Abwehr des Antisemitismus gegründet Die erste Nummer erschien am 10. April 1892. als Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter zeichnete der Schriftsteller und Parlamentarier Ernst Viktor Zenker. In der ersten Nummer lesen wir: „Eine ganze Gruppe unserer Mitbürger, die Juden, sind den gehässigsten und schmachvollsten Angriffen ausgesetzt. Eine solche Strömung spricht der Humanität und Gerechtigkeit Hohn, sie birgt Gefahren in sich, nicht bloß für die Juden, sondern für die gesamte Gesellschaft". Die Redaktion wendet sich dann in scharfen Worten gegen die Unlauterkeit der antisemitischen Tendenzen, die sie bekämpfen will. Die beiden Abwehrvereine in Wien und in Berlin standen in enger und beständiger Verbindung miteinander. Es gab auch oft Gelegenheit zu gemeinsamen Schritten. Der Abwehrvereiii in Wien bestand noch bis in den Weltkrieg hinein. Formell wurde er nicht aufgelöst, nur hörte seine Tätigkeit auf. Die Auflösung des Abwehrvereines in Berlin sollte nach den Worten des Aufrufes, anläßlich seiner Gründung vor 42 Jahren erfolgen, wenn einmal der Antisemitismus erloschen sein würde. Im Juli 1933 beschloß der Abwehrverein in Berlin seine Auflösung, weil seine Weiterarbeit unmöglich geworden ist.

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